14.11.2004 Zur Kippligkeit von Seekajaks: 10 wacklige Tatsachen (Ausrüstung)

 

Kajaks können kentern! … Seekajaks auch! Denn sie haben keine Stützräder, wie die an und für sich ebenfalls sehr kippligen Fahrräder, und keine Ausleger, wie die neumodischen Outrigger. Das heißt natürlich nicht, dass man mit Stützrad bzw. Ausleger nicht kippeln kann, aber es fällt schon etwas schwerer, mit solchen „Krücken“ koppheister zu gehen.

 

Bei einer Tour hinaus aufs Meer weitab von der rettenden Küste haben insbesondere jene Küstenkanuwanderinnen und –wanderer, die die Rolle nicht perfekt beherrschen, Angst davor zu kentern. Die Ursachen für solche Kenterungen können u.a. sein:

 

(a)   er kann, wenn z.B. die Windprognose zu hoch ausfällt, an Land bleiben bzw. – wenn er schon unterwegs ist – mit der Fähre wieder zurück an die Küste fahren;

(b)   er kann die Stellen mit kritischen Seegangsbedingungen bzw. Windeffekten umfahren, was jedoch voraussetzt, dass er diese Stellen vorher auf der Seekarte identifizieren zu kann;

(c)   er kann an der Situation jedoch nichts mehr ändern, wenn er unverhofft in den kritischen Seegang gerät, weil er die Zeichen der Seekarte nicht erkennen, bzw. die Zeichen des Wasser aufgrund der ungünstigen „Paddlerperspektive“ nicht „lesen“ konnte;

 

Im Folgenden möchte ich mich allein mit dem letzten Punkt, dem Eigenschaftsmerkmal „Kippligkeit“, auseinandersetzten, wohl wissend, dass man von einem

 

„sausicheren Seekajak“

 

mehr erwarten muss, als nur nicht „kipplig“ zu sein. „Kippligkeit“ hat aus der Sicht des Küstenkanuwanderns etwas mit „Seegangstüchtigkeit“, einem Teilaspekt der „Seetüchtigkeit“ zu tun. Weitere Teilaspekte sind „Kentertüchtigkeit“, „Navigationstüchtigkeit“, „Verkehrstüchtigkeit“ und „Reistetüchtigkeit“. Näheres hierzu findet man in dem Beitrag:

 

„Seekajak-Kauf: 10 praktische Hinweise“

è www.kanu.de/nuke/downloads/Seekajakkauf-Hinweise.pdf

 

Wer sich also ein Seekajak kauft oder ausleiht, handelt folglich zu engstirnig, wenn er nur prüft, ob das infrage kommende Seekajak „kipplig“ ist.

 

Von was aber hängt nun eigentlich die „Kippligkeit“ insbesondere eines Seekajaks ab? Auf 10 Knackpunkte soll im Folgenden eingegangen werden:

 

1. Kippligkeit ist etwas ganz „Subjektives“

 

Diesen Punkt kann man sehr leicht selber ausprobieren, in dem man sich als normaler Wanderpaddler mal in ein Rennboot oder Abfahrtsboot setzt und versucht, mit einem solchen Boot im Flach- bzw. Wildwasser zu paddeln. I.d.R. werden wir kentern, bevor wir die Spritzdecke geschlossen oder - sofern wir auf das Umlegen einer Spritzdecke verzichten - bevor wir die Startlinie erreicht haben. Beeindruckend ist das schon, wie schnell man als Wanderpaddler mit u.U. „DKV-Wanderfahrerabzeichen Gold X“ kentern kann, wenn man nur im falschen Kajak sitzt. Und noch beeindruckender ist es, wenn man sieht, wie andere Kanuten mit solch kippligen Kajaks zurechtkommen. Woran liegt das nur? Nun, das hat was mit Fahrpraxis & -training, insbesondere aber auch mit Geschicklichkeit & Körperbeherrschung zu tun. D.h. wer kein „Bewegungstalent“ ist, der kann lange üben und gibt u.U. irgendwann frustriert auf.

 

Übrigens, Kippligkeit hat auch etwas mit dem Alter zu tun. Wer in jungen Jahren ins Rennboot steigt, hat selten Probleme. Und wer es erst mit 40, 50 oder gar 60 versucht, der hat mit der Kippligkeit, sofern er sie einigermaßen packt, immer Probleme und wird nur selten die Bootssicherheit erwerben, die andere so eindrucksvoll demonstrieren können, die seit ihrer Kindheit solche Rennboote tagtäglich paddeln.

 

 

Dem Anfänger fehlen i.d.R. die nötigen Beurteilungsmaßstäbe, und der Rennbootfahrer ist nur selten fähig, sich in Sachen Kippligkeit in die Situation eines normalen Wanderpaddlers zu versetzen. Für den Rennbootfahrer ist Kippligkeit kein Problem, sonst könnte er nicht mit einem Rennboot paddeln. Deshalb untertreibt manchmal der eine oder andere Rennbootfahrer, aber auch mancher Experte, ganz gern, was die Kippligkeit betrifft, und behauptet schon einmal recht undifferenziert so etwas wie: „Der Kahn liegt wie ein Brett!“ Faktisch will der Empfehler jedoch mit solch einer Aussage nur etwas über sich und nicht über das von ihm empfohlene Kajak aussagen.

 

2. Kippligkeit ist etwas ganz „Objektives“

 

Die us-amerikanische Zeitschrift „Sea Kayaker“ führt seit 1993 Untersuchungen durch, die u.a. auch die Kippligkeit eines Seekajaks betreffen (siehe Tabelle). Dabei wird immer wieder festgestellt, dass sich jedes Seekajak anders verhält. Und zwar misst „Sea Kayaker“ – früher im Wasserbecken, nun per Computerprogramm – wie groß das Kränkungsmoment ist, um ein Seekajak Grad für Grad so lange um die Längsachse zu drehen („kränken“), bis es spätestens bei 90° voll auf der Seite liegt und kentert. Bei solchen Messungen stellt man immer wieder Folgendes fest:

 

 

Die Kippligkeit, die viele bei einem Kajak empfinden, ist i.d.R. die „Anfangsstabilität“. Sie drückt letztlich aus, wie kipplig ein Kajak sich anfühlt, wenn man in der Sitzluke sitzt und z.B. die Spritzdecke schließt bzw. öffnet, eine Paddeljacke überzieht, eine Thermoskanne hervorkramt, die Kamera oder eine Angel herausholt, die Seekarte betrachtet bzw. ein Seekartenblatt gegen ein anderes auswechselt bzw. in einen Behälter uriniert.

