07.12.2003 Seeamtsspruch zum Todesfall im nordfriesischen Wattenmeer (Recht)

 

In KANU-SPORT nimmt Carlo Schagen in dem Beitrag:

 

„Seeamtsspruch im Fall Reimer Siemen jetzt publiziert.

Tödliches Drama mit wertvollen Lehren“

 

eine abschließend juristische Bewertung des Falles vor und zeigt Konsequenzen für das Küstenkanuwandern auf.

 

Carlo Schagen schreibt Folgendes:

 

„Wie es die langjährigen Statistiken des DKV belegen, ereignen sich in der Bundesrepublik Deutschland jährlich ca. 15 – 20 tödliche Kajakunfälle. Obwohl in jedem solcher Unglücksfälle ein polizeiliches Ermittlungsverfahren zur Aufklärung der Unfallursachen eingeleitet werden muss, wird eine zunächst angelegte Akte auch schnell wieder geschlossen, wenn ein Fremdverschulden auszuschließen ist. Einer kurzen Pressemitteilung zu den möglichen Unfallursachen folgt dann der Vermerk „erledigt“ und die Verfügung zur Ablage in das finstere Reich von Regalen und Aktenschränken,  wo sich bald ein ewiger Staub über sie legt.

 

Wer dagegen aus Gründen der weiteren Aufklärung und Prävention an einer tiefer schürfenden Untersuchung aller Umstände eines Unfalls  interessiert ist, stößt schnell auf eine geschlossene Mauer voller Ablehnung. Polizei und Staatsanwaltschaft gewähren unbeteiligten Dritten kein Recht auf Akteneinsicht. Sie geben noch nicht einmal die Identität des verunglückten Opfers preis. Am empfindlichsten aber kollidiert das Aufklärungsinteresse mit den Gefühlen und der Trauer der unmittelbaren Angehörigen des Opfers. Diese wollen eher anonym oder allein bleiben und auf keinen Fall das Ansehen des Opfers durch eine schonungslose, öffentliche Unfallanalyse  posthum beschädigt sehen.

 

In den meisten Fällen kommt die Ursachenforschung daher über die äußere Beschreibung des Geschehens nicht hinaus. Vielfach muss auch diese Darstellung noch unter dem Vorbehalt der Wahrscheinlichkeit und Spekulation gestellt werden, weil es keine unmittelbaren Zeugen für den Unfall gibt. Erst mit dem spektakulären  Fall des am 6.8.1998 im nordfriesischen Wattenmeer tödlich verunglückten Seekajakfahrers Reimer Siemen war es einmal möglich, diese Hindernisse komplett zu überwinden und nicht nur eine umfassende Unfallanalyse, sondern auch eine Reihe von Entscheidungen und Erkenntnissen mit grundsätzlicher Bedeutung für den Kajak- und Wassersport im Rahmen der strafgerichtlichen und seeamtlichen Klärung des Vorfalls zu erreichen. Die jetzt vorliegende vollständige Abfassung des seeamtlichen Spruchs vom 21.8.2001 rundet den gesamten Entscheidungsprozess in nochmals bemerkenswerter Weise ab.

 

Reimer Siemen war es bekanntlich nach einer Kenterung in rauer See nicht mehr gelungen, in sein Seekajak wieder einzusteigen. Nach stundenlangem Treiben im Meer schien die Rettung nahe, als ihn gegen Abend ein Fahrgastschiff in nur ca. 100 m Entfernung passierte. Obwohl er ständig mit seinem Paddel winkte, was auch von Passagieren bemerkt und an den ersten Steuermann und Kapitän weitergemeldet wurde, setzte das Schiff seine Fahrt ohne irgendeine Hilfeleistung fort. Zwei Tage später wurde Reimer Siemen im Wasser tot treibend vor der Hallig Langeness aufgefunden. ( s. auch KANU-SPORT, Nr. 10/98, S.468f.; Nr. 1/01, S. 38 u. Nr. 9/01, S. 44).

 

Schwerfälliges Strafrecht

 

Im Rahmen der strafrechtlichen Verfolgung des Falles bestätigte sich leider die Befürchtung, dass Staatsanwaltschaft und Gericht bei der Beurteilung seemännischer und seerechtlicher Vorgänge mangels eigener Sachkunde und Erfahrung äußerst schwerfällig sind. Wenn dann noch bei einem tödlichen Unfall auf dem Meer ein Seekajak beteiligt ist, dessen Eigenschaften ihnen fremd sind und das sich nach ihrem Verständnis auch gar keinen entsprechenden Risiken aussetzen sollte, ist die Neigung zur schnellen Einstellung aller amtlichen Ermittlungen bei umstrittener Schuldfrage groß.

