01.12.2005 Dr. Werner Wrage † (Geschichte)

 

In KANU SPORT erinnert Carlo Schagen in dem Beitrag:

 

„Zum Tod von Dr. Werner Wrage“

 

an eine „alte Faltbootlegende“, die im Alter von fast 100 Jahren verstarb:

 

„Wer sich in der großen Wanderbewegung der 20-er und 30-er Jahre unseres letzten Jahrhunderts  mit seinem Faltboot als erster hinaus in die stürmische Nordsee und zu den  magischen Sänden und Inseln gewagt hat, lässt sich heute nicht mehr mit Sicherheit feststellen. Dokumentiert sind u.a. die Fahrten von  Alfred Seeger („ Faltbootfahrten in Nord u. Süd“ , bereits ca. 1919 – 1924 )  und Dr. Gustav Adolf  Farner ( „Sturmfahrten im Kajak“ , ca. 1932 )

 

Keiner von ihnen aber hat seinen Lesern die amphibische Natur  der Nordsee, die Gesetze ihrer ständigen Veränderung und die artenreiche Tier- und Pflanzenwelt des Wattenmeers so liebevoll nahe gebracht und poetisch beschrieben wie Dr. Werner Wrage aus Hamburg-Blankenese. Gewiss, seine Bücher lasen sich nicht wie abenteuerliche Erzählungen voll  reißerischer Spannung. Aber sie waren geprägt von einem reichen, äußerst ausdrucksvollen Wortschatz mit viel Liebe zur Beschreibung von geologischen, botanischen sowie zoologischen Details und kulturellen Besonderheiten,  häufig  geschickt verwoben mit persönlichen Geschichten seiner mitreisenden Begleiter.

 

Bereits in seiner Jugend nach Beendigung des ersten Weltkriegs war Dr. Wrage als begeisterter Faltbootfahrer  auf der Unterelbe – der heimlichen Liebe vor seiner Haustür -  unterwegs. Nach einem Studium der Biologie und Geographie sowie einer Dissertation über das Watt folgten zwischen 1927 und 1939 mit seiner späteren Ehefrau und seinem Freund Hans Kahlbrand ausgeprägte Fahrten zu den Inseln, Halligen und Sänden der Nordsee. Daraus entstand der Faltboot-Klassiker „Faltbootfahrten im Wattenmeer, in erster Auflage im Jahre 1948. Da das Buch begeistert aufgenommen wurde und bald vergriffen war, folgte 1958 eine zweite Auflage unter dem Titel „Erlebtes Watt“.

 

Bereits noch in den 30-er Jahren unternahm Dr. Wrage aber auch viele Fahrten in die für ihn lieblichere Ostsee und zu den Aland-Inseln, schließlich auch bis nach Norwegen und zu den Lofoten. Ein zweites Faltboot-Reisebuch erschien 1947 unter dem Titel „Nordweg zu den Lofoten, Faltbootfahrten am Polarkreis“.  Danach aber wurde es um den Faltbootfahrer Dr. Wrage still, von gelegentlich beobachteten Ausfahrten auf der Unterelbe abgesehen. Dafür aber widmete er sich umso leidenschaftlicher seinen Expeditionen in ferne Länder, vor allem nach Nordafrika, Marokko und in die Sahara.

 

Diese Erlebnisse schrieb er in den Reise- und Kulturbüchern „Jenseits des Atlas, Ins Herz der Sahara, Fellachen und Pharaonen, Frühlingsfahrt in die Sahara, Die Straße der Kasbahs und Wildnis Ostafrika“ nieder.

 

Und natürlich übte er neben seinen abenteuerlichen Reisen auch noch einen Beruf aus. Bis zu seinem 63. Lebensjahr unterrichtete er an einem Gymnasium in Hamburg-Blankenese Biologie. Beliebt war  er bei seinen Schülern nicht nur deshalb, weil diese sich in der Regel ihre Noten selbst geben durften, sondern vor allem, weil er stets von seinen Reisen allerlei exotisches Getier in den Unterricht mitbrachte, das für Neugier, Aufregung und große Begeisterung sorgte.

 

Nach seiner Pensionierung wurde Dr. Wrage endgültig zum weltreisenden Universalisten. Unstillbare Neugier und Begeisterungsfähigkeit trieben ihn noch mit 80 Jahren zum Tauchen  an tropischen Korallenriffen und zuletzt mit 90 Jahren zu einer botanischen Expedition  nach  Südafrika.

 

Er zeichnete, aquarellierte und vertiefte sich in Weltreligionen  Er sammelte Gesteine, Schnecken, Muscheln und allerlei völkerkundlich Interessantes, pflegte Tiere und Pflanzen, bis seine Wohnung in Hamburg-Blanekenese nur noch einem einzige Museum glich.

Dort ist Dr. Werner Wrage im August dieses Jahres im Alter von fast 100 Jahren verstorben.

 

Text: Carlo Schagen

Quelle: KANU SPORT, Nr. 12/05, S.42 – www.kanu.de

Link: Die Bücher von Dr. Werner Wrage sind nur noch antiquarisch oder ggf. über Internet-Versteigerungen erhältlich. Allerdings ist die erste und zweite Auflage seines Buch „Faltbootfahrten im Wattenmeer – Erlebtes Watt“ mit vielen Zeichnungen von Hans Kahlbrand und vier kompletten privaten Fotoalben  von diversen Faltbootfahrten im Internet verfügbar, und zwar unter:

è www.spierentonne.de/wrage/wrage00.html

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