 

Überwinde man nun dieses anfängliche Kippelgefühl, stellt man je nach Kajaktyp mehr oder weniger deutlich fest, dass man das Kajak mit seinem Körper vorsichtig zur Seite neigen kann, ohne dass es sofort kentert, und zwar geht das bis zu einem bestimmten Punkt gut. Bei diesem Punkt hat man die „Endstabilität“ des Kajaks erreicht. Überschreite man ihn, geht es zügig abwärts. Nur mit dem schnellen Einsatz der richtigen Paddeltechnik (hier: Paddelstütze) kann man dann noch eine Kenterung vermeiden.

 

Welche Bedeutung haben nun die „Anfangs- & Endstabilität“ für das Küstenkanuwandern? Eine höhere „Anfangsstabilität“ ermöglicht einem, gewisse Dinge unterwegs im Kajak sitzend zu erledigen, ohne dafür Kameradenhilfe in Anspruch nehmen zu müssen. D.h. die „Anfangsstabilität“ muss so groß sein, dass man diese Tätigkeiten ohne fremde Hilfe ausführen kann, und zwar streng genommen nicht nur bei Ententeichbedingungen, sondern auch bei normalem – d.h. nicht brechendem bzw. allzu kabbeligem – Seegang. Welchen Nutzen bietet aber die „Endstabilität“? Insbesondere bei Flachwasser ist es möglich, dank der „Endstabilität“ ein Kajak so stark anzukanten, dass es einem möglich ist, allein mit Ankanten & Rund- bzw. Ziehschlägen eine genauso enge Kurve zu paddeln wie in einem Seekajak mit Steuer. Leider kann dieser Vorteil der „Endstabilität“ bei Seegangsbedingungen nicht von allen Küstenkanuwanderinnen und -wanderer genutzt werden. Je weniger erfahren ein Kanute ist und je kritischer der Seegang wird, desto weniger ist er in der Lage, sein Kajak anzukanten. Über den Seegang wirken nämlich so viele Kräfte auf ein Seekajak ein, dass der Kanute vor lauter Angst zu kentern bzw. vor lauter - eine Kenterung verhindernde - Paddelaktionen gar nicht die „Endstabilität“ eines Seekajaks spürt. Wollte er dennoch versuchen, bei kritischem Seegang ein Seekajak bis zur „Endstabilität“ anzukanten, so würde ihn nicht die „Endstabilität“, sondern nur noch ein rechtzeitig und richtig eingesetzter Stützschlag vor einer Kenterung bewahren.

 

Übrigens, diese Aussagen über die Bedeutung de „Endstabilität“ betrifft nur weniger erfahrene Küstenkanuwanderinnen und -wanderer. Die Experten, die jedes Wochenende auf dem Meer unterwegs sind, egal ob im Sommer oder Winter, können sehr wohl die „Endstabilität“ ihres Seekajaks nutzen und mit ihr spielend umgehen. Aber für diese Kanuten stellt sich natürlich nur selten die Frage nach der Kippligkeit eines Seekajaks. Für sie ist dieser Beitrag folglich ohne praktische Relevanz.

 

Die vom „Sea Kayaker“ gemessenen Kränkungsmomente zur Bestimmung der Kippligkeit von Seekajaks hängen u.a. wesentlich vom Unterwasserschiff (hier: Spantenform) eines Seekajaks ab, und zwar im Bereich von ca. 1 m vor bis ca. 1 m hinter der Sitzluke.

 

Rundspanter sind am kippligsten. Sie liefern praktisch keinen Beitrag zur „Anfangs- & Endstabilität“. Da beim Rundspant die benetzte Wasserfläche eines Kajaks und folglich auch der Wasserwiderstand am geringsten ist, sind Rennkajaks Rundspanter. Die damit verbundene Kippligkeit wird in Kauf genommen, da Rennfahrerinnen und -fahrer sie durch entsprechendes Training in den Griff bekommen können.

 

U-Spanter haben eine größere „Anfangsstabilität“, V-Spanter eine höhere „Endstabilität“ und Knickspanter bieten i.d.R. aber nicht immer einen guten Kompromiss zwischen „Anfangs- & Endstabilität“.

 

Zusätzlich kann auch die Breite eines Kajak zur Stabilität beitragen, je breiter es ist, desto größer wird i.d.R. seine „Anfangsstabilität“ sein, aber desto schwerer fällt es einem auch, sich richtig in eine seitwärts anrauschende, u.U. brechende Welle zu legen, um von ihr nicht umgekippt zu werden. Deshalb trifft man bei Brandungsübungen nur selten Faltbootfahrer an und wenn doch, handelt es sich dabei um schmalere Ausgaben.

 

Was die Breite (gemeint ist hier die gesamte Breite, nicht die Wasserlinienbreite, die Hersteller i.d.R. nicht angeben, weil sie sie selber nicht kennen, da sie sich nicht die Mühe machen, sie zu ermitteln) betrifft, kann man den Kanuten eine Empfehlung geben, die auf Folgendes hinaus läuft:

 

 

In begründeten Fällen kann man jedoch auch auf Seekajaks zurückgreifen, die bis hinunter auf 52 cm bzw. hoch auf 62 cm gehen, d.h. wenn man merkt, dass man auch mit einem 52-cm-Seekajak bzw. 62-cm-Seekajak gut zurechtkommt, spricht nichts dagegen. Aber um das festzustellen, müsste man schon eine Probefahrt unter realistischen Bedingungen auf dem Meer unternehmen, und zwar gegebenenfalls in einer Gruppe von Gleichgesinnten, um erkennen zu können, ob die geringe Breite so sehr zur Kippligkeit beiträgt, dass man vor lauter Stützschlägen nicht mehr vorankommt, bzw. die größere Breite so stark beim Seegang stört bzw. bremst, dass man trotz maximaler Schlagkraft immer hinten bleibt.

 

Was die Kenntnis von diesen verschiedenen Spantenformen betrifft, kann man leider mit ihr allein nicht immer auf die Kippligkeit eines Seekajaks schließen; denn die meisten Seekajaks weisen von Bug über Sitzluke bis zum Heck verschiedene, unterschiedlich ausgeprägte Spantenformen auf. Deswegen vermischen sich wohl bei einem realen Seekajak irgendwie die Vor- & Nachteile der verschiedenen Spantenformen in Kombination der Breite derart, dass der normale Kanute vom Anschauen eines Seekajaks nicht auf die Kippligkeit schließen kann. D.h. man kommt an einer Probefahrt nicht vorbei, um sich einen objektiven, aber auch subjektiven Eindruck über die Kippligkeit eines Seekajaks zu machen.

