02.06.2006 Seegangspaddel im Faltboot Anfang der 30er Jahre (Geschichte)

 

In KANU SPORT erschien Anfang der 30er Jahre ein Beitrag von Karl Schmidt mit dem Titel:

 

„Faltboot in Seenot“

 

in dem er sehr anschaulich beschreibt, dass das Paddeln im Seegang damals in der Nähe von Den Helder (NL) um keinen Deut anders erlebt wurde als es heute erlebt wird. K.Schmidt paddelte übrigens in einem „Hart-Reise-Zweisitzer“, der mit einem kleinen Treibsegel und Seitenschwerter ausgerüstet war.

 

Start durch die Brandung

 

„Als mein Faltboot in dem zurückflutenden Wasser der letzten Brandungswelle der nächsten entgegen trieb, hatte ich gerade noch Zeit, die Spritzdecke zu schließen, und dann ging schon der erste Brecher über mich hinweg. Eine Sekunde später wäre das Faltboot gestrichen voll Wasser gewesen. Die eine Sekunde bot mir gerade noch Zeit. zu einem kräftigen Paddelschlag, der das Boot vor dem Querschlagen bewahrte. Der zweiten Brandungswelle konnte ich schon meine volle Aufmerksamkeit zuwenden, und mit allen Kräften arbeitete ich ihr entgegen, um so schnell wie möglich aus der gefährlichen Nähe der Seebrecher zu kommen, die hier zum Schutz des Strandes gegen die Brandung in die See hineingebaut waren. – Die Gewalt ihres Anpralls presste das Wasser in jede kleine Öffnung, in jeden Spalt der Kleidung, mein Ölzeug nutzte da nicht viel, schon in der Brandung wurde ich völlig durchnässt. – Mit harten Paddelschlägen arbeitete ich mich vorwärts und musste noch eine dritte und eine vierte dieser Wellen über mich ergehen lassen, dann lag der breite Brandungsgürtel hinter mir. Ich war durch die Brandung und kam vom Regen in die Traufe.

 

Unterwegs inmitten von Dünung und Windsee

 

Die See war durch den Sturm noch zu sehr zerwühlt, und ich geriet in eine 3 – 4 Meter hohe Dünung. Am liebsten wäre ich sofort wieder umgekehrt. Aber … die Gefahren einer Rückfahrt durch die Brandung wären noch größer gewesen als die der hohen aber ziemlich regelmäßigen Dünung hier draußen. … Einmal hier draußen, war es schon am ratsamsten, durchzuhalten, und so begann dieser schwere Kampf gegen Wind und Wellen, den ich nun stundenlang mit dem Mute der Verzweiflung um Sein oder Nichtsein führte. …

 

Mit einer nervenaufreizenden Regelmäßigkeit rollte Welle auf Welle heran. Es sind große schwarzgrüne oder schwarzblaue Wasserberge. Sie scheinen durchsichtig zu sein wie Glas; an ihren dunkelsten Stellen glaubte ich in unendliche, geheimnisvolle Tiefen schauen zu können. – Sie sahen plump aus, diese Wasserkolosse, aber sie kommen heran wie Katzen, so schnell und so leise, und plötzlich standen sie vor mir, steil und düster, als drohten sie jenes bisschen Leben dort unten durch ihre Masse zu erdrücken, das sich erkühnt, in ihr gewaltiges Reich einzudringen und an ihrem tollen Spiel teilzunehmen. Unwillkürlich duckte ich mich dann, als fürchtete ich ihren Zorn. – Es hatten aber diese Ungetüme auch ihre schwachen Seiten. Rein instinktmäßig musste ich sie erkennen, und rein instinktmäßig nutzte ich sie auch aus. Ganz plötzlich war ich mit dem Boot auf dem Rücken der Woge, und eine Gefahr war beseitigt, ein Gefecht gewonnen. Die Aufmerksamkeit galt sofort der nächsten Welle. Blitzschnell prüfte ich sie wie ein Gegner, erkannte ihre gefährlichen und harmlosen Seiten, und schon gleitet das Faltboot mit einer bald atemberaubenden Schnelligkeit den Rücken des einen gerade eroberten Wellenberges hinab in ein weites Tal.

 

Das sind die Momente, in denen mich die Seekrankheit umschlich. Ich hatte aber jetzt zum Glück keine Zeit, sich mit ihr zu befassen; denn schon stand die nächste Woge vor mir, fast über dem Faltboot. Es war wieder ein Augenblick höchster Spannung – und ich musste wieder oben sein, um weiter kämpfen zu können.

 

Jede siebte Welle ….

