10.05.2014 Freya Hoffmeister: 50 Jahre und noch kein bisschen ruhiger! (Geschichte)

 

Die Husumer Küstenlangstreckenpaddlerin Freya Hoffmeister ist am 10. Mai 2014 Fünfzig geworden. Der Deutsche Kanu-Verband e.V. gratuliert ihr dazu und wünscht ihr noch viele erfolgreiche Paddeljahre. Wir freuen uns darüber, dass gerade eine Kanutin aus Deutschland dafür weltweit berühmt geworden ist, mit einem serienmäßigen Seekajak einen Kontinent nach dem anderen zu umrunden.

 

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Jeder fängt mal ganz klein an …

 

Dabei hat Freya auch mal als Kanutin ganz „klein“ angefangen, und zwar Mitte der 90er Jahre als 30jährige mit einem Faltboot. Zuvor war sie jedoch Fallschirmspringerin (mit Absprung über dem Nordpol), Body-Builderin (mit Platzierungen bei Landesmeisterschaften) und Geräteturnerin.

 

Anfänglich suchte sie die Nähe zum DKV, war zeitweilig Mitglied der Segeberger Kanu-Gemeinschaft e.V. und später Einzelmitglied beim LKV-Schleswig-Holstein. 2003 entdeckte sie zunächst die Ostsee und nahm mit einem geliehenen Seekajak an einem Großgewässerkurs auf Schleimünde von Eckhardt Schirmer (LKV-SH) teil und gleich darauf an den vom Hamburger Kanu-Verband angebotenen Brandungsübungen in St.Peter-Ording. Auch wenn damals die Brandung nicht sehr hoch war, „leckte sie Salzwasser“ und startete ab dann durch.

 

Schon 14 Tage später nahm sie im eigenen Seekajak an einer gemeinsam vom Dänischen Havkajakklub Arhus und dem LKV-SH organisierten und von Peter Unold geleiteten mehrtägigen Belt-Umrundung teil, bei der es Tagesetappen von bis zu 60 km gab. Es wird erzählt, dass sie am zweiten Tag nicht mithalten konnte und abfiel. Die dänischen Langstreckenkanuten waren einfach zu schnell. Als einer sie damit trösten wollte, dass es keine Schande sei, als „Seeanfängerin“ hinterher zu paddeln, packte sie ihr Ehrgeiz. Wie auf Kommando änderte sie ihren Paddelstil, fuhr steiler … schaltete den „Turbo“ an … und paddelte seitdem vorne weg!

 

Recht bald wurde ihr die deutsche Nordsee zu klein, selbst die Salzwasserunion e.V. konnte sie nicht halten. Sie suchte die Kontakte zur britischen Sea-Kayaker-Szene, anschließend zur us-amerikanischen Ocean-Paddler-Szene. Zwischendurch beeindruckte sie die „Greenlander-Szene“, was sie dazu veranlasste, alle 30 Varianten der „Eskimo“-Rolle zunächst zu lernen und später auf Kursen zu lehren.

 

Zum „Glück“ hatte sie während dieser Zeit keinen Kontakt zur „Kite-Surfer-Szene“; denn dann hätte der Kanusport sie sicherlich „verloren“. Und so kommt es, dass Freya im „Long-Distance-Sea-Kayaking“ ihre Erfüllung fand und dort „Geschichte“ schrieb …. zum Leidwesen der britischen Sea Kayaker, die bislang mit ihren als Expeditionen deklarierten 3-4-wöchigen Küstentouren die Maßstäbe setzten. Ja, und da kommt so ein deutsches „Fräulein“ und paddelt alle in Grund und Boden …. nein, nicht bei Flachwasserrennen, dafür war sie nicht mehr jung genug, sondern beim Küstenkanuwandern. Die britische Szene hat auf ihre Weise reagiert … und sie praktisch ignoriert. Wofür ich fast Verständnis habe; denn die Power, die Freya hat, und dieses offen gezeigte Selbstbewusstsein, das hält auf Dauer kein „Seebär“ aus, auch wenn er sonst ein Gentleman ist!

 

Erst Inseln, nun Kontinente ….

 

Es fing an mit der Umrundung von Island, einer Insel, die eigentlich den britischen Sea Kayakern „gehört“; denn nur wer sie umrundet, hatte die Chance, als „Paddel-Guru“ anerkannt zu werden. Nachdem Freya die vor der Haustüre der Briten liegende Isle of Man in Rekordzeit umrundete, wollte sie es wissen und es den Briten so richtig zeigen. Zusammen mit ihrem damaligen amerikanischen Freund Greg Stamer nahm sie sich die Umrundung von Island vor. Die insgesamt 1.620 km legten sie in 25 Paddeltagen (= 65 km/Tag) zurück. Das war erneut ein Rekord.

 

Anschließend suchte sie sich Neuseeland aus und umrundete als erste Frau solo dessen Südinsel. Die 2.386 km schafft sie in 48 Paddeltagen. Natürlich war auch das ein Rekord.

 

Als sie davon hörte, dass bislang nur ein einziger Mann, nämlich der damals 37jährige Neuseeländer Paul Caffyn, Australien umrundet hat, und zwar 1981/82 in 361 Tagen (davon 257 Paddeltage), entschloss sie sich 2009, als 45jährige in einem „Race around Australia“ diesen Rekord zu brechen, was ihr auch gelang. Sie schaffte die 13.800 km in 332 Tagen (davon 245 Paddeltage)!