 

3. Kippligkeit ist etwas ganz „Gewichtiges“

 

Die Kippligkeit eines Seekajaks hängt auch von seiner Beladung (gemessen in kg) ab. „Sea Kayaker“ ermittelt daher bei seinen Seekajaktest vier unterschiedliche Kurven für die Bestimmung des „Aufrichtungs-/Kränkungs-Moments“ eines Seekajaks. Jede dieser Kurven sagt etwas über die nötige Kraft (gemessen in Newtonmeter (Nm), eigentlich in „foot pounds“) aus, die nötig ist, um ein Seekajak eine bestimmte Gradzahl zu kränken. Jede Kurve steht dabei für eine bestimmte Beladung (gemessen in kg) (hier: Körpergewicht plus Gepäck; eigentlich gemessen in pounds = 0,45359 kg), und zwar I: 68 kg, II: 91 kg, III: 113 kg und IV: 136 kg. Bei der Grundbeladung (I) von 68 kg sind alle Seekajaks immer recht kipplig. Wird die Beladung um ca. 22,5 kg erhöht (hier: Beladung II), werden erstaunlicherweise alle Seekajaks noch kippliger (!). Wird die Beladung um weitere 22,5 kg erhöht (hier: III), schnellt die Stabilität bei allen Seekajaks regelrecht hoch, um dann bei einer zusätzlichen Erhöhung der Beladung um weitere 22,5 kg (hier: IV) bei allen Seekajaks wieder etwas zurückzugehen.

 

In der folgenden Tabelle soll dieser Sachverhalt an einigen Seekajaks, die „Sea Kayaker“ getestet hat, verdeutlicht werden:

 

Tab:    Kränkungsmomente von Seekajaks

(in Abhängigkeit vom Kränkungswinkel und Beladung)

 

Seekajakmodell

Beladung

Maximales

Kränkungsmoment

(gemessen in Nm*)

bei folgendem Kränkungswinkel

FW 2000 (Nelo)

562x44 cm; ca. 300 Liter Volumen

Wasserwiderstand: (Rennseekajak)

2,9 kg bei 9,3 km/h

68 kg

91 kg

113 kg

136 kg

(negativ)

(negativ)

22,2 Nm

6,9 Nm

ab 0°

ab 0°

45-55°

25°

Bahiya (P&H)

533x52 cm, ca. 299 Liter Volumen

Wasserwiderstand: (Knickspant)

3,7 kg bei 9,3 km/h

68 kg

91 kg

113 kg

136 kg

8,1 Nm

0,6 Nm

51,4 Nm

25,7 Nm

15°

5-15°

35°

25-30°

Legend (N.Foster)

544x54 cm, ca. 335 Liter Volumen

Wasserwiderstand: (Knickspant)

3,2 kg bei 9,3 km/h

68 kg

91 kg

113 kg

136 kg

9,6 Nm

1,5 Nm

57,1 Nm

31,1 Nm

20-30°

20°

40°

30°

Expedition (Current Designs)

571x57 cm, ca. 408 Liter Volumen

Wasserwiderstand:

2,9 kg bei 9,3 km/h

68 kg

91 kg

113 kg

136 kg

20,3 Nm

17,6 Nm

57,4 Nm

40,7 Nm

30°

20°

35°

30°

Yukon Eski (Prijon)

500x57 cm, ca. 345 Liter Volumen

Wasserwiderstand: (Knickspant)

3,5 kg bei 9,3 km/h

68 kg

91 kg

113 kg

136 kg

11,7 Nm

8,1 Nm

61,0 Nm

40,7 Nm

30°

15-20°

40°

30°

Sirius M (P&H)

520x53 cm, ca. 307 Liter Volumen

Wasserwiderstand: (Knickspant)

3,7 kg bei 9,3 km/h

68 kg

91 kg

113 kg

136 kg

9,6 Nm

4,8 Nm

62,2 Nm

36,5 Nm

20-25°

20°

40°

30°

Barracuda (Prijon)

508x56 cm, ca. 330 Liter Volumen

Wasserwiderstnd.: (PE/Knickspant)

3,2 kg bei 9,3 km/h

68 kg

91 kg

113 kg

136 kg

6,9 Nm

0 Nm

67,9 Nm

37,4 Nm

20-30°

ab 0°

45°

35°

Storm (Current Designs)

517x61 cm, ca. 372 Liter Volumen

Wasserwiderstand: (PE)

3,7 kg bei 9,3 km/h

68 kg

91 kg

113 kg

136 kg

31,1 Nm

27,5 Nm

67,9 Nm

50,2 Nm

25°

25°

35°

30°

Extreme (Current Designs)

577x55 cm, ca. 388 Liter Volumen

Wasserwiderstand:

2,9 kg bei 9,3 km/h

68 kg

91 kg

113 kg

136 kg

22,4 Nm

17,6 Nm

67,9 Nm

48,7 Nm

30°

30°

35-45°

35°

Quest (P&H)

536x56 cm, ca. 337 Liter Volumen

Wasserwiderstand:

3,7 kg bei 9,3 km/h

68 kg

91 kg

113 kg

136 kg

14,4 Nm

10,5 Nm

70,0 Nm

14,5 kg

25°

20°

40°

30°

Viking (Kajak-Sport)

498x55 cm, ca. 302 Liter

Wasserwiderstand:

3,6 kg bei 9,3 km/h

68 kg

91 kg

113 kg

136 kg

15,0 Nm

10,8 Nm

70,3 Nm

43,4 Nm

25°

20°

40°

30°

Avocet (Valley)

492x56 cm, ca. 298 Liter Volumen

Wasserwiderstand: (PE)

3,9 kg bei 9,3 km/h

68 kg

91 kg

113 kg

136 kg

15,0 Nm

13,5 Nm

70,0 Nm

44,3 Nm

25°

20°

35-40°

30°

Inuk (Kirton Kayaks)

551x51 cm, ca. 315 Liter Volumen

Wasserwiderstand:

2,9 kg bei 9,3 km/h

68 kg

91 kg

113 kg

136 kg

10,8 Nm

4,5 Nm

71,8 Nm

40,7 Nm

25°

15°

40°

30-35°

Nordkapp H²O (Valley))

547x54 cm, ca. 306 Liter Volumen

Wasserwiderstand:

3,5 kg bei 9,3 km/h

68 kg

91 kg

113 kg

136 kg

49,3 Nm

8,1 Nm

73,3 Nm

41,3 Nm

25°

20°

45°

30°

Looksha IV (Necky)

515x57 cm, ca. 342 Liter Volumen

Wasserwiderstand: (PE)

3,9 kg bei 9,3 km/h

68 kg

91 kg

113 kg

136 kg

24,5 Nm

16,1 Nm

73,3 Nm

48,7 Nm

30°

25°

40°

30°

Aquanaut (VCP)

