03.11.2014 Bomb Proof Roll: Na, Freya, gibt’s denn so was? (Geschichte)

 

(672. + 677. Fahrtentag) (28.10.-2.11.14): Wie wohl der eine oder die andere mitbekommen hat, versuchte Freya Hoffmeister zu Beginn ihrer 4. Etappe Rund Südamerika am 20.10.14, ihrem eigentlich 669. Fahrtentag, erst gar nicht, vom brasilianischen Strand nahe Humberto des Campos (Sao Luis) durch die Brandung hinaus auf den Atlantik zu paddeln. Der vom Südost-Passat produzierte 5er Gegenwind, die auf den Süd-Äquatorialstrom zurückzuführende Gegenströmung und die teils meterhohen Brecher, die ganzjährig typisch sind für solch eine überwiegend ungeschützte, über hunderte von Kilometern sich erstreckende Strandküste, erschienen ihr einfach zu mächtig, zu gefährlich, zu kräftezehrend, um hier entlang bis zur ca. 1.000 km entfernt liegenden Nordostspitze Brasiliens zu paddeln; zumal die Bedingungen an Land auch kein Urlaubsfeeling aufkommen lassen würden. Fotos von diesem sandigen Küstenstreifen sind wohl atemberaubend, wer jedoch die Nachmittag-, Abend- und Nachtstunden nur maximal 100 m vom Spülsaum entfernt in einem bloß 3 qm großen Innenzelt verbringen muss, und dass wochenlang, der betrachtet sicherlich solch eine Landschaft aus einer anderen Perspektive. Zu denken ist dabei z.B. an:

 

 

Alternativplanung

 

Freya entschloss sich in Anbetracht solcher für das ganze Jahr typischen Gewässer- & Übernachtungsbedingungen, die Passage zwischen Humberto des Campos (Sao Luis) und Recife (ca. 1.350 km) auszulassen!

 

Das ist bemerkenswert für Freya! War es Angst? Fühlte sie sich trotz eines 175-tägigen Urlaub vom Paddeln noch nicht fit? Oder litt sie unter dem „Burn out“-Syndrom, welches irgendwann doch auch mal bei ihr, die nun schon seit August 2011 „rundet“, auftreten musste? 668 Fahrtentage, 20.910 km südamerikanische Küste, und das alles erlebt nicht bei „Urlaubs-„, sondern bei „Expeditionsbedingungen“, hinterlassen unweigerlich ihre Spuren; denn bis auf die „Gastfreundschaft“, die sie in Argentinien, Chile, Peru, Ecuador, Kolumbien, Panama, Venezuela, Trinidad-Tobago, Guyana, Suriname, Frz. Guyana und zuletzt Brasilien erlebt hatte, wurde ihr nichts „geschenkt“.

 

Aber Freya ist immer für eine Überraschung gut. Improvisation ist ihre Stärke! Resignation kennt sie nicht! Also ließ sie sich von ihren erst in Sao Luis kennengelernten Freunden wieder vom Strand abholen und über Sao Luis zum über 1.000 Landstraßenkilometer entfernten Recife bringen. Schon 5 Tage später, also am 25.10.14, trat sie dann endlich ihren 669. Fahrtentag an.

 

Sie startete jedoch nicht in Richtung Südwest zum ca. 4.500 km entfernt liegenden Buenos Aires, sondern paddelte zurück in Richtung Nordost zur ca. 350 km entfernt liegenden Nordostspitze Brasiliens, und zwar bei halbem bis achterlichem Wind und schwächerer Gegenströmung, um danach dann entlang der nordöstlichen Küste von Brasilien weiter bis zum ca. 1.000 km entfernt liegenden Humberto des Campos, der „Endstation“ ihrer 3. Südamerikaetappe, zupaddeln. Freya hofft darauf, dass dieser nordöstliche Küstenabschnitt dank Wind & Strom von achtern eher paddelbar ist, zumindest von ihr, die darauf setzt, bis dahin wieder voll fit & motiviert zu sein. Sollte dieser Plan realisierbar sein, wollte sie dann von Humberto des Campos erneut per „Anhalter“ zurück zum Startort ihrer 4. Etappe, Recife, fahren, um endgültig in Richtung Rio de Janeiro und schließlich weiter bis Buenos Aires (Argentinien) zu paddeln.

 

Freyas Kritiker mögen ihr verzeihen, dass es bei ihrer Südamerikaumrundung nicht immer ganz so „rund gelaufen“ ist, aber immerhin hat sie dann – wenn nichts dazwischen kommt – als erste jeden Küstenabschnitt Südamerikas eigenhändig mit einem serienmäßigen Seekajak befahren.

 

German Paddlemachine at Work

 

Seit dem 25.10.14 ist also Freya wieder unterwegs, um wenigstens entgegen dem Uhrzeigersinn die ca. 1.350 km lange Küstenpassage zwischen Recife und Humberto des Campos zu meistern. Business as usual:

 

25.10.14: Start: Recife in Richtung NO bei seitlichem bis raumen Wind und leichtem Gegenstrom; 40 km Tagesetappe, unterwegs von 8.50-15.40 Uhr

26.10.14: 45 km - 5.10-14.25 Uhr

27.10.14: 55 km - 5.00-15.35 Uhr

28.10.14: 40 km - 5.00-12.45 Uhr

29.10.14: 50 km – 4.50-15.10 Uhr

30.10.14: Ruhetag

31.10.14: Anlanden in Natal: 54 km – 4.45-14.50 Uhr

01.11.14: 49 km – 4.55-13.35 Uhr

02.11.14: NO-Spitze Brasiliens umrundet: 58 km – 5.00-14.15 Uhr

03.11.14: Weiterfahrt in Richtung NW bei achterlichem Wind/Strom: 63 km – 4.45-14.40 Uhr

 

Wie die Tourendaten zeigen, scheint Freya wieder ihren Rhythmus gefunden und sich mit den Gewässerbedingungen vor Ort arrangiert zu haben. Immerhin hat sie schon am 2.11.14 den nordöstlichsten Punkt Brasiliens erreicht und hinter sich gelassen. Nun geht es ca. 1.000 km in Richtung NW bis Humberto des Campos, und zwar „bergab“ d.h. ab dort wird Freya auf Unterstützung durch Wind & Strom rechnen können.

