18.12.2008 Rettungswesten: Wo bleibt die handbreit Luft unterm Kinn? (Ausrüstung)

 

Stell dir das mal vor:

 

Du trägst beim Paddeln entlang der Küste eine aufblasbare Rettungsweste. Nach einer Kenterung musst du aussteigen. Ein Brecher reißt dir dein Seekajak aus den Händen und der Wind treibt es schneller davon als du schwimmen kannst! Deine Mitpaddler sind bei dem rauen Seegang nicht in der Lage, dir beizustehen. Sie drehen ab, um Hilfe herbeizurufen. Währenddessen versuchst du, in Richtung dem nur 1 km entfernten Strand zu schwimmen. Als du merkst, dass das Schwimmen zwecklos ist, da der Tidenstrom dich hinaus auf die offene See treibt, ziehst du am Auslösegriff deiner halbautomatisch aufblasbaren Rettungsweste. Die Gas-Patrone „zündet“ und bläst mit einem Knall den Auftriebskörper  auf, und zwar so stark, dass du im ersten Moment meinst, er würde dich erwürgen. Doch unmittelbar danach entweicht die Luft wieder aus dem Auftriebskörper!? Etwas verdutzt greifst du zum Mundventil des Auftriebskörpers und fängst an, über das Ventil Luft in den Auftriebskörper zu blasen. Aber der Wasserdruck drückt sofort die eingeblasene Luft wieder hinaus aus dem Ventil!

 

Das genau passierte einem Kanuten, jedoch zum Glück nicht draußen auf dem Meer, sondern zu Hause auf dem Teppich, als er beim Anprobieren seiner neuen SECUMAR-Rettungsweste „Canoe Plus“ versehentlich die Gas-Patrone zündete und damit über 28,- Euro in die Luft blies. M.E. war das für uns Kanuten „gut angelegtes Geld“! Warum?

 

1. Dieser Fall macht uns bewusst, dass auch eine nagelneue aufblasbare Rettungsweste nicht unbedingt funktionstüchtig sein muss und dass es deshalb zwingend nötig ist, nach dem Kauf einer Weste diese persönlich – also nicht durch Dritte – vor dem ersten Einsatz auf ihre Funktionstüchtigkeit zu überprüfen, zumindest was die Dichtigkeit des Auftriebskörpers, die Funktionstüchtigkeit des Mund-/Entlüftungsventils und die richtige Montage der Gas-Patrone betrifft.

 

2. Dieser Fall verdeutlicht, dass irgendeiner einen Fehler gemacht hat:

Egal wer es war, in Folge eines defekten oder klemmenden Ventils entwich die Luft wieder, die über die Gas-Patronen eingeblasen wurde.

In diesem konkreten Fall lag es wahrscheinlich am Händler; denn beim Probebetrieb im Geschäft hielt das Ventil noch die Luft. Zu Hause nach der versehentlichen Auslösung der Gas-Patrone, war die Staubschutzkappe nicht mehr auf dem Ventil und das Ventil selber klemmte und war folglich undicht.

 

3. Dieser Fall zeigt, dass die Firma SECUMAR es versäumt hat, ausdrücklich und mit vollem Nachdruck darauf hinzuweisen, dass es quasi bei einem späteren Seenotfall lebensgefährlich werden kann, wenn beim Entlüften des Auftriebskörpers das Mundventil mit einem anderen Gegenstand als der dafür vorgesehen Staubschutzkappe heruntergedrückt wird. Es wird zwar in der Gebrauchsanweisung einen Hinweis gegeben, dass beim Entlüften des Auftriebskörpers die umgedrehte Staubschutzkappe – jedoch „niemals spitze Gegenstände“ - ins Ventil zu drücken ist, aber das erfolgt nicht sichtbar als Warnhinweis! Weiterhin fehlt ein entsprechender zusätzlicher Warnhinweis, der direkt am Ventil angebracht werden sollte, sodass Händler, aber natürlich auch Kunde beim erstmaligen Hantieren mit einer solchen Weste regelrecht darauf gestoßen werden.

 

In dem hier geschilderten Fall löste übrigens eine leichte Berührung des klemmenden Mund-/Entlüftungs-Ventils mit einer spitzen Zange sofort die Verklemmung. Das Ventil war wieder voll funktionstüchtig! Mir war es auch nach –zigmaligen Probedrücken mit der Staubschutzkappe einfach nicht mehr möglich, nochmals das Ventil so zu drücken, dass es wieder klemmte.

 

Externe Wartung: Alle 2 Jahre!

