29.10.2004 Volumen & Sitzhalt (Ausrüstung)

 

Beim Kauf eines Seekajaks sind die Empfehlungen von Kanuten, die einen nicht kennen, oft nur von geringem Nutzen. Das gilt insbesondere dann, wenn sie einem ein bestimmtes Modell empfehlen wollen. Solche Tipps sind nämlich äußerst subjektiv gefärbt und daher mit Vorsicht zu genießen. Meist verweisen sie auf ihr eigenes Modell weiter. Aber was nützt mir solch eine Empfehlung, wenn ich nicht den Empfehler kenne, d.h. wenn ich nicht weiß, wie groß & schwer er ist, wo er bei welchem Seegang & Wind wie lange schon paddelt und mit welchen Seekajaks er bislang Touren unternommen hat.

 

Den Kauf eines Seekajaks würde ich daher nicht allein von solch einer Modell-Empfehlung eines Dritten abhängig machen. Vielmehr würde ich erst einmal in der Seekajakliteratur nachlesen, was alles zu beachten ist. Z.B. ist auf der DKV-Homepage ein Download zum Thema

 

“Seekajak-Kauf: 10 praktische Hinweise“

è www.kanu.de/nuke/downloads/Seekajakkauf-Hinweise.pdf

 

abrufbar. Wenn mir das zu umfassend ist, könnte ich zumindest darauf achten, ob das in Frage kommende Seekajak wenigstens seetüchtig ist, d.h. zumindest die zentralen Ausrüstungsteile wie:

 

 

besitzt.

 

Volumen & Sitzhalt

 

Bei der engeren Auswahl müsste ich jedoch anschließend gründlich prüfen, ob das Seekajak mir passt. Das betrifft zum einen das Volumen des Kajaks und zum anderen den Sitzhalt (genauer: Schenkel- und Hüfthalt) im Cockpit.

 

Kenne ich das Volumen der Seekajaks, kann ich mich für jenes Seekajak entscheiden, das am besten auf mein Körpergewicht und das Gewicht des zu transportierenden Gepäcks abgestimmt ist. Wähle ich nämlich ein zu voluminöses Seekajak, dann kann es zu windempfindlich werden, sodass ich ab einer bestimmten Windstärke (ca. 5 Bft.) Probleme bekommen kann, es in Fahrt zu bringen bzw. auf Kurs zu halten. Entscheide ich mich dagegen für ein Seekajak, dass über zu wenig Volumen verfügt, muss ich ebenfalls mit Problemen rechnen, und zwar mit dem Nasslauf. Je nach Seegang fängt es immer stärker an zu bohren. Der Wind weht mich wohl mit meinem Kajak nicht mehr weg, aber voran komme ich trotzdem nicht, weil ich ähnlich einem Rodeokajakfahrer mehr unter als über Wasser paddle und in jeder Welle stecken bleibe.

 

Übrigens, die Gewichtsunter-/-obergrenzen (G), gemessen in kg, lassen sich für eine Seekajak mit einem bestimmten Volumen (V), gemessen in Liter, über die folgende „Daumenregel“ bestimmen, wobei zu G das Körper-, Boots- und Ausrüstungsgewicht gehört:

 

è Gewichtsunter-/-obergrenzen: G = ca. 30% - 60% von V

è Idealgewicht: G = ca. 35% - 50% von V

 

Demgegenüber sind verstellbare Schenkelstützen ein zentrales Ausrüstungsteil zur Gewährleistung eines festen Sitzhalts. Solche Schenkelstützen können nämlich auf meine individuelle Beinlänge eingestellt werden, was recht hilfreich ist, wenn mir sonst die Sitzluke nicht wie maßgeschneidert passt, weil sie etwas zu groß ist. Verstellbare Schenkelstützen ermöglichen einem auf recht einfache Weise eine wirksame Verbesserung und Anpassung des Schenkelhalts und folglich des Sitzhaltes im Cockpit. Sie beeinflussen in Verbindung mit einem festen Hüfthalt wesentlich die Seegangs- und Kentertüchtigkeit von Kanute und Kajak; denn ohne richtigen Schenkel- & Hüfthalt ist:

 

 

nicht möglich. Damit jedoch nicht nur ein effizientes Stützen & Rollen, sondern auch ein effizientes Paddeln bei weniger kritischen Seegangsbedingungen möglich ist, sollte die Beinarbeit beim Paddeln nicht durch die Schenkelstützen blockiert werden. D.h. die Schenkelstützen sollten so gestaltet sein, dass man alternativ:

 

 

Vorbilder & Vorreiter

 

Daten zum Volumen werden in der Zwischenzeit von jedem Seekajakhersteller, der als solcher ernst genommen werden möchte, angeboten. Was die verstellbaren Schenkelstützen betrifft, sieht das jedoch noch anders aus, obwohl sie bei den Wildwasserkajaks schon seit langem Standard sind. Bislang hat nur Prijon so etwas bei seinen Seekajaks angeboten. Nun haben die britischen Seekajakhersteller P & H (hier: Capella PE) und us-amerikanischen Seekajakhersteller Wilderness (hier: Tempest 165 PE und 170 PE) gleichgezogen.

