29.03.2011 Interview mit Atlantik-Überquerer A.Doba (Geschichte)

 

Im KANU-MAGAZIN wird in dem Beitrag:

 

„Ein Mann, ein Boot, eine Mission: In 98 Tagen allein über den Atlantik“

 

ein Interview mit dem diesjährigen Atlantik-Überquerer, dem Polen Aleksander Doba (64) (70.000 Paddelkilometer), veröffentlicht. Die Fragen stellt sein Landsmann und Betreuer Jurek Arsoba.

 

An anderer Stelle wurde in den „Aktuellen Infos“ schon einmal darüber berichtet:

 

www.kuestenkanuwandern.de/geschi/110202.html 

 

Folgendes aus dem Interview ist jedoch noch erwähnenswert:

 

  • Vor Jahren hatte A.D. schon mal zusammen mit einem Kanuten versucht, den Atlantik zu queren. Wegen mangelhafter Vorbereitung musst jedoch das Vorhaben abgebrochen werden.
  • Er hat Nahrung für 120 Tage (u.a. Trockennahrung, Nutella, Süßigkeiten, Zucker) mit und 120 Liter Wasser zur Reserve. Sein tägliches Trinkwasser (ca. 4,5 Liter) hat er mit Hilfe eines Meerwasserentsalzungsgerätes erzeugt. Die Energie dazu lieferten Solarzellen. 30 Tage vor dem Ziel funktionierte das Gerät nicht mehr. A.D. griff auf eine per Hand bedienbares Entsalzungsgerät zurück. Täglich pumpte er 4 Std. um 6 Liter Wasser zu erzeugen. Regenwasser konnte er nur auffangen (insgesamt ca. 50 Liter), wenn es nicht so stark windete.
  • Nur an 1 ½ Tagen war der Ozean spiegelglatt.
  • Anfänglich konnte er nur 2 bis 4 Std./Tag schlafen, und dass nur nachts, da es tagsüber zu heiß war.
  • Auf ein „Toilettenbad“ musste er wegen der ihn ständig begleitenden Barrakudas verzichten.
  • Den Blinddarm hat er sich nicht vorsichtshalber entfernen lassen.
  • Gegen die vom Salzwasser gereizte Netzhaut halfen Augentropfen.
  • Der Kontakt zur Außenwelt lief über Satellitentelefon. Im Notfall hätte er eine Seenotbake aktivieren können. Per „Spot-Messenger“ wurde ständig seine Position gemeldet.
  • Insgesamt begegnete er 20 Schiffe, u.a. auch ein Fischerboot, dessen Besatzung, Zigaretten und Verpflegung haben wollte, aber ihn nach 3 Minuten von dannen paddeln ließ.
  • Er erlebte viel extreme Stürme: „In der Mitte des Sturms war es fast ganz dunkel. Die Wolkenformationen waren ein fantastischer Anblick, aber für einen Paddler extrem gefährlich und anstrengend. Stürme aus allen Richtungen peitschten bis zu acht Meter hohe Wellen auf. Während meines ersten Sturms zog ich mich in meine Kabine zurück. Die Wellen kippten mein Boot zur Seite und ich konnte nichts tun. Schon beim nächsten Sturm trat ich der Naturgewalt paddeln entgegen …“
  • Haien ist er nur selten begegnet. Zweimal wurde er von ihnen gerammt. Einmal schlug er mit dem Paddel auf einen Hai ein. Gefährlicher waren da die fliegenden Fische, von denen er mehrmals getroffen wurde.
  • A.D. wird noch nicht nach Europa zurückkehren. Vielmehr er möchte weiter Richtung Nordamerika paddeln.

 

Nun ja, Aleksander Doba hat etwas Unvorstellbares & Unverständliches vollbracht. Ich käme nie auf die Idee, auch nur einen einzigen Tag von seinen 98 Tagen (oder waren es nicht doch 100 Tage: 26.10.10 bis 2.2.11?), die er unterwegs war, nacherleben zu wollen. Dennoch zolle ich ihm und seiner Leistung meinen Respekt, wohl ahnend, dass manche Kanuten damit nichts anfangen können.

 

Aber so ist es halt – nicht nur im Kanusport. Wer aus der „Masse“ herausragt, trifft immer auf welche, die einen bewundern, die einen ignorieren bzw. die einen „verachten“. Trotzdem hat seine Tour etwas mit Meerespaddeln zu tun, eigentlich mit „Off-Shore-Paddeln“, jedoch nichts mit Küstenkanuwandern (das tat A.D. wohl nur am ersten und letzten Tag seiner Querung) und auch nichts mit Seekajakfahren (paddelte er doch ein 700x100cm-Kajüt-Kajak mit „Rollbügel“ und 550 kg Gesamtgewicht). Das Ungewöhnliche bzw. „Extreme“ war bloß, dass er:

 

  • nicht nur am Tag, sondern auch während der Nacht unterwegs war,
  • 100 Tage & Nächte Non-Stopp ohne Landgang paddelte,
  • nur am ersten und letzten Tag Landsicht hatte,
  • insgesamt ca. 3.500 km (Luftlinie: 2.700 km) zurücklegte!

 

Aber wo hört das „Normale“ auf und wo fängt das „Extreme“ an? Es gibt doch Kanuten, die schon Folgendes für extrem halten:

 

  • eine Tour hinaus aufs Meer,
  • das bewusste Abwettern eines 6-7er Windes im Seekajak entlang der Küste,
  • eine Tageskilometerleistung von 20 km, ….. 100 km,
  • eine Jahreskilometerleistung von 1.000 km, …. 12.000 km,
  • eine mehrstündige Nachtfahrt,
  • eine Tour zu einer Insel, die hinterm Horizont liegt,
  • die Umrundung einer Insel, ohne sie zu betreten,
  • die Beherrschung von 30 verschiedenen Rollvarianten,
  • eine Nacht im Biwak am Rande der Brandungszone,
  • eine Tour bei Eisgang & Schneefall!

 

Ja, warum gibt es immer wieder Kanuten, die so etwas tun. Suchen sie wirklich immer etwas bzw. wollen sie tatsächlich immer etwas beweisen, oder tun sie es einfach nur, weil sie es schon immer mal tun wollten?

 

Und warum gibt es immer wieder Kanuten, die gern all das als extrem abtun, was sie nicht leisten können bzw. wollen?

 

Lasst sie doch einfach paddeln, so lange und so viel sie wollen, auch wenn sie uns auf diese Weise verdeutlichen, was für „kleine Lichter“ wird Kanuten doch eigentlich sind.

 

Text: U.Beier

Quelle: KANU-MAGAZIN, Nr. 2/11, S.84-88 – www.kanumagazin.de