26.03.2011 Sitzprobleme beim Küstenkanuwandern (Ausrüstung)

 

Der richtige Sitzhalt im Seekajak gehört neben dem Volumen, der Bootslänge & -breite und der Kippligkeit zu den zentralen Größen, die zu berücksichtigen sind, wenn wir ein Seekajak kaufen (oder auch ausleihen), um entlang der Küste zu paddeln. Er stellt einen Kompromiss dar, der so zwischen dem Sitzhalt bei Rennkajaks (K1) und Wildwasserkajaks liegt.

 

Er muss so gestaltet sein, dass er uns:

 

(a)   die Beinarbeit nicht behindert werden darf (was bedingt, dass die Füße festen Halt haben);

(b)   das Schließen der Knie möglich sein muss; und

(c)   die Hüften nicht völlig starr von der Sitzschale festgehalten werden;

 

Wenn es nur um das effiziente Vorwärtspaddel ginge, genügte uns der Sitzhalt eines K1, also fester Fußhalt, eine große Sitzluke und eine flache Sitzschale. Der Fußhalt und die Sitzluke ermöglichen die Beinarbeit und die Sitzschale behindert nicht den Bewegungsablauf von Beinen, Armen, Rücken und Hüfte.

 

Im Folgenden soll sich jedoch mit dem Sitzen beim Paddeln bei Wind & Seegang auseinandergesetzt werden. Das Cockpit muss dabei so gestaltet sein, dass die Knie sowohl gespreizt als auch geschlossen werden können, je nachdem ob wir in der Brandung spielen oder Strecke paddeln.

 

Sitzhalt

 

Zum “Sitzhalt“ gehören:

 

 

Rückenhalt

 

Aber da gibt es noch den „Rückenhalt“. Immer mehr Kanuten achten auf eine Rückenlehne. Je höher sie ist, desto komfortabler erscheint sie. Ragt sie jedoch über den Süllrand hinaus, wird sie zu einem Sicherheitsproblem; denn zu hohe Rückenlehnen behindern einen beim:

 

 

Sollte trotz hoher Rückenlehne der Wiedereinstieg vom Ansatz her gelingen, taucht jedoch ein zweites Problem auf: Beim Hineinrutschen in die Sitzluke kann sich die Rückenlehne nach vorne legen, mit der Folge, dass der „Kenterbruder“ nicht auf seiner Sitzschale, sondern auf seiner Rückenlehne sitzt. Bei Ententeich- bzw. Hallenbadbedingungen ist das nicht weiter schlimm. Er stellt sich dann einfach hin, während sein „Retter“ sein Seekajak stabilisiert, dreht sich halb um und richtet die Rückenlehne wieder auf. Bei kabbligem Seegang jedoch, der ja zur Kenterung führte, ist aber solch eine Aktion nur unter Schwierigkeiten durchzuführen oder – sofern wir solo paddeln bzw. von unseren Mitpaddlern allein zurückgelassen wurden – praktisch kaum durchführbar.

 

Natürlich können auch Rückenlehnen bzw. -gurte, die nicht über den Süllrand hinausragen, beim Wiedereinstieg stören, und zwar immer dann, wenn sie zu locker befestigt wurden, sodass sie beim Wiedereinstieg sich ebenfalls verdrehen können. Bei der Montage solcher Lehnen und Gurte ist folglich darauf zu achten, dass sie mit zwei extra Gummis oder Seile/Bänder so fest nach hinten gezogen werden, dass ein Verdrehen beim Wiedereinstieg auszuschließen ist.

 

Ideal würde es sein, wenn die Sitzschale so geformt wäre, dass wir ganz auf eine Rückenlehne bzw. einen Rückengurt verzichten könnten. Dazu genügte es, die hintere Kante der Sitzschale lediglich etwa 5-8 cm hochzuziehen und z.B. mit Moosgummi zu bekleben. Der britische Seekajakhersteller P&H hatte früher solche Sitzschalen angeboten. Ich selber besaß über 10 Jahre lang einen „Sirius S“ mit solch einer Sitzschale und hatte damit nur gute Erfahrungen gemacht. Leider hat P&H später wieder Rückengurte eingeführt, wohl weil die Kanuten daran gewöhnt waren und sich nicht umstellen wollten!? Vielleicht liegt es auch einfach daran, dass Seekajaks von immer mehr Kanuten auch auf kleineren Binnengewässern gepaddelt oder an Nord-Amerikanern ausgeliefert werden. Viele von denen ist es wohl wichtiger, komfortabel statt sicher zu sitzen!? Lediglich der britische Seekajakhersteller SEA KAYAKING UK (SKUK) (vormals: Nigel Dennis), der sich wohl auf das Angebot von Seekajaks spezialisiert hat, die ausschließlich entlang der Küste eingesetzt werden, bietet seit einiger Zeit auch Sitzschalen an, bei denen man auf den Rückengurt verzichten kann.

