27.11.2013 „Integrierte“ Steueranlagen (Ausrüstung)

 

Endlich, über 20 Jahre lang boten PIETSCH & HANSEN und LETTMANN als einzige Hersteller von Seekajaks eine integrierte Steueranlage an. Nun hat der britische Seekajak-Hersteller VENTURE KAYAKS nachgezogen:

 

www.venturekayaks.com/news/

 

Bei der integrierten Steueranlage wird das Steuerblatt – ähnlich wie bei einem verstellbaren Skeg - so unter dem Heck platziert ist, dass es im hoch-/eingezogenen Zustand vollständig im Unterwasserschiff verschwindet.

 

Die Vorteile:

 

  • Das Steuerblatt erreicht im ausgezogenen/heruntergelassenen Zustand mehr Wassertiefe und ragt bei Seegang nicht so schnell aus dem Wasser heraus.

Dadurch lässt sich mit solch einer Anlage effizienter steuern, was das Paddeln bzw. Surfen bei Rückenwindbedingungen erleichtert.

 

  • Wegen der günstigen Position des Steuerblatts unter dem Heck kann es kürzer und folglich auch verwindungssteifer sein als die meisten hinten am Hecksteven angehängte Steuerblätter (z.B. „Heckumklappsteueranlagen“ bzw. „Heckhochklappsteueranlagen“), sodass Steuerausschläge direkter und somit effizienter ausgeführt werden können.

 

  • Im hoch-/eingezogenen Zustand verschwindet das Steuerblatt vollständig im Unterwasserschiff.

Bei Grundberührung (z.B. bei Kenterung in der Brandung oder beim Rückwärtssurf auf den Strand) kann es dann nicht mehr beschädigt werden. Außerdem bietet das eingezogene Steuerblatt keine Windangriffsfläche, die bei allen anderen Steuerblättern (z.B. „Heckumklapp-„ bzw. „Hochhochklappsteueranlagen“) zur Erhöhung der Luvgierigkeit führt. Das Paddeln unter Brandungsbedingungen bzw. bei Flachwasserbedingungen - also bei Bedingungen, bei denen wir das Steuerblatt eingezogen haben - wird dadurch erleichtert.

 

Die Nachteile:

 

  • Wir kennen es vom verstellbaren Skeg, das im eingezogen Zustand in einem Schlitz verschwindet. Wenn dieser Schlitz verschmutzt oder sich in diesem Schlitz z.B. ein Kieselstein festsetzt, dann kann es später auf dem Wasser Probleme mit dem herunterlassen des Skegs geben.

Dieses Verschmutzungsproblem können auch integrierte Steueranlagen haben, insbesondere wenn sie in einem engen Schlitz verschwinden und der Schlitz am Spülsaum oder an Land mit dem Boden (hier: Schlick, Sand, Kieselsteinen) in Berührung kommt.

Außerdem besteht die Gefahr, dass bei Bodenberührung der Drehmechanismus des Steuerblatts verschmutzen kann.

In beiden Fällen führt das dazu, dass das Steuerblatt nicht mehr heruntergelassen werden kann.

Deshalb sollten wir (1.) gleich nach dem Anlanden prüfen, ob dieser Schlitz frei von Verschmutzungen ist.

Auch ist (2.) vor dem Start nochmals zu kontrollieren, ob das Steuerblatt leichtgängig herausgelassen werden kann.

Und (3.) beim Starten vom Strand oder einer Wattfläche aus, sollten wir möglichst einen „Nassstart“ machen, also uns erst in das Seekajak setzen, wenn es keine Grundberührung mehr hat. Auf einen „Robbenstart“ sollten wir daher verzichten, was jedoch bei Brandungsbedingungen nicht immer möglich sein wird.

Übrigens, Skeg-Paddler haben sich mit diesem Verschmutzungsproblem abgefunden und daher vorbeugend ein Bändsel am Skegblatt montiert, damit – wenn das Blatt nach dem Start auf dem Wasser nicht herausrutschen will - ein Dritter es notfalls am Bändsel herausziehen kann.

 

  • Nicht integrierte Steueranlagen können, ohne auf die Stellung des Steuerblatts zu achten, an der Hochziehleine aus dem Wasser gezogen werden.

Bei den integrierten Steueranlagen ist jedoch darauf zu achten, dass das Steuerblatt exakt gerade zur Fahrtrichtung ausgerichtet ist, bevor es eingezogen wird.

