02.12.2010 „Delphin“ von P&H (472x57cm; 290 Liter) (Ausrüstung)

 

Erstmals ist mir das Seekajak des britischen Herstellers P&H

 

DELPHIN

·         Material: PE Corelite (dreilagig)

·         Länge: 472 cm

·         Breite: 57 cm

·         Volumen: 290 Liter (Pre-Production) (?)

·         Cockpit: 81x42 cm (Abmessung innen)

·         doppelte Abschottung mit 2 elastischen Gepäcklukendeckeln

·         keine eingebaute Lenzpumpe, dafür Tagesluke auf dem Vorderdeck

·         Deckshöhe: 33,5 cm (vorne)

·         Gewicht: 26,5 kg

·         Link: www.phseakayaks.com

 

vor Monaten schon in der Werbung aufgefallen, und zwar wegen seiner recht untypischen Form, die wohl fast ausschließlich begünstigen soll, dass das Boot gut mit der Welle surft, ohne dass es dabei dazu neigt, in die Welle zu bohren (stechen).

 

Erreicht wird dies mit Hilfe:

 

·         eines relativ voluminösem Bugs,

·         eines Bugs, der nur über wenig Überhang verfügt,

·         eines gefirsteten Vorderdecks,

·         einer Sitzluke, die etwas nach hinten versetzt ist,

·         eines Kielsprungs, der insbesondere im Bugbereich etwas ausgeprägter ist,

·         eines recht flachen, wenig voluminösem Achterdecks.

 

D.h. aufgrund des relativ hohen Bug-Volumens, der etwas nach hinten versetzten Sitzluke und des Kielsprunges im Bugbereich taucht der Bug beim Surfen nicht so leicht in die vordere Welle. Unterstützt wird das zusätzlich dadurch, dass das weniger voluminöse Heck von der hinteren Welle nicht so leicht angehoben wird und dadurch keine extra Kraft auslöst, die bei den konventionelleren Bootsformen dazu beiträgt, dass der Bug nach unten gedrückt wird und dadurch ins Bohren gerät. Sollte aber dennoch mal ein Bohren nicht zu verhindern sein, dann ermöglicht das gefirstete Oberdeck, dass der Bug leichter wieder auftauchen kann!

 

So weit so interessant. Ein solches Seekajak mag wohl ideal zum „Tidalracen“, d.h. zu Spielen in den britischen Gezeitenströmungen geeignet sein, aber empfiehlt sich solch ein Seekajak auch zum Küstenkanuwandern über das Wochenende entlang der deutschen Küste?

 

Rein theoretisch – ich habe bislang nur bei GADERMANN im DELPHIN gesessen – spricht Folgendes dafür:

 

·         Mit einem Volumen von 290 Liter zählt der DELPHIN zu den niedrig volumigen Seekajaks (sog. S-Klasse, die bis 300 Liter reicht). In Anbetracht der großen Sitzluke (81x42 cm) und der weit nach vorne platzierten Bug-Schottwand müsste der DELPHIN auch für schwerer (bis 90 kg?) und größere Kanuten (bis 185 cm?) geeignet sein, sofern sie mit ca. 120 Liter (?) geschlossenen Stauraum plus zusätzlichem Stauraum vor den Füßen auskommen.

 

·         Ebenfalls dürfte auch die Länge des DELPHIN von 472 cm als unproblematisch anzusehen sein. Damit zählt dieses Seekajak wohl zu den kürzeren und u.U. wegen der bremsenden Wirkung des Kielsprungs auch zu den langsameren (zumindest was den Geradeauslauf betrifft, nicht jedoch das schnelle Kurven fahren!), wenn da nicht die relative lange Wasserlinienlänge wäre, die auf den geringen Bugüberhang und den fehlenden Hecküberhang zurückzuführen ist. Die Realität wird zeigen, ob diese längere Wasserlinienlänge die bremsende Wirkung des Kielsprunges kompensieren kann!?

 

Rein theoretisch spricht aber Folgendes dagegen:

 

·         Bugvolumen, Sitzposition, der „bugbetonte“ Kielsprung und das „abgeschnittene“ Heck erschweren u.U. das Starten in die Brandung; denn der Bug schwimmt im flachen, von Brechern überspülten Sandbereich sehr schnell auf, während das Heck noch im Sand festhängt. Wenn dann nicht aufgepasst wird, ist nicht auszuschließen, dass der DELPHIN quertreibt …. und ein neuer Startvorgang mit allem Drum & Dran (= Aussteigen, Seekajak neu ausrichten, einsteigen, starten) wäre einzuleiten!?

 

·         Hat man es jedoch geschafft, den DELPHIN vom Strand frei zu bekommen, steht als nächstes das Durchfahren der höheren Brandung an. Es ist dann nicht auszuschließen, dass wegen der oben genannten drei ersten Kriterien der DELPHIN zum Kerzen neigt und u.U. vom Brecher wieder zurück an den Strand getrieben wird!?

 

·         Hat man die Brandung überwunden, dürften einen Paddeln gegen die Welle problemlos sein und mit der Welle eigentlich auch; denn für letzteres ist ja der DELPHIN eigentlich konstruiert. Aber aufgrund des flachen und wenig voluminösen Achterschiffs vermute ich jedoch, dass der DELPHIN sich bei kleineren Wellen gar nicht so leicht surfen lässt; denn die von achtern einlaufende Welle hebt nämlich das wenige voluminöse, vom Kielsprung wenig profitierende Achterdeck kaum an, sondern läuft einfach durch, bevor man zu spurten anfängt!?

