31.10.2010 Seekajak-Konstruktion: „Bad“ Trends? (Ausrüstung)

 

Lange Zeit ging es mit der Konstruktion von Seekajaks, also jenen Kajaks, mit denen auf dem Meer gepaddelt wird, „bergauf“. Erst wurden die Bootsformen „seegangstüchtiger“ gestaltet, dann folgten im Wesentlichen:

 

·         doppelte Abschottung;

·         Rettungshalteleine;

·         Toggels;

·         fest eingebaute Lenzpumpe;

·         verstellbares Skeg;

·         Steueranlage (hier: „Flipp-off“) und später die integrierte Steueranlage (jedoch nur bei LETTMANN und PIETSCH & HANSEN);

·         Kartendeck, auf dem auch ein größere Seekarten-Ausschnitt (DIN A3) übersichtlich und lesbar Platz hat;

·         fest eingebauter Kompass, und zwar so integriert, dass er bei Rettungsaktionen (z.B. X-Lenz-Methode) kaum beschädigt werden kann;

·         größere, aber dennoch Schenkelhalt bildende Sitzluke (sog. „Schlüssellochluke“);

·         verstellbaren Schenkelstützen (bislang überwiegend beschränkt auf PE-Seekajaks; Ausnahme bei LETTMANN);

·         so geformte Sitzschalen, dass auf einen Rückengurt verzichtet werden kann, was wesentlich den Wiedereinstieg nach einer Kenterung erleichtert, da nicht mehr darauf zu achten ist, dass sich der Rückengurt beim Wiedereinstieg sich verdreht;

·         Minimierung des Cockpitvolumens (hier: das Frontschott auf Maß und das Heckschott dicht hinter dem Rückengurt, und zwar so eingebaut, dass das Wasser leichter gelenzt werden kann (bislang nur üblich bei Seekajaks aus Glasfaserverbundstoffen);

·         Luke (sog. „Day-Hatch“), um z.B. bei Tagestouren kompakter das Gepäck zu verstauen;

·         Volumenvariationen, und zwar der gleiche Seekajak-Typ mit unterschiedlichem Volumen, z.B. als LV (= Low Volume) und HV (= High Volume), um den unterschiedlichen Körper- und zu transportierenden Gepäckgewichten Rechnung zu tragen;

·         Heckformen (maßgeschneidert für Steuer-Seekajaks), die flach auslaufen, statt hoch in den Himmel zu ragen, damit das Steuerblatt möglichst tief ins Wasser ragt und möglichst lange effizient wirkt (in Deutschland erstmals erkannt und eingeführt von PRIJON, in Nordamerika gängige Bootsbauerpraxis; selbst den Briten war das anfänglich bewusst, lösten sie jedoch das Problem nicht per Änderung der Bootform, sondern per Säge, d.h. das in den Himmel ragende Heckteil wurde abgeschnitten und in das zurückbleibende Loch wurde die Steueranlage geklebt;  in der Zwischenzeit findet man auch z.B. bei den Skeg-Seekajaks von SKIM solche Heckformen

·         Bugformen, die so flach auslaufen, dass das Seekajak eine möglichst lange Wasserlinienlänge (WLL) hat (z.B. ist Freya Hoffmeister mit solch einer Konstruktion rund Australien gepaddelt, nämlich mit dem „18 X Sport von EPIC KAYAKS (549x56 cm; WLL = 540 cm; zum Vergleich „Nordkapp LV“ von VALLEY (532x54 cm, mit 458 cm WLL); recht früh bauten jedoch schon KIRTON/NELO den „Inuk“ (550x51 cm; mit 535 cm WLL), und neuerdings greift auch LETTMANN beim „Speedliner“ (585x53 cm), P&H beim „Delphin“ (472x57 cm) und ROCKPOOL beim „Taren (549x52 cm) dieses bei Rennbooten praktizierte Bootsbauprinzip auf.

·         usw. usf.

 

Aber mit der allmählichen Verbreitung des Seekajaks und seines vermehrten Einsatzes auf Binnengewässern machten sich auch negative Trends bemerkbar, z.B.:

 

·         Mit der Einführung der Schottwände verlor vielfach das Vorderdeck seine Firstform, d.h. es wurde runder bzw. ganz flach, was dazu führt, dass der Bug eines Seekajaks, das in eine Welle sticht, nicht mehr so leicht auftauchen kann (eine Ausnahme hiervon bildet z.B. der „Taran“ von ROCKPOOL).

·         Die Schottwände wurden immer häufiger mit einem Kleber eingeklebt, der nicht auf Dauer hält.

·         Die Rettungshalteleinen wurden zum modischen Ausrüstungsteil, viel zu dünn (unter 6 mm), viel zu locker und viel zu knapp (in Höhe des Kartendecks fehlen sie teilweise vollständig, was die Partner-Rettung erschwert).

·         Die Halteknäufe am Bug und Heck (sog. „Toggles) werden – sofern nicht ersetzt durch Tragegriffe -  immer dichter am Oberdeck befestigt, sodass wohl das Tragen des Kajaks noch möglich ist, aber nicht mehr das Festhalten am Kajak als Kanute, der nach einer Kenterung aussteigen und schwimmen muss.

·         Aus der fest installierten Handlenzpumpe auf dem Achterdeck wurde zunächst eine fest installierte Fußlenzpumpe und dann schließlich eine Handlenzpumpe (montiert auf dem Kartendeck) … und plötzlich ist sie vielfach nicht mehr im Angebot (ist sie etwa zu schwer, zu teuer, bzw. nicht mehr einbaubar?) … und man ist wieder auf die gute alte, leicht verlierbare, kompliziert einsetzbare, nicht sehr zuverlässig funktionierende tragbare Handlenzpumpe angewiesen.

