19.12.2011 Kann ein Kleinflusskajak ein Seekajak sein? (Ausrüstung)

 

Im KANU-FORUM wird diskutiert, ob das vom norwegischen Hersteller SEABIRD DESIGNS angebotene Kajak:

 

DISCOVERY (=> www.seabirddesigns.com/en/Details/Discovery-kayak.html )

·         Länge x Breite: 420cm x 63 cm

·         Sitzluke: 82,5 cm x 42,5 cm inkl. verstellbarer Schenkelstützen

·         Volumen: 293 Liter

·         Gepäcklukendeckel: 3+1 elastische Deckel

·         Gepäcknetz auf dem Achterdeck

·         Gewicht: mind. 23 kg

·         Steuer: Heckumklappsteuerblatt

·         inkl. starre Haltegriffe an Bug und Heck

·         ohne Rettungshalteleinen (kann nachträglich montiert werden)

·         ohne Halterung von Seekarte (kann nachträglich montiert werden)

·         ohne integrierten Kompass (kann nachträglich montiert werden)

 

„seetüchtig“ ist.

 

Ich kenne dieses Kajak nicht, meine aber, dass ich mir auf Grund der „Prospektdaten“ ein erstes Urteil über dieses Kajak machen kann:

 

Bemerkungen zu den Abmessungen eines Kleinflusskajaks

 

Allein von seinen Maßen her (=> 420x63 cm), fällt der DISCOVERY etwas aus dem Rahmen der Seekajaks. Deshalb spricht selbst der Hersteller von einem „Mini-Seekajak“, das wohl auf Grund seines niedrigen Volumens eher für „Day-Trips“ geeignet ist, denn „typische“ Seekajaks haben Abmessungen, die so zwischen 500-550cm Länge und 52-58 cm Breite sowie 270-400 Liter Volumen liegen. Es handelt sich hierbei um ungefähre Werte, die auch mal nach oben oder unten abweichen können, sei es, dass man als Küstenkanuwanderer besonders klein & leicht bzw. groß & schwer ist bzw. mit gar keinem oder sehr viel Gepäck unterwegs sein möchte, … aber 420x63cm fallen dabei sowohl was die Länge als auch die Breite betrifft schon etwas weit aus der „Norm“. Nachteilig wirken sich diese – eher für Kleinflusskajaks typischen - Maße insbesondere auf die „Reisegeschwindigkeit“ bei Gruppenfahrten aus. Wenn:

 

·         alle anderen Mitpaddler mit typischen Seekajaks unterwegs sind

·         und dann auch noch alle leistungsfähiger & leistungswilliger sind als der Kanute in solch einem kleinen und breiten Kajak,

 

dann wird ein Kanute im DISCOVERY schon bald Schwierigkeiten bekommen, das Tempo, das seine Mitpaddler vorgeben, längere Zeit zu halten:

 

www.kanu.de/nuke/downloads/Sauschnelle-Seekajaks.pdf

 

Tab.:   Wasserwiderstand in Abhängigkeit der gepaddelte Geschwindigkeit

            (Quelle: Sea Kayaker)

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CALABRIA (PE) (439x63cm; ca. 367 Liter Vol.) – Prijon (D)

Wasserwiderstand bei:

5,6 km/h = 0,90 kg / 7,4 km/h = 1,75 kg / 9,3 km/h = 4,72 kg / 11,1 km/h = 8,23 kg

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K-1 EXPEDITION (Faltboot) (499x66cm; ca. 403 Liter Vol.) – Feathercraft (CDN)

Wasserwiderstand bei:

5,6 km/h = 0,98 kg / 7,4 km/h = 1,91 kg / 9,3 km/h = 3,80 kg / 11,1 km/h = 8,08 kg

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VIKING (498x56cm; ca. 302 Liter Vol.) - Kajak Sport (FIN)

Wasserwiderstand bei:

5,6 km/h = 0,89 kg / 7,4 km/h = 1,65 kg / 9,3 km/h = 3,64 kg / 11,1 km/h = 6,52 kg

