25.05.2005 Surfen mit dem Seekajak (Ausrüstung)

 

In der Zeitschrift SEGELN, Nr. 6/05, S.57, wird auf einen kritischen Aspekt des „Surfens“ hingewiesen, der – aufs Küstenkanuwandern übertragen – wie folgt lautet:

 

Läuft das Seekajak mit Höchstfahrt vor den Seen ab, muss der Kanute sehr aufmerksam steuern, damit sein Boot nicht quer gerissen und von der nächsten See durchgekentert wird. Achtern auflaufende Seen reißen den Rumpf ruckartig vorwärts (d.h. das Boot kommt ins Surfen), wobei der Bugbereich tief ins Wasser gepresst wird, manchmal so tief, dass der gesamte Bug bis zur Spritzdecke ins Wasser untertaucht (bohrt). Der so entstehende hohe Reibungswiderstand verursacht das Ausbrechen und gefährliche Querschlagen des Bootes.

 

Das Querschlagen/Ausbrechen wird übrigens durch 4 konstruktionsbedingte Merkmale gefördert:

 

(1)   Fehlender Kielsprung: Seekajaks ohne Kielsprung neigen leichter zum „Bohren“ (richtiger: „Stechen“).

 

(2)   Flaches Oberdeck: Seekajaks mit flachen, d.h. nicht gefirsteten Oberdeck im Bugbereich tauchen, wenn sie erst einmal „bohren“, nicht mehr so leicht auf.

 

(3)   Hochgezogenes Heck: Seekajaks mit hochgezogenem Heck (Kielsprung im Heckbereich) werden von einer ankommenden Welle eher mitgenommen, geraten dadurch leichter ins Surfen und werden – sofern der Kanute nicht aufpasst – in die vor einem stehende Welle geschoben.

 

(4)   Voluminöseres Heck: Seekajaks mit voluminöserem Heck- als Bugbereich geraten ebenfalls leichter ins Surfen, da die Welle nicht einfach unter dem Boot durchlaufen kann. Vielmehr hebt die Welle das Heck an, was dazu führt, dass der Bugbereich noch leichter untertaucht. Gelingt es dem Kanuten dann nicht, sein Boot auf Kurs zu halten, bricht es nicht nur aus, weil sich beim eingetauchten Bug der Reibungswiderstand erhöht hat, sondern auch deshalb, weil die herankommende Welle das voluminöse Achterschiff etwas seitlich zu fassen bekommt, was ein Moment erzeugt, dass das Boot zusätzlich querschlagen lässt.

 

Das Querschlagen eines Seekajaks beim Surfen lässt sich nicht bei jedem Seegang vermeiden, egal wie seegangstüchtig ein Seekajak ist. Das trifft insbesondere bei stärker brechender See (Brandung, Kaventsmänner) zu. Wer es dank seiner perfekten Paddeltechnik & -taktik dennoch vermeiden kann, wird später von einem „Jahrhundertsurf“ sprechen, der ihn u.U. hunderte von Metern mitgenommen hat, ohne einen einzigen Vorwärtschlag getätigt zu haben, oder davon berichtet, dass die Welle ihn ganz plötzlich „kerzen & kentern“ ließ.

 

Mit welcher Paddeltechnik & -taktik kann aber Kanute etwas dagegen unternehmen, damit er nicht ganz so schnell bei achterlicher See kentert:

 

(1)   Surfen vermeiden: Wer es schafft, bei achterlicher See nicht ins Surfen zu kommen, dessen Seekajak wird wohl hin & her schwoin aber nicht ausbrechen und folglich nicht so leicht kentern. Surfen bringt wohl etwas Abwechslung, insofern wünscht man sich ein  Boot, das leicht ins Surfen kommt, aber ab einer bestimmten Wellenhöhe/-steilheit kann die Wellen einem Kanuten sehr schnell dessen paddlerischen Grenzen aufzeigen. Wer sich also beim Surfen nicht so sicher fühlt, sollte folglich beim Herannahen einer achterlichen Welle nicht sein Paddeltempo beschleunigen und seinen Oberkörper nach vorne verlagern, sondern mit Konterschlägen abbremsen und seinen Oberkörper nach hinten verlagern.

 

(2)   Seekajak auf Kurs halten: Läuft ein Seekajak erst einmal beim Surfen etwas quer zur Welle, wird es von einer achterlichen Welle viel leichter mitgenommen und quergedrückt. Es gilt folglich alles daran zu setzen, dass das Seekajak stets genau im 90°-Winkel zur Welle liegt.

Der erfahrene Kanute erkennt, wann sein Seekajak ausbrechen will. Er reagiert sofort mit entsprechenden Steuer(aus)schlägen und kann so auf der Welle viel länger surfen bzw. sein Seekajak bricht beim Surfen erst viel später aus.

