17.02.2014 Freya Hoffmeister: Willkommen in Brasilien (598. Fahrtentag) (Geschichte)

 

Ja, wo treibt sich denn gerade Freya Hoffmeister herum? Nun, sie ist – übrigens seit dem 30. August 2011 – immer noch dabei, ihren Traum, Südamerika im Uhrzeigersinn mit einem Seekajak zu umrunden, zum Abschluss zu bringen:

 

http://freyahoffmeister.com/freyas-blog

 

Da sie nicht mehr auf „Heimaturlaub“ ist, wird sie wohl in ihrem Seekajak (Modell: „Freya 18“ von POINT 65°N) oder in ihrem Zelt (Modell: „Alak“ von HILLEBERG) sitzen bzw. sich bei gastfreundlichen Einheimischen für ein paar Tage aufhalten, um Kraft für weitere Paddelkilometer zu „tanken“.

 

Hängepartie oder Schlickpartie!

 

Vielleicht hängt sie auch mangels vorhandener Zeltmöglichkeiten in ihrer Hängematte, ausgerüstet mit Mücken- und Regenschutz, die sie zwischen zwei Mangrovenbäumen gespannt hat, und lauscht, ob die nahende Flut sie nicht doch noch erreicht und schließlich dafür sorgt, dass die anrauschenden Wellenkämme ihren Traum von einer trockenen Hängepartie platzen lassen. Trotzdem kann sie den von unten hoch spritzenden Wellen noch etwas Positives abgewinnen: Ihr immer wiederkehrendes Rauschen bringt nämlich etwas Abwechslung in das sonst etwas nervig anzuhörende Summen, das von jenen unzähligen Mückenschwärmen stammt, die ihre Hängematte umschwirren und nur darauf warten, dass Freya sich mal blicken und stechen lässt.

 

Oder sie hängt irgendwo im Stockdunkelen im knietiefen Morast fest und grübelt darüber nach, was eigentlich unangenehmer ist, in einer Hängematte oder in einem Seekajak die Nacht zu verbringen?

 

Foto: „Hängepartie“

https://picasaweb.google.com/112133179186774955122/SouthAmericaSection3Stage17GuyanaSurinameFrGuianeGeorgetownToCayenne?noredirect=1#5979094531675583938

 

Foto: Mangroven-„Parkplatz“

https://picasaweb.google.com/112133179186774955122/SouthAmericaSection3Stage17GuyanaSurinameFrGuianeGeorgetownToCayenne?noredirect=1#5972218795343017058

 

Foto: Schlick-„Barriere“

https://picasaweb.google.com/112133179186774955122/SouthAmericaSection3Stage17GuyanaSurinameFrGuianeGeorgetownToCayenne?noredirect=1#5972218272949325858

 

Foto: trockengefallener Sandstrand

https://picasaweb.google.com/112133179186774955122/SouthAmericaSection3Stage17GuyanaSurinameFrGuianeGeorgetownToCayenne?noredirect=1#5979093960865654242

 

Foto: gefluteter Sandstrand

https://picasaweb.google.com/112133179186774955122/SouthAmericaSection3Stage17GuyanaSurinameFrGuianeGeorgetownToCayenne?noredirect=1#5979091183489754418

 

Ja, und da hängt bzw. hockt sie und wartet, bis der Wasserstand eine Weiterfahrt zulässt. Ob es dann schon hell ist, spielt dabei keine Rolle; denn bei einem Gezeitengewässer bestimmt die „Tide“, wann es Zeit ist zu starten, also der Stand des Mondes, aber nicht der Sonnenstand!

