27.07.2009 Schleppleinen & -methoden (Ausrüstung)

 

Ich kann mich kaum noch daran erinnern, dass bislang während der von mir geführten Touren jemand geschleppt werden musste, da anderenfalls die Tour anderes als geplant abgelaufen wäre.

 

Es passierte damals bei einer Gepäckfahrt von Hooge über Amrum nach Föhr. Eine Kanutin paddelte in einem geliehenen Seekajak mit Steuer. Trotz des Seitenwindes ließ sie das Steuer oben und versuchte stattdessen mit Bogenschlägen ihr Boot auf Kurs zu halten. „Mach doch dein Steuer runter!“ rief ich ihr irgendwann mal zu und erhielt als Antwort: „Bringt nichts, meine kurzen Beine reichen nicht bis zu den Steuerpedalen!“ Bald darauf fiel sie soweit ab, dass es sich anbot – handelte es sich doch um einen Einweisungsfahrt – zwei Mitpaddlerinnen zu beauftragen, das Schleppen zu üben, und zwar bei der Kanutin mit den ach so kurzen Beinen.

 

Das ist schon einige Jahr her. Ich hatte wohl Glück gehabt; denn bei meiner diesjährigen Einweisungsfahrt, die am ersten Tag von Schlüttsiel über Oland und Gröde nach Hilligenley/Langeness führen sollte, mussten gleich zwei Kanuten geschleppt werden.

 

1. Der eine Kanute fuhr in einem Skeg-Seekajak von P&H und hatte wohl zu viel Gepäck dabei; denn sowohl auf dem Achterdeck als auch auf dem Vorderdeck musste er einen Gepäcksack verstauen, dazu kamen noch Reservepaddel und ein Schutzhelm. Bei dieser Beladung war sein Seekajak falsch getrimmt und bei einem ca. 4er Wind extrem luvgierig. Wir versuchten den Trimm des Seekajaks zu ändern, indem das Reservepaddel vom Achtdeck genommen und auf dem Vorderdeck verstaute wurde. Außerdem musste der Kanute den Schutzhelm aufziehen. Aber auch dann war das Seekajak noch luvgierig. Ich nahm das erneut zum Anlass, dass eine Kanutin und ein Kanute am Beispiel des luvgierigen Kanuten das Schleppen üben sollten. Verwendet wurde dabei eine Schleppleine, die den „V-Schlepp“ ermöglichte. Die zwei „Schlepper“ paddelten parallel nebeneinander und zogen den luvgierigen Kanuten hinter sich her. Bei dem Seegang war das nicht so einfach; denn insbesondere die Kanutin mit einem Skeg-Seekajak konnte kaum Kurs halten. Daraufhin wurde die Fahrt hinüber nach Gröde abgebrochen und gleich gegen den Wind Richtung Hilligenley gepaddelt und geschleppt. Als dann zwei Kanuten mit je einem Steuer-Seekajak das Schleppen übernahmen, konnte wieder richtig Strecke gepaddelt werden. Übrigens, am nächsten Tag hatten wir mit dem Kanuten keine Probleme mehr; denn er hatte nun versucht, möglichst sein gesamtes Gepäck unter Deck zu verstauen. Sein Reservepaddel und das restliche Gepäck, was nicht unter Deck passte, wurden an die übrigen Mitpaddler verteilt.

 

Der andere Kanute fuhr in einem Lettmann-Seekajak mit jenen Lukendeckeln, die über einen zentralen Schraubverschluss verfügen. Anscheinend hatte der Kanute den Deckel auf dem Achterdeck nicht richtig verschlossen. Zumindest lief allmählich Wasser in den hinteren Stauraum. En Mitpaddler merkte irgendwann, dass Achterdeck des betroffenen Kanuten ständig unter Wasser war. Ich forderte daraufhin nochmals die Kanutin mit dem Skeg-Seekajak auf, zu schleppen, dieses Mal aber im „Single-Schlepp“, d.h. sie sollte mit ihrer Leine, die für den „V-Schlepp“ nicht hergerichtet war, ganz alleine schleppen. Zumindest das Schleppen gegen den Wind fiel ihr in ihrem Skeg-Boot nicht schwer. Wie der „Single-Schlepp“ mit einem Skeg-Seekajak bei Seitenwind bei einem 4er Seitenwind funktioniert hätte, konnte wegen des drohenden „Untergangs“ nicht mehr ausprobiert werden.

 

Jeder möge nun selber seine Schlussfolgerungen aus meinen Fallschilderungen ziehen. Natürlich habe ich zu diesen Fällen auch eine eigene Meinung, der auch auf andere Fälle zugrunde liegen, die ich in den letzten 25 Jahren erlebt habe.

 

1.      Ich nehme auf Tour hinaus aufs Meer nur sehr ungern Kanuten mit, die mit einem geliehen Seekajak kommen.

2.      Bei Kanuten mit einem Skeg-Kajak bin ich äußerst skeptisch, ob sie in der Lage sind, bei Deckslast ihr Seekajak so zu trimmen, dass sie mit dem Skeg eine etwaige Luv- oder Leegierigkeit neutralisieren können.

3.      Der „V-Schlepp“ ist bei längeren Schlepppassagen die am wenigsten anstrengende Methode, um einen Kanuten zu schleppen, sofern die beiden „Schlepper“ bereit sind, sich beim Schleppen aufeinander abzustimmen!

4.      Wenn mehrere Kanuten zum "V-Schleppen" in Frage kämen, würde ich stets jene auswählen, deren Kajak über ein Steuer, möglichst ein unter dem Heck integriertes Steuer (wird angeboten z.B. von Pietsch & Hansen sowie Lettmann) verfügt.

5.      Ein Kanute mit Skeg-Kajak käme bei meinen Touren nur dann als "Schlepper" in Frage, wenn der "Single-Schlepp" angewandt wird.

6.      Ansonsten wünsche ich allen Kanuten, nur bei Gegenwindkursen schleppen zu müssen.

 

Das hier ist kein allgemeiner Beitrag zum Schleppen; denn sonst müsste hier noch auf die verschiedensten Probleme eingegangen werden, mit denen man beim Schleppen konfrontiert wird:

 

·         Die Schleppleine sollte griffbereit möglichst auf Deck liegen.

·         Je höher die Schleppleine am Rücken geführt wird, desto weniger kann sie sich am Heck des eigenen Seekajaks verheddern; desto kippliger wird jedoch der "Schlepper".

·         Schleppleinen haben die unangenehme Eigenschaft, sich an Gepäckstücken zu verhaken, die auf dem Achterdeck transportiert werden.

·         Entsprechend verhaken kann sich auch die Schleppleine an der Steueranlage, die außen am Heckende montiert ist, bzw. bei einem weit hoch auslaufenden Ende des Hecks.

·         Aluminium Haken, die man an dem zu schleppenden Seekajak einhakt, können sich verbiegen bzw. können korrodieren.

·         Im Notfall muss es möglich sein, dass der "Schlepper" seine Schleppleine abwerfen kann. Die beim WW-Fahren gebräuchlichen Panikschnallen sind dabei weniger geeignet als die aus dem Rucksackbereich bekannten "Steckverschlüsse".

 

Text: Udo Beier