·         Aus dem „Schwert“-Skeg wurde ein „Dreieck“-Skeg (wobei letzteres von Vorteil ist, weil sich die Anpressfläche mit Herausziehen des Skegs stetig erweitert) und schließlich wieder ein „Schwert“-Skeg, dessen Anpressfläche sich nur anfänglich erweitert, ab einem bestimmten Punkt verschiebt sich jedoch das Skeg nur noch nach vorne, was die Trimmwirkung wieder vermindert (vereinzelt findet man jedoch das „Dreieck“-Skeg bei Seekajaks von LETTMANN, TAHE und POINT 65°).

·         Aus den anfänglich z.B. sehr verwindungssteifen Plastik-Steueranlagen von VALLEY bzw. Metall-Steueranlagen von NECKY bzw. CURRENT DESIGNS wurden wacklige bzw. klapprig „Flipp-off“-Steueranlagen, die allenfalls bei Ententeichbedingungen voll funktionstüchtig sind, nicht aber beim Surfen, aber immerhin hatten sie alle gemeinsam, dass im Falle einer Kenterung z.B. in der Brandung im hochgezogenen Zustand nicht so leicht beschädigt zu werden. In der Zwischenzeit trifft man immer häufiger wieder die gute, alte „Flußboot“-Steueranlage an, die wohl etwas verfeinert ist, aber dessen Steuerblatt im hochgezogenen Zustand nicht auf das Achterdeck gelegt werden kann, sondern hoch in den Himmel ragt, was das Prädikat „nicht brandungstüchtig“ verdient (gedacht ist z.B. an die Steueranlage „Smart Track“).

·         Dem Kartendeck wird kaum noch Bedeutung beigemessen, stattdessen wird dort ein Gepäcknetzes montiert bzw. es wird so geformt, dass das einströmende Wasser leichter ablaufen kann, was jedoch die Lesbarkeit der Seekarte erschwert; bzw. es wird wegen einer größeren Sitzluke zu weit nach vorne verlagert (sodass man sich etwas basteln muss, um die Seekarte auf der Spritzdecke zu montieren (Ausnahme: REED bietet Spritzdecken mit Kartenhalterung an), wohl wissend, dass im Falle einer Kenterung mit Ausstieg entweder die Seekarte verloren geht oder sie beim Wiedereinstieg sehr hinderlich sein kann.

·         Ebenfalls gerät die im Vorderdeck eingelassen Mulde zum Einbau eines Kompass immer häufiger in Vergessenheit, jeder möge halt selber das Richtige für sich finden und auf seinem Seekajak schrauben bzw. mit Gummis befestigen und danach hoffen, z.B. keinem anderen nach einer Kenterung beim Lenzen seines Seekajaks helfen zu müssen.

·         Der Vorteil einer Sitzschale, die ohne Rückengurt auskommt, ist wohl allmählich wieder in Vergessenheit geraten; denn immer häufiger trifft man auf zu Rückenlehnen ausgeuferten Rückengurten, die manchem wohl Komfort versprechen, aber leider zuungunsten der Leichtigkeit des Wiedereinstiegs nach einer Kenterung.

·         Neuerdings wird immer häufig neben dem „Day-Hatch“ eine „4. Gepäckluke“ angeboten. Sie wird auf dem Kartendeck platziert (zugestanden teilweise auch so, dass man die Seekarte darüber legen kann, ohne dass die Lesbarkeit eingeschränkt wird) und bietet Platz für „Kleinkram“ (z.B. Sonnenbrille, Neokappe, Handy, Kamera, Schokoriegel, Brieftasche, Schüssel; vielleicht auch: Seenotsignalmittel, Funkgerät, Schleppleine). Für den Binnengewässerbereich ist das durchaus praktisch, für den Küstenbereich ist dies als bedenklich anzusehen; denn es fehlt ab sofort ein Platz, um eine Handlenzpumpe fest zu installieren. Und je nach Größe dieses Gepäckfaches lässt sich u.U. auch keine Fußpumpe mehr fest montieren. Jeder muss hier selber abwägen, was wichtiger für einen ist. Entscheidet man sich für die fest installierte Handlenzpumpe, so bringt das einem auch nicht immer weiter, da immer mehr Seekajak-Hersteller ihre Seekajaks nur noch mit dieser 4. Gepäckluke anbieten. KANU-MAGAZIN bringt im Heft 5/10 eine Übersicht von gängigen Seekajaks. Von den insgesamt vorgestellten 17 Seekajaks haben schon 7 eine 4. Gepäckluke fest eingebaut (dazu gehören Seekajaks von LETTMANN, P&H, PRIJON, SEABIRD, TAHE TIDERACE, WELHONPESÄ, und „täglich“ werden es mehr, z.B. KAYAK-SPORT, ROCKPOOL; SKIM. Bislang haben sich diesem Trend verweigert: z.B. NIGEL DENNIS; NORTH SHORE; PIETSCH&HANSEN, VALLEY).

·         Problematisch zu beurteilen ist auch, dass es zumindest bei PE-Seekajaks keinen Hersteller gibt, der die Bugschottwand nach Maß einbaut, um das Volumen des Bug-Gepäckraumes zu erhöhen und des Cockpits zu vermindern (letzteres ist wichtig, um nach einer Kenterung möglichst wenig Wasser zu lenzen). Dabei wäre es doch so einfach, serienmäßig zumindest eine zweite Bug-Schottwand zu fertigen (z.B. für Leute bis ca. 170 cm) und auf Wunsch gegen Aufpreis statt der sonst serienmäßigen Schottwand einzubauen.

 

Text: Udo Beier