26.11.2005 Prijon’s TOURYAK: ein „Racer“ im „Schafspelz“??!! (Ausrüstung)

 

im SEEKAJAKFORUM.de hatte ich am 2.11.05 in dem Thread:

 

„Bootstest: TOURYAK (Prijon)“

 

über einige Ergebnisse des vom US-amerikanischen SEA KAYAKER Magazin (Okt. 05) durchgeführten Kayak-Review berichtet (s. auch „Aktuelle Info“ v. 19.09.05) und als „bemerkenswert“ empfunden, dass der TOURYAK solch relativ niedrige Wasserwiderstandswerte (R=Resistance) aufweist, und zwar z.B.

 

 

D.h. bei 5 Knoten kommt der TOURYAK (463x61 cm; ca. 380 Liter Vol.) mit seiner Wasserlinienlänge von 423 cm auf Wasserwiderstandswerte (R), die wir ansonsten nur bei Seekajaks mit eine Wasserlinienlänge ab 467 cm finden (d.h. all die klassischen Seekajaks wie SIRIUS, BAHIYA, QUEST, AQUANAUT (RM), NORDKAPP H20, ROMANY EXPLORER weisen ungünstiger Werte aus, obwohl sie alle eine Gesamtlänge haben, die mindestens 50 cm höher liegt!)

 

Und bei 6 Knoten weist der TOURYAK mit R=5,04 kg einen Wert auf, der nur noch von dem Lang-Seekajak LOOKSHA II (610x51 cm) (Wasserlinienlänge (WL) = 5,09 m) knapp übertroffen wird (mit R=5,03 kg). Wirklich geschlagen wird der TOURYAK – zumindest von der Papierform her – nur von dem Renn-Seekajak „FW 2000 (MOSKITO)“ (562x44 cm) (WL = 5,48 cm) mit R=4,79 kg und dem Surfski „FUTURA II“ (575x51cm) (WL = 5,58 cm) mit R=4,68 kg).

 

Da mir zumindest das Ergebnis bei 6 Knoten etwas unglaubwürdig vorkam, fragte ich zweimal beim SEA KAYAKER nach und zeigte am Beispiel der Daten von insgesamt 40 Seekajaks auf, dass der Widerstandswert des TOURYAK bei 6 Knoten eigentlich ein Ausreißer sein müsste. Schließlich wurde vom SEA KAYAKER der Fehler gefunden, sodass der Widerstandswert des TOURYAK bei 6 Knoten korrigiert werden muss. Er beträgt nun 6,01 kg statt 5,04 kg!

 

Aber auch diese 6,01 kg sind kein schlechter Wert und passen logisch zu den Werten, die bei 5 Knoten ermittelt wurden. Der Rang bei 5 Knoten wird auch bei 6 Knoten bestätigt (zusätzlich erweist sich bei 6 Knoten das klassisches Seekajak ARTISAN MILLENIUM mit R=6,10 kg als langsamer).

 

Zugegeben, ich selber kann es immer noch nicht so recht glauben, ….. obwohl ich den TOURYAK noch nicht gepaddelt bin! Leider fehlen mir für meine Skepsis, die wohl eher ein „Vorurteil“ ist, die Anhaltspunkte.

 

Bevor wir jedoch unsere reinrassigen Seekajaks gegen den TOURYAK (ca. 380 Liter Volumen) eintauschen (warum eigentlich nicht, dann könnten wir endlich wieder mehr Gepäck mit auf Fahrt nehmen!), bleiben uns ja noch zwei Trostpflaster:

 

  1. Die Widerstandswerte wurden theoretisch per Computer-Rechenprogramm (Taylor) ermittelt. Die Ergebnisse hängen dabei davon ab, welche Daten eingegeben und wie sie gewichtet werden. Trotz alledem wurde das Rechenprogramm durch Praxisversuchsreihen bestätigt. Außerdem schneiden lt. SEA KAYAKER bei einem anderen Rechenprogramm (Kaper) ebenfalls bei 6 Knoten die oben genannten klassischen Seekajaks (zzgl. ARTISAN MILLENIUM mit R=6,26 kg) schlechter ab als der TOURYAK. Bessere Werte jedoch weist bei der Methode Kaper plötzlich z.B. der AVOCET (PE) (492x56 cm, WL=423 cm, PC=0,58) von Valley auf, und zwar mit R = 5,94 kg.
  2. Die Widerstandswert beziehen sich auf Flachwasserbedingungen. Bei Seegang verhalten sich jedoch die Seekajaks anders. Wie? Das weiß niemand – zumindest was Seekajaks betrifft! Was wir wissen ist lediglich, dass wir – wenn wir nicht völlig seegangstüchtig sind – in einem schnellen Seekajak langsamer sind, und zwar dann, wenn es für uns zu kipplig ist!

 

Übrigens, ein Grund, warum der TOURYAK solch gute Widerstandswerte hat, soll an seinem hervorragenden Prismatischen Koeffizienten (PC) von 0,58 liegen. Z.B. hat lt. Nachmessungen und Berechnungen des SEA KAYAKERs der:

 

 

Der PC sagt etwas über die Unterwasserform eines Bootes aus:

 

Je schnittiger ein Boot ist, je schmaler es insbesondere an Bug und Heck ausläuft, desto niedriger ist der PC. Ein niedriger PC ist jedoch keine Garantie für eine hohe Geschwindigkeit, sondern stellt vielmehr ein Manko dar.