 

Große Sitzluken

 

Wenn man davon ausgeht, dass die Sitzluke mit dem Sitz eine Einheit bietet, taucht unter dem Sicherheitsaspekt noch ein weiterer Punkt auf, der hier zu hinterfragen ist. Während bei den historischen Kajaks der Inuit und in der Anfangszeit der „modernen“ Seekajakkonstruktion möglichst kleine Sitzluken bevorzugt wurden (= fast runde„Seeluken“, „Ozeanluken“, „Mannlöcher“ mit einem Durchmesser von etwa 55 cm), finden heutzutage die vom Wildwasser her vertrauten großen Sitzluken (= „Schlüsselloch“-Luken, „Keyhole“-Cockpit) immer mehr Verbreitung. Solche großen Luken haben Vorteile beim Einsteigen und Aussteigen, aber auch Nachteile, zumindest so wie sie derzeit bei Seekajaks eingebaut werden:

 

 

Wer sich also ein Seekajak fürs Küstenkanuwandern kaufen möchte, sollte auf genügend Hüft-/Schenkel-/Fußhalt, flachen, nicht verrutschbaren Rückenhalt und – wenn ausdrücklich eine lange Sitzluke gewünscht wird – auf eine Sitzluke achten, die nicht zu lang ist. Wie lang aber sollte eine solche Sitzluke sein? Nun, dafür gibt es einen einfachen Tipp:

 

 

Wer sich nun doch lieber für eine noch längere Sitzluke entscheiden möchte, der muss halt in Kauf nehmen:

 

 

Randproblem: Seekarte

 

Es wurde ja schon das Problem mit der Ablage der Seekarte erwähnt. Bei größeren Sitzluken müsste sie eigentlich auf der Spritzdecke gelagert werden, wenn man noch was auf ihr erkennen möchte. Aber wie kriegt man diese i.d.R. DIN-A3 große Seekarte(nkopie) dort so fest, dass sie:

 

 

Gerade Letzteres sollte nicht vernachlässigt werden; denn beim Wiedereinstieg erleben manche „Kenterbrüder“ den GAK (Größtanzunehmendes Kuddelmuddel) ihres Lebens:

 

Sie sitzen endlich nach einem Unterwasserausstieg wieder in ihrer Luke, aber unter ihrem Hintern liegt nicht nur die ach so bequeme Rückenlehne und der allzu große Spritzdeckenteller, sondern auch ihre Seekarte und quasi als Zugabe die aus der Halterung gefallene tragbare Handlenzpumpe … und das alles bei einer 50 cm hohen Welle mit Schaumköpfen!?

 

Sitzschale & -unterlage

 

Das mit der Sitzschale & -unterlage ist ein Problem für sich, dass sehr individuell ist (z.B. Gesäß schmerzt, Beine schmerzen, Oberschenkel schlafen ein) und für das es in der Regel nur eine individuelle Lösung gibt.

 

Ins Auge fallen dabei ergonomisch geformte Sitzschalen, die kurzfristig einen guten Sitzhalt vermitteln, langfristig aber u.U. eine Sitzverlagerung nicht ermöglichen und zu Schmerzen führen können, wenn z.B. die vordere Sitzkante in die Oberschenkel drückt.

 

Manche empfehlen Sitzkissen, je dicker, desto bequemer … aber umso kippeliger kann das Seekajak werden.

 

Einige schwören auf geformte oder in Keilform geschnittene Sitzkissen, gegebenenfalls mit zwei Löchern für die Sitzhöcker.

 

Andere raten zu Kissen aus Schaumstoff, Latex, Gel oder solche, die aufblasbar sind.

 

Auch gibt es welche, die begeistert sind von einer verlängerten Sitzschale, sodass die Last des Oberschenkels sich auf die gesamte Sitzschale verteilen kann.

 

„Alte“ Faltbootfahrer können sich z.B. nicht von ihrem Schlafsack trennen, auf dem Sie während einer Tour sitzen.

 

Welche Sitzschale bzw. -unterlage für einen geeignet ist, muss jeder selber ausprobieren. Manchmal kommen die Sitzprobleme aber gar nicht vom Sitz, sondern:

 

 

Wer also neben dem Paddeln zusätzlich noch z.B. joggt bzw. walkt, dürfte gegebenenfalls weniger an Sitzproblemen leiden!

 

Text: Udo Beier