15.07.2014 Kollisionswarngerät „Nico-Signal“ (Ausbildung)

 

Was machen wir eigentlich bei Kollisionsgefahr?

 

Auf dem Wasser von Amrum nach Sylt

 

Es geschah auf einer Tour von Amrum (West) hinüber nach Sylt (Süd). Wir, 8 Küstenkanuwanderinnen und -wanderer (aufgeteilt in eine 5er- und eine 3er-Gruppe), waren noch ca. 4 km von Sylt entfernt und kämpften jeder für sich mit der Stromkabbelung des „Vortrapptiefs“. Gerade als wir das Vortrapptief-Fahrwasser südwestlich von Tonne 16 gequert hatten, tauchte hinter den Dünen von Hörnum Odde ein Ausflugsschiff auf und fuhr ins Fahrwasser, sodass alles danach aussah, dass es auf unserer Steuerbordseite entlang fahren würde. Da verließ plötzlich das Schiff das Fahrwasser, kreuzte unseren Kurs und fuhr etwas westlich von uns. Es handelte sich wohl um ein Ausflugsschiff, welches für die mitfahrenden Touristen mit einem kleinen „Schau-Netz“ fischte, um danach Richtung der Seehundsbänke im Westen von Amrum („Jungnamensände“) zu fahren. Plötzlich dreht das Schiff erneut und nahm Kurs direkt auf die Seehundsbänke … und wir lagen genau auf seinem Kurs!

 

Was tun? Nach Steuerbord ausweichen, wie es die Seeschifffahrtsordnung bei Schiffsbegegnungen außerhalb des Fahrwassers vorschreibt? Aber wie sollen wir mit einem Seekajak, das von einem 5-6 km/h Strom Richtung dem sich annähernden Schiff mitgenommen wird, einem sich schnell nähernden Schiff ausweichen, wenn jeder damit beschäftigt ist, von der rauen See nicht umgeschmissen zu werden. Das Schiff näherte sich uns immer mehr. Wahrscheinlich war sein Käpt’n anderweitig beschäftigt oder sah uns nicht im Seegang und rechnete auch nicht damit, dass bei einem solchen Seegang 4 km seitab von Amrum Küstenkanuwanderer ihrem Hobby nachgingen.

 

Ja, was sollten wir tun. „Flüchten“ war bei diesen Geschwindigkeitsunterschieden zwischen Seekajak und Ausflugsschiff zwecklos! Unsere „Breitseite“ zeigen und dann nach Steuerbord ausweichen, wäre eine Alternative, aber nur dann, wenn der Käpt’n Ausschau hält nach auf dem Wasser vor sich treibende Hindernisse! Also „Augen zu und durch!“ und notfalls im letzten Moment nach links oder rechts spurten!?

 

Nun, schon Minuten vorher griff ich vorsichtshalber nach meinem an meiner Schwimmweste mit einer kurzen Elastikleine befestigten „Nico-Signal“ (geladen mit 4 roten und 2 weißen Signalkugeln) und schaltete den Sicherungshebel von „S“ (è Safe) auf „F“ (è Fire), was bei dem Kappelwasser gar nicht so einfach war. Jetzt ergriff ich erneut mein „Nico-Signal“, hielt es so weit wie es ging von meinem rechten Ohr entfernt senkrecht in die Höhe und schoss …. natürlich nicht „ROT“, sondern eine weiße Signalkugel ab. Das Schiff dreht sofort nach Westen weg und fuhr wenig später auf unserer Backbordseite vorbei. Auf seiner Brücke stand sein Käpt’n, der uns freundlich grüßte.

 

Unterwegs von Hooge nach Gröde

 

Zwei Tage später, als wir von Hooge aus kommend uns Gröde näherten und ihren kleinen Anleger anpeilten, kam erneut ein Ausflugsschiff direkt auf uns zu. Es hatte zuvor am Anleger kurz festgemacht, aber legte bald danach wieder ab, nahm wohl Kurs Richtung Hooge und fuhr so direkt auf uns zu. Den Mitpaddlern „erlaubte“ ich zuvor, schon mal Richtung Anleger Gröde vorzupaddeln und das Surfen im Seegang so richtig auszukosten. Eine Verständigung untereinander war daher nicht mehr möglich.