537x55 cm, ca. 330 Liter Volumen

Wasserwiderstand:

3,3 kg bei 9,3 km/h

68 kg

91 kg

113 kg

136 kg

21,8 Nm

14,4 Nm

80,1 Nm

51,4 Nm

25°

20°

40°

30°

Gulfstream (Current Designs)

514x60 cm, ca. 336 Liter Volumen

Wasserwiderstand:

3,5 kg bei 9,3 km/h

68 kg

91 kg

113 kg

136 kg

28,4 Nm

22,4 Nm

85,5 Nm

62,5 Nm

30°

25°

40°

35°

Khatsalano S (Feathercraft)

532x60 cm, ca. 313 Liter Volumen

Wasserwiderstand: (Faltboot)

3,5 kg bei 9,3 km/h

68 kg

91 kg

113 kg

136 kg

23,0 Nm

19,1 Nm

86,7 Nm

63,7 Nm

30°

25°

35-40°

30°

Chatham 16 (Necky)

497x56 cm, ca. 316 Liter Volumen

Wasserwiderstand:

4,4 kg bei 9,3 km/h

68 kg

91 kg

113 kg

136 kg

27,2 Nm

21,8 Nm

88,2 Nm

57,1 Nm

25°

20°

40°

30°

Romany Explorer (Nigel Dennis)

533x55 cm, ca. 340 Liter Volumen

Wasserwiderstand:

3,6 kg bei 9,3 km/h

68 kg

91 kg

113 kg

136 kg

25,7 Nm

14,4 Nm

90,0 Nm

58,3 Nm

25°

20°

40°

35°

Artisan Millennium (Kajak Sport)

556x56 cm, ca. 343 Liter Volumen

Wasserwiderstand:

3,3 kg bei 9,3 km/h

68 kg

91 kg

113 kg

136 kg

21 Nm

14,4 Nm

90,9 Nm

59,8 Nm

25°

20-25°

45°

35°

Seayak (Prijon)

485x 58; ca. 355 Liter Volumen

Wasserwiderstnd: (PE/Knickspant)

3,9 kg bei 9,3 km/h

68 kg

91 kg

113 kg

136 kg

31,1 Nm

24,5 Nm

93,6 Nm

67,9 Nm

30°

25°

40°

30-35°

Kodiak (Prijon)

507x58 cm, ca. 381 Liter Volumen

Wasserwiderstnd.: (PE/Knickspant)

3,4 kg bei 9,3 km/h

68 kg

91 kg

113 kg

136 kg

23,6 Nm

17,6 Nm

96,3 Nm

66,4 Nm

30°

20°

45°

35-40°

Solstice GT (Current Designs)

536x62,5 cm, ca. 392 Liter Vol.

Wasserwiderstand:

3,6 kg bei 9,3 km/h

68 kg

91 kg

113 kg

136 kg

42,2 Nm

41,3 Nm

98,1 Nm

76,6 Nm

30°

25°

35°

30°

Capella (P&H)

504x57 cm, ca. 324 Liter Volumen

Wasserwiderstand: (PE)

3,9 kg bei 9,3 km/h

68 kg

91 kg

113 kg

136 kg

25,7 Nm

17,6 Nm

97,8 Nm

62,5 Nm

25°

20°

40-45°

35°

Avalon Viviane (Kajak Sport)

580x55 cm, ca. 392 Liter Volumen

Wasserwiderstand:

3,0 kg bei 9,3 km/h

68 kg

91 kg

113 kg

136 kg

15,0 Nm

9,6 Nm

101,7 Nm

65,2 Nm

25-30°

20°

55°

40°

K-1 Expedition (Feathercraft)

499x66 cm, ca. 403 Liter Volumen

Wasserwiderstand: (Faltboot)

3,8 kg bei 9,3 km/h

68 kg

91 kg

113 kg

136 kg

29,0 Nm

27,2 Nm

110,6 Nm

82,8 Nm

25°

20°

40°

30°

Raid 16 Greenlander (Nautiraid) 504x69 cm, ca. 398 Liter Volumen

Wasserwiderstand: (Faltboot)

3,9 kg bei 9,3 km/h

68 kg

91 kg

113 kg

136 kg

48,7 Nm

46,0 Nm

119,6 Nm

92,1 Nm

25°

25°

35°

30°

 

Bei 91 kg Beladung verfügt z.B. der „Bahiya“ (P&H) theoretisch über fast keine Anfangs- & Endstabilität. Und bei einer Beladung von 113 kg ist die Endstabilität ausnahmslos bei allen vom „Sea Kayaker“ zwischen 1993 und 2004 getesteten 105 Seekajaks am größten. Wer also wissen möchte, wie kipplig ein Seekajak ist, muss wissen, wie schwer er ist und mit welcher Zuladung er üblicherweise paddelt.

 

Wenn nun Küstenkanuwanderinnen und -wanderer bei einer Probefahrt erfahren möchten, wie kipplig ein Seekajak ist, reicht es nicht, einfach im Wasser nur eine Sitzprobe zu machen, um dann im Sitzen die „Anfangs- & Endstabilität“ zu erfühlen. Vielmehr sollten sie dass Seekajak so beladen, wie sie es sonst auch planen, wenn sie unterwegs auf Tour sind. Wer mit seinem Seekajak also immer nur Spritztouren, d.h. Tagestouren, macht, sollte ca. 10 kg Gewicht dazu packen, bevor er das Seekajak testet, und wer mindestens 3-tägige Touren unternimmt, muss folglich sein ganzes Zeltgepäck, Ausgehzeug, Reservezeug u.U. plus Verpflegung & Wasser (d.h. ca. 30 – 40 kg) einpacken, wenn er erspüren möchte, wie kipplig das Seekajak ist. Für die meisten deutschen Küstenkanuwanderinnen und -wanderer, die nicht direkt an der Küste wohnen, heißt das, dass sie ihr ganzes Fahrtengepäck bei einer Probefahrt dabei haben müssten; denn i.d.R. unternehmen sie – abgesehen von extra „Brandungsübungen“ - stets eine mehrtägige Gepäckfahrt, wenn sie hinaus aufs Meer paddeln. Wenn man also nicht bloß ein reiner „Spritztourer“ ist und man wirklich daran interessiert ist, wie kipplig ein Seekajak ist, dann sollte man zur Probefahrt beim Händler diese 30-40 kg Zuladung dabei haben, oder noch besser:

 

 

4. Kippligkeit ist etwas ganz „Situatives“

 

Die Probefahrt mit vollem Fahrtengepäck auf dem „Ententeich“ reicht leider nicht aus, um die Kippligkeit eines Seekajaks voll erfassen zu können. Wind & Seegang üben nämlich auch ihren Einfluss auf die Kippligkeit aus. … und da einem die ganze Fragerei nach der Kippligkeit eines Seekajaks nur deshalb interessiert, weil man wissen möchte, ob man mit dem Seekajak unterwegs auf dem Meer zurechtkommt, d.h. in der Lage ist, sich voll auf das Vorwärtspaddeln zu konzentrieren, also Vorwärtspaddelschläge einzusetzen, statt immer wieder darauf zu achten, nicht zu kentern, sodass man vor lauter Stützschlägen nicht mehr dazu kommt, sein Paddel dafür einzusetzen, dass man vorankommt, muss die Probefahrt nicht nur mit realistischem Fahrtengepäck, sondern auch unter realistischen Gewässerbedingungen durchgeführt werden.