 

So wechselte in steter Reihenfolge Wellenberg – Wellental, stundenlang. Immer der gleiche Anblick, immer die gleichen Gefahren. Doch nein, die Wellen waren nicht gleich, jede einzelne überraschte mit besonderen Eigenarten, bei jeder sah die Gefahr anders aus. In einer bestimmten Reihenfolge wuchsen sie und steigerten ihre Größe und Gewalt, bis nach einer allergrößten Welle der Reigen von einer kleinen Welle neu eröffnet wurde. Im gleichen Verhältnis wie die Wellen wuchs die Spannung, mit der ich jeder neuen entgegensah, bis ich die letzte, die ganz große, geschafft hatte. Dann entspannten sich für eine Sekunde Ruhe alle Nerven, alle Muskeln; ich bemerkte, dass ich in den letzten Momenten vor Aufregung sogar ganz vergessen hatte zu atmen, und mit einem tiefen Atemzug wurde das schnell wieder nachgeholt. Neuer Mut und neue Kraft kommt in die Glieder und während ich noch schnell einen Blick über die aufgewühlte See warf, über die nächsten zu erwartenden Wellen, ging es schon wieder hinab in ein Tal und das gleiche gefährliche Spiel begann von neuem.

 

Über drei Stunden schon währte dieser mit dem Mute der Verzweiflung geführte Kampf. Der Wind war auch noch aufgefrischt und an eine Landung nicht zu denken. Die ganze Küste war flach, und es herrschte deshalb dort eine hohe und breite Brandung. Bis Jjmuiden, dem nächsten Hafen, waren es fast noch 30 km, also bei diesem Wetter fast 5 Stunden Fahrt. Ich glaubte nicht, noch solange durchhalten zu können. Aber vorerst führte ich einmal lieber den Kampf auf offener See weiter, als auf den sehr zweifelhaften Erfolg eines Landungsversuches unter diesen Umständen zu bauen.

 

Im gleichmäßigen Rhythmus rollte weiter Woge auf Woge heran. Was nutzte es, wenn ich ihnen meine Verzweiflung entgegen schrie, jede einzelne ging jetzt über mein Faltboot hinweg.

 

Aussichtsplattform „Wellenberg“

 

Von hohen Wellen aus konnte ich manchmal die Küste sehen. Dann dache ich für Augenblicke an die Heimat, an zu Hause, an meine Freunde, und ich nahm mir vor, dass diese Fahrt die letzte im Faltboot auf See sein sollte, ganz gleich, wie sie enden würde. Ich dachte auch daran, was man wohl sagen würde, wenn ich hier nicht mehr heil herauskommen sollte. Eigentlich war das auch für mich vollständig gleichgültig. Wenn es hier schief ging, störte mich das andere nicht mehr. – Doch fort mit diesen unsinnigen Gedanken. Sie sind der Anfang vom Ende, und solange ich noch lebe, darf einem nichts gleichgültig sein. Und durfte ich hier schwach werden, jetzt in dieser Situation, wo es auf den Einsatz all meiner Kräfte ankam wie noch nie zuvor? Nein, ich musste und wollte durchkommen, und so kletterte ich mit neuer Kraft den nächsten anrollenden Wasserberg hinauf und ließ den Spritzer über mich hinweggehen. Ich fühlte mich wieder stark, kämpfte trotz meiner kritischen Lage mit einer gewissen Freude im Herzen unverdrossen weiter und setzte im übrigen alle Hoffnung auf meinen bisherigen treuesten Begleiter, auf das Glück. – Und was auch geschehen würde, alles ist ja Schicksal und alles was geschieht, ist gut für irgend etwas. Es ist dieses die Weltanschauung eines Abenteurers, eine beruhigende Philosophie in kritischen Lebenslagen, die es aber noch nicht ganz verhindern konnte, dass ich mit einem gewissen Neid eine Möwe nachschaute, die ich unbehindert mit dem Wind landwärts segeln sah.

 

Steuerprobleme

 

Mein Faltboot hielt noch immer überall gut dicht. Das Spritzverdeck hatte ich der Länge nach mit Hilfe des Gepäcks und des Ersatzpaddels von unten her gut unterstützt, und trotz des stundenlangen Fahrens in den überkommenden Wellen spürte ich noch kein Wasser im Faltboot. Schwimmkörper für das Boot und die Schwimmweste für mich waren, wie immer auf See, gebrauchsfertig und lagen an gewohnter Stelle. Rauschend brach sich das Wasser an den Seitenschwertern, und widerwillig knarrten sie, wenn die Wellen mit aller Macht das Faltboot beiseite schieben wollten. Stoßweise fasste der Wind in die kleine Fläche des Treibsegels. – Vor mir in meinem Kurs tauchte Brandung auf. Eine der gefährlichen Untiefen lag dort, und ich musste die Gefahrenstelle umsteuern. Hierbei bemerkte ich, dass mein Ruder nicht mehr einwandfrei funktionierte. Die Seitenschwerter und das Steuer hatten den ganzen seitlichen Druck der Wellen auf das Boot aufzunehmen, wodurch die Flosse des Steuers stark verbogen worden war. Besorgt stellte ich fest, dass es immer mehr beschädigt wurde, und dann kam wieder eine jener Riesenwellen, die nach einem kräftigen Anprall brausend über das Faltboot hinwegflutete und mir einen Steuerbruch brachte. – Steuerbruch und Sturm auf See! Jetzt musste ich Segel bergen. Den Kurs nach Jjmuiden konnte ich auch unmöglich weiter fortsetzen, da ich ohne Steuer nur mit dem Paddel das Faltboot bei dem Wetter solange nicht mehr gegen die See halten konnte. Jetzt musste ich landen, um jeden Preis.

