01.12.2005 Rund Europa in 5 ½ Jahren mit dem Faltboot (Geschichte)

 

In KANU SPORT berichtet Carlo Schagen in dem Beitrag:

 

„Ein Europäisches Faltbootabenteur“

 

über die Rückkehr von Franziska und Rainer Ulm von ihrer „Umrundung“ Europas im Faltboot. Folgendes ist zu lesen:

 

„Würdevoller hätte das Jubiläums-Jahr des hundertsten Faltboot-Geburtstags kaum gekrönt werden können. Bei mildem frühherbstlichen Sonnenschein lag über dem Alsterfleet der Freien und Hansestadt Hamburg ein Hauch von schöner Melancholie, als Franziska und Rainer Ulm mit den letzten Paddelschlägen die Schaartor- und Reesendammschleuse passierten und vor dem Rathausmarkt an der Binnenalster ihr 5 ½ -jähriges Faltboot-Abenteuer beendeten, begleitet von den heiter-beschwingten Rhythmen eines Spielmannszuges.

 

Dort bereitete ihnen der Hamburger Senat, der Deutsche Sportbund, der DKV und HKV sowie ihr Faltboot-Sponsor, die Klepper AG, einen ehrenvollen Empfang, wie es ihn wohl noch nie zuvor in der Freien und Hansestadt für einen Paddler gegeben hat. Eine fast wehmütige Stimmung zwischen der Verwirklichung eines großen Traums und dem vorläufigen Abschied davon.

 

12.000 Km über Flüsse und an Küsten

 

Fast 12000 Km hatten sie mit ihren Klepper- Faltbooten auf europäischen Flüssen und an südeuropäischen Küsten zurückgelegt.  Von Ulm aus ging es zunächst auf der Donau bis ins Schwarze Meer, dann über den Bosporus ins Marmara-Meer. Entlang der türkischen Ägäis-Küste paddelten sie bis zur Halbinsel Bodrum, von wo aus sie zur griechischen Insel Kos übersetzten und über die griechischen Ägäis-Inseln den Golf von Korinth und das ionische Meer erreichten. Die ca. 100 km lange Querung zur Südspitze Italiens konnte wegen frühherbstlicher Stürme nur mit Hilfe eines Segelboots  geschafft werden. Dann aber waren sie rund um den italienischen Stiefel, entlang der italienischen, französischen und spanischen Mittelmeer-Küste wieder ganz auf sich allein gestellt. Nachdem sich die spanische und portugiesische Atlantikküste bereits als äußerst mühevoll und gefährlich erwiesen hatte, entschlossen sie sich schließlich vor der Einfahrt in die Biscaya , am Kap Finisterre, die Reise nur noch über Binnenflüsse und Kanäle  durch Portugal, Frankreich, Belgien, Holland und schließlich über die Ems in die Elbe nach Deutschland fortzusetzen, wo sie am 10.10.05 in Hamburg-Blankenese erschöpft, aber glücklich eintrafen.

 

Ausstieg für immer ?

 

Was auf den ersten Blick wie eine harmlose, langjährige Paddel-Bummelei auf europäischen Flüssen und an südeuropäischen Küsten erscheint, die sämtlich touristisch bekannt und auch schon von manchem Kajaker befahren worden sind, hatte für Franziska und Rainer Ulm eine weitaus tiefere Dimension. Für sie war es zunächst der Aufbruch zu einem Ausstieg aus ihrem bürgerlichen Alltagsleben und zur unwiderruflichen Beendigung ihrer Berufe als Verlagskauffrau (Franziska) und als Leiter einer Lackiererei (Rainer). Nicht Neuseeland, Australien oder die Südsee wollten sie dafür eintauschen, sondern das Abenteuer vor ihrer eigenen, europäischen Haustür. Diese Idee und dieser Mut sollten sogleich belohnt werden.

 

Lang war die Liste der Sponsoren, die ohne viel Zögern sofort ihre Unterstützung mit ihren Produkten für dieses europäische Paddel-Projekt zusagten, das zunächst nicht viel länger als zwei Jahre dauern sollte. Dabei waren Franziska und Rainer zuvor noch nie mit Kajaks auf dem Meer unterwegs gewesen! Aber zwei  Klepper-Zweier-Quatro XT versprachen dafür hinreichend Sicherheit. Dass unter der unbarmherzigen Einwirkung von Sonne und Meer dann aber gleich vier Bootshäute verschlissen wurden, hat sicher nicht nur sie selbst, sondern auch ihren Sponsor, die Klepper AG, überrascht.