 

D.h. die Probefahrt sollte mit Fahrtengepäck hinaus aufs Meer gehen und schon 2-3 Tage dauern, damit man innerhalb dieser Zeitspanne die Chance hat, wenigstens einmal etwas mehr Wind & Seegang zu erleben. Nur bei solch einer Probefahrt kann man erkennen, ob ein schnelles Seekajak auch wirklich schnell ist, oder ob es wegen seiner Kippligkeit einen u.U. daran hindert, bei Seegang schnell zu paddeln, weil man ständig damit kämpft, nicht zu kentern. Dabei sollte einem Folgendes bewusst sein:

 

 

Bei solchen Bedingungen reicht es nämlich, wenn man mit dem Wind & Seegang kämpft. Es ist aus der Sicht des Küstenkanuwanderns widersinnig, bei solchen Gewässerbedingungen zusätzlich auch noch mit seinem eigenen Seekajak kämpfen zu müssen.

 

Bei einer Probefahrt unter realistischen Wind- & Seegangsbedingungen wird man feststellen, dass es neben der Spantenform auch noch andere objektive Kriterien gibt.

 

Auf das Kriterium der Kajakbreite wurde ebenfalls schon oben unter Punkt 2. hingewiesen. Eine größere Breite führt insbesondere bei Seekajaks mit U-Spant zu einer Erhöhung der „Anfangsstabilität“. Je höher aber die „Anfangsstabilität“ ist, desto schwerer fällt es einem, sich hin zur ankommenden Welle zu legen. Insbesondere bei brechender Welle von der Seite führt das dazu, dass das Seekajak nicht schnell & weit genug zu jener Seite angekantet werden kann, woher der Brecher kommt (Wellenluv). Ein Kentern zur Wellenlee-Seite ist dann nicht immer zu verhindern. Mit diesem Problem haben insbesondere die Fahrer breiter Faltboote und mancher Zweier zu kämpfen. Z.B. benötigt man 119,6 Nm um das mit 113 kg beladene Faltboot „Raid 16 Greenlander“ (Natuiraid) (504x69 cm) anzukanten. Beim „Bahiya“ (P&H) (533x52 cm) genügen dafür 51,4 Nm.

 

Ein weiteres Kriterium ist das Volumen eines Seekajaks. Je voluminöser ein Seekajak in Bezug auf seine Beladung ist, desto windanfälliger wird es sein. Da kann es dann schon mal passieren, dass eine plötzlich einfallende Böe einen einfach umkippt, und zwar nicht nur weil man das Paddelblatt zur Luvseite zu hoch geführt hat, sondern weil die seitliche Windangriffsfläche des Seekajak zu groß ist. Aber ein zu voluminöses Seekajak kann auch „brandungsanfälliger“ werden; denn gerade wegen seines Volumens hat es so viel Auftrieb, dass es sich bei der Durchfahrung eines Brechers u.U. senkrecht stellt, d.h. kerzt, und dann mit dem Brecher zurückgetrieben wird, d.h. rückwärts surft, und – nicht jeder beherrscht solch eine kipplige Situation – kentert.

 

Aber auch zu wenig voluminöse Kajaks können kippliger sein. Der Wind kann wohl einem solchen sehr nass laufenden Seekajak nicht so viel ausmachen, dafür aber der Seegang. Solche Seekajaks neigen zum „Bohren“, d.h. sie tauchen viel leichter in die entgegenkommende Welle, werden dadurch instabiler, kippliger und kentern, wenn der Kanute nicht in der Lage ist, darauf richtig zu reagieren.

 

Seekajaks ohne oder mit nur geringem Kielsprung neigen ebenfalls dazu, im Seegang kippliger zu sein. Das wirkt sich bei manchen Seekajaks zum einen derart aus, dass sie im Seegang unberechenbar kippeln, d.h. wenn man eigentlich meint, dass es bei einer bestimmten Seegangssituation nach links kippen müsste, kippt es plötzlich nach rechts. Zum anderen neigen Kajaks ohne Kielsprung zum Bohren. Verfügen sie dann auch noch über ein flaches statt gefirstetes Oberdeck, kann es schon Balanceprobleme geben, wenn der Bug bis fast zur Oberkante Spritzdecke  unter taucht, sei es dass man bei Fahrt gegen einlaufende Brecher nach vorne kerzt und dann kippt bzw. dass beim Surfen das Heck vom Seegang zur Seite gedrückt wird, man dadurch zum Wellenlee kippt und sofort kentert.

 

Siehe zum Paddeln in der Brandung den folgenden Beitrag, der letztlich zum Ziel hat zu verhindern, dass man bei Brandungspaddeln im Seekajak seine Balance verliert und kentert:

 

„Anleitung zum Brandungsfahren“

è www.kanu.de/nuke/downloads/Brandungsfahren.pdf

 

Übrigens, was die Bestimmung des richtigen Kajakvolumens (V, gemessen in Liter) betrifft, habe ich eine „Daumenregel“ erarbeitet, die folgende Relation zum transportierenden Gewicht (G; gemessen in kg) herstellt:

 

 

d.h. das zu transportierende Gesamtgewicht (= Körper-, Ausrüstungs-, Kajakgewicht) sollte rein zahlenmäßig zwischen 30% und 60% des Volumens liegen. Gemeint ist das Innen-Volumen, welches durch Auslitern ermittelbar ist, und nicht das Außen-Volumen (sog. Verdrängungs-Volumen). Ideal wären jedoch die folgenden Grenzen: 45% und 50%. D.h. ein 400-Liter-Seekajak, sollte ein Mindesttransportgewicht von 120 kg und ein Maximaltansportgewicht von 240 kg haben. Wiegt z.B. ein solches Seekajak 30 kg, müssen Paddler und Gepäck mindestens 90 kg und höchstens 210 kg auf die Waage bringen. Während man das Maximalgewicht wohl selten erreichen wird, da das räumliche Gepäckvolumen beschränkt ist, kann das Minimalgewicht schon mal leichter unterschritten werden. Das betrifft insbesondere leichte Personen. Z.B. bei 50 kg Körpergewicht, 10 kg Ausrüstungsgepäck und 25 kg Bootsgewicht ist ein Seekajak mit mehr als 283 Liter Volumen schon zu voluminös, d.h. für eine Tagestour ab einem 4-5er Wind nicht mehr so recht geeignet.