 

Der erste Check nach dem Kauf einer Rettungsweste reicht allerdings nicht; denn solche Westen bedürfen der Wartung. Z.B. schreibt die Firma SECUMAR für ihre Rettungswesten alle 2 Jahre eine Wartung vor (z.B. Secumar-Preis: ab ca. 37,- Euro) und das auch nur für die ersten 10 Jahre. Danach sind sie jährlich zu warten. Westen, die älter als 15 Jahre sind, werden nicht mehr gewartet, da ihre Zuverlässigkeit auch bei vorheriger Wartung nicht mehr 100%ig gesichert ist. So lösten sich bei einem „wartungsresistenten“ Kanuten einst bei einer ca. 15 Jahre alten Rettungsweste beim Probeaufblasen per Mund die Verklebungen des Auftriebskörpers.

 

Interne Wartung: Unvernunft & Geiz?

 

Wer wider alle Vernunft bzw. aus Geiz auf diese externe Wartung verzichtet, sollte dann wenigstens eine persönliche Wartung seiner Rettungsweste vornehmen, und zwar mindestens einmal jährlich bzw. nach mehrwöchigem Einsatz:

 

  1. Rettungsweste entfalten,
  2. CO2-Patrone auf Unversehrtheit überprüfen,
  3. Weste per Mund prall aufblasen,
  4. Mund-/Entlüftungsventil auf Funktionstüchtigkeit überprüfen,
  5. Weste nochmals prall aufblasen und über Nacht (16 Std.) liegen lassen, um zu prüfen, ob der Auftriebskörper Luft lässt.
  6. Wenn die Weste auch nur ganz wenig Luft lässt, sollte nach dem Leck gesucht werden. Das Leck kann auf das Ventil, die Aufblasautomatik bzw. den Auftriebskörper zurückzuführen sein. Lediglich kleines Loch im Auftriebskörper kann mit etwas Sachkunde z.B. mit „SeamGrip“ selber geflickt werden.

 

Leider ist eine solche interne Wartung auch nicht umsonst; denn spätestens beim Testen der Funktionstüchtigkeit der Aufblasautomatik müssen wir eine Gas-Patrone „opfern“ (z.B. Secumar-Preis für eine 32-g-Patrone: ca. 18,- bis 29,- Euro). Auf diese Weise können wir jedoch feststellen, ob der Auftriebskörper auch noch den Druck aushält, den eine solche Patrone erzeugt.

 

Natürlich ersetzt eine solche jährliche interne Wartung weder eine externe Wartung noch den von SECUMAR empfohlenen Check jeweils vor jedem Einsatz der Rettungsweste.

 

Ein paar Tipps

 

Übrigens, all diese Checks und Wartungsarbeiten nützen nicht viel, wenn wir vor lauter Angst, die Gas-Patrone mal aus Versehen auszulösen, beim Tragen der Rettungsweste die „Reißleine“ mit Griff tief innerhalb der Rettungsweste so verstecken, dass wir sie bei Panik kaum auffinden können.

 

Natürlich könnten wir diesem Fall vorbeugen und die Aufblasautomatik so einstellen, dass sie bei Wasserkontakt automatisch auslöst. Aber für Kanuten ist das nur bedingt empfehlenswert, und zwar nur im Winter bei Wassertemperaturen unter +10° C. Denn dann besteht bei einer plötzlichen Kenterung die Gefahr des Kälteschocks, der uns daran hindern könnte, die „Reißleine“ zu ziehen. In der Sommersaison und bei spritzendem Seegang sollten wir jedoch die Aufblasautomatik deaktivieren. Nach einer Kenterung können wir dann selber entscheiden, wann wir „ziehen“.

 

Anders als Segler, die nach einem Überbordfallen auf hoher See relativ hilflos im Wasser treiben, haben wir nach einer Kenterung mit Ausstieg neben uns noch unser Seekajak, in das wir doch wieder einsteigen möchten. Mit aufgeblasener Rettungsweste fällt uns dass jedoch u.U. schwerer. Zumindest gilt das für den Parallel-Wiedereinstieg, nicht jedoch so sehr für den V-Wiedereinstieg. „Re-Entry and Roll“ aber auch das Lenzen unseres Seekajaks aus der Schwimmposition heraus könnte uns sogar mit aufgeblasener Rettungsweste leichter fallen. Aber was machen wir dann mit der aufgeblasenen Rettungsweste, wenn wir wieder in unserem Seekajak sitzen? Soweit die Luft ablassen, dass die Rettungsweste beim weiteren Paddeln nicht mehr stört? Nun, bei einer erneuten Kenterung haben wir dann zumindest die Möglichkeit, den Auftriebskörper über das Mundventil mit 2-3, max. 6 Luftstößen wieder prall aufzublasen.

 

Ich persönlich würde jedoch nach einer Kenterung mit Ausstieg die Rettungsweste erst dann aufblasen, wenn mir der Wiedereinstieg ohne aufgeblasene Rettungsweste nicht gelingt!

 

Text: U.Beier