30.11.2012 Geradeauslauf (Ausrüstung)

 

In der Werbung für Seekajaks liest man immer wieder etwas über den guten Geradeauslauf des beworbenen Bootes. Gerade bei den etwas längeren Seekajaks findet man den Superlativ: „Läuft wie auf Schienen!“ Es ist daher interessant, mal zu erfahren, von welchen Bootseigenschaften und sonstigen Faktoren der „Geradeauslauf“ eines Seekajaks abhängt.

 

Der Geradeauslauf wird beeinflusst:

Windstärke & -richtung

 

Bei Windstille fährt fast jedes Kajak geradeaus. Dabei gilt: Je länger ein Kajak ist, über je weniger Kielsprung es verfügt und je schärfer der V-Spant im Bug- und Heckbereich ausfällt, umso leichter läuft ein Kajak geradeaus, aber desto schwerer ist es wieder auf Kurs zu bringen, wenn es erst einmal „vom rechten Weg abgekommen“ ist!

 

Bei einem Gegenwindkurs (inkl. Welle von vorn) laufen ebenfalls fast alle Kajaks ohne große Probleme geradeaus, zumindest solange vorwärts gepaddelt wird.

 

Bei einem Rückwindkurs (inkl. Welle von achtern) fangen jedoch die Probleme an:

Bei einem Seitenwindkurs (inkl. Welle von der Seite) kommt es neben den guten Geradeauslaufeigenschafen auch auf den richtigen „Trimm“ an! Wenn ein Kajak falsch getrimmt ist, wird es entweder luvgierig (è es dreht mit dem Bug in den Wind (Luv)) oder leegierig (è der Bug dreht Richtung Lee). Ein Kajak giert umso mehr,

Boots-Trimmung

 

Die Gierigkeit eines Kajaks braucht nicht hingenommen zu werden, sondern kann von uns beeinflusst werden, und zwar auf fünffache Weise:

 

1. Gewichtstrimm: Ist unser Kajak z.B. leegierig, verlagern wir z.B. so viele Wasserflaschen vom Heck- in den Bugstauraum, bis es nicht mehr giert.

 

2. Deckslasttrimm: Bei Gepäckfahrten kann es passieren, dass unser Kajak z.B. luvgierig ist, weil auf dem Achterdeck z.B. ein leichter, aber voluminöser Kleidersack verstaut ist. Der Seitenwind verfängt sich dann am Packsack und dreht unser Kajak wie eine Windfahne in den Wind hinein. (Übrigens, die Briten sprechen in diesem Fall auch von „Weathercocking“ (è dreht wie ein Wetterhahn in den Wind)).

Am besten ist es, wir versuchen so komprimiert zu packen, dass der Kleidersack wieder in den achterlichen Stauraum passt oder wir versuchen das Volumen des Kleidersacks so zu verkleinern, dass er auf dem Achterdeck weniger Windangriffsfläche bietet.

Wenn unser Seekajak dann immer noch luvgierig ist, müssten wir zum Ausgleich auch auf dem Vordeck einen Sack oder die Reservepaddel verstauen.

Notfalls müssen wir, wenn wir gar nicht mehr mit unserem Seekajak zurechtkommen, von Kameraden an Land geschleppt werden, so wie einst jener Seekajak-Ausbilder, der seinen nagelneuen „Greenlander“ (537x53 cm, 310 Lit. Vol.), ein reinrassiges Seekajak von NIGEL DENNIS, so vertrimmt hatte, dass er nicht mehr in der Lage war, bei frischem Seitenwind (è 5 Bft.) sein Kajak von Neuharlingersiel hinüber nach Spiekeroog zu paddeln.

Nach einer solchen Aktion sind die alten "Seebären" an der Reihe, uns zu zeigen, wie richtig zu packen ist:

 

è www.kanu.de/nuke/downloads/Gepaeckprobleme.pdf

è www.kanu.de/nuke/downloads/Gepaeckverteilung.pdf

 

3. Sitztrimm: Verfügt unser Kajak über einen in Längsrichtung verstellbaren Sitz, dann können wir auch mit der Sitzverstellung die Gierigkeit bekämpfen.

Ist es z.B. luvgierig, dann verschieben wir unseren Sitz etwas nach hinten. Unser Kajak wird dadurch hinten etwas schwerer (è hecklastig), der Bug ragt weiter aus dem Wasser heraus und wird vom Wind Richtung Lee getrieben.

 

4. Steuertrimm: Die Bekämpfung der Gierigkeit eines Kajaks ist zum einen kraftraubend und stellt hohe Anforderungen an die Paddeltechnik; denn es erfordert den Einsatz von Bogen-, Zieh- bzw. Konterschlägen, um das Kajak auch bei kritischen Seegangsbedingungen auf Kurs zu halten. Zum anderen ist sie aber auch zeitraubend; denn uns gelingt es meist nicht, während einer Tourenetappe den richtigen Trimm zu finden. Abgesehen davon müssen wir erst einmal Erfahrungen darüber sammeln, wie unser Kajak bei Spritztouren und wie bei Gepäcktouren zu trimmen ist, d.h. wie das Fahrtengepäck zu lagern ist.

