17.09.2011 Lettmann’s ARCHIPEL (525x58cm, 350 Lit. Vol.) ein Seekajak? (Ausrüstung)

 

Im Kanu-Forum fragt McLane nach der Einschätzung von Lettmanns ARCHIPEL:

 

è www.lettmann.de/catalog/product_info.php/products_id/812

 

als Seekajak. Dazu müsste er eigentlich sagen, was er unter einem „Seekajak“ versteht; denn mittlerweile trifft man beim Weser-Marthon mehr Kajaks, die wie Seekajaks aussehen, als auf der Nordsee.

 

Auf welche Schwierigkeiten man stößt, wenn man versucht zu klären, was ein „Seekajak“ ist, habe ich im folgenden Beitrag aufgezeigt:

 

„Das Seekajak, ein schier unfassbares Faszinosum.

22 traumhafte Definitionsversuche“

è www.kanu.de/nuke/donwloads/Faszinosum-Seekajak.pdf

 

Jeder kann nun selber sich daran machen, daraus seine eigene Definition abzuleiten; denn einen genormten Begriff für „Seekajaks“ gibt es noch nicht.

 

McLane gibt sich sicherlich nicht mit dem Hinweis auf diesen Link zufrieden. Vermutlich will er wissen, ob der ARCHIPEL auch dazu taugt, mit ihm entlang der Küste zu paddeln!?

 

Nun, vor über 40 Jahren hätte man darüber den Kopf geschüttelt; denn da fuhr man mit alles, was schwamm, auf der Nordsee herum. Es gibt im KANU-SPORT so manchen Bericht, in dem Leute begeistert von ihren Touren entlang der Nord- bzw. Ostseeküste berichten, und zwar mit Wildwasserbooten, so wie sie früher gebaut wurden: 400 – 415 cm lang, versehen mit Spitzenbeutel usw.

 

Aber die Zeiten haben sich gewandelt und damit auch das Sicherheitsdenken, die Ausrüstung, die Ansprüche und die Tourenziele.

 

Wenn mich einer fragt, ob man mit einem Kajak auch auf dem Meer paddeln kann, so hängt die Beantwortung dieser Frage davon ab, bei welchen Bedingungen wo gepaddelt werden soll. Wer bei Windstille und +20° C Wasser- & Lufttemperatur nur immer dicht entlang des Strandes paddeln will, erhält von mir eine andere Antwort als jener, der auch noch bei 6 Bft. Wind und +10° C Wasser- & Lufttemperaturen 5 km weitab von der Küste bzw. von der nächsten Anlandemöglichkeit entfernt in See stechen will. Bei dieser zweiten „Kaltduschervariante“ sollte man schon über ein „seetüchtiges“ Kajak verfügen.

 

Zur „Seetüchtigkeit“

 

è www.kanu.de/nuke/downloads/Seetuechtigkeit.pdf

 

gehört meines Erachtens – bezogen auf den ARCHIPEL – im Wesentlichen Folgendes:

 

Seegangstüchtigkeit:

 

D.h.

 

 

Nun der ARCHIPEL hat bei der Variante „HV“ (High Volume = ca. 350 Liter Vol.) die Maße 525x58cm, und bei der Variante „LV“ (Low Volume = ca. 320 Liter Vol.) die Maße 525x57cm. Das sind die Durchschnitt-Maße eines typischen Allround-Seekajaks, mit dem man auf Tages- und Gepäcktour gehen kann, vorausgesetzt die Sitzluke bietet einem genügend festen Sitzhalt und man bringt genügend Gewicht im Vergleich zum Volumen des ARCHIPEL mit. Bei Tagestouren auf dem Meer sollte man bei einem Bootsgewicht von 25 kg und Tagesgepäckgewicht von 10 kg als Kanute beim LV schon über ca. 60 kg  und beim HV über ca. 70 kg Körpergewicht verfügen. Wiegt man weniger, müsste man bei der Probefahrt bei Wind & Welle insbesondere darauf achten, ob das kritisch ist.

 

Ob er einem zu kipplig ist, kann jeder Kanute nur selber feststellen. Vielleicht ist er etwas kippliger als der ESKI 525 und kentert plötzlich zu einer Seite, obwohl man meint, er müsste jetzt zur anderen Seite krängen; denn er ARCHIPEL soll über eine längere Wasserlinie verfügen als der ESKI 525, was i.d.R. nur durch eine Verminderung des Kielsprunges zu erreichen ist. Weniger Kielsprung macht wohl einen Kajak etwas schneller aber auch – zumindest bei Seegang & Kabbelwasser – etwas kippliger.

