15.10.2008 Steuer, Skeg oder nix davon? (Ausrüstung)

 

Ich traf einst mal an der Nordostspitze Schottlands ein paar Briten, die mich nicht nur vor den gefährlichen Strömungen dort oben warnen wollten, sondern mich auch – obwohl ich ein Skeg-Seekajak paddelte – darauf hinweisen wollten, dass sie es vorzögen, ganz ohne Steuer bzw. verstellbarem Skeg zu paddeln; denn wenn etwas an einem Seekajak kaputt ginge, dann ist es i.d.R. das Steuer bzw. Skeg. Richtig, … aber auch beim „Unten-ohne’“-Seekajak kann etwas kaputt gehen: nämlich derjenige, der solch ein Kajak unter raueren Bedingungen paddeln muss.

 

Experten können sehr gut selber entscheiden, was für sie für welches Paddelrevier und welches Tourenziel geeigneter ist: Steuer, Skeg oder nix davon. Insofern sind die folgenden Ausführungen nicht für sie bestimmt, sondern nur für jene Kanutinnen und Kanuten,

 

 

Okay, bis 2-3 Bft. Wind bzw. bei Gegenwindkursen sind auch diese Kanutinnen und Kanuten nicht auf ein Steuer-Seekajak angewiesen. Unter solchen Bedingungen müssten sie ein Skeg-Seekajak bzw. eine „Unten-ohne“-Seekajak beherrschen können. Viele von ihnen demonstrieren das auch stolz und paddeln ihr Seekajak meist auf Binnengewässern mit hochgezogenem Steuerblatt. Die Probleme fangen jedoch – je nach Leistungsfähigkeit – spätestens ab einem 3-4er Seiten- bzw. Rückenwind an, und zwar insbesondere vor der Küste. Dann trägt nämlich das hochgezogene Steuerblatt zur Luvgierigkeit bei und müsste eigentlich vernünftigerweise heruntergelassen werden, wenn man sich nicht Schultern, Ellenbogen, Handgelenke bzw. den Rücken kaputt paddeln möchte.

 

Die meisten Kanuten, die ein „Unten-ohne“-Seekajak paddeln, scheitern eigentlich schon daran, dass sie nicht den Trimmpunkt ihres Seekajaks kennen und nicht in der Lage sind, es richtig zu trimmen. Je schlechter ein solches Seekajak jedoch getrimmt ist, desto besser müssen aber die Paddeltechnik und die Kondition sein. Leider benötigt ein Kanute viel Erfahrung, um den Trimmpunkt seines Seekajaks zu bestimmen; denn ich kenne keinen Hersteller von Seekajaks, der den Trimmpunkt seiner Seekajaks kennzeichnet.

 

Entsprechendes trifft auch für die Skeg-Seekajaks zu. Das Skeg stellt wohl eine Trimmhilfe dar, ist aber nur bedingt in der Lage, ein vertrimmtes Seekajak so zu trimmen, dass es wieder neutral läuft, d.h. weder luv- noch leegierig ist. Das Skeg dient nämlich in erster Linie dazu, ein richtig getrimmtes Seekajak auch bei Seitenwindkursen geradeaus laufen zu lassen. Voraussetzung dafür ist jedoch, dass das Skeg die richtige Größe hat. Wenn der Hersteller nämlich ein zu kleines Skegblatt ausgewählt hat, kann der Paddler sein luvgieriges Seekajak nur mit Paddeltechnik (hier: asymmetrische Vorwärtschläge bzw. Rund- bzw. Ziehschläge; Ankanten) und auf Dauer zusätzlich nur mit Kondition am Anluven hindern. Eine weitere Voraussetzung ist jene, dass nicht mit Decklast gepaddelt werden sollte. Kaum ein Skeg ist nämlich in der Lage, die Luvgierigkeit zu korrigieren, die z.B. ein auf dem Achterdeck verstauter dicker Packsack auslöst. Helfen tut dann nur noch z.B. ein zweiter Packsack, der aufs Vorderdeck geschnallt wird. Ja, und was ist, wenn in einem Seekajak das Gepäck so verstaut wird, dass es von Anfang an leegierig ist. Nun, so etwas kann passieren, wenn die schweren Gegenstände nur im Heck verstaut werden. Dann heißt es Anlanden und umpacken; denn allein mit Hilfe des Skegs kann ein leegierig getrimmtes Seekajaks nicht korrigiert werden.

 

Was kann nun den anfänglich charakterisierten weniger erfahrenen Kanutinnen und Kanuten empfohlen werden: Steuer, Skeg oder „unten ohne“?

