02.10.2010 Zur Klassifizierung von Seekajaks (Ausrüstung)

 

In der diesjährigen letzten Ausgabe von KANU MAGAZIN bringen Norbert Erdmann, Roland Krams und Tobias Wowk unter dem Titel:

 

„Wahl der Waffe“ – Welches Seekajak hätten’s denn gern?

 

einen Beitrag zum Thema „Kaufberatung“.

 

Insgesamt werden 17 verschiedene Seekajaks kurz und prägnant vorgestellt (die Volumenangaben sind nachträglich von mir hier für diese Info ergänzt worden), darunter:

 

3 „Grönländer“:

  • Greenland (545x50cm; ca. 224 Liter Volumen) von Tahe,
  • Sea Pearl (543x52cm; ca. 247 Liter Volumen) von Seabird,
  • Rumour (488x50 cm; ca. 263 Liter Volumen) von Current Design),

 

2 „Spielboote“:

  • Pintail (523x53 cm; ca. 300 ? Liter Volumen) von Valley,
  • X-cite (525x53 cm; ca. 366 Liter Volumen) von Tiderace),

 

5 „Allrounder“:

  • Chatham PE 17 (520x53 cm; ? Liter Volumen)) von Necky,
  • Cetus 178 MV (541x55 cm; ca. 332 Liter Volumen) von P+H,
  • Atlantic PE (515x55 cm; ca. 360 Liter Volumen) von North Shore,
  • Nordkapp (548x53 cm; ca. 310 ? Liter Volumen) von Valley,
  • Tempest 170 (518x56 cm; ca. 335 Liter Volumen) von Wilderness Systems,

 

4 „Expeditionsboote“:

  • Proteus (520x57 cm; ca. 385 Liter) von Prijon,
  • Bigfoot II (555x57 cm; ? Liter Volumen) von Welhonpesä,
  • Storm GT (518x61 cm; ca. 395 Liter Volumen) von Current Designs,
  • Magellan (550x58 cm; ca. 367 Liter Volumen) von Lettmann)

 

und

 

3 „Meilenfresser“:

  • H2O (547x54 cm; ca. 360 Liter Volumen) von Seabird,
  • Esplora (530x52 cm; ca. 350 Liter Volumen) von Fancesconi
  • Zegul 530 (530x52 cm; ? Liter Volumen) von Zegul/Tahe.

 

Die Boote stammen aus dem Sortiment eines Händler auf Rügen ( www.kayak4you.de ). Die Auswahl ist diskutabel, wenn auch begrenzt; denn es fehlen z.B. nicht nur ein paar Seekajaks des Briten Nigel Dennis (z.B. Pilgrim, Explorer und Romany), des finnischen Herstellers Kajak-Sport (z.B. Viking, Marlin, Viviane)), sondern auch alle Seekajaks mit integrierter Steueranlage, die Lettmann (z.B. Godthab XL, Polar, Nordstern und Hanseat) und Pietsch & Hansen (z.B. Oland, Amrum, Habel und Gröde) anbieten.

 

Der Beitrag zeigt, dass die Autoren über genügend Fachkenntnisse verfügen. Leider gelingt es ihnen mit ihrem Beitrag nicht, den unbedarften Leser dazu zu befähigen, dass für sie richtige Seekajak zu finden.

 

Besonders hervorzuheben an diesem Beitrag ist, dass die Autoren eine Kategorisierung der Seekajaks in 5 Klassen vornehmen, nämlich in:

 

  • Grönländer, Spielboote, Allrounder, Expeditionsboote und Meilenfresser

 

Das kann als ein Diskussionsbeitrag verstanden werden. Leider ist die Einteilung nicht immer präzise beschrieben worden:

 

Ein „Grönländer“ soll „flach, schmal und eng“ sein. Aber was ist darunter genauer zu verstehen; denn für einen 120 kg schweren Kanuten fiele dann jedes Seekajak bis ca. 350 Liter Volumen mit einer max. 70 cm langen Sitzluke unter diese Klasse? Gemeint sind eigentlich Seekajaks:

 

  • die den niedrigvolumigen (max. 250 Liter),
  • schmalen (max. 52 cm),
  • niedrigen (max. 25 cm)
  • südwestgrönländischen Kajaks der Inuits nachempfunden sind,
  • meist mit über 500 m Länge,
  • Knickspant
  • und kleiner runder Sitzluke.

 

Deshalb würde auch keiner den „Rumour“ (Current Designs) als „Grönländer“ bezeichnen. Das ist ein ganz normales Seekajaks, was sich nur dadurch auszeichnet, dass es über sehr wenig Volumen verfügt (ca. 263 Liter).

 

Die Defintion für „Spielboote“ ist schon präziser, insbesondere was das Kriterium:

 

·         „extremer Kielsprung“

 

betrifft. Die weiteren Kriterien (= buglastige Volumenverteilung, stark gefirstete oder abgerundete Oberdecks) jedoch sollten eigentlich für alle Seekajaks gelten. Demgegenüber fehlt eine Aussage über das Volumen; oder kann etwa ein 400-Liter-Seekajak auch ein „Spielboot“ sein?