Wer also anlanden will, muss vor dem Einziehen des Steuerblatts gezielt und zügig geradeaus paddeln, weil sich das Steuerblatt nur dann direkt unter dem Schlitz befindet und nur dann in den Schlitz gezogen werden kann. Bei Seegangs- bzw. Brandungsbedingungen ist das nicht immer ganz einfach. Wer dann nicht das nötige „Fußspitzengefühl“ hat, welche Stellung das Steuerblatt gerade einnimmt, dem gelingt es u.U. nicht immer, beim ersten oder zweiten Versuch das Steuerblatt einzuziehen.

 

  • Gelingt es einem nicht oder vergessen wir es, das Steuerblatt einzuziehen, ist das bei einer am Hecksteven angehängten Steueranlangen nicht weiter schlimm. I.d.R. richtet sich das Steuerblatt in etwa in Fahrtrichtung aus und klappt bei Grundberührung einfach hoch. Lediglich wenn das Seekajak quer treibt oder beim Anlanden kentert, kann eine solche Steueranlage beschädigt werden.

Demgegenüber wird das nicht eingezogene Steuerblatt einer integrierten Steueranlage bei Grundberührung mit großer Wahrscheinlichkeit verbogen bzw. das Unterwasserschiff wird durch das hochgedrückte Steuerblatt beschädigt.

Das sollte einem als Fahrer eines Seekajaks mit integrierter Steueranlage bewusst sein. Er muss daher stets darauf achten, dass bei Grundberührungsgefahr, dass Steuerblatt mindestens so weit eingezogenen ist (sog. „Flossen-Stellung“), dass es bei Grundberührung automatisch in den Schlitz rutscht statt quer zu schlagen und das Unterwasserschiff einzudrücken.

 

  • Weiterhin muss sichergestellt sein, dass das hochgezogene bzw. in „Flossen-Stellung“ gezogene Steuerblatt nicht versehentlich wieder ganz heraus rutschen kann (z.B. nach einer Kenterung in der Brandung), um bei einer dann anschließenden Grundberührung das Unterwasserschiff & Steuerblatt vor Beschädigungen zu bewahren.

 

  • Schließlich muss der Mechanismus, der die Steuerausschläge auslöst, so konstruiert sein, dass das Steuerblatt maximal um ca. 150° gedreht werden kann.

D.h. es muss eine Sperre eingebaut sein, die verhindert, dass das Steuerblatt z.B. bei einer Kenterung im Kabbelwasser von der Wasserwucht einmal im Kreis gedreht wird. Anderenfalls könnte es passieren, dass die Steuerpedale so verzogen sind, dass der „Kenterbruder“ nach gelungenem Wiedereinstieg keinen Fußhalt mehr findet, oder dass das Steuerblatt so verdreht ist, dass nur noch eine Kurve gepaddelt werden kann.

 

Ja, das wär’s, was über „integrierte Steueranlagen“ zu sagen ist. Trotz einiger Nachteile überzeugen mich die Vorteile so sehr, dass ich seit ca. 20 Jahren u.a. ein Seekajak mit solch einer Steueranlage paddle.

 

Die Nachteile eines am Hecksteven anmontierten Steuerblattes wiegen m.E. schwerer (hier: wenig effizient beim Surfen, Tendenz zur Luvgierigkeit im hochgezogenen Zustand, Beschädigungsgefahr beim Brandungspaddeln, Verletzungsgefahr bei Rettungsaktionen, Verlustgefahr bei Kenterungen).

 

Und die Nachteile eines verstellbaren Skegs dürfen auch nicht schöngeredet werden (hier: erschwertes Kurshalten beim Surfen, mangelhafte Wendigkeit bei kabbeligen Seegangsbedingungen, Trimmprobleme; Verschmutzungsprobleme, die dazu führen können, dass das Skeg nicht mehr eingezogen bzw. herausgelassen werden kann, sodass gerade schwächere Kanuten dann nicht mehr ihr Seekajak beherrschen).