 

Wer von ihnen schneller unterwegs sein will und schneller Kursänderungen vornehmen möchte, dem kann ich nur zu einem Seekajak mit Steuer raten. Kurs zu halten, fällt einem in einem Steuer-Seekajak einfach leichter. Das gilt insbesondere bei Seiten- und Rückenwindkursen. Natürlich verursacht das Steuerblatt einen zusätzlichen Wasserwiderstand. Aber in Anbetracht dessen, dass man sich bei einem Steuer-Seekajak voll auf den Geradeausschlag konzentrieren kann, wird der bremsende Effekt eines Steuerblattes mehr als kompensiert. Darüber hinaus ist es bei rauem Seegang vielen nur mit Steuer möglich, ohne große Kenterängste zügig eine 180°-Kurve zu paddeln. Experten brauchen wohl für solch eine Kurve kein Steuer und sind mit dem Seekajak auch schneller rum, aber nur die trauen es sich, unter solchen Seegangsbedingungen ihr Seekajak bis zum Süllrand anzukanten und dann mit Steuerschlägen herumzuziehen.

 

Wer sich nun für ein Steuer-Seekajak entscheiden möchte, der sollte insbesondere eines mit integriertem Steuer in die engere Wahl seiner Kaufentscheidung ziehen. Ob er sich dann auch für solch ein Seekajak entscheidet, hängt natürlich auch von anderen Faktoren ab:

 

  1. Ist der Sitzhalt des Seekajaks (hier: Schenkel-, Hüft- und Beinhalt) in Ordnung?
  2. Stimmt das Volumen des Seekajaks`?
  3. Ist das Seekajak nicht zu kipplig?
  4. Will ich überhaupt solch Passagen bzw. bei solchen Gewässerbedingungen paddeln, wo ich auf ein Steuer angewiesen bin?
  5. Habe ich auch Lust dazu, zumindest halb so verbissen - wie z.B. Läufer für einen Marathon trainieren - dafür zu trainieren, dass ich ein Skeg-Seekajak zu beherrschen lerne?

 

Für mich bieten „Unten-ohne“-Seekajaks keine Vorteile. Sie sind eigentlich ein „Nischenprodukt“, sog. „Spielboote“, geeignet, um in der Brandung, insbesondere in „Tidalraces“ zu paddeln. Wer damit tagelang Strecke paddeln will, muss topfit sein und sich bewusst sein, dass er es am Ende der Tour dann u.U. nicht mehr ist.

 

Skeg-Seekajaks bieten für mich gegenüber den „Unten-ohne“-Seekajaks den Vorteil, dass sie sich mit dem Skeg leichter trimmen lassen. Der alleinige Vorteil gegenüber einem Steuer-Seekajak besteht darin, dass es – den richtigen Trimm vorausgesetzt – nicht ganz so schlimm ist, wenn das Skeg mal kaputt geht; denn insbesondere die britischen Skeg-Seekajaks sind so gebaut, dass sie – bei entsprechender Leistungsfähigkeit des Kanuten – auch ohne Skeg-Einsatz gepaddelt werden können.

 

Steuer-Seekajaks haben für mich allesamt den Nachteil, dass immer mal wieder an der Steueranlage etwas kaputt gehen kann. Mir selber sind in den letzten 25 Jahren zwei Mal die Steuerblätter abgebrochen. Meist ist der Schaden weniger gravierend, aber weitab von der Küste vielfach nicht unkritisch:

 

 

Eine Gefahr, die wir kennen, ist keine Gefahr! Wer also ein Steuer-Seekajak paddelt, sollte vor größeren Touren die Steueranlage daraufhin überprüfen, ob noch alles in Ordnung ist. Das gilt auch für per Schraubendrehung verstellbare Sitzschalen. Denn wenn plötzlich die Sitzschale verrutscht, kann weder das Steuer richtig bedient werden noch verfügt man über den entsprechenden Sitzhalt, der nötig ist, um ein Seekajak bei Seegang auch ohne Steuereinsatz auf Kurs zu halten.

 

Steuer-Seekajaks mit integrierte Steueranlage (z.B. von Pietsch & Hansen bzw. Lettmann) haben den Vorteil, dass das Steuerblatt bei Grundberührungsgefahr in den Rumpf eingezogen werden kann, ohne dass dadurch das Seekajak besonders luvgierig wird. Sie haben den Nachteil, dass das Steuerblatt bzw. der Steuerschacht im Unterwasserschiff beschädigt werden kann, wenn man Grundberührungen mit herunter gelassenem Steuerblatt billigend in Kauf nimmt. Übrigens, im Falle einer Beschädigung der Steueranlage sind insbesondere die Pietsch & Hansen-Seekajaks auf Grund ihres ausgeprägten Kielsprungs ab einem 4er Wind auch von Experten nicht immer beherrschbar. Bei den Lettmann-Seekajaks wird das wegen des für Lettmann-Seekajaks typischen geringeren Kielsprungs nicht ganz so problematisch sein, vorausgesetzt der Trimm stimmt.