Dem weniger erfahrenen Kanuten fällt das alles viel schwerer: Erstens merkt er es viel zu spät, dass sein Seekajak ausbrechen will; und zweitens verfügt er nicht über die nötige Paddeltechnik (hier: Bug- bzw. Heckruder-Paddelschläge), um ein nur mit einem Skeg ausgerüstetes Seekajak auf Kurs zu halten. Er profitiert daher von einem Steuer, das ihm die Steuerkorrekturen wesentlich erleichtert, sofern es sich nicht um eine Steueranlage handelt, dessen Steuerblatt beim Surfen nicht mehr im Wasser hängt. – Übrigens, dieses Problem hat man mit fast allen Heckumklapp-Steueranlagen (Flip-off-Steueranlagen), insbesondere aber mit nicht „surftüchtigen“ „Navigator“-Steueranlage.

 

(3)   Zum „Welleluv“ hin stützen: Beginnt das Seekajak beim Surfen auszubrechen, steht der Kanute vor einem Problem. Versucht er z.B. mit einem Heckruder- oder Konterschlag-Schlag sein Boot auf den graden Kursen zurückzubringen, kann er u.U. noch –zig Meter weiter surfen. Gelingt ihm dies jedoch nicht, bricht sein Boot weiter aus und er kentert urplötzlich, weil er sein Paddelblatt auf der falschen Seite (sog. „Wellenlee“) eingetaucht hält.

Z.B. das Boot will beim Surfen nach backbord ausbrechen. Die kritische (brechende) Welle kommt dann auf der Backbordseite angerauscht (sog. „Wellenluv“). Diese Welle sorgt dafür, dass das Boot mit dem Heck zur Steuerbordseite weg driftet, d.h. jener Seite, wo der unerfahrene Kanute sein Paddelblatt eingetaucht hält („Wellenlee), um sein Boot wieder auf Kurs zu bringen. Da das Heck nun durch die Welle seitlich weg driftet stolpert es regelrecht über das im Wasser gehaltene Paddelblatt. Die Folge: Der Kanute kentert mit seinem Boot Richtung Wellenlee.

Eine Kenterung kann nur dann vermieden werden, wenn der Kanute rechtzeitig erkennt, dass er keine Chance hat, mit Korrektur- bzw. Ruderschlägen sein Boot wieder zurück auf Kurs zu bringen, und stattdessen versucht, mit seinem Paddel auf der Wellenluv-Seite zu stützen. Der Surfvorgang wird wohl durch solch eine Aktion abgebrochen, dafür wird die Kentergefahr minimiert.

 

Übrigens, wenn ein Kanute durch die Brandung hindurch Richtung Strand paddeln möchte, wird er mit denselben Problemen konfrontiert. Mit den folgende typischen Handlungsmöglichkeit kann er das Kenterproblem minimieren:

 

(a)   Er paddelt im 90°-Winkel mit der Brandung Richtung Strand und versucht zu verhindern, dass er ins Surfen kommt:

(b)   Er nutzt die Brandung um mit ihrer Hilfe unter Einsatz aller Steuer(aus)schläge Richtung Strand zu surfen, auch auf die Gefahr hin, dass ein Brecher einen unvorbereitet zur falschen Seite querschlagen lässt und umschmeißt.

(c)   Er paddelt im ca. 45°-Winkel zur Brandung und weiß genau, zu welcher Seite sein Boote querschlagen wird, sodass er dann vorbereitet rechtzeitig zur brechenden Welle hin stützen und so u.U. eine Kenterung vermeiden kann. Anschließend lässt er sich quer zur Brandung liegend langsam Richtung Strand treiben.

 

Küstenkanuwandern steckt voller Imponderabilien. Ein erfahrener Kanute weiß das und fährt i.d.R. so, dass ihm je nach Gegebenheit jeder der 3 Handlungsmöglichkeiten offen steht. Zunächst paddelt er verhalten Richtung Strand. Kritische Brecher bremst er ab und lässt sie unter seinem Boot durchlaufen, ohne dass es ins Surfen gerät. Kommt die passende Welle surft er im 90°-Winkel zu ihr Richtung Strand. Beginnt sein Boot auszubrechen, setzt er entsprechende Korrekturschlägen ein, jedoch nur so lange, wie er meint, dass er eine Chance hat, sein Boot wieder zurück auf Kurs zu bringen. Ansonsten findet er sich jedoch damit ab, dass sein Boot vom Kurs ausbrechen will, und bereitet sich darauf vor, zum Wellenluv hin mit Stützschlägen (hier: flache oder hohe Paddelstütze) die Gefahr einer Kenterung möglichst klein zu halten. Solange ein Brecher nach dem anderen über ihn rauscht, stützt er zum Wellenluv und findet sich damit ab, dass er langsam Richtung Strand versetzt wird. Ansonsten bringt er sein Boot wieder auf Kurs und surft mit dem nächsten Brecher weiter in Richtung Strand.

 

Text: U.Beier

Links:

Anleitung zum Brandungsfahren:

è www.kanu.de/nuke/downloads/Brandungsfahren.pdf

Brandungstaktik – 10 vermeidbare Schwachstellen

è www.kanu.de/nuke/downloads/Brandungstaktik.pdf