07.07.2006 Rettungsmöglichkeiten im Falle einer Kenterung (Ausrüstung)

 

Ja, welche Möglichkeiten bestehen eigentlich beim Küstenkanuwandern, damit eine Kenterung weitab von der Küste nicht tödlich endet. Eine 100%ig Lösung dieses Kenterproblems wird es beim Küstenkanuwandern nicht geben, außer wir begeben uns einfach nicht in Gefahr und paddeln bloß bei unschwierigen Gewässerbedingungen (hier: Salzwasserschwierigkeitsgrad I), und das auch nur immer schön dicht entlang eines begehbaren Strandes.

 

Im Folgenden soll dennoch versucht werden, ein paar Alternativen aufzuzeigen. Und da manche Kanuten die Rettungsmöglichkeiten immer in Verbindung bringen mit „zentnerschwerer“ Last, soll so nebenbei auch darauf verwiesen werden, wie viel Kilogramm etwa anfallen, wenn wir uns für diese oder jene Alternative entscheiden.

 

1. Kentertüchtiges Kajak

 

Die Kenterung mit einem Kajak weitab von der Küste, sollte nicht gleich zu einem Seenotfall führen. Unser Kajak darf uns nicht die Möglichkeit verwehren, nach einer Kenterung wieder fahrtüchtig zu werden. Das setzt ein paar Ausrüstungsgegenstände voraus, die auch ein ansonsten nur ca. 13 kg schweres Kajak erheblich schwerer werden lässt; denn ein Kajak ist nur dann kentertüchtig, wenn es über die folgende Ausrüstung verfügt:

 

 

2. Beherrschung der Rettungsmethoden

 

Wer doch einmal kentern sollte – auszuschließen ist das übrigens nie; denn auch ein wirklicher Experte kann einmal kentern – der hat „gute Karten“, wenn er zuvor das Rollen (Inuitieren) bis zur Perfektion erlernt hat; denn wenn er kentert, rollt er einfach wieder auf und paddelt weiter, als ob nichts geschehen wäre. - Übrigens, die Beherrschung der Rolle setzt stetes Training voraus (was zur Senkung des Körpergewichts so um die 2 kg führt).

 

Leider gibt es keine „Bombproof Roll“; denn es nie auszuschließen, dass aus irgendeinem Grund – und sei es, dass wir bei der Kenterung den Schenkelhalt verloren haben und/oder die Spritzdecke sich geöffnet hat und/oder uns das Paddel aus den Händen gerissen wird – es mal nicht mit der Rolle klappt. Dann gilt es nach dem „nassen Ausstieg“ wieder einzusteigen. Als Alternativen bieten sich dabei an: „Reentry and Roll“ oder Wiedereinstieg mit Kameradenhilfe (z.B. V-Wiedereinstieg bzw. Parallel-Wiedereinstieg) an bzw., sofern wir über ein:

 

 

verfügen, der „Paddlefloat-Reentry and Roll“ oder der Wiedereinstieg per Paddelfloat. Sollte unglücklicherweise der „Kenterbruder“ nach einer Kenterung nicht mehr fahrtüchtig sein (z.B. Arm-/Beinverletzung, Angst, Seekrankheit, Erschöpfung; Materialschaden), ist es weiterhin erforderlich, dass die Gruppe in der Lage ist, ihn notfalls aus der Gefahrenzone hinaus oder zurück ans Land zu schleppen, was Folgendes voraussetzt:

 

* Schleppleine (ca. 0,3 kg).

 

Auf ein solches Szenario müssen wir und die uns begleitenden Kanutinnen und Kanuten vorbereitet sein, gegebenenfalls auch darauf, zur Stabilisierung der Seekajaks während der Rettungsaktion einen:

 

 

einzusetzen. Je mehr dieser Alternativen wir beherrschen, desto eher befinden wir uns auf der sicheren Seite und desto sicherer können wir uns fühlen.

 

3. „Life-Line“

 

Da es ebenfalls nicht auszuschließen ist, dass wir nach einer Kenterung mit Ausstieg den Griffhalt zu unserem Seekajak verlieren, hat jener weniger Schwierigkeiten, der sich vor der Kenterung mit einer

 

 

gesichert hat.

