01.12.2012 Anno 1877: „Ein grönländischer Jäger“ (Geschichte)

 

Der folgende kleine Bericht ist 1877 in „Der Evangelische Kinder-Freund“ erschienen und wurde mir von Oliver Schröer zugeschickt. Vielleicht halten ihn auch andere für lesenswert:

 

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Ein grönländischer Jäger

 

Der Eskimo im Süden von Grönland liebt die Seehundjagd über Alles. Mitten in seinem 18 Fuß langen Kajak, das an beiden Enden sich wie ein Werberschifflein zuspitzt, sitzt er mit seiner Jacke aus Seehundsfellen wie angenäht an das Fellverdeck, so dass er dem Meer bis an seinen Hals eine völlig wasserdichte Oberfläche darbietet. Damit wagt er sich durch hohe Wellen hindurch, schlägt mit dem doppelgeschaufelten Ruder, das er führt, bald rechts, bald links ins Wasser und legt leicht drei Stunden Wegs in einer zurück.

Wenn er auf die Jagd geht, hat er den Speer neben sich liegen, vor sich den Schnrring, hinter sich die Boje aus Seehundsfell, die Büchse aber ist im Boot untergebracht. Noch Eines: über seinem Fellwams hat er ein weißes angezogen, falls er nämlich Aussicht hat, auf Eisblöcke zu stoßen.

Schon rudert er dem Seehund nach, der dort den Kopf emporhebt. Aber wie leise, wie bedächtig; denn das Thier hat gute Ohren. Jetzt ist er in der richtigen Entfernung, der Speer fliegt, und mit ihm Schnur und Boje. Letztere verhindert den Seehund am allzutiefen Untertauchen, wie am allzuschnellen Schwimmen. Ist die Wunde leicht, so erscheint das Thier bald wieder auf der Oberfläche, um zu athmen; die Boje zeigt die Stelle an, wo es auftauchen wird, und ein zweiter Speer trifft vielleicht besser. Dann zieht er den Fang auf sein Kajak oder, wenn er gewichtig genug ausfällt, lässt er ihn am Boot befestigt mitschwimmen.

Anders, wenn Eisstücke herum treiben; dann nähert sich der Eskimo im weißen Kalicohemd, weil er wohl weiß, wie sehr es die Seehunde lieben, auf dem Eis den Sonnenschein zu genießen. Der Seehund hört das Ruderplätschern, erhebt sich von seinem kalten Lager und sieht mit den glanzvollen großen Augen dem Kajak zu; es ist regungslos, er hälts für Eis und legt sich wieder nieder. Der Jäger aber balancirt sich, so gut ers vermag, zielt und schießt. Doch muss der Seehund gut getroffen sein, wenn er dem Schützen nicht entrinnen soll. –

Gefahr ist dabei nicht zu befürchten, außer von Wind und Wetter. Der Jäger, der von einem plötzlichen Sturm befallen wird, während er im offenen Meere sich umtreibt, rettet sich aufs nächste Eisstück, zieht seinen Kahn darauf und lässt sich wohl über den halben Meerbusen hinaus nach Westen führen. Seinen Unterhalt gewinnt er dann durch Seehundsjagd von Eis zu Eis, bis er in Labrador landet.

Ein christlicher Eskimo war auf diese Weise, vom Sturm verschlagen, nach der Westküste gelangt, aber, statt in die dortigen Missionen, auf einen Walfischfahrer gerathen, der sich mit der Heimreise nicht beeilte. Am Ende kam er über England nach Grönland zurück, fünf Jahre nach seiner Abfahrt. Die Seinigen hatten ihn natürlich schon lange als todt beweint.

 

Quelle: Der Evangelische Kinder-Freund, 1877, Band. 8, Heft 32, S. 127