 

Der Wasserwiderstand, insbesondere der Wellenwiderstand, der die Rumpfgeschwindigkeit eines Bootes beeinflusst, hängt u.a. zum einen von der „effektiven“ Wasserlinienlänge und zum anderen vom Prismatischen Koeffizienten ab. Wenn wir nun bedenken, dass die Rumpfgeschwindigkeit bei Verdrängerfahrt von der Bug- und Heckwelle eines Bootes bestimmt wird und dass:

 

 

wird uns manches plötzlich klarer, nämlich:

 

 

Was können wir daraus folgern?

 

Wie schnittig die Enden eines Bootes verlaufen, kann bedingt dem Prismatischen Koeffizienten (PC) entnommen werden, und zwar gültig bis zu einem PC von 0,6:

 

 

Welche Rumpfgeschwindigkeit drin ist, kann aus „effektiven“ Wasserlinienlänge abgeleitet werden:

 

 

Diese „effektive“ Wasserlänge kann im Idealfall identisch mit der tatsächlichen Wasserlinienlänge sein. Z.B. trifft das für den TOURYAK zu: „effektiver Wasserlinienlänge = tatsächliche Wasserlinienlänge = 423 cm, Gesamtlänge = 463 cm und PC=0,58).

 

Die „effektive“ Wasserlinienlänge wird im Regelfall – sofern die Enden zu schnittig und zunächst konkav verlaufen – kürzer sein, z.B. beträgt:

 

 

Für die guten Widerstandswerte des TOURYAK lässt sich folglich eine Erklärung finden. Leider hilft uns das bei unserer Suche nach dem schnellen Seekajak nicht sehr viel weiter. Denn zunächst verfügt nicht jeder von uns über die Testergebnisse der Kayak Reviews des SEA KAYAKER (è www.seakayakermag.com ). Abgesehen davon testet der SEA KAYAKER überwiegend nord-amerikanische Seekajaks, höchstens ab & an mal ein paar britische und finnische Seekajaks und abgesehen von Prijons „Plastikschüsseln“ (die wohl absofort nicht immer so abfällig bezeichnete werden sollten!?) keine deutschen Seekajaks. Schließlich kann uns kein Seekajakproduzent Daten über den prismatischen Koeffizienten und die effektive Wasserlinielänge liefern und wenn doch, dann sind diese Daten nicht vergleichbar, da jeder – um jeden Vergleich zu verhindern - eine andere Zuladung zugrunde legen wird.

 

Abgesehen davon liefern die Daten über:

 

 

nur erste Anhaltspunkte über den Wasserwiderstand von Seekajaks. Sie reichen eigentlich nicht aus, um daraus zuverlässige Aussagen über den Wasserwiderstand eines Seekajaks abzuleiten. Wir benötigen vielmehr dann auch Daten über:

 

 

Außerdem müssten wir dann noch wissen, in welcher funktionellen Beziehung diese Einflussgrößen alle stehen. Wie die Kayak Reviews des SEA KAYAKER zeigen, ist die Bestimmung des Wasserwiderstandes eine äußerst komplexe Angelegenheit. Wir Küstenkanuwanderinnen und –wanderer, die noch nicht einmal gewohnt sind mit Werten zur Wasserlinienlänge und –breite zu arbeiten, sind daher – von wenigen Ausnahmen abgesehen - nicht dazu in der Lage, selber konkrete Widerstandswerte für bestimmte Geschwindigkeiten und Zuladungen zu ermitteln. Was uns bleibt, sind „Daumenregeln“ wie „Länge läuft“, „Breite bremst“, „Rundspant rennt“, „Kielsprung kurvt“, „Leicht läuft leicht“ ….

 

Dennoch können wir etwas aus den Daten der bislang 114 Seekajak-Tests, die SEA KAYAKER seit 1993 veröffentlicht, lernen:

 

D.h. wenn wir unterwegs entlang der Küste nicht schneller als 7,4 km/h paddeln wollen, brauchen wir eigentlich nicht auf Länge & Breite eines Seekajaks zu achten, Hauptsache es gehört zu den Seekajak (welche i.d.R. nicht kürzer als 420 cm und nicht breiter als 65 cm sind).

 

(1)   INUK (550x51 cm; ca. 315 Liter Volumen) (Kirton/GB)

mit den folgenden Daten:

-          Wassserlinienlänge/-breite: 535x50,5 cm,

-          Prismatischer Koeffizient: 0,50

-          benetzte Wasserfläche: 22,75 sq.ft.

-          Tiefgang: 14,0 cm

-          Wassserwiderstand bei 5 kn = 2,95 kg bzw. 6 kn = 5,22 kg

 

(2)   BAHIYA (532x52 cm; ca. 299 Liter Volumen) (P&H/GB)

mit den folgenden Daten:

-          Wassserlinienlänge/-breite: 452x52,8 cm,

-          Prismatischer Koeffizient: 0,52

-          benetzte Wasserfläche: 21,36 sq.ft.

-          Tiefgang: 115,2 cm

-          Wassserwiderstand bei 5 kn = 3,67 kg bzw. 6 kn = 6,59 kg

 

Übrigens, am 11. Dez. 2005 findet auf der Alster die

 

13. Nikolausregatta des ACC“

 

statt. Vielleicht können die Skeptiker des TOURYAK ja einen leistungsstarken Kanuten überreden, im TOURYAK die ca. 10 km lange Strecke zu paddeln. Wenn er dann immer noch vor den Seekajakfahrern ankommt, die ansonsten schneller paddeln , spricht das nicht nur für ihn, sondern auch etwas für den TOURYAK.

 

Text: U.Beier – www.kanu.de/kueste/

Link: Eine Aufstellung der Wasserwiderstandswerte von insgesamt 114 Seekajaks, die SEA KAYAKER seit 1993 ermittelt hat, finden wir auf der DKV-Homepage:

è www.kanu.de/nuke/downloads/Resistance.pdf