 

Nur dem öffentlichen Interesse und der hartnäckigen Verfolgung der Rechte der Witwe des Verunglückten  war es schließlich zu verdanken, dass gegen den verantwortlichen Schiffskapitän eine Anklage wegen fahrlässiger Tötung durch Unterlassen erhoben und der Kapitän sodann mit einer Geldbuße von DM  25.000 belegt wurde. Das Verhalten des ersten Steuermanns wurde mit einer Geldbuße von DM 10.000 geahndet, allerdings auch erst nach unverständlichem Schwergang der Ermittlungen.

 

Klarheit durch das Seeamt, neue Definitionen

 

Erst das Seeamt Kiel bewertete das Verhalten aller Beteiligten mit der wünschenswerten Klarheit. In seinem Spruch vom 21.8.2002  warf es dem Kapitän und seinem ersten Steuermann vor,  aufgrund der unterlassenen Hilfe sich fehlerhaft verhalten und dadurch den Tod des Kajakfahrers Reimer Siemen verursacht zu haben.

 

Die Verpflichtung zur Hilfe

 

Dabei schrieb es erstmalig einige wichtige Grundsätze zur Hilfe auf See fest, die weit über die entsprechenden Maßstäbe für das allgemeine zivile Leben hinausgehen und von größter Bedeutung für den gesamten Wassersport an unseren Küsten sind.

 

Wer die Hilfsbedürftigkeit eines im Straßenverkehr verunglückten Autofahrers nicht in vollem Umfang kennt oder fahrlässig falsch einschätzt,  kann strafrechtlich nicht zur Verantwortung gezogen, selbst wenn das Opfer später aufgrund der unterlassenen Hilfe stirbt. Insbesondere besteht keine Verpflichtung etwaige Anzeichen einer Unfallsituation vorbeugend auf einen tatsächlichen Notfall hin zu erforschen.

 

Die Verpflichtung zur Hilfe gegenüber einem auf  See Verunglückten verlangt dagegen überhaupt keine volle Kenntnis des Unglücks. Bereits die unterlassene Hilfe aufgrund der  fahrlässigen Falsch-Beurteilung einer Notsituation kann strafrechtliche Folgen haben.

 

Schon eine Meldung. über lediglich vage Anzeichen eines solchen Unglücks reicht  aus, um eine Verpflichtung zum Handeln auszulösen.  In diesem Sinne bewertete das Seeamt das ständige Winken eines Kajakfahrers mit dem Paddel zwischen Wellen in rauer See als Notsignal  gemäß des Zeichens 1 ( k ) der Anlage IV zu den KVR ( Internationale Kollisionsverhütungsregeln ) . Allein die Meldung eines solchen Vorgangs durch eine auf dem Schiff mitreisende Urlauberin hätte den Kapitän und seinen ersten Steuermann zur Aufklärung der Situation und schließlich zur Hilfe veranlassen müssen.

 

Eine so weitreichende Verpflichtung zur Hilfe ergibt sich für den Führer eines Schiffes auf See nach Auffassung des Seeamtes direkt aus § 5 der Verordnung über die Sicherheit der Seefahrt. Für den ersten Steuermann sowie für alle anderen Rudergänger und Besatzungsmitglieder folgt diese Verpflichtung aus den Grundsätzen einer guten Seemannschaft gemäß den §§ 3 I 1 , 4 I 1 der SeeSchStrO.

 

Das Seekajak

 

Schließlich beschäftigt sich das Seeamt auch ausführlich mit den speziellen Eigenschaften und der Seetüchtigkeit eines marktgängigen Seekajaks aus GFK oder PE. Es sei in der Regel 5 – 6 m lang. Im Fall einer Kenterung verhinderten eingebaute Schotten und wasserdichte Luken das Eindringen von Wasser. Das Cockpit könne mit einer per Hand , Fuß oder Motor betriebenen Pumpe gelenzt werden. Seekajaks seien daher nahezu unsinkbar. Sie könnten kentern, aber ebenso wieder aufgerichtet werden, wenn das Eskimotieren beherrscht wird. Für einen trainierten Fahrer, der einschlägige Stütztechniken und das Eskimotieren beherrscht, seien sie daher auch stabil. So ausgestattete Seekajaks hätten ihre Seetüchtigkeit auch bei Starkwinden, Sturm und zahlreichen Atlantikfahrten bewiesen.