 

Surfen

 

Querab von mir lag Bergen am Zee, ungefähr 6 km entfernt. Der Kurs dahin lief in Richtung von Wind und Wellen, und eine neue Gefahr lauerte hierin auf mich. Das Faltboot lief vor den Wellen, flüchtete sozusagen vor ihnen. Jene waren aber viel schneller, überholten es, hoben es hinten hoch und vergrößerten damit die Fahrgeschwindigkeit des Faltbootes, das ja nun noch einen steilen Wasserberg hinab glitt. Doch im selben Augenblick tauchte am Fuß der Welle der Bug des Faltbootes tief ins Wasser und die Geschwindigkeit wurde dadurch vorn sofort abgestoppt. Aber hinten wird das Faltboot von der nachschiebenden Welle noch mehr gehoben und vorwärts gedrängt und in dem Moment drohte die Kenterung, oder das Faltboot konnte sich sogar vollständig überschlagen.

 

Ich kannte diese Gefahr von meinen früheren Fahrten her. Aber wie leicht wirft man alle seine Erfahrungen beiseite, und wenn einem in einer unseligen Minute alles einerlei wird, dann versucht manch schließlich die tollsten Dinge, ob sie nicht doch glücken sollten. – Und so drehte ich einfach mein Faltboot bei. – Düster und unheildrohend rollte die nächste Woge heran, und dann erlebte ich den kritischsten Augenblick all meiner Fahrten. Das Faltboot ging hinten hoch, der Bug verschwand im Wasser, und etwas seitwärts davon sah ich jene dunkle Stelle, wo ich ins Wasser stürzen würde. Mit dem ganzen Körper warf ich mich hinüber auf die andere Seite des Faltbootes, dieses richtete sich inzwischen noch steiler auf, und dann kamen die Spritzer über. Alles verschwand in einer weißen Gischtmasse. – „Feierabend!!“, dachte ich. – Es wurde still um mich. Das Rauschen der sprühenden Welle entschwand und oh Wunder, mein Faltboot trieb unversehrt wieder oben.

 

Etwas Gutes hatte diese Welle aber doch mitgebracht. ich war jetzt warm. Vorher hatte ich in meinen völlig durchnässten Kleidern ordentlich gefroren, aber dieser Augenblick hatte mich warm gemacht und zwar so gründlich, dass eine Wiederholung nicht mehr nötig war. Ich zog es vor, mich nun etwas auf Umwegen der Küste zu nähern, der sicheren Küste und den Gefahren der Brandung.

 

Durch die Brandung Richtung Strand

 

Bald hörte ich von weitem das gewaltige Brausen der Sturzseen. Ich sah die langen glatten Rücken der landwärts eilenden Wogen, sah, wie sich ihre Kämme überstürzten und war dann plötzlich mitten drin in dem Tumult. Ich arbeitete wie besessen, als ich die erste Brandungswelle hinter mir rauschen hörte. – Jetzt Glück, bleib mir treu! – Wieder brach mit großem Lärm eine Sturzsee hinter mir zusammen. Ich sah nichts von ihr, ich hörte sie nur und paddelte ….. lch musste Obacht geben, dass hier das Faltboot immer rechtwinklig zu den Wellen lag.

 

Dann kam die erste Welle, die das Boot packte. Ich sah sie wieder nicht. Ich paddelte nur, und spürte, wie es hinten in die Höhe ging. Vorn tauchte das Boot unter und rannte mit voller Fahrt in den Grund, dass es krachend in allen Fugen zitterte. Wieder drohte die Gefahr des Überschlagens. Ich versuchte sie abzuschwächen, indem ich mich von meinem Sitz erhob und mein ganzes Körpergewicht nach hinten verlegte. Hierbei löste sich die Spritzdecke etwas. Ich fand keine Zeit mehr, sie noch rasch zuzudrücken, dann schon fiel mit dumpfem Schlag der Brecher über das Faltboot. Ich spürte Wasser eindringen und hatte die Empfindung, dass jetzt der Rest des Faltbootes in Trümmer ging, der eben bei dem Anprall gegen den Grund noch heil geblieben war. Aber die Welle lief auseinander und mein Faltboot bereitete mir heute die zweite Überraschung; es tauchte wieder unbeschädigt auf.

 

Zeit zum Nachdenken über dieses schier Unglaubliche blieb mir jedoch nicht; denn ich durfte hier keinen Augenblick verlieren, ich musste weiterpaddeln. Noch zweimal packten mich die Brandungswellen, noch zweimal durchlebte ich die gleichen entscheidenden Momente und noch zweimal ging alles gut.

 

So still und feierlich wie in einer Kirche war es um mich, als die letzte Welle hinter mir lag und mein Faltboot ruhig und friedlich in ihr gleichmäßig zurückflutendes Wasser trieb und endlich auf dem Strand lag. …“

 

Quelle: KANU SPORT, ca. 1932, S.27-30