 

Die Klasse „Meilenfresser“ wird jedoch weniger nachvollziehbar definiert. Natürlich sind sie für „guten Leichtlauf“ und „hohes Tempo“ gebaut, aber auf welche Eigenschaftsmerkmale sind diese beiden Kriterien zurückzuführen? Und ob geringes „Ladevolumen“ ein Kriterium für diese Seekajak-Klasse ist, kann erst beurteilt werden, wenn die Autoren konkret werden und das maximale Volumen nennen. Das tun sie aber nicht. Was ihnen auch schwer fallen dürfte; denn von den 8 schnellsten fürs Küstenkanuwandern geeignete Seekajaks, die der us-amerikansiche SEA KAYAKER getestet hat, haben 6 ein Volumen, das zwischen 368 und 408 Liter liegt, z.B. Freya Hoffmeisters Seekajak „18 X Sport“ (549x56 cm) (Epic) hat ca. 369 Liter Volumen, „Viviane“ (580x55 cm) (Kajak Sport) ca. 392 Liter, „Expedition“ (571x55 cm) (Current Designs) 408 Liter, lediglich der „Inuk“ (550x51 cm) (Nelo/Kirton) hat ca. 315 Liter Volumen:

 

www.kanu.de/nuke/downloads/Sauschnelle-Seekajaks.pdf

 

Eigentlich liefern die Auftoren nur eine konkrete Angabe als Kriterium für „Meilenfresser“: „Die Längen bewegen sich zwischen 5,30 und fast 6 Metern.“ Das aber hilft den Kaufinteressenten nicht weiter; denn über die Hälfte aller in Europa angebotenen Seekajaks sind länger als 5,30 m:

 

www.kanu.de/nuke/downloads/Marktuebersicht-SK1.pdf

 

Aber woran denn erkennt man einen „Meilenfresser“? Nun:

 

  • am fehlenden bzw. möglichst geringen Kielsprung,
  • an einer Breite von max. 55 cm,
  • an einem abgeflachtem Rundspant,
  • an einem stetig konvex geformten Unterwasserschiff,
  • an einer Wasserlinienlänge von min. 540 cm
  • und an einem Steuer.

 

Ebenfalls wird nicht gesagt, wie man einen „Allrounder“ von einem  „Expeditionsboot“ unterscheiden kann. Die für diese Klasse vorgenommene Auswahl von Seekajaks ist wohl treffend, aber worin liegt der eigentlich Unterschied? Die Antwort muss man beim Volumen suchen:

 

·         Die „Allrounder“ liegen – je nach Körpergröße und –gewicht - so in etwa zwischen 300 und 360 Liter Volumen

·         und die „Expeditionsboote“ über 360 Liter.

 

Die Autoren selber bleiben dagegen recht vage. Sie bezeichnen die „Expeditionsboote“ wohl als „großvolumige Frachter“, ohne jedoch zu sagen, wann ein Seekajak anfängt „großvolumig“ zu werden. Vielleicht ist es ihnen bewusst, dass auch mit „kleinvolumigen“ Seekajaks (z.B. mit dem „Nordkapp“ (Valley) (ca. 310 Liter Volumen) schon große Expedition gepaddelt wurden (z.B. zum Kap Horn). Selbst mit einem „Habel“ (Pietsch & Hansen) (ca. 360 Liter Volumen) waren Christoph Beyer und Petra Basch zweimal je ein halbes Jahr unterwegs gewesen, und zwar einmal zum Nordkap und das andere Mal zum Kap Horn.

 

M.E. wäre eine Klassifizierung von Seekajaks nach Volumen-Klassen die informativere Einteilung:

 

  • S-Klasse (bis 300 Liter),
  • M-Klasse (über 300 bis 350 Liter),
  • L-Klasse (über 350 – 400 Liter)
  • und XL-Klasse (über 400 Liter).

 

Wer nun ein „Spielboot“ haben möchte, der suche nach einem Seekajak mit max. 320 Liter Volumen, etwas mehr Kielsprung, möglichst Knickspant, einer Breite von max. 58 cm und einer Wasserlinienlänge von max. 475 cm.

 

Wer sich nach einem „Meilenfresser“ sehnt, der sollte weniger auf das Volumen achten, sondern darauf, dass ein Seekajak möglichst wenig Kielsprung, einen abgeflachten Rundspant, eine Breite von max. 55 cm, ein konvexes Unterwasserschiff, eine Wasserlinienlänge von mindestens 540 cm und ein Steuer hat.

 

Und wer ein „Expeditionsboot“ wünscht, also ein Seekajak, mit dem er mehr als 2 Wochen unterwegs sein will, der sollte nach einem Boot Ausschau halten, das über 360 Liter, besser: 400 Liter Volumen hat. Wenn man sich jedoch überlegt, dass „Fußwanderer“ mit einem Rucksack mit max. 60-80 Liter Volumen über mehrere Wochen auf Tour gehen, kann man sich natürlich auch vorstellen, als „Küstenkanuwanderer“ mit einem Seekajak mit 300 Liter Volumen auf Expedition gehen zu können, zumindest dann, wenn die Beschaffung von Trinkwasser kein Problem darstellt. Das Seekajak hat nur eine einzige Bedingung zu erfüllen: Es muss passen, d.h. genügend Fuß-, Schenkel- und Hüfthalt bieten:

 

www.kanu.de/nuke/downloads/Volumen&Sitzhalt.pdf

 

Text: Udo Beier

Quelle: KANU MAGAZIN, Nr. 5/10, S.48-55 – www.kanumagazin.de