23.08.2005 Kanu-Magazin: 6 Seekajaks im Test (Ausrüstung)

In KANU MAGAZIN berichten Norbert Erdmann, Jürgen Hoh und Stephan Glocker in dem Beitrag:

„Willkommen in der S-Klasse“

über den Test von insgesamt 6 "Edel-Seekajaks" („Salzwasser-Gleiter“). Der Titel ist natürlich schon etwas missverständlich. Wird damit die Volumen-Klasse "S" oder die Premium-Klasse à la Mercedes gemeint? Wahrscheinlich gilt Letzteres, denn es werden ausschließlich Seekajaks ab 340 Liter und weit aufwärts getestet, also Seekajaks der M-, L- und XL-Klasse:

·         Current Design Solstice GTS HV (CDN) (385 Liter; 537x56 cm)

·         Kajak Sport Artisan Millennium (FIN) (370 Liter; 557x54 cm)

·         Lettmann Nordstern Expedition (D) (425 Liter; 555x58 cm)

·         Valley Nordkapp Jubilee (GB) (340 Liter; 550x54 cm)

aber auch:

·         Galasport Metax 520 (CZ) (?? Vol., 520x58 cm)

·         Prijon Millenium (D) (380 Liter; 501x56 cm).

Abgesehen davon, dass ich mich frage, warum es KANU MAGAZIN nicht schafft, selber das Volumen des „Metax 520“ zu ermitteln, habe ich meine Zweifel, dass die letzten beiden Boote irgendetwas mit der "S-Klasse" zu tun haben könnten? „Typisch KANU MAGAZIN!“, kann ich da nur sagen. Wenn Seekajaks vorgestellt werden, schauen die Redakteure wohl nicht groß nach, mit was für Booten die salzwassererfahrenen Kanutinnen und Kanuten auf der Nordsee unterwegs. Zumindest trifft das dieses Mal für die letzten beiden Boote zu. Nun, die Tester haben das anscheinend auch gemerkt und versprechen daher für die Zukunft weitere Seekajak-Tests von Herstellern, die eher der Seekajakbranche zuzuordnen sind, wie z.B. North Shore (GB), P&H (GB), Welhonpesä (FIN) und Wilderness (USA), aber warum nicht auch Kirton (GB), Necky (CDN), Nigel Dennis (GB), Pietsch & Hansen (D), Qajaq (I) und Skim (S)?

Leider trägt KANU MAGAZIN auch bezüglich des Volumens nicht groß zur Transparenz bei. Eigentlich könnten wir doch von einer Fachzeitschrift gleich zu Anfang des Berichts einen deutlichen Hinweis darüber erwarten, dass es sich bei den getesteten Seekajaks ausschließlich um solche für "große & schwere" Jungs handelt. Zumindest möchte ich keinem "kleinen & leichten" Mädchen empfehlen, mit einem dieser Boote ab 4-5er Windbedingungen unterwegs draußen auf dem Meer eine Tagestour zu unternehmen.

Ansonsten halte ich diesen KANU MAGAZIN-Test in Nr. 5/05 für beachtlich & lobenswert, zumindest vom Ansatz her! Es wird versucht, viele wichtige Kriterien eines Seekajaks zu testen und anschließend zu bewerten:

·         Bootsprofil: träge oder agil, unruhig oder gutmütig

·         Funktion: Funkt. Steuer, Zugriff & Dichtheit Laderaum, Handling

·         Sonstiges: Sicherheit, Ausstattung, Verarbeitung

·         Fahreigenschaften (unterschieden nach „ohne & mit Gepäck“): Geradeaus, Tempo, Wendigkeit, Anfangs- & End-Stabilität, in Wind & Wellen

·         Volumenklasse: Sportgeschoss, Wochenendtour, Große Fahrt

·         Einsatzbgereich: Ententeich, Leichte Brise, schwere See

·         Skill-O-Meter: Einsteiger, Fortgeschrittener, Experte

·         Fahrergröße: zierlich, durchschnittlich, riesig.

Schließlich gibt es noch zwei abschließende Bewertungen nach Schulnoten, und zwar zum einen als Note für das Preis/Leistung-Verhältnis und zum anderen als Note für den Gesamteindruck.

Durch die Quantifizierung der Eigenschaften über Balkendiagramme (mit insgesamt 40 Unterteilungen), 3-stufige Bewertungen (ungeeignet/passabel/geeignet) bzw.3 alternative Zuordnungen sowie Noten (bis Note 6, und zwar genau bis auf eine Stelle hinter dem Komma) sieht alles sehr objektiv aus. Aussagefähig sind solche Quantifizierungen jedoch nur dann, wenn diese Ergebnisse auch reproduzierbar sind, d.h. wenn z.B.:

a)      dieselben Tester einen Monat später bei einer Testwiederholung zu denselben Ergebnissen kämen;

b)      dieselben Tester einen Monat später bei einem Test, in dem auch andere Seekajaks mit einbezogen werden, die bislang getesteten Seekajaks wieder genauso bewerteten;

c)      andere Tester im Falle a) bzw. b) ebenfalls zu denselben Ergebnissen kämen.

