09.12.2010 Kälteschutz: Was zieh’ ich an? (Ausrüstung)

 

Im KAJAK-MAGAZIN stellt Jörg Knorr in dem Beitrag:

 

„Paddeln im Winter: Was zieh’ ich an?“

 

vor, was alles zur Kälteschutzbekleidung gehört. Er geht dabei u.a. auf Folgendes ein:

 

·         Trockenanzug inkl. der richtigen Unterbekleidung;

·         Neopren inkl. der möglichen Zusatzbekleidung;

·         Paddeljacke und –hose;

·         sowie: Fuß-, Hand- und Kopfbekleidung.

 

Augenscheinlich zu Recht weist er darauf hin, dass letztlich die Art der Kälteschutzbekleidung davon abhängt, was wer (Anfänger oder Fortgeschrittener) vorhat:

 

·         Auf was für ein Gewässer (flach oder tief; wellig ohne oder mit Brechern)

·         geht es bei welchem Wetter (sonnig oder windig; kalt oder eisig)

·         wie weit weg vom sicheren Ufer (zum Greifen nah oder weit weg)

·         wie lange (Spritz- oder Gepäcktour)

·         und zu welchem Zweck (z.B. Wellenreiten oder Kanuschlendern)?

 

Nun, für eine Sommertour mag das zutreffen, aber auch für eine Wintertour bei Luft- und Wassertemperaturen von unter +5° C? Der Autor schreibt dazu:

 

„Jedoch gibt es im Winter auch phantastische Tage mit Sonne satt und windstillen Wetterfenstern. Ist man unter solchen Bedingungen in Ufernähe eines Wiesenflüsschens unterwegs, muss man nicht unbedingt in „Spezialkleidung“ gehüllt sein. Ganz normale wetterfeste Klamotten tun es in solchen Situationen auch. …. In wirklich kaltes Wasser fallen oder kentern sollte man allerdings (damit) nicht. Die Gefahr des schnellen Auskühlens ist so, selbst nach erfolgreicher Rolle oder Wiedereinstieg, einfach höher.“

 

Letztlich sollte man daraus folgern, dass bei jeder Tour, bei der das Ufer nicht zum Greifen nah und das Wasser tiefer als hüfthoch ist, möglichst maximaler Kälteschutz angesagt ist; denn gerade im Winter dient der Kälteschutz nicht so sehr als Schutz vor kalter Luft, sondern in erster Linie als Schutz vor kaltem Wasser!

 

Jörg Knorr zeigt eigentlich die wichtigsten Ausrüstungsteile in Sachen Kälteschutz in aller Kürze, aber anschaulich bebildert (22 Fotos) auf. Folgendes ist jedoch anzumerken:

 

Unmissverständlich wird zum Ausdruck gebracht, dass „der Trockenanzug für Paddler mit erhöhtem Risikopotential in Sachen Kenterung erste Wahl ist“. Aber es fehlt ein deutlicher Hinweis, dass man sich bei Trockenanzügen – nicht nur - im Winter nur noch für solche entscheiden sollte, die über Füßlinge verfügen (nur die gewähren einen absoluten Schutz gegen nasse Füße). Außerdem sollten sie nicht mit Latexabdichtungen (hier: im Hals-, Handgelenk- und Knöchelbereich), sondern mit Neoabdichtungen ausgerüstet sein. Die Latexabdichtungen sind einfach zu empfindlich und reißen bei Kälte noch leichter ein als bei Wärme. Natürlich halten die Neoprenabdichtungen nicht ganz so dicht, aber Latexabdichtungen (Manschetten) schaffen es auch nicht, Hand- und Fußgelenke bei Bewegung 100% wasserdicht zu umschließen. Deshalb bieten einige Hersteller auch Trockenanzüge an, die sowohl bei den Handgelenken über Latex- als auch Neomanschetten verfügen.

 

Beim Kopfschutz werden nicht die Neopren-Kopfhaube, sondern nur eine „Neoprenkappe“ und eine „Fleece-Sturmhaube“ erwähnt. Gerade aber die Neohaube trägt wesentlich mit zur Vermeidung des Kälteschocks während einer Kenterung und der Hinauszögerung der anschließenden Unterkühlung bei (heißt es doch, dass ca. 30% der Wärme über den Kopf abgestrahlt wird).

 

Paddelpfötchen werden übrigens als „super Alternative“ angepriesen, was jedoch nur dann zutrifft, wenn man Paddelpfötchen verwendet, die über eine rund Öffnung verfügen, die von allein offen bleibt, sodass man in sie ohne Hilfe der zweiten Hand schnell hineinschlüpfen kann. Solch Paddelpfötchen werden derzeit leider nur ganz vereinzelt angeboten. Übrigens, was macht man aber mit den Paddelpfötchen, wenn man kentert und aussteigen muss? Nun, dann fehlt der entsprechende Kälteschutz für die Hände, außer man hat zusätzlich Neoprenhandschuhe griffbereit gelagert!

 

Schließlich fehlt eine Anmerkung in Sachen Rettungswesten. Etwa weil sie kaum Kälteschutz bieten? Deshalb tragen manche Kanuten sogar im Sommer eine Schwimm-, statt eine Rettungsweste! Aber was ist bei Kälte zum Thema Rettungsweste hervorzuheben? Nun, die beim Paddeln verwendeten Rettungswesten funktionieren halbautomatisch, d.h. nur bei Handauslösung bläst die Pressluftpatrone den Schwimmkörper automatisch auf. Was aber passiert, wenn man im eiskalten Wasser kentert und wegen eines Kälteschocks nicht in der Lage ist, die Handauslösung vorzunehmen? Deshalb empfiehlt sich bei Wintertouren auf Gewässern ohne spritzenden Seegang, die Rettungsweste von Handauslösung auf automatische Auslösung umzustellen. Bei den meisten Rettungswesten ist das möglich. Es wird dann in den Auslösemechanismus ein Sperrriegel entfernt und dafür eine Tablette eingesetzt, die bei Nässe sich sofort auflöst und dadurch den Pressluftvorgang auslöst.

 

Zum Schluss möchte ich noch auf ein paar Daten verweisen, die mit aller Deutlichkeit die Überlegenheit des Trockenanzugs aufzeigen. Die Daten stammen von Golden/Tipton: Essentials of Sea Survival (2002, S.131) und zeigen bei +5° C Wassertemperatur die Zeit bis zur Bewusstlosigkeit bei unterschiedlicher Bekleidung auf:

 

·         Trockenanzug = mind. 5 Std.

·         Neoanzug (5 mm) = 2:252:50 Std.

·         Kleidung (normale) = 1:001:25 Std.

·         nackt = 0:250:35 Std.

 

Text: Udo Beier

Quelle: KAJAK-MAGAZIN, Nr. 1/11, S.46-51 – www.kajak-magazin.com