 

·         Und wie sieht es mit den Fahreigenschaften bei seitlichem Wind aus? Nun, Bugvolumen, Sitzposition, Kielsprung und flaches Heck müssten dazu führen, dass der DELPHIN zur Leegierigkeit tendiert. Beim Surfen mit Wind & Welle ist das gewünscht, aber nicht bei Seitenwind. Ich bezweifele es, dass es mit dem einziehbaren Skeg gelingt, diese Leegierigkeit in den Griff zu bekommen; denn mit dem Skeg kann man eine Luvgierigkeit kompensieren. Die Leegierigkeit dagegen bekommt man jedoch nur dann weg, wenn man auf dem Achtdeck z.B. einen wasserdichten Sack packt!? Ansonsten hilft gegen diese Leegierigkeit nur die entsprechend Paddeltechnik (= Rundschläge, Bug-/Heckruder; Ankanten). Übrigens, u.U. wird die Effizienz des Ankanten durch die beiden „Knicks“ im Heckbereich des DELPHIN erhöht. Zumindest dürfte dies das „Spielen“ im Seegang erleichtern, ob man jedoch mit dem DELPHIN bei Seitenwind mühelos „Strecke“ paddeln kann, müsste ein Praxistext zeigen.

 

·         Diese mögliche Tendenz zur Leegierigkeit kann einem jedoch auch beim Gegenwindpaddeln Probleme bereiten. Zum einen erschwert die Leegierigkeit einem das Drehen des DELPHIN von einem Seitenwindkurs gegen den Wind. Und zum anderen erschwert die Leegierigkeit einem anschließend, den Gegenwindkurswind zu halten. Das gilt insbesondere dann, wenn der Gegenwind so stark ist, dass er einen daran hindert, Tempo zu machen; denn dann kann es durchaus passieren, dass der DELPHIN quertreibt und nur noch mit großen Kraftanstrengungen wieder auf Kurs zu bringen ist!?

 

·         Last not least ist noch auf das Problem mit dem Lenzen nach einer Kenterung mit Ausstieg hinzuweisen. Der DELPHIN verfügt nämlich über keine fest eingebaute Lenzpumpe. Weder ist es möglich. auf dem Vorderdeck eine Lenzpumpe zu installieren, da sich dort eine Tagesgepäckluke befindet, noch ist es sinnvoll, auf der Bug-Schottwand eine Fußlenzpumpe zu montieren, da diese Schottwand so weit vorne festgeklebt ist, dass sie kaum einer mit den Füßen erreichen dürfte. Reicht denn nicht eine tragbare Handlenzpumpe? Nun, die ist besser als gar nichts, erschwert aber wesentlich das Lenzen nach einer Kenterung mit Ausstieg im Seegang.

 

Da ich in meinem Urteil über die Fahreigenschaften des DELPHIN nicht ganz sicher bin, hatte ich gehofft, dass der erste Testbericht über den DELPHIN im britischen Magazin OCEAN PADDLER, Nr. 23/10, S.56-58, zur Aufklärung beiträgt. Nun, um es kurz zu machen, der Bericht ist eine einzige Lobeshymne auf den DELPHIN. Kritische Anmerkungen findet man nicht. Selbst bei der Angabe der technischen Daten taucht ein offensichtlicher Widerspruch auf, der nicht kommentiert wird. So spricht der im Beitrag nicht genannte Autor davon, dass der DELPHIN 460 cm lang, 53 cm breit ist und über ein Volumen von 236 Liter verfügt. Er ignoriert dabei jedoch, dass der Hersteller völlig andere Daten nennt: nämlich 472x57cm und 290 Liter Volumen. Ich bin daher sehr skeptisch, was der Autor über den DELPHIN schreibt. Lediglich die folgende Einschätzung teile ich mit ihm:

 

·         The DELPHIN „is a day boat and playboat to ocean paddler.“

 

D.h. der DELPHIN scheint also nichts für Nord- und Ostseepaddler zu sein, die mit dem Seekajak mehrere Tage die Küste entlang wandern wollen.

 

Wer sich einen ersten Eindruck vom DELPHIN verschaffen möchte, der möge den folgenden Link:

 

http://www.oceanpaddlermagazine.com/767420012007-0000084762118/OP23=fpritahx876hn2/OP23-emag.pdf

 

anklicken und das eindrucksvolle Foto eines im Tidalrace surfenden DELPHIN auf S.2 und den Testbericht auf S.56-58 abrufen.

 

Wer sich jedoch einen persönlichen Eindruck verschaffen will, der möge mal den DELPHIN bei realistischen Gewässerbedingungen zur Probe fahren und darauf achten, ob ich mit meiner Einschätzung der Fahreigenschaften dieses britischen PE-Seekajaks wirklich so falsch liege!?

 

Übrigens, P&H hat viel vor mit dem DELPHIN. Ihn soll es bald auch noch in einer PE-Ausgabe für kleinere und für größere Paddler geben und außerdem in einer Variante aus Glasfaserverbundstoffen.

 

Text: Udo Beier