 

Unter offenem Bruch mit einer völlig anderen Sportboot-Definition des übergeordneten Bundesoberseeamtes kommt das Seeamt daher erstmalig zu dem Ergebnis, dass auch das Seekajak die Eigenschaften eines Sportbootes erfüllt und damit grundsätzlich zur Befahrung von Seeschifffahrtsstraßen geeignet ist. Selbst wenn die Bedeutung der Seeämter durch das neue See-Sicherheits-Untersuchungsgesetz  (SUG ) inzwischen deutlich herabgestuft wurde, werden Seekajakfahrer mit Genugtuung auf dieses erste, offiziell dokumentierte Anerkenntnis als Verkehrsteilnehmer auf See verweisen können, wo immer man sich zukünftig auch um die Eigenschaften eines Seekajaks streiten wird.

 

Neue Überlebenszeiten für die Nordsee

 

In medizinisch-biologischer Hinsicht ist erstmalig ein Sachverständigen-Gutachten zu den mutmaßlichen Überlebenszeiten eines in der Nordsee treibenden Wassersportlers herbeigeführt worden. Aufgrund einer bereits seit 1992 in Großbritannien durchgeführten Langzeitstudie und 930 ausgewerteten Fällen kann für den Bereich der Nordsee von sehr viel längeren Überlebenszeiten ausgegangen werden, als sie bisher in der Fachliteratur mit sehr unterschiedlichen Werten publiziert wurden.

 

In diese Betrachtung wurde auch erstmalig die große Bedeutung eines Auftriebsmittel , also einer Schwimmweste oder eines Bootskörpers, mit einbezogen. Danach hat ein im 15 Grad kalten Nordseewasser Treibender ohne Auftriebsmittel  bis zu 12 Stunden eine 50 %ige Überlebenschance.  Mit Auftriebsmittel verdoppelt sie sich sogar auf  24 Stunden.

Der nur mit einer leichten Paddeljacke, Feststoff-Schwimmweste, Neopren-Nierengurt und kurzen Shorts bekleidete und sich am gekenterten Kajak festhaltende Reimer Siemen konnte auf der Grundlage dieser Daten  nach dem Urteil des Schiffsmediziners Dr. van Laak bei einer Wassertemperatur von 17 Grad mindestens 6, höchstwahrscheinlich 12 und möglicherweise sogar bis zu 24 Stunden überleben.

 

Keine Alleinfahrten

 

Kajaksportlich hat dieser Fall in tragischer Weise bestätigt, dass Alleinfahrten auf dem Meer äußerst risikoreich sind und möglichst vermieden werden sollten. Vor dem Beginn einer solchen Fahrt sollte der Wetterbericht sorgfältig studiert werden. Eine allgemein angekündigte Windstärke von 4 – 5 Beaufort ist dann sehr trügerisch, wenn diese nicht konstant ist, sondern von starken Böen durchbrochen und beschleunigt wird, wie in diesem Fall auf  6 – 7 Beaufort. Die gefährliche Konstellation von Wind gegen Strömung lässt schnell Wellen von bis zu 2,5 m entstehen, in der auch eine Gruppe von Seekajakern leicht überfordert sein kann. Schließlich ist auch ein jederzeit einsatzbereites Seenot-Signalmittel mitzuführen. Dem tödlich verunglückten Reimer Siemen hätte mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Schuss aus dem viel kritisierten, aber leicht zu handhabenden  Nico-Signal genügt, um seinem Schicksal eine entscheidende, rettende Wendung zu geben, wenn er es denn auf seine Fahrt mitgenommen hätte.

 

Die menschliche Tragik

 

Rein menschlich bleibt die traurige Erinnerung an einen Kajakfahrer mit Herzblut und einem Schuss Draufgängertum, der allzu selbstbewusst die Herausforderung gesucht hat,  aber den plötzlich auftauchenden Kräften der Natur und einem letztlich übermächtigen Schicksal nach einem unendlich langen  Überlebenskampf nicht mehr gewachsen war. Dennoch, die Rettung war so nah und wurde doch so unerklärlich versagt.“

 

Text: Carlo Schagen

Quelle: KANU-SPORT; Nr.: 12/03, S.16-18 – www.kanu.de