 

Auf alle Fälle ist Freya seit ihrem Start in Georgetown (Guyana) am 10.01.14 in einer Watt-Sumpf-Mangroven-Landschaft unterwegs, die – von einigen Ortschaften und Flussmündungen mal abgesehen - nur selten Abwechslung bietet. Es handelt sich meist um riesige Schlickflächen, die kaum mit Wasser bedeckt sind. Vergleichbar ist eine solche Landschaft in etwa mit den Wattflächen des West- und Ostfriesischen Wattenmeers, aber ohne die dort vorgelagerten Inseln. Der Unterschied ist nur jener, dass es von Texel bis Wangerooge nur ca. 250 km lang ist, von Georgetown bis zur Grenze hinüber nach Brasilien jedoch ca. 950 km. Auf dieser Strecke bieten sich Freya i.d.R. nur während der Hochwasserphase Anlandemöglichkeiten an, und zwar günstigenfalls auf einem kleinen sandigen Flecken, den es aber gilt, rechtzeitig vorher zu entdecken. Ansonsten bleibt ihr nur die mehr feuchte als fröhliche „Hängepartie“ zwischen zwei Mangrovenstämmen oder die recht wackelige „Schlickpartie“auf dem eigenen Seekajak im Morast. Wobei sich nicht jeder „Morastplatz“ zum Nächtigen geeignet ist.

 

Tag- & Nachthochwasser, Spring- & Nipptide

 

Auf alle Fälle darf Freya nur dann einen solchen Platz zum Trockenfallen auswählen, wenn die Hochwasserzeit schon 1-2 Stunden vorbei ist; denn nur dann ist es garantiert, dass die nächste Flut auch bis zu diesem „Morastplatz“ kommt. Wehe also, sie lässt sich abends genau bei Hochwasser trockenfallen und das nächste Hochwasser am kommenden Tag fällt niedriger aus. Dann wäre „Schlickpaddeln“ mit mehr oder weniger ungewissem Ausgang angesagt, wenn sie nicht weitere 12 Stunden auf das nächste Hochwasser warten möchte.

 

Ja, die beiden Flutberge, die innerhalb von ca. 12:25 Std. eintreffen, laufen unterschiedlich hoch auf. Der Grund ist u.a. darin zu finden, dass der eine Flutberg auf der dem Mond zugewandten Seite hauptsächlich auf die Anziehungskraft des Mondes zurückzuführen ist während der andere auf der dem Mond abgewandten Seite der Fliehkraft zu verdanken ist, einer Fliehkraft, die entsteht, weil sich Erde und Mond gemeinsam um denselben Drehpunkt drehen, der jedoch nicht im Zentrum, sondern am Rande der Erde liegt, die dem Mond zugewandt ist.

 

Aber wer über Wochen an die tausend Kilometer entlang solch einer Wattküste paddelt, muss nicht nur mit den täglichen Wasserstandsschwankungen kämpfen, sondern auch noch mit den Wasserstandsschwankungen, die bei Nipp- und Springtide auftreten; denn bei Nipptide reicht das Wasser nur selten bis zum trittfesten Ufer und bei Springtide überspült das Wasser das trittfeste Ufer und endet in einer überfluteten Sumpflandschaft. … und bei Mitttide? Nun, dann finden sich schon trockengefallene Plätze, was nicht heißt, dass es sich dabei um „trockene“ Flächen handelt!

 

Aber solche Plätze muss Freya erst einmal finden! Ihr Problem dabei ist es, dass

 

 

Ja, und da passiert es immer wieder, dass solch ein auf der Karte entdeckter Platz schließlich gefunden wird, sich aber als nicht zum Übernachten geeignet erweist. Das ist insbesondere dann ärgerlich, wenn Freya sich zuvor 2-3 Stunden lang von der Tide dorthin treiben ließ und nun erkennen muss, dass sich das überhaupt nicht gelohnt hat.