 

5. Kippligkeit hat auch etwas mit „Sitzhalt“ zu tun

 

Ein Seekajak sollte, wenn man mit ihm ab 4-5 Bft. aufs Meer hinaus paddeln will – übrigens, auszuschließen sind solche Windbedingungen nie! – „wie ein Schuh sitzen“. Nur dann ist man in der Lage, sein Paddel effizient einzusetzen, und zwar zum Vorwärtspaddeln, Stützen und Rollen.

 

 

Der Hüfthalt hängt davon ab, ob man mit den Hüften Kontakt mit seinem Kajak hat. Fehlt ein solcher Kontakt, weil  man sich versehentlich ein Seekajak mit zu breitem Sitz gekauft hat, muss man die Seiten der Sitzschale etwas - z.B. mit Isomatte - auspolstern.

 

Der Schenkelhalt setzt voraus, dass die Schenkel seitlich am Süllrand Halt finden. Die Süllränder werden daher meist so ausgeformt, dass sie solch einen Schenkelhalt bieten können. Leider sind solche Ausformungen auf eine bestimmte Körpergröße ausgerichtet. D.h. ist der Kanute zu groß bzw. zu klein, nutzen solche Ausformungen nicht viel. Am idealsten wäre es, wenn verstellbare Schenkelstützen verwendet werden. Leider gibt es bislang nur wenige Seekajaks, die mit solch verstellbaren Schenkelstützen ausgerüstet werden. Lediglich bei PE-Kajaks gehören sie immer häufiger schon zur Standardausrüstung (z.B. Prijon, Wilderness, P&H, Necky), wahrscheinlich weil solche Kajaks immer häufiger im Verleihgeschäfts eingesetzt werden und die Verleiher jene Kajaks vorziehen, die passgerecht auf die Größe ihrer Kunden eingestellt werden können. Siehe hierzu auch den Beitrag:

 

„Volumen & Sitzhalt. Zwei kaufentscheidungsrelevante Kriterien“

è www.kanu.de/nuke/downloads/Volumen&Sitzhalt.pdf

 

Übrigens, bei einer Sitzprobe an Land kann man sich nur einen recht unvollständigen Eindruck vom Schenkelhalt machen; denn ist doch noch alles trocken. Paddelt man aber erst einmal auf dem Wasser und ist alles – nämlich: Hose & Sitzluke - leicht angefeuchtet, dann wundert man sich plötzlich, wie rutschig man in der Luke sitzt, auch wenn man mit aller Kraft versucht, seine Schenkel zu spreizen.

 

Der Fußhalt unterstützt den Schenkelhalt; denn nur wenn die Füße richtigen Halt finden, d.h. leicht angewinkelt gehalten werden können, ist es möglich, seine Schenkel so zu spreizen, dass sie am Süllrand Halt finden können.

 

Was aber hat der richtige „Sitzhalt“ mit der Kippligkeit zu tun? Außerdem, beim Vorwärtspaddeln setzt man doch auch Füße und Hüfte ein, um möglichst effizient voranzukommen. Da stört doch zumindest der Hüft- und Schenkelhalt. Das trifft zu; denn Paddeln ist nicht nur Arm- und Rücken-, sondern auch Beinarbeit. Bis zu ca. 30% der Paddelkraft kommt aus den Beinen. Deshalb ist es wichtig, dass man bei jedem Paddelschlag die Beine bewegen kann, was voraussetzt, dass die Schenkel nicht gespreizt und unter dem Süllrand geklemmt sind. Wenn aber der Seegang zu kabblig wird, fängt jedoch das Seekajak an zu kippeln. Dieses Kippeln kann man im Allgemeinen nur dann in den Griff bekommen, wenn ruck-zuck die Schenkel unter den Süllrand geklemmt werden können. Spätestens bei einem Brecher von der Seite, wenn man zur brechenden Welle hin stützen muss und dann von der brechenden Welle zunächst seitwärts surfend, anschließend u.U. rückwärts bzw. vorwärts surfend mitgenommen wird, sind alle Küstenkanuwanderinnen und -wanderer auf festen Schenkel- & Hüfthalt angewiesen, anderenfalls gelingt es ihnen nicht, schnell & weit genug das Seekajak zu kanten und sich dabei in der Sitzluke zu halten. Die Folgen des „mangelhaften Sitzhalts“ kennen die meisten Flusswanderpaddlerinen und -paddler: erst kippelt es, dann kentert man und fällt anschließend fast automatisch aus der Sitzluke.

 

6. Kippligkeit kann auch durch eine „Steueranlage“ beeinflusst werden

 

Ein Seekajak mit Steuer sind weniger kipplig als dasselbe ohne Steuer; denn das Steuerblatt dämpft die Kippelbewegung. Wem also ein Seekajak ohne Steuer zu kipplig erscheint, sollte mal prüfen, wie es kippelt, wenn es über ein Steuer verfügt.

 

Aber was ist, wenn man mit einem Seekajak durch die Brandung Richtung Land paddeln möchte? Um das Steuer nicht bei einer unkontrollierten Grundberührung zu beschädigen, zieht man es i.d.R. vorher aufs Achterdeck. Dann wir es jedoch doppelt kritisch; denn ohne die dämpfende Wirkung des Steuerblatts wird das Seekajak wieder kippliger, und zwar gerade in einer Situation, bei der man besonders leicht kentern kann.

 

Außerdem stört ein Steuer, egal ob herunter gelassen oder hoch gezogen, wenn man von einem Brecher seitwärts, aber auch rückwärts mitgenommen wird. Insbesondere beim Seitwärtstransport kann man über das Steuer stolpern, wenn es noch unten hängt. Aber auch wenn es auf dem Achterdeck liegt, sind Probleme mit dem Steuer nicht auszuschließen, da der Brecher auf das Steuerblatt drückt und so einen Impuls zum Kentern Richtung Wellenlee auslösen kann. Lediglich bei Steueranlagen, deren Steuerblatt ins Unterwasserschiff eingezogen werden kann (sog. integrierte Steueranlage, wie sie Lettmann und Pietsch & Hansen anbieten), gibt es solche Probleme nicht.