Ich habe i.S. Reproduzierbarkeit meine Zweifel, da die Tester nicht offen legen bzw. vermutlich gar nicht dazu in der Lage sind, offen zu legen, wie sie zu den einzelnen Bewertungen kommen. Das setzt nämlich voraus, dass die Tester vorher:

1)      nicht nur die Testkriterien nennen (was sie ja getan haben),

2)      sondern auch eine Punktbewertung vornähmen und dabei offen legten, welche Eigenschaftsausprägung wie viel Punkte brächten,

3)      und schließlich uns sagten, wie sie die einzelnen Eigenschaftsmerkmale im Verhältnis zueinander gewichteten bzw. den Preis bewerteten, um auf diese Weise  nachvollziehbar zu machen, wie sie zu dem „Gesamturteil“ (hier: „Gesamteindruck“) bzw. dem „Preis/Leistung“-Verhältnis (in USA spricht man von „Best Buy“) kommen.

Zumindest der „Gesamteindruck“ wird lt. KANU MAGAZIN „nicht errechnet, sondern gibt den Eindruck des Kanu-Testteams wieder.“

Dennoch möchte ich den Ansatz von KANU MAGAZIN, unterschiedliche Seekajak vergleichend zu bewerten, begrüßen. Irgendwann muss doch damit mal angefangen werden. Immerhin ist doch KANU MAGAZIN kein Mitgliedermagazin sondern eine Profi-Zeitschrift (Eigenwerbung: „Europas größte Zeitschrift für Paddler“) und da ist es an der Zeit, dass sie im Stil der „Stiftung Warentest“ arbeiten, statt einfach nur Prospektaussagen „nachzuplappern“ und die Beurteilungen davon abhängig zu machen, wie teuer das einzelne Produkt ist. In Anbetracht dessen aber, dass die Tester eigentlich doch höchstens Semi-Profis sind, ist es aber schon anerkennenswert, dass sie dieses heikle Thema der Offenlegung der Bewertungsmaßstäbe anpacken und in Heft 5/05 eine erste Lösung vorschlagen.

Übrigens, mit diesem Vorschlag übertrifft KANU MAGAZIN in vielen Punkten den amerikanischen SEA KAYAKER. Lediglich bei der Bestimmung:

·         des Wasserwiderstandes in Abhängigkeit von Beladung und Tempo,

·         der Anfangs- und Endstabilität in Abhängigkeit der Beladung

·         des Wasserlinienlänge in Abhängigkeit von der Beladung

·         des Volumens und des Gewichts

ist der SEA KAYAKER bislang unschlagbar, auch wenn die meisten dieser Werte über Modellrechnungen per Computerprogramm gewonnen werden. Aber irgendwann wird wohl auch KANU MAGAZIN einmal dahin kommen, sich ein solches Computerprogramm anzuschaffen. In allen anderen Punkten scheint KANU MAGAZIN kritischer zu testen als der SEA KAYAKER es tut:

Z.B. achten die Tester vom SEA KAYAKER auf die folgenden Testkriterien und beurteilen sie rein verbal (s. SEA KAYAKER, Nr. August/05, S.16-18), wobei jedoch im Gegensatz zum KANU MAGAZIN offen gelegt wird, wie groß & schwer die Tester sind und mit wie viel Gepäck bzw. bei welchen Gewässerbedingungen sie paddeln:

 

a)      Erster Eindruck: Materialverarbeitung (Finish), ausblanciertes Tragen per Hand möglich?, Toggles, Deck-Fittings, Sitzkomfort und -halt, Handhabung von Steuer/Skeg u.a.

b)      Stabilität & Manövrierbarkeit: Anfangs-/Endstabilität, Geradeauslauf, Wendigkeit, Reaktion auf Kanten, Wind-/Seegangsempfindlichkeit, Wirksamkeit von Skeg/Steuer u.a.

c)      Tempo: Beschleunigung und Endgeschwindigkeit, Surfen u.a.

d)      Rollen & Retten: Rolleigenschaften, Wiedereinstieg (per Paddlefloat) u.a.

e)      Touren („Cruising“): Transportkapazität, Dichtigkeit der Gepäcklukendeckel u.a.

f)        Zusammenfassung („The Bootom Line“): Eignung für welche Kanuten, Lob & Kritik u.a.