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ROMANY EXPLORER (533x55 cm; ca. 340 Liter Vol.) - Nigel Dennis (GB)

Wasserwiderstand bei:

5,6 km/h = 0,90 kg / 7,4 km/h = 1,65 kg / 9,3 km/h = 3,55 kg / 11,1 km/h = 6,57 kg

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18X SPORT (549x56 cm; 369 Liter) – Epic (USA)

Wasserwiderstand bei:

5,6 km/h = 0,95 kg / 7,4 km/h = 1,76 kg / 9,3 km/h = 2,85 kg / 11,1 km/h = 4,66 kg

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Aber wenn einer mit seinem DISCOVERY:

 

·         solo unterwegs ist

·         oder mit Kameraden, die im Faltboot sitzen,

·         oder er ein trainierter Wanderpaddler ist

·         und die Kameraden eigentlich nur im Urlaub im Kajak unterwegs sind

·         oder man unterwegs nach 1 ½ bis 2 Std. ohnehin Pause macht,

 

dann dürfte sich das geringere „Reisgeschwindigkeitspotenzial“ des DISCOVERY, das sich ansonsten ab 4 Knoten (= 7,4 km/h) negativ  beim DISCOVERY bemerkbar machen dürfte, doch nicht von Nachteil sein (s. Tab., in der auch die Daten des CALABRIAs aufgeführt werden, der am ehesten mit dem DISCOVERY vergleichbar ist).

 

Seetüchtigkeit: 5 Kriterien

 

Ist nun der DISCOVERY von seiner „Papierform“ her SEETÜCHTIG?

 

Zur Seetüchtigkeit zähle ich u.a. die folgende Kriterien:

 

www.kanu.de/nuke/downloads/Seetuechtigkeit.pdf

 

·         Seegangstüchtigkeit,

·         Kentertüchtigkeit,

·         Navigationstüchtigkeit,

·         Verkehrstüchtigkeit

·         und Reisetüchtigkeit

 

wobei diese Kriterien gleichermaßen für ein Seekajak als auch für einen Kanuten gelten müssen; denn ein Kanute ist nicht schon deshalb seetüchtig, wenn allein sein Kajak seetüchtig ist!

 

Im Folgenden soll sich hier nur mit den die Seetüchtigkeit mit bestimmenden Eigenschaften eines Seekajaks auseinandergesetzt werden. Letztlich hängt es aber immer vom Kanuten ab, ob er in der Lage ist, diese Eigenschaften eines Seekajaks richtig zu nutzen. Probleme gibt es etwa dann, wenn ein Kanute sich in seinem Kajak einfach nicht wohl fühlt, sei es, dass es zu kipplig ist bzw. dass der Sitzhalt nicht stimmt; denn dann kommt er mit einem solchen Seekajak draußen entlang der Küste nicht zu recht und dann ist es – für ihn – nicht seetüchtig!

 

1. Die Seegangstüchtigkeit betrifft die Eigenschaft eines Seekajaks, mit ihm bei Wind & Welle, insbesondere im brechenden Seegang paddeln zu können!

 

Bei Brandung dürfte der DISCOVERY einem keine besonderen Probleme bereiten. Irgendwann bricht jedes Kajak beim Surfen aus und irgendwann bohrt & kerzt jedes. Dank der Kürze ist es u.U. wendiger und daher leichter wieder auf Kurs zu bringen.

 

Und beim Strecke-Paddeln taucht die Frage auf, ob man mit dem DISCOVERY Kurs halten kann. Theoretisch müsste das dank der Steueranlage möglich sein. Letztlich muss die Praxis zeigen, ob sie auch etwas taugt.

 

Ob der DISCOVERY genügend Sitzhalt bietet, hängt wesentlich von der Sitzluke ab. Zumindest die verstellbaren Schenkelstützen sprechen dafür, dass der Kanute beim Paddeln, insbesondere aber beim Stützen & Rollen genügend Halt finden müsste.

 

Ob die 63 cm Breite des Kajaks den Kanuten daran hindert, zur brechenden Welle hin zu stützen, ob die Spritzdecke den Wasserdruck eines Brechers stand hält, und ob die Steueranlage stabil genug ist, dem Wasserdruck beim Surfen auszuhalten, muss die Praxis zeigen.