 

4. Rettungsweste

 

Klappt es – aus welchen Gründen auch immer - nach einer Kenterung mit dem Wiedereinstieg nicht, so ist es von Vorteil, wenn wir über eine:

 

 

verfügen. Sie bietet wohl keine 100%ig Garantie gegen das Ertrinken an, aber trägt immerhin zur Verlängerung der Überlebenszeit um über 100% (bei 15° C Wassertemperatur) bzw. über 300% (bei 10°C) bei; denn spätestens nach Eintritt der Ohnmacht wird ein „Kenterbruder“, der nur mit einer Schwimmweste ausgerüstet ist, ertrinken.

 

5. Neo oder Trockenanzug

 

Die Zeit bis zur Ohnmacht bzw. zum Ertrinken kann dadurch verlängert werden, dass wir uns gegen Unterkühlung schützen, was auf alle Fälle relevant wird, wenn die Wassertemperaturen unter  20° C liegen. In Frage kommen dafür Neo-Anzüge (jedoch schützt hier ein Long-John nur bedingt) bzw.

 

inkl. Neokopfhaube (ca. 0,05 kg).

 

Übrigens, ein Neo erhöht die Überlebenschancen bei 6°C Wassertemperatur um über 270% und ein Trockenanzug um etwa 600%.

 

6. Signalfarbenes Seekajak

 

Treiben wir nun hilflos im Wasser, so ist es wichtig, dass wir gesehen werden. Ein „Kenterbruder“, der einen:

 

 

trägt bzw. ein:

 

 

besitzt, wird bei kritischen Gewässerbedingungen (z.B. brechende See bzw. Dunkelheit) leichter entdeckt, als ein Kanute mit dunkler Kopfbedeckung bzw. ein weißes bzw. rotes Seekajak. Zudem ist es wichtig, dass ein Seekajak mit ein paar:

 

 

versehen wird, damit es in der Dunkelheit, wenn es von einem Suchscheinwerfer erfasst wird, leichter gefunden werden kann.

 

7. Signalpfeife, Nicosignal & Co.

 

Die Wahrscheinlichkeit gesehen zu werden, kann erhöht werden, wenn wir in der Lage sind, aktiv auf uns aufmerksam zu machen. Die:

 

 

ist wohl nicht sehr leistungsfähig. Je nach Windstärke/–richtung und Seegang kann sie jedoch manchmal – wenn überhaupt – nur wenige –zig Meter gehört werden. Auf Grund der leichten Verpackbarkeit, sollten wir dennoch nicht darauf verzichten.

 

Entsprechendes gilt für das:

 

 

Das alles ist besser als gar nichts und eignet sich zumindest zum Heranführen der Retter, aber auch dazu, um auf sich aufmerksam zu machen, sofern sich Dritte gerade in der Nähe aufhalten (hier: Schiffe, welche ca. 100 m entfernt an einem vorbei fahren). Es empfiehlt sich dabei, stets ein:

 

 

griffbereit dabei zu haben.

 

8. Seenotsignalmittel

 

Das Nicosignal sollte nicht ersetzt wohl aber ergänzt werden durch:

 

 

wobei die Leuchtraketen nur dann gekauft werden können, wenn wir über einen Pyro-Schein (sog. Sachkundenachweis) verfügen.

 

9. Handy und UKW-Sprechfunk

 

Wer seine Chancen erhöhen will, auf sich aufmerksam zu machen, möge auf ein:

 

 

zurückgreifen, welches jedoch wasserdicht zu verpacken ist, und möglichst auch auf ein:

 

 

welches wird jedoch ohne UKW-Sprechfunkzeugnis nur im Seenotfall benutzen dürfen. Der Einsatz beider Geräte setzt natürlich die griffbereite Lagerung voraus und macht es erforderlich, dass zum einen ein dauerhafter Funkkontakt hergestellt werden kann (bei Seegang ab 1 m werden wir wohl diesbezüglich Probleme bekommen) und das zum anderen Wind-/Seegangsgeräusche die Verständigung nicht erschweren.

 

10. Seenotbake

 

Möchten wir auf „Nr. Sicher“ gehen, sollten wir zusätzlich eine

 

 

dabei haben (sog. EPIRB). Derzeit gibt es Modelle mit eingebautem GPS-Gerät in handlicher Größe, die nicht nur ein Notsignal über 406 MHz ausstrahlen und dabei den per GPS ermittelten Standort aussenden, sondern auch eine Peilsignal über 121,5 MHz ausstrahlen, um das Auffinden vor Ort zu erleichtern. Zu empfehlen ist das obige Modell von ACR, welches schwimmfähig und bis 10 m wasserdicht ist. Die Alarmierungszeit soll bei ca. 5 Minuten und die Positionsgenauigkeit unter 75 Metern liegen.

