29.11.2013 Gibt es das „ideale“ Seekajak? (Ausrüstung)

 

Ja, gibt es das denn, das „ideale“ Seekajak? Nun, das setzt zunächst die Klärung voraus, was wir unter einem „idealen“ Seekajak verstehen!

 

 

 

 

 

 

Vor allem seetüchtig!

 

Und überhaupt: Welche Eigenschaften soll es haben und wie gut sollen diese Eigenschaften jeweils in Vergleich zu anderen Seekajaks erfüllt werden. D.h. wie seetüchtig, und somit: wie seegangs-, kenter-, navigations-, verkehrs- und reisetüchtig sollte es sein?

 

Versuchen wir erst einmal, das ganze Bündel an Eigenschaftsmerkmalen aufzuzeigen, die ein Seekajak ausmachen. In Klammern werden dabei jene Faktoren genannt, die prägend für das jeweilige Eigenschaftsmerkmal sind.

 

(1) Seegangstüchtigkeit:

 

(2) Kentertüchtigkeit:

 

(3) Navigationstüchtigkeit:

 

(4) Verkehrstüchtigkeit:

 

(5) Reisetüchtigkeit:

 

„Spitzenwerte“

 

Ja, über welche dieser Eigenschaften soll nun ein „ideales“ Seekajak verfügen und wie gut sollen diese Eigenschaften erfüllt werden. Ein Seekajak, das bezüglich aller Eigenschaften „Spitzenwerte“ erreicht, werden wir nie finden; denn es gibt einfach kein Seekajak, das in allen Punkten bei allen Bedingungen am besten abschneidet; denn manche Eigenschaftsmerkmale schließen sich einander aus:

 

Beispielsweise wird ein sehr schnelles Seekajak  auch sehr kursstabil, dafür aber weniger wendig sowie recht kipplig sein. Außerdem läuft es nur dann trockener, wenn es voluminöser ist und ein gefirstetes Vorderdeck hat, was jedoch die Windempfindlichkeit erhöht.

 

Abgesehen davon: Ein Seekajak, dass schnell bei Flachwasserbedingungen gepaddelt werden kann, wird bei kabbeligen Seegangsbedingungen nicht mehr so leicht beherrschbar sein (d.h. es wird kippliger sein und beim Surfen bzw. Gegenwindpaddeln zum Bohren neigen) und folglich nicht mehr so schnell gepaddelt werden können, und zwar egal, aus welcher Richtung der Wind weht.

 

Außerdem: Bei kurzen Wellen ist ein kürzeres Seekajak von Vorteil, da es über die Wellen gleitet, statt durch die Wellen zu bohren, ansonsten haben jedoch kürzere Seekajaks eine geringere Rumpfgeschwindigkeit.

 

Weiterhin: Ganz kleine Sitzluken erleichtern die Arbeit mit der Seekarte, erschweren aber den Wiedereinstieg nach einer Kenterung. Eine mittelgroße Sitzluke erleichtert den Wiedereinstieg, aber erschwert die Kartenarbeit. Eine ganze große Sitzluke erschwert dagegen erneut den Wiedereinstieg, weil die Spritzdecke mit dem riesigen Spritzdeckenteller beim Wiedereinstieg äußerst hinderlich ist: Erst bleibt der Spritzdeckenteller überall hängen und schließlich, wenn wir in unserem Cockpit Platz genommen haben, sitzen wir auf ihm!

 

Schließlich: Wer auch bei einem Rückenwindkurs schnell sein will, dessen Seekajak muss leichter ins Surfen kommen. Seekajaks mit ausgeprägtem Kielsprung und etwas voluminösren Heckvolumen können dann Punkte machen, die sie aber wieder verlieren, wenn sie im Flachwasser auf Tempo gepaddelt werden.

 

Folglich macht es keinen Sinn, nach dem Seekajak mit „Spitzenwerten“ zu suchen. Ein jedes Seekajak stellt nämlich einen Kompromiss aus den obigen fünf zentralen Eigenschaftsmerkmalgruppen und den dabei zugrunde liegenden Touren-, Wind- und Gewässerbedingungen dar.

 

„Kompromisslösung“

 

Wie aber sieht solch eine „Kompromisslösung“ aus? Und: Können wir darüber das „ideale“ Seekajak finden?