 

Da man beim Paddeln in der Brandung das Steuer ohnehin hoch zieht, damit es bei Grundberührung in der Brandung nicht abbricht, ist nur zu checken, ob das Steuerblatt so weit hochgezogen werden kann, dass es nicht in den Himmel ragt, sondern parallel auf dem Achterdeck zu liegen kommt. Letzteres ist beim DISCOVERY der Fall; denn er ist mit einer Heckumklappsteueranlage ausgerüstet. Daraus kann man folgern, dass es bedingt „brandungstüchtig“ ist; denn beim Rückwärts-Kerzen kann die Steuerblatthalterung bei Grundberührung abbrechen. Wer also ein 100%ig „brandungstüchtiges“ Seekajak haben will, muss sich halt für ein Seekajak entscheiden, das auch mit einem verstellbarem Skeg bzw. mit einer integrierte Steueranlage (nur erhältlich bei einigen Lettmann-Seekajaks und allen Pietsch & Hansen-Seekajaks!) ausgerüstet ist.

 

2. Die Kentertüchtigkeit betrifft nicht nur jene Eigenschaft eines Seekajaks, es nach einer Kenterung hochzurollen, sondern auch jene Eigenschaften, die den Wiedereinstieg und das anschließend Weiterpaddeln ermöglichen, und zwar auch bei Seegang.

 

Das erfordert zum einen eine mindestens doppelte Abschottung (ist beim DISCOVERY vermutlich vorhanden), wasserdichte Gepäckräume (die elastischen Gepäcklukendeckel mögen das leisten), eine möglichst fest installierte Lenzpumpe (wahrscheinlich nicht vorhanden und nur bedingt durch eine tragbare Handlenzpumpe ersetzbar), mehrfach befestigte Rettungshalteleinen wenigstens auf dem Vorderdeck (nicht vorhanden) und frei schwingende Halteknebel („Toggles“) (nicht vorhanden):

 

www.kanu.de/nuke/downloads/Kajak-Lenzmethoden.pdf

www.kanu.de/nuke/downloads/Rettungshalteleine.pdf

www.kanu.de/nuke/downloads/Toggle.pdf

 

Die Sitzluke scheint das Rollen zu ermöglichen, aber was ist, wenn die Rolle doch mal nicht klappt? Dann muss der Kanute aussteigen, sich am Kajak festhalten und auf Kameradenhilfe warten. Um das zu erleichtern, muss das Kajak mit Rettungshalteleinen und Halteknebel zumindest am Bug ausgerüstet sein. Der DISCOVERY verfügt über keine Rettungshalteleinen und nur über zwei Haltegriffe, die es nicht zulassen, ein von der Welle um die Horizontalachse drehendes Kajak festzuhalten. D.h. wer bei leichtem Wind und etwas brechender Welle kentert, wird sehr schnell den Halt an seinem Kajak verlieren. Es hängt dann allein von seinen Mitpaddlern ab, ob sie bei dem Wind & Seegang, bei dem der Kanute im DISCOVERY gekentert ist, in der Lage sind, ihn wieder zurück zu seinem Kajak zu bringen. Und dann taucht das zweite Problem auf: Mangels Rettungshalteleinen hat es ein Mitpaddler sehr schwer, die üblichen Rettungstechniken zum Wiedereinstieg anzuwenden, um den „Kenterbruder“ wieder in sein Kajak zu „bugsieren“.

 

3. Die Navigationstüchtigkeit betrifft jene Eigenschaften eines Seekajaks, die einem ermöglichen, u.a. den geplanten Kurs so verfolgen zu können, dass einem auch plötzlich einsetzender Wind & Seegang keine Probleme beim Navigieren bereiten können:

 

www.kanu.de/nuke/downloads/Navigationstuechtigkeit.pdf

 

Das erfordert einen möglichst fest eingebauten Kompasse (nicht vorhanden, aber nachträglich montierbar) und 2-3 Seekarten-Haltegummis vor der Sitzluke, um dort die Seekarte wind-/brandungs-/kenterfest lagern zu können (nicht vorhanden, aber nachträglich montierbar).