 

Fazit

 

Wer auf das alles bei einer Tour hinaus aufs Meer weitab von der Küste verzichten will, lebt nicht ganz ungefährlich. Wer auf nichts verzichten will, muss dagegen allerhand Sicherheitsausrüstung mitschleppen, ohne eine Garantie dafür zu haben, immer wieder sicher zurück an Land zu kommen. Summa summarum kommen brutto bis zu 14,48 kg Gewicht zusammen, welches zur eigenen Sicherheit ins bzw. aufs Seekajak zu packen ist.. Aber die Netto-Rechnung sieht etwas anders aus:

 

und zwar betrifft das folgende Ausrüstungsteile:

0,40 kg für Spritzdecke

4,00 kg für doppelte Abschottung inkl. Gepäcklukendeckel

0,50 kg für Rettungshalteleinen

0,20 kg für Schenkelstützen

0,07 kg für Toggles

1,00 kg für farbiges Kajak

0,15 kg für Südwester o.ä. Kopfbedeckung

0,80 kg für Paddeljacke

0,17 kg für Handy (wasserdicht verpackt).

 

und zwar betrifft das folgende Ausrüstungsteile:

0,90 kg für installierte Handlenzpumpe

0,08 kg für Paddelsicherungsleine

1,25 kg für Rettungsweste (inkl. Signalpfeife)

0,14 kg für Reserve-CO²-Patrone

0,24 kg für Nicosignal

0,75 kg (zusätzlich) für Trockenanzug zzgl. Neokopfhaube

(ersetzt die Paddeljacke mit 0,8 kg))*

0,10 kg für Taschenlampe*

0,36 kg für Seenotfallschirm-Leuchtrakete*

(* = hierauf kann je nach Gewässerbedingungen verzichtet werden).

 

und zwar betrifft das folgende Ausrüstungsteile:

0,30 kg (zusätzlich) für extra feste Spritzdecke (z.B. Neo)

0,30 kg für Paddlefloat

0,30 kg für Schleppleine

0,15 kg für Life-Line

0,14 kg für Blitz-Rettungslicht

0,14 kg für 6schüssiges Reservemagazin für Nicosignal

0,25 kg für Rauchfackel

0,17 kg für Handfackel

0,72 kg für 2 Seenotfallschirm-Leuchtraketen

0,30 kg für UKW-Sprechfunkgerät

0,45 kg für Seenotbake

0,15 kg für Treibanker (auf Tidengewässer nicht unbedingt empfehlenswert)

 

D.h. für die Gruppen-Paddler fallen zusätzlich 2,61 kg bis 3,82 kg für extra Sicherheits-Ausrüstung an und für den Solo-Paddler bzw. Fahrtenleiter darüber hinaus noch weitere 3,37 kg.

 

Für manch sportliche Küstenkanuwanderer wäre es ein „Schock“, soviel „Sicherheitsgerödel“ mitzuschleppen. „Mein Seekajak darf inkl. Ausrüstung nicht mehr als 23 kg wiegen,“ meinte einmal ein Bremer Kanute zu mir, der mit mir an einer 4tägigen Tour „Rund Samsö“ teilnahm. Natürlich ist solch eine Aussage nicht ganz ernst zu nehmen! Sie macht aber deutlich, dass manche Kanuten die Ausrüstung so leicht wie möglich halten möchten. Das gilt zumindest dann, wenn sie sich auf einer Wettfahrt befinden, bei der jedes zusätzliche Kilogramm Gewicht sie langsamer werden lässt. Aber gilt das auch auf einer Küstentour, bei der es wohl auch darum geht, Strecke zu machen und bei Tageslicht bzw. innerhalb einer Tide anzukommen, aber bei der es eigentlich nebensächlich ist, dass wir mit einer Spitzenzeit unser Ziel erreichen!?