 

7. Kippligkeit hat auch etwas mit „Paddelschlagtechnik“ zu tun

 

Kippelt ein Seekajak, ist das eigentlich nicht immer schlimm; denn sonst würde man längst nur noch ein Seekajak mit Ausleger paddeln. D.h.:

 

 

Kanuten mit Körperbeherrschung & Gleichgewichtsgefühl haben es da leichter. Aber beides zu haben, reicht allein nicht aus. Man muss auch die entsprechende Paddelschlagtechnik beherrschen, damit man beim Kippeln des Seekajaks nicht kentert.

 

Die wichtigste Paddelschlagtechnik, mit der man das Kentern eines Seekajaks verhindern kann, ist die Paddelstütze (hier als: „flache“ und als „hohe“ Paddelstütze). Meist setzt man die flache Stütze ein. Auch im brechenden Seegang funktioniert sie. Erfahrene Küstenkanuwanderinnen und -wanderer machen sich übrigens keine Gedanken mehr darüber, wann oder wann nicht sie mit welcher Paddelstütze eine Kenterung verhindern sollen; denn sie stützen reflexartig. Der Stützschlag gehört einfach mit zum Paddeln, wie der Vorwärts- oder  Konterschlag, bzw. wie der Stockeinsatz beim Alpinskifahren.

 

Beim Kauf eines Seekajaks sollte man jedoch nicht voll auf die Beherrschung der Paddelstütze vertrauen und die Kippligkeit eines Seekajaks außer Acht lassen; denn wer beim Paddeln im Seegang zu viel stützen muss, kommt mit seinem Seekajak nur langsamer voran. Das gilt auch bzgl. der anderen – hinsichtlich des Vorwärtskommen weniger effizienten – Paddelschlagtechniken, mit denen man ebenfalls dem Kippeln eines Seekajaks entgegenwirken kann, wie z.B. Bogenschläge (die stützende Wirkung eines weit ausladenden Paddelschlags ist nämlich größer, als die eines steil geführten Vorwärtspaddelschlags), kurze Vorwärtspaddelschläge (je kürzer die Durchzugsphase, je höher die Schlagzahl, desto schneller kann man auf Kippelbewegung des Seekajaks reagieren), dynamische Stützschläge (nach einem Vorwärtsschlag erfolgt ein Retourschlag mit Stützwirkung, um ein kippelndes Seekajak zu stabilisieren).

 

Wer dieses Repertoir an Paddelschlägen beherrscht, wird weniger Probleme mit einem kippligen Seekajak haben. Siehe hierzu auch den Beitrag:

 

„Vorwärtspaddeln bei Wind & Seegang. 10 tempobeeinflussende Situationen“

è www.kanu.de/nuke/downloads/Paddeln-Wind&Seegang.pdf

 

8. Kippligkeit wird durch ein „geflutetes“ Seekajak gefördert

 

Was nützt einem ein Seekajak, wenn es in der größten Not, die Küstenkanuwanderinnen und -wanderer erleiden können, vor lauter Kippligkeit unbeherrschbar wird? Der Kippligkeitstest sollte also auch jene Situation mit einbeziehen, für die gerade Seekajaks gebaut werden, nämlich die Situation nach einer Kenterung mit anschließendem Ausstieg. Nicht immer paddelt man nämlich mit Kameraden zusammen bzw. nicht jeder Seegang erlaubt es den Kameraden, einem „Kenterbruder“ solange zu helfen, bis er wieder sein Seekajak fahrfertig hat, d.h. bis dass er die Spritzdecke geschlossen und die Sitzluke gelenzt hat. Siehe hierzu die folgenden beiden Beiträge, in denen von Kenterungen berichtet wurde, die zum Seenotfall führten, da es den gekenterten Kanuten letztlich nicht gelang, sich in ihren Seekajaks, dessen Sitzluke randvoll geflutet war, über Wasser zu halten:

 

„Risiko Küstenkanuwandern I:

Zur Veranschaulichung der Risikoabschätzung die Analyse eines tödlich ausgegangenen Seenotfalls auf der Nordsee (Nordfriesland)“

è www.kanu.de/nuke/downloads/Seenotfallanalyse.pdf

 

„Risiko Küstenkanuwandern II:

Analyse eines Seenotfalls vor Baltrum (Ostfriesland)“

è www.kanu.de/nuke/downloads/Seenotfallanalyse-II.pdf

 

Jedes Seekajak ist mit randvoll gefluteter Sitzluke kipplig. Daher ist Folgendes wichtig:

 

 

Voraussetzung dafür sind auf dem Vorderdeck montierte Rettungshalteleinen. Nur dann ist es für die helfende Begleitung relativ problemlos möglich, das „Kenterkajak“ so zu halten, dass der „Kenterbruder“ wieder zurück ins Kajak klettern und solange gehalten werden kann, bis er wieder fahrtüchtig ist. Eine weitere Voraussetzung ist neben der mindestens doppelten Abschottung eine Lenzpumpe. Am effizientesten arbeiten – wenn sie funktionieren - fest installierte E-Pumpen, am ineffizientesten sind irgendwelche Schwämme oder Wasserschaufeln; dazwischen liegen tragbare Handpumpen, die einem jedoch bei Seegang Probleme bereiten können, wenn es einem nicht gelingt, die Spritzdecke während der Dauer des Lenzvorganges geschlossen zu halten bzw. ein erneutes Kentern zu vermeiden.

 

Ja, und was macht der „Kenterbruder“, wenn keine Kameraden verfügbar sind, die ihn beim „Reentry & Pump“ unterstützen können. Nun, mit Hilfe des „Reentry & Roll“ bzw. des „Paddelfloats“, des „Paddelschaftfloats“ (Zölzer) oder eines „Rollingfloats“ (Brose) kann es ihm u.U. gelingen, zurück in die dann meist geflutete Sitzluke zu klettern. Aber was ist, wenn dann das geflutete Seekajak so extrem kipplig ist, dass der „Kenterbruder“ weder in der Lage ist, die Spritzdecke zu schließen und die Sitzluke zu lenzen, noch mit dem gefluteten Seekajak Richtung ruhiger Gewässerpassagen zu paddeln. Wer also Wert darauf legt, auch noch nach einer Kenterung sein geflutetes Seekajak einigermaßen zu beherrschen, der sollte den „Kippligkeitstest“ auch auf Seekajaks mit gefluteter Sitzluke ausdehnen.

 

9. Kippligkeit hat auch etwas mit „Psyche“ zu tun

 

Zum Kippeln gehören immer zwei, ein Seekajak und jemand, der mit ihm paddelt. Dabei gilt Folgendes:

 

 

Das bleibt nicht ohne Folgen für die in einem aufsteigende Angst, d.h. man wird noch ängstlicher und anschließend wird das Seekajak noch kippliger usw. usf.