Deshalb war es nur eine Frage der Zeit, bis die Hersteller ihre Kajaks, mit denen auf Tour (sog. „Tourer“) gegangen wird, mit einem Steuer (engl. „Trimmrudder“) ausgerüstet wurden; denn mit einem Steuer gelingt es uns, ohne viel Kraftaufwand und ohne viel Paddeltechnik Kurs zu halten: Ein Tritt in die Steuerpedale genügt und schon fährt unser Kajak wieder geradeaus (è deshalb werden ab und an „Steuerfahrer“ auch als „Tretbootfahrer“ verspottet).

 

5. Skegtrimm: Leider gibt es nur wenige Steueranlagen, die bei jedem Seegang effizient & dauerhaft eingesetzt werden können (z.B. die integrierten Steueranlagen von PIETSCH & HANSEN bzw. LETTMANN). Deshalb wieder-entdeckten m.E. die Briten für ihre Seekajaks die starre Heckflosse, die einst die Inuits erfunden hatten. Die Hersteller merkten aber bald, dass auch ein Kajak mit starrer Heckflosse richtig getrimmt werden muss. So erfanden die Briten das verstellbare Skeg. Solange ein Kajak nicht hoffnungslos vertrimmt ist, ermöglicht uns – sofern die Skegflosse nicht zu klein dimensioniert ist – das Skeg, unser Kajak richtig zu trimmen:

Steuer contra Skeg?

 

Übrigens, das british-styled Seekajak wird überwiegend entweder ohne alles bzw. mit verstellbarem Skeg ausgeliefert. Bei einigen „Seakayakern“ erfreut sich das verstellbare Skeg großer Beliebtheit, obwohl (oder: gerade weil) es:

Das Paddeln ohne alles oder mit Skeg ist nämlich der Inbegriff sportlichen Paddelns. Wer dazu gehören möchte, der fährt daher ohne alles oder mit Skeg. Er ist der „Player“ unter den Seekajakfahrern, der sein Seekajak bei fast jeder Gewässerbedingung beherrscht. Hierzu zählen im Allgemeinen die Briten, die überwiegend so nah an der Küste wohnen, dass sie fast nur Tagestouren unternehmen, sei es als Spritztour oder als Spiel in der Brandung oder im Tidalrace.

 

Wir „Nicht-Briten“ unternehmen dagegen lieber Gepäcktouren, paddeln Strecke, tagelang und das möglichst schnell. Wir sind die „Tourer“ (è Küstenkanuwanderer) unter den Seekajakfahrern. Für uns ist das verstellbare Skeg im Vergleich zum Steuer eine weniger komfortable und effiziente Lösung, um längere Zeit geradeaus zu paddeln.

 

Natürlich gibt es Ausnahmen. Z.B. paddelte der wohl bekannteste „Tourer“, nämlich Freya Hoffmeister mit einem Skeg-Seekajak (è „Explorer“ (533x54 cm; 319 Lit. Vol.) von NIGEL DENNIS) in Rekordzeit rund Island und rund Neuseelands Südinsel. Für ihre Australien- und Südamerikaumrundung hat sie sich jedoch für ein Steuer-Seekajak entschieden, und das sicherlich nicht nur deshalb, weil sie diese Seekajaks neuerdings gesponsert bekommt (è „18X“ (549x56 cm; 369 Lit. Vol.) von EPIC bzw. „XP18 – Freya“ (549x54 cm; 390 Lit. Vol.) von POINT 65° N).

 

Und natürlich heißt es nicht, dass die britischen Hersteller nur Seekajaks für „Player“ anbieten. Zu denken ist hier insbesondere an einige der neueren Skeg-Seekajaks von P&H (z.B. die „Delphin 150“ (PE) (457x55 cm; 247 Lit. Vol.) und „Arius 155“ (485x57 cm; 290 Lit. Vol.), TIDERACE (z.B. „Xtra“ (505x57 cm, 369 Lit. Vol.), „Xtreme“ (517x54 cm; 370 Lit. Vol.) und VALLEY (z.B. “Gemini Sports Play” (452x56 cm). Vielmehr bieten die Briten auch reinrassige „Tourer“, d.h. echte „Runner“ an, und zwar alle serienmäßig mit Steuer ausgerüstet. Zu denken ist hier z.B. an den „Inuk“ (550x50 cm; 305 Lit. Vol.) von KIRTON, den „Taran“ (549x52 cm; 383 Lit. Vol.) von ROCKPOOL und den „Pace 18“ (549x53 cm; 373 Lit. Vol.) von TIDERACE.

 

Text: Udo Beier