 

Wer für den „Seenotfall“ gewappnet sein möchte, hat etwas dafür zu tun. Mit paddeltechnischem Können, Erfahrung, Kondition und sicherheitsbewusstem Verhalten lässt sich manch kritische Situation problemlos überstehen, insbesondere wenn im Schutz einer Gruppe gepaddelt wird. Dennoch gibt es immer mal Situationen, bei denen wir uns selber in unserer Leistungsfähigkeit überschätzen bzw. bei denen wir uns in der Leistungsfähigkeit unserer Mitpaddler täuschen. An diese Fälle sollten wir denken, wenn wir uns daran machen, die Sicherheits-Ausrüstung auszuwählen, die wir mit auf Tour nehmen wollen. Allein bei einer Person seines Vertrauens einen „Passage Plan“ zu hinterlegen, genügt jedenfalls nicht; denn bis der die Auslösung des Seenotfalls vorsieht und bis dann die Retter vor Ort auftauchen, vergeht einfach viel zu viel Zeit.

 

Text: U.Beier – www.kanu.de/kueste/

Links:

Seetüchtigkeit: Ein Muss beim Küstenkanuwandern

è www.kanu.de/nuke/downloads/Seetuechtigkeit.pdf

Seekajak-Kauf: 10 praktische Hinweise

è www.kanu.de/nuke/downloads/Seekajakkauf-Hinweise.pdf

Seetüchtige Ausrüstungsgegenstände – 10 praktische Tipps

è www.kanu.de/nuke/downloads/Ausruestungsgegenstaende.pdf

Sausicher Seekajaks: Zur Kippligkeit von Seekajaks – 10 wacklige Tatsachen

è www.kanu.de/nuke/downloads/Sausichere-Seekajaks.pdf

Sauschlechte Seekajaks: Gibt’s die überhaupt und auf was sollten wir achten?

è www.kanu.de/nuke/downloads/Sauschlechte-Seekajaks.pdf

Unabgeschottete Kajaks: Lenzprobleme – Liften, Lenzen & Pumpen

è www.kanu.de/nuke/downloads/Kajak-Lenzprobleme.pdf

Re-Entry & Roll

è www.kanu.de/nuke/downloads/Reentry+Roll.pdf

„Life-Line“: Ein Muss zumindest beim Solo-Küstenkanuwandern

è www.kanu.de/nuke/downloads/Life-Line.pdf

Toggles: 10 nicht ganz haltlose Punkte

è www.kanu.de/nuke/downloads/Toggle.pdf

Schwimmweste oder Rettungsweste: Was ist geeigneter fürs Küstenkanuwandern?

è www.kanu.de/nuke/downloads/Rettungsweste.pdf

Trockenanzüge: Ein Muss fürs Küstenkanuwandern? – Kauf-, Trage- u. Pflegeempfehlungen

è www.kanu.de/nuke/downloads/Trockenanzug.pdf

Sichtbarkeit: 10 einleuchtende Punkte

è www.kanu.de/nuke/downloads/Sichtbarkeit.pdf

Großgewässer-Gefahr Nr. 1: Unterkühlung

è www.kanu.de/nuke/downloads/Gefahr-Unterkuehlung.pdf

Kältetod: 10 Ausrüstungs- & Verhaltensempfehlungen

è www.kanu.de/nuke/downloads/Kaeltetod.pdf

Plädoyer für das “Nicosignal” als Grundausstattung

è www.kanu.de/nuke/downloads/Nicosignal.pdf

Seenot-Signalmittel – Technische Infos, Einsatzbereiche, Tipps & Erfahrungen

è www.kanu.de/nuke/downloads/Seenot-Signalmittel.pdf

Seenotfall-Meldung über UKW-Sprechfunk

è www.kanu.de/nuke/downloads/Mayday.pdf

Seenotsender: ACR AquaFix406

è www.kanu.de/nuke/downloads/Seenotsender-ACR.pdf

Seenotbaken

è www.kanu.de/nuke/downloads/Seenotbaken.pdf

Gruppenfahrten entlang der Küste: 10 erfolgsversprechende Kernpunkte

è www.kanu.de/nuke/downloads/Gruppenfahrten.pdf

Kameradschaft: 10 hilfreiche Punkte

è www.kanu.de/nuke/downloads/Kameradschaft.pdf

Gemeinschaft: 10 vermeidbare Fehler

è www.kanu.de/nuke/downloads/Gemeinschaft.pdf

Angstbewältigung: 5 beruhigende Aspekte

è www.kanu.de/nuke/downloads/Angstbewaeltigung.pdf

Solo-Küstentouren: 10 überlebenswichtige Fragen

è www.kanu.de/nuke/downloads/Solotouren.pdf

Tourenrückmeldung (Passage Plan) – Extern bzw. intern?

è www.kanu.de/nuke/downloads/Tourenrueckmeldung.pdf