06.12.2013 Wie „schwerwettertüchtig“ ist ein Seekajak (Ausrüstung)

 

Die „Schwerwettertüchtigkeit“ eines Seekajaks wird zunächst einmal von der Leistungsfähigkeit des Kanuten bestimmt … und deren Grenzen nach „oben“ sind nahezu offen, sofern er über ein dafür geeignetes Seekajak verfügt! Beispielsweise genügt es, einen sporadischen Wanderpaddler nur mal in ein aktuelles KI-Abfahrtsrennboot zu setzen, um gleich danach feststellen zu können, dass er damit schon bei 0 Bft. Wind und spiegelglattem Wasser überfordert ist, d.h. an seine Grenzen stößt.

 

Ansonsten wird die Gewässerschwierigkeit u.a. von den folgenden Größen bestimmt:

 

 

Wo die Grenzen für einen Kanuten und sein Seekajak liegen, kann nur selber „erfahren“ werden. Eines steht jedoch fest: Je mehr Gewässerschwierigkeitsfaktoren zusammen wirken, desto schwieriger wird es. Schwierigkeitsmindernd wirkt es höchstens, wenn der Wind mit dem Strom weht. Auch wenn es ablandig weht, werden die Gewässerbedingungen ganz dicht entlang der Küste weniger kritisch sein … sofern keine Dünung einläuft und genau dort bricht, wo sich noch keine Windsee aufbauen kann.

 

Pauschale Aussagen über die Befahrbarkeitsgrenzen lassen sich nur machen, wenn wir jeden einzelnen Gewässerschwierigkeitsfaktor allein für sich betrachten:

 

Beim Wind werden wohl für die meisten Experten die Grenzen bei 7 bis 8 Bft. liegen. Vorausgesetzt, es bläst auflandig (über 20 km Fetch und über 3 Std. Windwirkdauer). Wie lange man dabei gegen den Wind paddeln kann, hängt von der körperlichen Fitness (è persönlichen Ausdauer & Stärke) ab. Mit solch einem Wind kann schon länger gepaddelt werden, auch wenn man dann nicht immer mehr voll manövrierfähig sein wird, d.h. der Kurs wird dann hauptsächlich vom Wind vorgegeben. Letztlich hängt das aber von der

persönlichen Leistungsfähigkeit (körperlich und paddlerische Fitness) ab:

 

 

Zur Strömung und die Stromgeschwindigkeit kann ich nicht viel sagen. Ich bin schon bei einem ca. 10-km/h-Strom und wenig Wind entlang Minseneroog Richtung Wilhelmshaven gepaddelt und habe bis auf die GPS-Anzeige kaum was davon bemerkt, letztlich weil das auflaufende Wasser dort ungehindert Richtung Jadebusen fließen konnte. Anders soll das insbesondere bei den Gezeitenströmungen (Tiderace) in Wales und Schottland sein, wo das Wasser durch Engstellen mit Untiefen und Felshindernisse gedrückt wird. Dort soll man dann Gewässerbedingungen erleben können, die man sonst nur im Wildwasser mit viel Wasserwucht antrifft.

 

Wo nun die Grenzen beim Seegang liegen, ist differenziert zu beurteilen. Die Wellenhöhe als solche ist eher unkritisch. Schwierig wird es erst dann, wenn die Welle bricht und mit welcher Kraft (è viele „Plätscher“-Wellen) und wie sie bricht (è ein einziger Brecher (sog. Dumper)), wie viel Brecher hintereinander folgen und ob aus den verschiedensten Richtung die Brecher gleichzeitig angerollt kommen (sog. Klapotis). Spätestens ab einem 1,50 – 2-Meter-Brecher wir man auch als Experte an seine Grenzen stoßen. Natürlich kann man bei solchen Brechern noch paddeln, aber nur dann, wenn man ihnen ausweichen kann oder höchstens ein solcher Brecher einen erwischt und der nächste Brecher wartet, bis man sich davon erholt hat. Wenn dann dem einen Brecher sofort –zig weitere Brecher folgen, wird man von den Brechern einfach mitgenommen (sog. Seitwärts-/Rückwärts-/Vorwärtssurf), d.h. man wird zum „Spielball“ der Wellen. Aber auch eine leicht brechende Windsee bei 4-5 Bft. Gegenwind und etwas flacherem Gewässer (è aufsteilende See) kann einen die eigenen Grenzen aufzeigen lassen, und zwar nicht schon nach einer viertel Stunde, wohl aber nach mehreren Stunden. Freya Hoffmeister hat zumindest die Rücken- & Seitenwindpassagen bei einer 4-Meter-Dünung entlang der Pazifikküste Südamerikas als weniger zermürbend empfunden als die Gegenwindpassagen mit steiler, mit Schaumkämmen durchsetzte 2-Meter-Windsee entlang der Karibikküste von Panama, Kolumbien, Venezuelas und Guyanas. Lediglich das Anlanden an der Karibikküste war weniger aufregend & gefährlich.

 

Bei einem Wellentohuwabohu, also wenn alle diese Schwierigkeitsfaktoren zusammen aufeinandertreffen und weitere Schwierigkeitsfaktoren auftauchen (z.B. Dampferwellen, Starkregen/Nebel/Nacht, Kälte, geschwächt durch stundenlanges Paddeln bzw. eine gerade erst kurierte Krankheit), dann reichen schon schwächerer Wind, weniger Strömung und niedrigere Brecher aus, um gekentert zu werden …. und dann fängt es erst an, richtig schwierig zu werden; denn gelingt dann einem noch die Rolle? … und wenn nicht, was dann? … wenn die Brecher einem das Seekajak aus den Händen reißen? … wenn die Mitpaddler bei den Gewässerbedingungen sich nur noch um sich selber kümmern können? … und wenn das rettende Ufer nicht erreichbar ist?

 

Salzwasserschwierigkeitsgrad (SSG)

 

Ich habe mal eine Formel zur Ermittlung des Schwierigkeitsgrads auf Küstengewässern aufgestellt:

 

www.kanu.de/nuke/downloads/SSG.pdf

 

die in Anlehnung an den Wildwasser-Schwierigkeitsgrad von I (unschwierig) bis VI (Grenze der Befahrbarkeit) reicht und wie folgt lautet:

 

SSG = Bft. minus 2 plus Korrekturfaktoren

 

D.h. bis 3 Bft. Wind herrschen zunächst noch unschwierige Bedingungen vor und spätestens ab 8 Bft. sind die Grenzen der Befahrbarkeit erreicht. Letztlich hängt es davon ab, ob neben dem Wind noch zusätzlich Gewässerschwierigkeitsfaktoren (z.B. Stromkabbelung (+1), Wind-gegen-Strom-Bedingungen (+1), Wind-mit-Strom Bedingungen (-1), Grundsee/Brandung (max. +5), ablandiger Wind (-1), Dampferwellen (+1), zusätzliche Windeffekt (+1 ab 5 Bft.)) auftauchen. D.h. es kann durchaus sein, dass wir bei einem 4er Wind („mäßiger Wind“) in VI-er Gewässerbedingungen geraten können, nämlich dann wenn wir bei der Festlegung unseres Kurs z.B. Untiefen und Stromkabbelungen ignorieren und bei der Zeitplanung in Kauf nehmen, dass der Wind gegen den Tidenstrom weht.

 

Text: Udo Beier