Zumindest bei dem Test dieser 6 Seekajaks gingen die Tester von KANU MAGAZIN sehr kritisch vor. Sogar das „Prijon“-Boot wurde kräftig kritisiert und die Firma Prijon dazu auch:

“Prijon verfolgt von vornherein kein klassisches Salzwasser-Konzept.“

Damit ist eigentlich alles i.S. Prijon gesagt. Im „Gesamturteil“ schlägt sich das auch nieder; denn der „Prijon Millenium“ erhält die schlechteste Note. Dass diese Note noch „2,6“ lautet, ist ebenfalls typisch für die Produktbewertungen kommerzieller Zeitschriften. Eigentlich kennen die keine 3, 4, 5 oder gar 6, sondern nur gut, sehr gut, ausgezeichnet, super, megageil …. Damit der Werbekunde Prijon nicht ganz so pikiert reagiert, hat KANU MAGAZIN ihm wohl mit der nicht nachvollziehbaren Bewertung von „Preis/Leistung“ einen Gefallen getan; denn hier schnitt das Prijon-Boot, das weder „kentertüchtig“ (Ausnahme: doppelte Abschottung, jedoch mit welcher Verklebung) noch „navigationstüchtig“ ausgestattet ist, mit der Note „1,8“ am besten von allen 6 Seekajaks ab, während beim „Gesamteindruck“ mit der Note „1,5“ Valleys Nordkapp Jubilee „gewann“.

 

Beachtenswert an diesem KANU MAGAZIN-Test finde ich auch, dass die Seekajaks nicht nur gelobt werden; denn solches Lob hilft dem Leser nur weiter, wenn die Tester möglichst viele Seekajaks unter allen Gewässerbedingungen getestet haben. Lediglich dann können sie sich doch ein Urteil bilden, welches als Kaufentscheidungshilfe dienen kann. Als ich früher Seekajaks testete, hatte ich mich daher fast ausschließlich darauf konzentriert, kritische Eigenschaftsmerkmale zu finden, weil diese beobachtet und somit nicht abstreitbar sind. Trotzdem vermisse ich es, dass KANU MAGAZIN nur das Testgebiet (Insel Fehmarn), nicht jedoch die Testbedingungen offen legt. Unter einer Bildunterschrift wird wohl von „mal Wellen, mal Ententeich, mal Sonne, mal Gewitter“ gesprochen, nach den Fotos zu urteilen, hatten die Tester aber nur „Ententeichbedingungen“ erlebt. Das schmälert ein wenig zumindest die Aussagekraft der positiven Beurteilungen.

 

Ach ja, die Tester waren so frei und haben zugestanden, dass u.a. der deutsche Valley-Händler „außer Konkurrenz“ beim Test zugegen war. Wer diesen kennt weiß, wie energisch er sich für „Skeg-Seekajaks“ einsetzt und wie vehement er dafür eintritt, die Eigenschaften eines Boots ohne Einsatz des Steuers zu testen. Anscheinend hat er die Tester mit seiner Meinung beeindrucken können; denn bei Prüfung der Kriterien „Geradeauslauf“ und „Wendigkeit“ durfte nicht das Steuer eingesetzt werden. Nun, bei einem Rückenwind ab 4-5 Bft. wären diesbezüglich sicherlich andere Ergebnisse zustande gekommen, aber das Kriterium „Surfen“ fehlt leider. Und wenn in die Beurteilung auch „Wendemanöver bei einem 5-6er Wind“ (mit Steuer- bzw. Skegeinsatz) eingeflossen wäre, hätten sich die Skeg-Boote sicherlich noch ein paar weitere kaufentscheidende Minus-Punkte eingefangen.

 

Was gibt es Konkretes an diesem Test auszusetzen?

 

1) Nicht ganz klar sind mir die Bewertungen, die im Rahmen der Einstufungen bei der Volumenklasse, dem Einsatzbereich, dem Skill-O-Meter und der Fahrergröße vorgenommen werden. Bei jeder dieser 4 Kategorien werden 3 Gruppierungen unterschieden, in der dazugehörigen Bewertung (hier: geeignet/passabel/ungeeignet) gibt es aber manchmal nur 2 Zuordnungsmöglichkeiten, manchmal aber auch 4!?

 

2) Ich vermisse beim „Prijon Millenium“ den Kritikpunkt, dass der Süllrand so ungünstig gestaltet ist, dass ein „Kenterbruder“ unter erschwerten Bedingungen kaum noch in der Lage ist, die Spritzdecke über den Süllrand zu legen. (Zumindest habe ich das einmal bei Brandungsübungen erlebt: Der Kenterbruder war so genervt, dass er sein Kajak verließ und einfach an Land schwamm.)