 

Danach hatte sie sich in den Kopf gesetzt, Südamerika in drei Etappen zu umrunden. Im August 2011 startete sie in Buenos Aires. Die 1. Etappe beendete sie in Valparaiso (Chile) (7.676 km in 247 Fahrtentage). Die 2. Etappe endet an der Grenze zu Venezuela (7.736 km in 228 Fahrtentage). Und während der 3. Etappe kam sie bis kurz vor Fortaleza (Nordostküste Brasiliens). D.h. für die Umrundung ist noch eine 4. Etappe erforderlich, die wohl dann im April/Mai 2015 in Buenos Aires enden wird.

 

„Nomadin des Wassers“

 

Das, was Freya nun seit Jahren mit ihrem Seekajak unternimmt, ist schon einzigartig, unvorstellbar. Ich kenne niemanden, der die gesamte deutsche Nord- und Ostseeküste (ca. 950 km) hintereinander abgepaddelt hat …. und da steigt eine – auf die Fünfzig zugehende - Husumerin in ihr Seekajak und hakt – einem Bergsteiger gleich, der Achttausender „sammelt“ – mit durchschnittlich 40-45 km je Paddeltag im Dreiviertel-Takt (d.h. durchschnittlich legte sie bislang an jedem 4. Fahrtentag einen Pausentag ein) nacheinander die Küste von:

 

  1. Argentinien (3.665 km in 121 Tagen),
  2. Chile (inkl. Kap Horn) (9.900 km in 313 Tagen),
  3. Peru (2.431 km in 59 Tagen),
  4. Ecuador (851 km in 25 Tagen),
  5. Panama (720 km in 28 Tagen),
  6. Venezuela (1.965 km in 65 Tagen),
  7. Trinidad-Tobago (185 km in 8 Tagen),
  8. Guayana (505 km in 17 Tagen),
  9. Suriname (438 km in 18 Tagen),
  10. Frz. Guayana (340 km in 17 Tagen)

 

ab … und hat noch immer nicht genug; denn die Küste von Brasilien (ca. 6.600 km) und Uruguay (ca. 500 km) will sie ja auch noch vollständig abpaddeln.

 

Ist Freya damit ein Vorbild für andere, die ebenfalls entlang der Küste mit ihren Seekajaks „wandern“? Erwähnt wurden schon ihre Power und ihr Selbstbewusstsein. Dazu kommen noch:

 

 

Außerdem setzten all diese Touren ein unbeschreibliches Organisationstalent voraus. Da gibt es keine Backup-Crew, die sie bei ihren Touren von Land aus unterstützt. Freya ist stets allein auf sich gestellt und muss sich selbst um die Hilfe von außen kümmern. Denn alle paar Wochen braucht sie einfach für ein paar Tage eine Auszeit, um sich von den Strapazen zu erholen; sei es, dass:

 

 

Das Erstaunliche ist dabei, dass diese solo paddelnde „Nomadin des Wassers“ immer und immer wieder Leute findet, die ihr ihre Gastfreundschaft in Form eines klimatisierten Raumes anbieten.

 

In der Tat, Freya ist schon ein Vorbild, nicht nur für Küstenkanuwanderinnen und -wanderer. Sie inspiriert andere, ebenfalls mal an ihre Grenzen zu gehen, mal schneller, weiter, länger bzw. härter zu paddeln als sonst …. wenn auch nur für eine kurze Zeit und das bloß unmittelbar auf dem Heimatgewässer.

 

Verrückt?

 

Ja, ist das eigentlich noch „normal“, was Freya da macht? Nein, das ist es natürlich überhaupt nicht. Aber was ist denn „normal“. Ist denn überhaupt Paddeln noch „normal“? Vielleicht wird diese Wassersportart noch von anderen, die nicht paddeln, akzeptiert, wenn die Sonne scheint. Aber spätestens:

 

 

da fängt selbst schon der „normale“ Paddler, der vielleicht gerade so sein Wanderfahrerabzeichen im Jahr schafft, an zu zweifeln, ob nicht da doch schon die Grenzen der „Normalität“ überschritten werden.

 

Nicht nur wir Kanuten neigen dazu, all das, welches über das hinausgeht, was wir tun, als nicht mehr „normal“, sondern eher als für „verrückt“ anzusehen. Okay, bei unseren „Olympioniken“ machen wir vielfach eine Ausnahme, weil es gesellschaftlich anerkannt ist, sich im Wettkampf mit anderen zu messen. Aber sind denn Leistungen nur dann gesellschaftlich anerkannte Leistungen, wenn sie in den Medien hochgejubelt und deren Leistungserbringer gefeiert werden?

 

Vor etwa 80 Jahren bekamen ein paar Bergsteiger für die Erstbesteigung der Eiger Nordwand olympisches Metall. Schade, dass sich daraus nicht die Tradition entwickelt hat, außerordentliche Leistungen von Extremsportlern auf diese Weise weiterhin zu ehren, auch wenn sie keiner olympischen Disziplin zuzuordnen sind. Freya Hoffmeister ist solch eine Extremsportlerin. Sie ist wohl derzeit nicht die „schnellste“, wohl aber die „zäheste“ Kanutin, auf die der deutsche Kanusport stolz sein kann und ist.

 

Text: Udo Beier