 

Aber was kann man als Küstenkanuwanderin bzw. –wanderer gegen diese „Aufschaukelei“ von Angst und Kippligkeit machen? Nun, zuerst sollte man checken, ob die ganze Kippligkeit eingebildet oder real ist. Liegt es an einem selber und merkt man, dass man seine Psyche nicht in den Griff bekommt, muss man sich für ein anderes Seekajak entscheiden, das weniger kipplig ist.

 

Und was ist, wenn man sich schon ein Seekajak gekauft hat und später stellt sich heraus, dass es einem zu kipplig ist? Dann bieten sich zwei Möglichkeiten an. Entweder man verkauft es mit einem satten Abschlag, damit man es endlich los wird und sich ein neues, weniger kippliges Seekajak kaufen kann. Oder man paddelt und paddelt in der Hoffnung, dass man sich an die Kippligkeit des Seekajaks gewöhnen kann. Gegebenenfalls paddelt man zwischendurch noch ein kippligeres Kajak, z.B. ein Abfahrtsboot (das sind Rennboote für Streckenfahrten im Wildwasser). Vielleicht bekommt man auf diese Weise seine „Kippelallergie“ langsam in den Griff.

 

10. Kippligkeit ist nicht nur „Gewöhnungssache“

 

Wie kipplig darf nun ein Seekajak sein?

 

 

D.h. etwas kipplig darf ein Seekajak ruhig sein. Insbesondere wenn man gerade in ein Seekajak gestiegen ist und man noch nicht Fahrt aufgenommen hat, kommt einem das meist etwas kipplig vor. Wichtig ist es aber, dass diese Kippligkeit einen nicht beim Vorwärtspaddeln behindern darf. Ich meine, dass für Küstenkanuwanderinnen und -wanderer, die keine Paddelanfänger mehr sind, 3 Tage Training ausreichen müssten, um diese Kippligkeit in den Griff zu bekommen. Haben sie das nach 3 Tagen immer noch nicht geschafft, dann ist das Seekajak einfach zu kipplig für sie. Es bestehen wohl Chancen, dass sie diese Kippligkeit beherrschen lernen, aber dann müssten sie schon Zeit zum Training haben. Wer nur 4 oder 5 Wochenenden im Jahr aufs Meer hinaus paddelt, der wird wohl recht lange brauchen, bis er sich – wenn überhaupt - in seinem kippligen Seekajak endlich wohl fühlt.

 

In Anbetracht dessen, dass es auch weniger kipplige Seekajaks gibt (siehe hierzu die Tab.), kann man sich fragen, warum man diese Mühen und die damit verbundenen Ängste in Kauf nehmen sollte, nur weil die u.U. vage Hoffnung besteht, irgendwann einmal mit der Kippligkeit eines Seekajaks zurechtzukommen. Welche Vorteile bietet denn ein solches Kajak, dass man sich damit abfinden sollte, die nächsten Monate oder gar Jahre ein kippliges Seekajak zu paddeln. Manchmal liegt es am Design, d.h. der Form eines Seekajaks. Vielfach ist es die bloße Vermutung, dass das in die engere Wahl gezogene Seekajak sich schneller paddeln lässt. Aber wer nicht bereit ist, sich durch entsprechendes wöchentliches Training an die Kippligkeit eines solchen Kajaks zu gewöhnen, der wird auch nicht die Kraft aufbringen, solch ein schnelles Kajak bis auf jenen Tempobereich (ca. ab 5 Knoten = 9,3 km/h) zu beschleunigen, bei dem es eigentlich erst anfängt, seinen Vorteil des geringeren Wasserwiderstandes auszuspielen. Außerdem stützen die in der obigen Tabelle gebrachten Daten nicht dieses Vorurteil, dass nämlich ein schnelles Seekajak auch kipplig sein muss. Z.B. sind insgesamt 18 Seekajaks kippliger als der „Artisan Millenium“, aber 14 dieser kippligeren Kajaks haben bei 9,3 km/h einen höheren Wasserwiderstand, d.h. sind langsamer.

 

Was macht man nun, wenn man nicht die Chance hat, ein Seekajak unter realistischen Bedingungen zu testen. Eigentlich sollte man dann warten, bis sich eine solche Gelegenheit zum Test ergibt. Bieten doch die Hersteller und Händler renommierter Seekajaks immer die Möglichkeit an, ein Seekajak über das Wochenende für eine Probefahrt auszuleihen. Nutzt man nicht dieses Angebot, dann empfehle ich einem Seekajakanfänger zumindest unter „Ententeichbedingungen“ eine Probefahrt zu machen, und zwar in einem leeren Seekajak mit hochgezogenem Steuerblatt und zu prüfen, ob er unterwegs auf dem Wasser, d.h. ohne sich am Ufer festzuhalten bzw. mit seinem Paddel stützen zu müssen, in der Lage ist:

 

 

Anschließend sollte noch gecheckt werden, ob das Seekajak über etwas „Endstabilität“ verfügt. Dazu paddelt man mit dem Seekajak ins flachere Wasser bis an die Uferböschung, hält das Paddel etwa in Brusthöhe und kantet das Seekajak langsam solange an, bis man seine „Endstabilität“ spürt, d.h. in der Lage ist, das Seekajak im gekanteten Zustand zu halten, ohne zu kentern. (Sollte man bei diesem Versuch merken, dass das Kajak kentern will, verhindert man das, in dem man sich mit seinem Paddel an der Uferböschung oder am Grund oder auf der Wasseroberfläche abstützt.) Wie groß diese „Endstabilität“ mindestens sein soll und höchstens sein darf, darüber gibt es leider keine Aussagen. Vielleicht liegt das auch daran, dass die Relevanz der Unterschiede bei der  „Endstabilität“ verschiedener Seekajak maßlos überschätzt wird; denn anderenfalls dürften Seekajaks wie der „Bahiya“ (P&H) und „Expedition“ (Current Design) kaum Käufer finden.

 

Sind mit einem Seekajak, dass man kaufen möchte,

 

 

dem empfehle ich, auf den Kauf des Kajaks zu verzichten, auch wenn es sonst die anderen Bedingungen der „Seetüchtigkeit“ erfüllt. Wer das nicht einsehen will, der sollte sich ernsthaft überlegen, doch noch mit dem kippligen Seekajak eine Probefahrt unter realistischen Bedingungen zu unternehmen. Anderenfalls ist nicht auszuschließen, dass man sich ein Seekajak gekauft, welchem einem die Freude am Küstenkanuwandern nimmt.

 

Text: Udo Beier