 

3) Die elastischen ovalen Lukendeckel von Kajak-Sport und Valley (sog. „Stülpdeckel“) werden zu sehr gelobt. Die finnischen Stülpdeckel (Kajak-Sport) sind nämlich so elastisch, dass die ovalen Deckel – ohne dass wir das merken - leicht etwas verdreht aufgesetzt werden können, sodass sie anschließend nicht ganz dicht sind. Und die steiferen britischen Stülpdeckel (Valley) sind eigentlich so steifen, dass Leute mit längeren Fingernägeln Probleme beim Öffnen der Deckel bekommen können. Im Winter werden diese Deckel dann besonders steif, sodass eigentlich nur noch „notorische Valley-Fans“ die Deckel ohne zu murren auf & zu kriegen. Abgesehen davon kenne ich kaum einen Küstenkanuwanderer, der ein Seekajak mit diesen ovalen Stülpdeckeln hat, die nicht nach Jahren undicht geworden sind. Das ist auch der Grund, warum Lettmann bei seinem „Polar“, wirklich ein Seekajak der M-Klasse mit „S-Klasse“-Format (i.S. von Mercedes), nur elastische runde finnische Stülpdeckel verwendet.

 

4) Es fehlt ein Hinweis darauf, dass Lettmann den „Nordstern“ mit verschiedenen Volumina anbietet, d.h. je nach Kundenwunsch wird das Seekajak flacher gelegt und folglich weniger voluminös, sodass statt der 425 Liter Volumen auch nur ca. 360 Liter und weniger geordert werden können.

 

5) Die Gewichtsangaben, die KANU MAGAZIN für die 6 Seekajaks angibt, sollten einmal kritisch hinterfragt werden. Ich würde mich nicht wundern, wenn hier einfachheitshalber die Herstellerangaben genannt werden, statt selber eigene Daten mit einer geeichten Wage zu ermitteln. (Ähnliches trifft sicherlich auch für die Volumenangaben zu!?). Die Tester deuten wohl an, dass die Gewichtsangabe nur das „Circa-Gewicht des leeren Bootes (mit 2 Schotts, ohne Steuer, Pumpe etc.)“ umfasst, aber was soll der Leser mit solch einer Angabe anfangen und was ist mit „etc.“ gemeint. Der Leser will nicht wissen, wie leicht die pure Bootsschale ist, sondern wie viel das Seekajak fahrfertig, d.h. im seetüchtigen Zustand wiegt, inkl. Süllrand Lukendeckel, Steuer-/Skeganlage, Pumpe, Kompass, Rettungshalteleinen, Toggles und Farbe. Abgesehen davon habe ich schon manche Kanuten getroffen, deren Carbon/Kevlar-Seekajaks nur unwesentlich leichter waren als jene aus Diolen. Anscheinend gibt es hier erhebliche Fertigungs- und somit Gewichtstoleranzen.

 

Zum Schluss möchte ich mit einem Vorurteil aufräumen, das auch vom KANU MAGAZIN immer wieder geschürt wird, nämlich Seekajaks mit Carbon/Kevlar-Matten als „Edel-Seekajaks“ mit „High-end-Fasern“ einzustufen. Die wenigen Kilos, die wir mit diesen Fasern einsparen können, sind eigentlich das Geld nur dann Wert, wenn wir so alt sind, dass wir ein schweres Kajak nicht mehr allein oder mit Partnerhilfe aufs Autodach heben können. Ansonsten bieten diese Fasern für ein Küstenkanuwanderer bzw. –schlenderer einen großen Nachteil: nämlich äußerst empfindlich gegen Steinberührungen zu sein.

 

Last not least würde ich den Testern von KANU MAGAZIN empfehlen, statt des unerklärten Kriteriums „Sicherheit“, das Kriterium Seetüchtigkeit zu verwenden und in dieses differenziert zumindest die Aspekte der „Kentertüchtigkeit“ (betrifft wirklich fest verklebte Abschottungen sowie funktionstüchtige Lenzpumpen, Rettungshalteleinen, Toggles u.a.) und „Navigationstüchtigkeit“ (betrifft funktionstüchtiges Kartendeck und Kompass) einfließen zu lassen. KANU MAGAZIN tut wohl den Herstellern aber nicht seiner Leserschaft einen Gefallen, wenn es lediglich in einer extra Spalte pauschal auf die wichtigsten Ausrüstungsteile verweist, aber nicht deutlich aufzeigt, welcher der Hersteller diese Teile in seine Seekajaks nicht einbaut.

 

Text: U.Beier

Quelle: KANU MAGAZIN, Nr. 5/05, S.46-53 – www.kanumagazin.de