 

Erstaunlich, dass bislang nur PE-Seekajaks damit ausgerüstet werden. Vielleicht liegt das daran, dass im Verleihgeschäft überwiegende PE-Kajaks eingesetzt werden. Ein kompetenter Verleiher weiß halt, welche Ausrüstungsteile wichtig sind, und kann sich bei einer Großbestellung leichter mit seinen Wünschen durchsetzen.

 

Die Schuldfrage?

 

Es wird Zeit, dass auch die Seekajaks aus GFK & Co. serienmäßig über verstellbare Schenkelstützen verfügen. Warum das bislang noch nicht der Fall ist, liegt auch an den Küstenkanuwanderern selber. Sie achten beim Kauf noch viel zu wenig auf diesen Schenkel- & Hüfthalt. Manchmal stört sie – dass gilt insbesondere für die meisten Einsteiger ins Küstenkanuwandern - sogar dieser Schenkelhalt,

 

 

Dabei muss beim Küstenkanuwandern – nicht jedoch beim Seekajakschlendern unter Ententeichbedingungen - einem das Seekajak wie ein „Schuh“ sitzen. Der feste Sitz des Unterkörpers in der Sitzluke ist beim Küstenkanuwandern genauso selbstverständlich wie beim Alpinskifahren der feste Sitz der Füße im Skistiefel.

 

Leider merkt man beim Probesitzen im Laden und beim Probepaddeln bei Ententeichbedingungen nicht immer, dass der Schenkelhalt o.k. ist, da Sitzluke und Bekleidung trocken sind. Wenn man aber erst mit feuchten Klamotten in einer feuchten Sitzluke sitzt, sieht es vielfach ganz anders mit dem Schenkelhalt aus. Alles ist plötzlich so glitschig. Von einem fest Halt kann keine Rede mehr sein. Dann heißt es nachzubessern.

 

Nach- & Verbesserungen

 

Was kann der Kanute selber tun? Zur Verbesserung des Hüfthalts genügt das Aufkleben irgendwelcher Polsterstücke (z.B. Reste einer Iso-Matte). Die Klebeflächen sind i.d.R. eben & glatt und sorgen für einen dauerhaften Halt. Bei der Verbesserung des Schenkelhalts sieht das jedoch schon anders aus. Die dafür in Frage kommenden Flächen unterm Süllrand, auf denen man Matten-, Holz- oder Plastikstücke verkleben könnte, sind meist uneben. Eine dauerhafte Verklebung gelingt einem dann nicht immer. Außerdem ist es gar nicht so einfach, den Schenkelhalt so zu formen, dass das Herausrutschen der Schenkel wirksam verhindert werden kann. Zumindest jene Kanuten, die mit ihren Händen gerade mal ein Paddel halten können, werden hier schnell an ihre handwerklichen Grenzen stoßen.

 

Abgesehen davon ist ein solchermaßen eingeklebter Schenkelhalt nicht veränderbar da nicht verstellbar. Wer also mal sein Seekajak nicht nur zum Küstenkanuwandern, sondern zum Schlendern auf dem Süßwasser einsetzen möchte, der hat dann nicht die Möglichkeit, mit einem Handgriff die Schenkelstützen zu verstellen und ihren Halt zu „entschärfen“.

 

Es ist daher zu hoffen, dass sich zumindest unsere deutschen Spezialisten in Sachen Seekajakbau etwas bewegen. So schwer dürfte das nicht sein. Z.B. braucht man nur den Süllrand so auszuformen, dass er nach innen hin ein ebenes Flachstück aufweist. Teilweise verfügen seit Jahrzehnten die Süllränder mancher Hersteller über solche – jedoch mehr oder weniger gebogene – Flachstücke, die dann als starre Schenkelstützen herhalten sollen. Sie brauchen dieses Flachstücke nur etwas ebener zu gestalten und anschließend so bearbeiten, dass sie

 

 

Die Schienen plus passender Schenkelstützen könnte man sich als Zubehör z.B. über Prijon beschaffen und die festschraubbaren Schenkelstützen über Wilderness bzw. P&H.

 

Text: Udo Beier