 

Rein theoretisch setzt eine solche Kompromisslösung auf alle Fälle die Kenntnis:

 

 

voraus. Abgesehen davon, dass wir die meisten technischen Daten eines Seekajaks nicht kennen, sondern höchstens „erahnen“, scheitert eine allgemeingültige Kompromisslösung allein schon an der Gewichtung; denn diese hängt ab:

 

 

Natürlich ist es nicht nur denkbar, sondern auch bislang gängige Praxis, die meisten Seekajaks so zu konstruieren, dass es über „Allround“-Eigenschaften verfügt. D.h. keines dieser Eigenschaften nimmt eine „Spitzenstellung“ ein. Dafür bietet ein Seekajak mit solchen Eigenschaften ein zufriedenstellenden Kompromiss: Es ist z.B. schnell genug, nicht allzu kipplig, einigermaßen kursstabil und genügend wendig und so voluminös, dass wir unser Gepäck unter bekommen, sodass wir mit solch einem „Allrounder“ für 1-2 Wochen auf Tour gehen können, aber nicht scheitern, wenn wir dabei in Brandung geraten bzw. von einem 6er Wind überrascht werden. Ein solches „Allround“-Seekajak als das „ideale“ Seekajak herauszustellen, könnte jedoch etwas missverständlich sein.

 

Im Laufe der Jahrzehnte hat sich nicht nur der Kreis jener erweitert, die auf dem Meer paddeln, sondern auch die Hersteller von Seekajaks bieten längst nicht mehr nur ein einziges Seekajak an. In der Zwischenzeit variieren die Seekajaks eines Herstellers

 

 

Nicht zu vergessen ist dabei die – seit –zig Jahren bewährte, ein „Eigenleben“ führende – Entwicklung surftüchtiger Kajaks, nämlich die „Surf-Ski“, (lange schmale Sit-on-Top-Kajaks) die speziell für Rückwind- und Surfkurse entwickelt wurden.

 

Was die „Long-Distance-Touring“-Seekajaks betrifft, gibt es in den letzten Jahren ein immer größer werdendes Angebot:

 

* (mit: WW = Wasserwiderstand bei 5 Knoten (9,26 km/h) lt. SEA KAYAKER)

 

 

Ähnlich verhält es sich mit dem Angebot an „Surf-Player“:

 

 

Aber welches von diesen hier aufgeführten Seekajaks ist nun das „ideale“ Seekajak zumindest aus der Sicht eines „Langstreckenpaddlers“ bzw. eines „Brandungspaddlers“?

 

Der „Marathonpaddler“ hat es da noch recht leicht. Zumindest wenn er „kippsicher“ ist, genügt es ihm sicherlich, bei der Suche nach dem „idealen“ Seekajak allein nach einem Seekajak mit dem niedrigsten Wasserwiderstand (z.B. ab 10 km/h) Ausschau zu halten. Dem „Langstreckentourenpaddler“ hilft aber eine solche Fixierung auf das Eigenschaftsmerkmal „Wasserwiderstand“ genauso wenig weiter wie dem „Brandungspaddler“ die Fixierung auf das dominierende, jedoch für ihn nicht allein entscheidende Eigenschaftsmerkmal „Wendigkeit“. Beide müssten auch noch weitere, wenn auch jeweils andere Eigenschaften berücksichtigen.

 

Um welche Eigenschaft es sich dabei handeln sollte, kann nur bei Kenntnis des Einsatzgebietes abgeleitet werden. Wie diese Eigenschaften aber zu bewerten & gewichten sind, dass kann nur subjektiv, d.h. vom einzelnen Kanuten bestimmt werden. Da ihm in der Regel die technischen Daten nicht bekannt sind, genügt es, wenn er sich bei der Suche nach dem für ihn „idealen“ Seekajak näherungsweise in Form von Mindest- oder Maximalbedingungen (Nebenbedingungen) herantastet.

 

„Näherungslösung“

 

Uns wird es nicht gelingen, das „ideal“ Seekajak zu finden, welches für alle Kanutinnen und Kanuten ideal ist, und zwar auch dann nicht, wenn wir uns bei der Suche darauf beschränken, das „ideal“ „Langstreckentouren-Seekajak“ zu finden. Die Präferenzen (hier: Wünsche/Bedingungen) & Maße (hier: Größe & Gewicht) der „Langstreckentourenpaddler“ sind einfach zu unterschiedlich, als dass wir in der Lage sind, das „Seekajak“ zu finden, das für alle diese Küstenkanuwanderer gleichermaßen „ideal“ ist.