 

4. Die Verkehrstüchtigkeit betrifft die optische Auffälligkeit und somit die Chance des „Gesehen-Werdens“, und zwar nicht nur von den anderen Gruppenteilnehmern, sondern auch von der übrigen Schifffahrt:

 

www.kanu.de/nuke/downloads/Sichtbarkeit.pdf

 

Ein Kajak in gelblicher bzw. hellblauer Bootsfarbe (der DISCOVERY wird u.a. auch in diesen Farben angeboten), das zusätzlich noch mit einer paar Reflexstreifen ausgerüstet ist (müssen i.d.R. bei allen Seekajaks nachträglich draufgeklebt werden) erfüllt dieses Kriterium.

 

5. Die Reisetüchtigkeit umfasst u.a. jene Eigenschaft eines Seekajaks, die es einem unterwegs auf einer Küstentour erlaubt, alle wichtigen Gepäckstücke „griffbereit“ mitzuführen:

 

www.kanu.de/nuke/downloads/Gepaeckverteilung.pdf

 

Das setzt u.a. ein Gepäcknetz hinter der Sitzluke auf dem Achterdeck voraus (auf dem Vorderdeck gehört die Seekarte, aber kein Gepäcknetz), das einem ermöglicht, Ausrüstungsgegenstände (z.B. Schleppleine, Blitznotleuchte, Seenotsignalmittel), Getränke und Verpflegung brandungs- und kenterfest zu verstauen. Der DISCOVERY verfügt über solch ein Netz. Es fällt jedoch etwas schmal aus und müsste nachträglich erweitert werden.

 

Fazit

 

Der DISCOVERY weist einige Schwachstellen auf, die jedoch meist selber behoben werden können.

 

Die 293 Liter Gesamtvolumen bestimmen, für wenn der DISCOVERY theoretisch geeignet ist. Geht man davon aus, dass ein Seekajak nach einer Daumenregel mit mindestens 30% des Volumens (gemessen in kg) zu beladen ist (= ca. 88 kg):

 

www.kanu.de/nuke/downloads/Volumen&Sitzhalt.pdf

 

sollte der Kanute bei einem Kajakgewicht von sicherlich 25 kg und einem Gewicht von 10 kg für Tagesausrüstung und Bekleidung mindestens ca. 53 kg wiegen, um keine Probleme mit Wind & Seegang zu bekommen. Praktisch muss ein Sitzprobe & eine Probefahrt zeigen, ob er einem einen bequemen aber auch fest Sitzhalt bietet:

 

www.kanu.de/nuke/downloads/Sitzprobleme.pdf

 

Ob er auch für mehrtägige Touren geeignet ist, wird vom Gepäckraumvolumen in Bug und Heck bestimmt. 293 Liter Gesamtvolumen sind – vergleicht man das mit dem Gepäckbedarf von Rucksackwanderern – grundsätzlich nicht zu viel. Letztlich hängt es aber davon ab, wie voluminös die Sitzluke ist. Ich vermute jedoch, dass für den Bug- und Heckgepäckraum nicht viele Liter übrig bleiben.

 

Wer sich für den Kauf den DISCOVERY entscheiden möchte, sollte vorher wissen, was er alles mit ihm unternehmen möchte. Er sollte sich aber auch fragen, warum er sich gerade für dieses kleine und niedrigvolumig Mini-Seekajak entscheiden möchte, bietet doch SEABIRD DESIGNS weitaus längere und voluminösere PE-Seekajaks an, z.B.:

 

EXPEDITION LV (480x56cm; 265 Liter),

EXPEDITION HV (518x59cm; 360 Liter),

VICTORY HV (525x58cm; 395 Liter).

 

Übrigens, wer vor dem Kauf eines Seekajaks wissen möchte, auf was alles zu achten ist, möge mal auf die folgende Seite surfen:

 

www.kanu.de/nuke/downloads/Seekajakkauf-Hinweise.pdf 

 

Text: U.Beier