 

Südost-Passat

 

Schließlicht gibt es noch diesen Wind, ein Ausläufer des Südost-Passats, der immer und stetig mit 4-5 Bft von vorne bläst:

 

http://www.windfinder.com/weather-maps/forecast/#4/4.57/-51.42

 

Da baut sich im Laufe der Zeit ein Seegang auf, der in Küstennähe Brecher entstehen lässt, die bis hinter den Horizont reichen. Wenn Freya nicht im Minutentakt von der Brandung geduscht werden möchte, bleibt ihr nichts anderes übrig, als im Flachwasserbereich zwischen Brandungszone und Küste zu paddeln. Sie nimmt dabei in Kauf, dass die geringe Wassertiefe sie am Tempomachen hindert. Dafür hat sie ab und an die Möglichkeit, durch Auswerfen eines Ankers, den sie sich aufgrund von Empfehlungen Einheimischer noch in Georgetown gekauft hatte, zu verhindern, dass sie beim Pausemachen wieder zurück treibt.

 

Nur einmal war es Freya nicht möglich, im Flachwasser der Schlicklandschaft voranzukommen. Es passierte an ihrem 587./588. Fahrtentag entlang der Küste von Suriname. Der Schlick hinderte sie daran, bis ans Land zu paddeln. Also blieb ihr nichts anderes übrig, als sich von der schlickigen Küste zu entfernen und inmitten der Brandungszone zu paddeln und das während der Nacht anlässlich einer über 18 Stunden dauernden 82-km-Passage, bei der kein Landgang möglich war. Das war eine ihrer kritischsten Passagen. Bei einer Kenterung mit Ausstieg wäre sie unweigerlich von den Brechern auf den Schlick gespült worden, einem Schlick, der an manchen Stellen auch mannshoch tief sein konnte.

 

Brasilien vor der Tür

 

Für die knapp tausend Kilometer lange Strecke von Georgetown (Guyana) bis an die brasilianische Grenze benötigte Freya 26 Paddeltage. 5 Paddeltage davon brauchte sie, um bis zur ca. 170 km entfernt liegenden Grenze hinüber nach Suriname zu paddeln. Die ca. 440 km lange Küste von Suriname legte sie in 12 Paddeltagen zurück. Ab dem 31.01.14 befand sie sich in Französisch Guyana. Bis nach Brasilien waren es dann noch ca. 340 km, die Freya in 10 Paddeltagen schaffte.

 

Zwischendurch legte sie jedoch immer mal wieder ein paar Ruhetage ein, zuletzt in Cayenne, wo sie sich 3 Tage lang von den Mitgliedern des lokalen Kajak-Clubs verwöhnen ließ. Diese letzte Pause hatte sie auch bitter nötig, und zwar nicht nur, um sich von den Strapazen der letzten Tage zu erholen, sondern auch weil ihr nun eine etwa 10tägige Küstenpassage bevorstand, bei der die morastige Mangrovenküste ein Übernachten im Zelt kaum zuließ. Freya blieb folglich nachts nichts anders übrig, als mitten im schlickigen Morast in ihrem Seekajak kauernd „trockenzufallen“ oder zwischen den Mangroven im Gestrüpp in ihre Hängematte zu baumeln und zu hoffen, am nächsten Tag von der Tide wieder mit ins Tiefe hinausgenommen zu werden. Schließlich überpaddelte sie am 16.02.14 an ihrem 598. Fahrtentag, wovon sie 419 Tage in ihrem Seekajak saß, die Grenze hinüber nach Brasilien.

 

Bis die ersten brasilianischen Traumstrände am Horizont auftauchen, werden wohl noch ein paar Wochen vergehen. Zunächst muss Freya ca. 370 km Mangrovenküste entlang paddeln, dann steht ihre die ca. 400 km breite Mündungspassage des Amazonas bevor, ………………

 

(Fortsetzung folgt; denn bis nach Buenos Aires sind es noch an die 7.000 km! In Anbetracht dessen, dass Freya schon etwa 18.750 km rund Südamerika unbeschadet zurückgelegt hat, spricht alles dafür, dass sie auch diesen Rest schaffen wird!?)

 

Text: Udo Beier