 

Unter Umständen läuft er bei dem geringeren Kielsprung etwas nass und neigt zum Bohren, zumindest klagten einige „Eski 525“-Kanuten darüber.

 

Dafür sorgen die verstellbaren Schenkelstützen für einen festen Schenkelhalt in der Brandung.

 

Demgegenüber ist die früher angebotene „FlipOff“-Steueranlage wenig „surftüchtig“, da das Steuerblatt beim Surfen schnell den Kontakt zum Wasser verliert und ansonsten sich bei harten Surfbedingungen aufschwimmen & verbiegen kann. LETTMANN hat nun bei der Konstruktion des ARCHIPEL darauf geachtet, dass das Heck flacher ausläuft als bei seiner ESKI-Serie, aber damit konnte er nur bedingt dieses Problem lösen. Deshalb hat er sich wohl daran gemacht, eine alternative Steueranlage anzubieten, die „Balance“-Steueranlage. Diese Anlage scheint beim Surfen kaum noch Probleme zu bereiten, dafür ist sie nicht „brandungstüchtig“; denn bei einer Kenterung in der Brandung kann das Steuerblatt nicht mehr vor Grundberührung geschützt werden. Ähnlich problematisch kann es werden, wenn man beim Starten durch die Brandung hinauspaddeln will, aber vom Brecher wieder rückwärts an den Strand gespült wird und „kerzt“. Wer mit diesem Problemen nicht konfrontiert werden möchte, sollte sich dann eher – zusätzlich oder alternativ - für ein verstellbares Skeg entscheiden oder gleich lieber den HANSEAT (525x58cm; ca. 360 Liter Vol.) wählen (Der soll auch etwas weniger kipplig sein und auch etwas trockener laufen!?); denn dessen integrierte Steueranlage kann man ins Unterwasserschiff einziehen, wenn Grundberührungen drohen. Der HANSEAT kostet wohl ein Drittel mehr, für einen passionierten Küstenkanuwanderer wäre das aber sicherlich okay.

 

Kentertüchtigkeit:

 

D.h. ist man mit dem ARCHIPEL aufgeschmissen, wenn man kentert?

 

 

Navigationstüchtigkeit:

 

D.h. kann ich unterwegs auf dem Wasser im ARCHIPEL mit Karte und Kompass arbeiten?

 

Übrigens, der ARCHIPEL verfügt über eine 79 cm lange Sitzluke. Unter Umständen kann dann nicht jeder die Seekarte auf dem Kartendeck ablesen. Da aber der vordere Süllrand nicht zu hoch aus dem Deck herausragt, kann man die Seekarte auch etwas auf die Spritzdecke ziehen, ohne dass dabei die Seekarte sofort an Halt verliert; denn sie kann dann immer noch von 2 Kartenhaltegummis gehalten werden. Ansonsten sollte man bei der Spritzdecke darauf achten, dass sie mit 2 Ösen ausgestattet wird, damit man daran ein weiteres Kartenhaltegummi befestigen kann. (Beim TASMAN mit seiner 88 cm langen Sitzluke sollte man jedoch davon ausgehen, dass man die Seekarte nur noch dann lesen kann, wenn sie vollständig auf der Spritzdecke liegt, was möglich ist, wen man die Spritzdecke mit 4 Ösen und 2 Kartenhaltegummis ausstattet!)

 

Fazit:

 

Steueranlage und Fußlenzpumpe stellen die einzigen bootsbedingten Schwachstellen des ARCHIPEL da. Letztlich hängt es jedoch vom Kanuten ab, ob er mit dem ARCHIPEL klar kommt. Das macht eine Probefahrt unter realistischen Wind- & Seegangsbedingungen erforderlich. Außerdem genügt es nicht, wenn nur sein Seekajak „seetüchtig“ ist, vielmehr muss auch der Kanute selbst „seetüchtig“ sein, d.h. in der Lage sein:

 

 

Last not least muss er sein Kajak kennen. So erlebte ich mal einen Kanuten im ESKI 525, also dem Vorgänger des ARCHIPEL, der plötzlich nicht mehr imstande war, sein geliehenes Kajak auf Kurs zu halten, da er bei 5 Bft. Wind den Kontakt zu den Steuerpedalen verloren hatte. Später an Land hat er dann festgestellt, dass sein verstellbarer Sitz sich von allein verstellt hatte, weil er vor dem Start nicht geprüft hatte, ob die Sitzfeststellschraube noch fest angezogen war!

 

Wer übrigens wissen möchte, auf was alles man beim Kauf eine seetüchtigen Kajaks zu achten hat, der möge sich folgenden Beitrag downloaden:

 

è www.kanu.de/nuke/downloads/Seekajakkauf-Hinweise.pdf

 

Text: Udo Beier