 

Gastfreundschaft und Medieninteresse

 

Aber von der Idee, mit dem Paddelboot über mehrere Jahre lang die südeuropäischen Küsten zu erkunden und zu umrunden, waren nicht nur ihre Sponsoren infiziert. Sie übertrug sich vielmehr in Windeseile von einem Ort zum anderen, erweckte Begeisterung, Gastfreundschaft und vor allem ein nicht enden wollendes Medieninteresse. Zahlreiche offizielle Empfänge, Einladungen, Feste, aber auch natürliche Freundschaften waren die Folge. Und auch Mäzene stellten sich ein, die großzügig ganze Landesaufenthalte finanzierten. Die mehrjährige Fahrt mit Faltboot und Zelt rund um die südeuropäischen Küsten öffnete die Herzen der Menschen zu Gastfreundschaft und Völkerverständigung, wie sie die Ulms wohl selbst so zuvor nicht erwartet hätten. Doch dafür gab es in dem Verständnis der Menschen auch noch einen anderen Schlüssel. Die Ulms waren nicht mit dem Reisebus, Rucksack oder Fahrrad in ihren Dörfern und Städten aufgetaucht, sondern mit ihren winzig und zerbrechlich wirkenden Faltbooten, die sich zuvor in  bewegten, windumtosten  Seen und wütend schäumenden Brandungen behaupten mussten.

 

Keine harmlose Küstenbummelei

 

Alle Windstärken bis zum Sturm hatten sie erlebt, in bis zu 3 m hohen Wellen Kenterungen hinnehmen oder sich bis zur völligen Erschöpfung zu einem schützenden Strand durchkämpfen müssen. Allein die Durchquerung der griechischen Inseln von der Türkei bis zum griechischen Peloponnes erforderte Anstrengungen und Nachtfahrten, die Franziska auf keinen Fall so noch einmal erleben möchte.

 

Jeder erfahrene Seekajakfahrer weiß, dass bei Küstenfahrten dieser Art das gesamte Spektrum der Fähigkeiten des Seekajakfahrens herausgefordert wird und auch die scheinbare Nähe einer schützenden Küste schnell zum Trugbild wird, wenn sich Wind, Welle, Strömung und Brandung zur gefährlich köchelnden Masse zusammenbrauen.  Dass Rainer Ulm in dieser Zeit auch noch drei Bandscheiben-Operationen über sich ergehen lassen musste, erhöht den Respekt.

 

Ein lebendiges Zeugnis der Härte einer solchen Tour offenbart sich beim Anblick der Boote der Ulms. Völlig verblichen das ehemals leuchtende Rot ihrer Verdeckshaut, hier und da sogar verschimmelt, zerrissen und geflickt, aber auch noch immer  funktionstüchtig und und vor allem ehrwürdig strahlend mit der Aura eines intensiv gelebten Abenteuers. Ein Ehrenplatz im Rosenheimer Klepper-Museum dürfte verdient und auch gewiss sein.

 

Kommerz und Chance

 

Doch unübersehbar auch, dass die schöne Stimmung zwischen Traum und Abschied von einem europäischen Abenteuer schon bald durch eine andere Herausforderung verdrängt werden wird. Auch in Hamburg standen die Ulms im Blickpunkt eines großen Medieninteresses.  Die Kameras fast aller großen Fernsehstationen waren auf sie gerichtet, als ihre Boote die letzte Schleuse zwischen Elbe, Hafen und Alster verließen; ein Interview jagte sodann das andere. Die Ulms, soviel ist klar, werden an die Rückkehr in ihren bürgerlichen Alltag keine großen Gedanken mehr verschwenden, sondern im Stillen schon ihr nächstes Abenteuer planen. Dafür muss das kommerzielle Eisen geschmiedet werden, solange es glüht. 

Sie werden daher versuchen, die Erlebnisse ihrer langen Reise nach den legitimen Möglichkeiten in unserer Gesellschaft zu vermarkten. Sie werden darüber ein Buch schreiben und mit Dia-Vorträgen davon  berichten.

 

Man kann nur hoffen, dass ihnen auch unter dem Diktat von Kommerz und Wettbewerb ihre natürliche, sympathische Frische und Offenheit,  mit der sie sich so viele Herzen und Freundschaften erschlossen haben, erhalten bleibt. Zudem ist Gastfreundschaft kein Privileg südeuropäischer Völker und kann auch hierzulande erfahren und gelebt werden. Schade wäre daher, wenn diese hier zum Objekt bloßer Vermarktung herabgestuft würde.

 

In den Berichten über ihre langjährige Reise werden uns die Ulms keine Plätze, Städte oder Küsten zeigen können, die wir nicht irgendwie schon selbst einmal gesehen oder besucht haben. Ihre lange Reise könnte uns aber in ein für uns unbekanntes Inneres von Menschen , Gesellschaften und Begegnungen vor unserer europäischen Haustür führen sowie uns eine Fülle von Erfahrungen  des Küsten-Kanuwanderns vermitteln, zu deren intensivem Erlebnis uns einfach immer die Zeit fehlen wird. Man darf daher weiter sehr neugierig und gespannt sein auf das europäische Faltbootabenteuer von Franziska und Rainer Ulm.“

 

Text: Carlo Schagen

Quelle: KANU SPORT; Nr. 12/05, S.24-25 – www.kanu.de

Link: www.kuestenkanuwandern.de/aktuell.html > Info v. 13.10.05 (Geschichte)

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