 

Wem insbesondere missfällt, dass Steuer bzw. Skeg beschädigt werden können, dem ist eigentlich nur zu raten, ganz „unten Ohne“ zu paddeln. Dann kann zumindest nichts mehr an seinem Seekajak kaputt gehen. Ob auf Dauer jedoch der Kanute selber damit klar kommt und das körperlich aushält, hängt sicherlich von seiner Leistungsfähigkeit ab. D.h. je weniger leistungsfähig jemand ist, desto mehr Ausrüstung benötigt er, um seine Schwächen zu kompensieren. Oder auch anders herum: Je leichter einem das Paddeln fallen soll, umso umfangreicher sollte seine Ausrüstung sein.

 

 

Hersteller Varianten mit „integriertem“ Steuerblatt: (wird fortgesetzt)

 

Pietsch & Hansen-Modell www.pietsch-hansen-kajaks.de/technik.htm

 

Die Steueranlage mit dem im Unterwasserschiff integrierten Steuerblatt wurde einst Anfang der 80er Jahre von Jürgen Pietsch erfunden & entwickelt und erstmals in den „Habel“ eingebaut. In der Zwischenzeit ist das Seekajaksortiment von PIETSCH & HANSEN ausgeweitet:

 

  • „Oland“ (530x55 cm; 320 Liter Volumen),
  • „Amrum III“ (532x54 cm; ca. 330 Lit. Vol.),
  • „Habel IV“ (546x58 cm; 350 Lit. Vol.),
  • „Gröde II“ (580x52 cm; 340 Lit. Vol.),
  • „Hooge“ (KII) (650x63 cm; 560 Lit. Vol.).

 

All diese Seekajaks sind mit einer integrierten Steueranlage ausgerüstet.

 

Lettmann-Modelle http://lettmann-shop.de/cms/technik/boote-technik/steueranlagen

 

LETTMANN baut in einigen seiner Seekajaks zwei verschiedene Varianten von integrierten Steueranlagen an. Bei seiner ersten Variante wird das Steuerblatt in den Hecksteven integriert („Heckstevensteuer“), z.B. beim:

 

  • „Godthab XL“ (530x55 cm; ca. 316 Lit. Vol.),
  • „Hanseat“ (LV= 525x57 cm; ca. 330 Lit. Vol.; HV= 525x58 cm; ca. 360 Lit. Vol.),
  • „Nordstern“ (LV= 555x57 cm; ca. 390 Lit. Vol.; HV= 555x58 cm; ca. 425 Lit. Vol.),
  • „Pacific“ (Zweier) (590x69 cm; ca. 670 Lit. Vol.).

 

Bei der anderen Variante wird das Steuerblatt wie ein verstellbares Skeg im Unterwasserschiff integriert (sog. „Steuerskeg“), z.B. beim:

 

  • „Polar“ (530x53 cm; ca. 331 Lit. Vol.),
  • „Biskaya“ (LV= 535x53,5 cm; ca. 295 Lit. Vol.; MV= 535x54 cm; ca. 325 Lit. Vol. und HV= 540x56 cm; ca. 350 Lit. Vol.)),
  • „Skinner“ (560x54 cm; ca. 285 Lit. Vol.).

 

Venture Modell - www.venturekayaks.com/news/

 

Der britische Kajak-Hersteller VENTURE KAYAKS (der zusammen mit P&H und Pyranha einen Unternehmenszusammenschluss bilden) hat nun erstmals ebenfalls eine integrierte Steueranlage in der Variante „Steuerskeg“ entwickelt und bei seinem neuen PE-Seekajak:

 

  • „Jura“ (487x  cm)

 

eingebaut.

 

Kari Tek Modell - www.karitek.co.uk

 

Der Zubehör-Hersteller KARI TEK produziert seit einiger Zeit ein „Skeg Rudder“, also eine Variante, die dem „Steuerskeg“ ähnelt, die jedoch das Steuerblatt nicht per Seilzug, sondern per Hydraulic in Drehung versetzt. Der britische Hersteller SEA KAYAKING UK, der die von Nigel Dennis entwickelten Seekajaks vertreibt, bietet seine Seekajaks mit diesem „Skeg Rudder“ an:

 

www.seakayakinguk.com/seakayaks/?mode=custom&item=rudder

 

jedoch bin ich noch nie auf ein Seekajak gestoßen, dass mit diesem „Skeg Rudder“ ausgerüstet wurde.

 

Heckflossenvarianten von: Epic und Point 65°N - www.epickayaks.com/technology / www.point65.com

 

 

Gummiheckflossenvariante von: Mikskayaks www.mikskayaks.fi

 

 

Text: Udo Beier