 

Was ist nun, wenn der Käpt’n denkt, die ersten zwei Küstenkanuwanderer auf seiner Backbordseite seien die einzigen Paddler auf seinem Kurs? Da die Seegangsbedingungen es erlaubten, hielt ich mein Paddel (dessen Blätter mit gelber Farbe lackiert sind) hoch und winkte damit mehrmals hin & her. Das genügte wohl, um unsere Aufmerksamkeit zu erregen. Zumindest änderte das Schiff sofort seinen Kurs und fuhr auf unserer Backbordseite an uns vorbei. Auch winkte uns der Käpt’n freundlich zu, als er uns mit seinem Schiff passierte …. und ich sparte mir so meine zweite weiße Signalkugel für die nächste Kollisionsgefahr auf.

 

Im Inselgewirr der ost-schwedischen Schären

 

Demnächst muss ich wohl wieder ein paar extra weiße Signalkugeln besorgen; denn schon letztes Jahr musste ich bei einer Gruppenfahrt durch die ost-schwedischen Schären „WEISS“ schießen, weil ein in einer Bucht liegendes größeres Motorboot plötzlich mit Vollgas direkt auf uns zufuhr. Da sein Bug weit aus dem Wasser ragte und den Steuerstand völlig verdeckte, bestand Kollisionsgefahr; paddelten wir doch praktisch im „toten Winkel“ dieses Boots. Als ich „WEISS“ schoss, nahm der Motorbootfahrer sofort die Fahrt aus seinem Schiff und wartet an die 10 Minuten, bis er wieder Fahrt aufnahm. Als er an uns vorbei fuhr, grüßte er uns, als ob er sich bei uns dafür bedanken wollte, dass wir ihn vor einer Kollision mit uns Küstenkanuwanderern gewarnt hatten.

 

Auf Tour entlang der süd-norwegischen Küste

 

Es ist schon einige Jahre her, da hielt unterwegs beim Inselhopping ein norwegisches Katamaran-Fährschiff direkt auf uns zu, eine Gruppe von Küstenkanuwanderern, die von Stavanger nach Bergen paddelten. Da bei dem Geschwindigkeitsunterschied zwischen solch einem Schiff und einem Seekajak wir praktisch auf der Stelle paddeln, entschloss ich mich schon sehr früh, mit „WEISS“ auf uns aufmerksam zu machen. Leider zündete die weiße Signalkugel nicht. Also paddelten wir weiter und ich informierte die Mitpaddler, dass auf Kommando alle nach Steuerbord ausweichen sollten, und zwar erstens, um mit „voller Breitseite“ auf uns aufmerksam zu machen, und zweitens, weil die „Kollisionsverhütungsregel“ (KVR) dieses bei „entgegengesetztem Kurs“ verlangt:

 

 

Die KVR schreibt ein solches Verhalten wohl nur für „Maschinenfahrzeuge“ vor, aber es ist sicherlich nicht falsch, als Küstenkanuwanderer sich in Ermanglung von Regeln für nicht motorbetriebene kleinere Sportboote an dies KVR 14 zu halten!?

 

Als nun die Katamaran-Fähre immer näher auf uns zu kam, rief ich „Jetzt Ausweichen!“. Daraufhin wichen fast alle meine Mitpaddler nach rechts aus, nur zwei, die paddelten nach links. Kurz darauf änderte ebenfalls die Fähre ihren Kurs und fuhr schließlich mit ca. 500 m Abstand rechts an uns vorbei.

 

WEISS oder auch ROT?

 

Ja, gut das ich im Magazin meines Nico-Signals stets zwei weiße Signalkugeln habe. Wenn sie abgeschossen werden, signalisieren sie „Achtung“ und nicht, wie die roten Signalkugeln, „Seenotfall“. Was machen wir aber, wenn im Magazin des Nico-Signals keine weißen Signalkugeln stecken. Nun, dann sollten wir im „letzten Augenblick“ - also etwas später, aber nicht zu spät - „ROT“ schießen, wohl wissend, dass das auch missverstanden werden und dann den „Seenotfallalarm“ auslösen könnte.

 

Und was ist, wenn das Nico-Signal nicht griffbereit verstaut ist? Nun, dann ist zu hoffen, dass es rechtzeitig hervorgekramt werden kann.

 

Last not least, was machen wir, wenn wir nur über eine rote Rauchfackel oder eine rote Fallschirmsignalrakete verfügen? „Not kennt kein Gebot!“ Aber haben wir noch so viel Zeit und erlauben es die Seegangsbedingungen, um solche Signalmittel aus dem Gepäcknetz, der Cockpitluke oder der Sitzluke herauszuholen, mit beiden Händen zu „entschärfen“ und zu zünden?

 

Was bleibt, ist eine UKW-Sprechfunkgerät!

 

Text: Udo Beier