 

Steuer-Seekajaks mit Heckumklapp-Steueranlage („Flip-off“) (hier wird das Steuerblatt soweit hochgezogen, bis es auf dem Achterdeck liegt) haben zusätzlich gleich mehrere Nachteile:

 

 

Steuer-Seekajaks mit dem finnischen „Navigator-Rudder“ haben darüber hinaus den Nachteil, dass das Steuerblatt beim Surfen relativ schnell aufschwimmt und somit den großen Vorteil von Steuer-Seekajaks, nämlich länger als mit Skeg-Seekajaks surfen zu können, nicht besitzen. Deshalb würde ich das „Navigator-Rudder“ als nur bedingt „surftüchtig“ einstufen.

 

Steuer-Seekajaks mit den bei Flusswanderkajaks bekannten „Klapp-Steueranlagen“ haben demgegenüber den Nachteil, dass das Steuerblatt auch im hochgezogenen Zustand bei einer Kenterung in der Brandung nicht vor Beschädigung geschützt werden kann. D.h. kentern wir in der Brandung mit solch einem Steuer und packt die Brandung das Seekajak und treibt es „rollenderweise“ in Flachbereiche, wird das Steuerblatt bei Grundberührung abbrechen, zumindest aber verbiegen. Insofern sind solche „Klapp-Steueranlagen“ praktisch nicht „brandungstüchtig“; denn gerade in der Brandung sind Kenterungen nicht auszuschließen. Gadermann bietet u.a. solch eine Steueranlage für seine Seekajaks an. Auch gibt es eine Firma in Vorpommern, die eine „Klapp-Steueranlage“ entwickelt hat.

 

Schließlich gibt es immer mal wieder Seekajaks mit einer Flossen-Steueranlage. Bei der ist das Steuerblatt wie bei manchen integrierten Steueranlagen unter dem Rumpf montiert, es kann jedoch nicht in den Rumpf eingezogen werden. Solange es möglich ist, mit einem solchen Seekajak stets im tieferen Wasser einzusteigen und ansonsten keine Gefahr der Grundberührung besteht, ist nichts gegen solchen eine Steueranlagen-Technik einzuwenden. Gerade fürs Paddeln entlang der Küste, insbesondere bei Brandungsbedingungen sind Grundberührungen jedoch nicht auszuschließen. Insofern können Flossen-Steueranlagen als nicht „brandungstüchtig“ eingestuft werden! Eine Ausnahme dazu stellt die vom finnischen Seekajakhersteller KAJAK-SPORT entwickelte Flossen-Steueranlage dar. Sie befindet sich nicht unter dem Heck, sondern am Ende des Hecks und besteht aus elastischem, aber releativ formbeständigem Plastik. Grundberührungen verkraftet das Steuerblatt ohne Weiteres. Selbst das Ziehen über Strand und Steine bereitet keine Probleme. Lediglich beim Starten vom Ufer aus (sog. „Robbenstart“) könnte dieses Steuerblatt einem Schwierigkeiten machen; denn es scharrt wie ein Pflug über den Boden und bremst einem dabei ab. Insbesondere bei Brandungsbedingungen könnte es dann passieren, dass es einem – wenn überhaupt - erst nach mehreren Anläufen gelingt, ins tiefere Wasser vorzurobben. Solange man immer einen Kanuten im Hintergrund hat, der einen ins Wasser schiebt, ist das jedoch nicht als kritisch anzusehen. Ansonsten wird es einem bewusst werden, dass der Start vom Flachen durch die Brandung ins Tiefe der schwierigste Teil einer Brandungsfahrt ist.

 

Last not least, zur Steueranlage gehören auch die Pedalen. In Anbetracht dessen, dass Paddelarbeit zum Teil auch „Beinarbeit“ ist, sollte darauf geachtet werden, dass die mit jedem Vorwärtspaddelschlag verbundene Beinbewegung nicht zu einer Verschiebung der Pedalen und somit zu einem ungewollten Steuerblattausschlag führt. Steuerpedalen, die es ermöglichen, dass zumindest der Hacken der Füße so abstützt werden kann, dass daraus keine Pedalbewegung resultiert, erfüllen diese Forderung. Das trifft in der Regel jedoch nicht für jene – insbesondere bei den meisten britischen und finnischen Seekajaks eingebauten - Steuerpedalen zu, die seitlich, nahe der Innennahtverklebung auf einer Schiene angebracht sind.

 

Text: U.Beier