 

Wohl aber ist es möglich, das „ideale“ Seekajak für einen einzelnen Kanuten zu finden. Er braucht nur seine Präferenzen & Maße offenzulegen. Es muss ihm dabei jedoch bewusst sein, dass nicht jeder Wunsch zu 100% erfüllt werden kann; denn manche Wünsche schließen sich einander aus, z.B.

 

 

Als eine Näherungslösung zum Auffinden eines „idealen“ Seekajaks z.B. für einen bestimmten „Langstreckentourenpaddler“ bietet sich etwa die folgende Vorgehensweise an:

 

 

Der Wasserwiderstand sagt etwas über den „Leichtlauf“ eines Seekajaks aus. Leider finden wir nur selten Daten über den Wasserwiderstand von Seekajaks, geschweige denn dass die Daten verschiedener Seekajakhersteller miteinander vergleichbar sind. Bislang hat sich lediglich das us-amerikanische SEA KAYAKER-Magazin die Mühe gemacht, für einen ausgewählten Kreis von Seekajaks solche Daten zu ermitteln, und zwar bei einer vorgegebenen Zuladung (hier: 113,4 kg) und bezogen auf unterschiedliche Geschwindigkeitsbereiche (z.B. 7,4 km/h, 8,3 km/h, 9,3 km/h und 11,1 km/h).

 

http://forum.kanu.de/showpost.php?p=21456&postcount=1

 

Wir müssen daher stattdessen auf die Ersatzgröße:

 

 

oder – weil auch meist darüber kein technischen Daten bekannt sind – auf vergleichbare Ersatzgröße zurückgreifen, z.B. auf:

 

 

Übrigens, lt. SEA KAYAKER sind die Unterschiede bei den Wasserwiderstandswerte von Seekajaks, deren Abmessungen zwischen 500-550 cm (Länge) und 53-58 cm (Breite) liegen, bis 7,4 km/h (4 Knoten) relativ gering. Erst wenn wir schneller paddeln wollen, wirken sich die Wasserwiderstandswerte auf den „Leichtlauf“ eines Seekajaks aus. Und dann lohnt es sich, mangels konkreter Wasserwiderstandswerte auf die oben aufgeführten „Ersatzgröße“ zu achten, wohl wissend, dass das ganze Streben nach einem leicht zu laufenden Seekajaks nichts bringt, wenn wir auf unseren Touren zu viele Kilogramm an Ausrüstung & Verpflegung mitschleppen und – denn ein Seekajak fährt nicht von alleine – darauf verzichten, etwas zur Erhöhung unserer Kondition zu tun.

 

D.h. ein Küstenkanuwanderer mit „Long-Distance-Touring“-Ambitionen sollte vielmehr darauf achten, dass sein zukünftiges Seekajak zumindest die folgenden Nebenbedingungen erfüllt, z.B.

 

 

Die Überprüfung dieser Bedingungen kann jeder selber für sich vornehmen, und zwar durch Besichtung, Sitzprobe (zu Land und zu Wasser) bzw. Probefahrt (bei Wind & Welle). Auf diese Weise habe ich das für mich „ideale“ Seekajak, einen „Oland“ (530x55 cm; ca. 320 Lit. Vol.) von PIETSCH und HANSEN, gefunden, auch wenn ich während der Entscheidungsfindung:

 

 

Andere Küstenkanuwanderer und –wanderinnen mögen da anders denken und folglich eher andere Seekajaks als „ideal“ – richtiger: „als für sich ideal“ - bezeichnen. Zumindest begegne ich bei meinen Touren und Kursen den „Oland“ recht selten. Vielleicht liegt das auch daran, dass die anderen sich gegen den „Oland“ entschieden haben, da er das Kriterium:

 

 

nicht „befriedigend“ erfüllt. ….. oder auch daran, dass all ihre Mitpaddler in britischen Skeg-Seekajaks paddeln. Da wollen sie nicht mit einem norddeutschen Steuer-Seekajak (spöttisch als „Tret“-Boot bezeichnet) aus der Reihe tanzen, auch wenn sie damit den anderen davon surfen könnten!?

 

Text: Udo Beier