 

„Bomb Proof Roll“

 

Aber diese Daten sagen nichts darüber aus, was sie bislang tatsächlich erlebte, nämlich frischen raumen Wind sowie anrollende Brecher, von denen jeder siebte bestrebt war, sie zu kentern.

 

Am Dienstag, den 28.10.14, ihrem 672. Fahrtentag, war es dann soweit. Vier Tage war sie nun schon unterwegs. Es geschah kurz vor Hochwasser. Die Windsee wurden immer höher (2 Meter) und der Wind stärker (5-6 Bft.; 20 Knoten). Über Google Earth und GPS wusste Freya, dass sie sich einem Riff näherte, das einer Flussmündung vorgelagert war. Hinter dem Riff dürfte der Seegang weniger heftig sein. Genau dorthin wollte sie paddeln. Als sie meinte, dass das Riff bald kommen müsste, näherte sie sich etwas der Küste und hielt Ausschau nach dem irgendwo hinter den Brechern beginnendem Riff-Eingang. Dass der Seegang hier noch heftiger wurde, nahm sie dabei in Kauf. Die Aussicht, bald im geschützteren Bereich paddeln zu können, war aber einfach zu verlockend. Und da passierte es auch schon. Ein echter „Kaventsmann“ tauchte so unverhofft auf, dass sie ihn nicht mehr ausweichen, d.h. ihn weder davonspurten noch ausbremsen konnte. Die Folge: Sie wurde umgeschmissen …. und Freya Hoffmeister, die Frau, die 30 verschiedene Varianten von Grönlandrollen beherrscht, die von sich bislang sagen konnte, dass sie „bomben sicher“ rollen kann, und die deshalb seit Peru (Mitte der 2. Etappe) bis Ende der 3. Etappe keine Lenzpumpe mehr mit sich führte, ja, diese Frau stieg, nachdem sie zweimal vergeblich versuchte, hoch zu rollen, ja sie stieg aus, verzichtete aufgrund des rauen Seegangs wiedereinzusteigen und lies sich stattdessen von Wind & Welle Richtung Strand treiben. Dank ihrer „Life Line“ verlor sie nicht ihr Seekajak und dank ihres von alleine Richtung Strand surfenden Seekajaks surfte sie im Schlepptau mehr oder weniger elegant mit. Ihre Anmerkung dazu: „Salt water doesn’t taste great!“

 

So etwas ist Freya noch nie passiert, zumindest nicht seitdem sie anfing, Inseln bzw. Kontinente zu umrunden. Wohl wurde sie beim Starten/Anlanden durch die Brandung ab & an mal umgeschmissen und rutschte wegen des zu niedrigen Wasserstandes in der Brandungszone aus ihrem Seekajak; auch wurde sie mal nachts in der Amazonasmündung von der Gezeitenwellen „Pororoca“ auf dem trockengefallenen Watt überrascht und dann kilometerweit stützenderweise „mitgespült“, bis sie dann schließlich aus ihrem Seekajak geschleudert wurde, als dieses über einen Wattrücken „stolperte“. Aber solch eine Tiefwasserkenterung mit anschließender Schwimmpassage, das war für Freya eine „Premiere“ ganz besonderer Art. Zum Glück war sonst nichts passiert, nichts beschädigt, nichts verloren gegangen.

 

The Tour must go on….

 

…. denn es war noch früh am Morgen und der Fahrtentag hatte gerade erst begonnen!

 

Freya nutzte, nachdem sie ihre Ausrüstung wieder klariert hatte, am Spülsaum die Gelegenheit zu frühstücken; denn das sonst übliche Frühstück draußen auf dem Wasser war ja wegen des Seegangs buchstäblich „ins Wasser gefallen“.

 

Anschließend versuchte sie die anderthalb Kilometer bis zu jenem geschützten Bereich landseits eines Riffs zu treideln, den sie eigentlich vom Wasser aus schon angepeilt, jedoch nicht gefunden hatte. Aber: Wer jemals unter Brandungsbedingungen sein voll beladenes Seekajak entlang eines Sandstrandes zog, der weiß, dass das mindestens genauso anstrengend ist, wie das Strecke-Paddeln in der Brandungszone, nur weitaus gefährlicher. Schon mancher im Wellenlee ziehender Kanute wurde dabei von seinem vom Brecher Richtung Strand angespülten Seekajak überrollt & umgeschmissen und mancher im Wellenluv ziehender Kanute wurde von seinem vom Brandungssog wieder hinaustreibenden Seekajak auf dem falschen Bein erwischt. Blaue Flecken sind dann unvermeidlich und Beinbrüche nicht auszuschließen!

 

Deshalb beschloss Freya, noch vor Erreichen des geschützten Bereichs mit ihrem Seekajak wieder hinaus durch die Brandung zu paddeln. Der Brandungsstart war jedoch nicht so einfach und gelang auch erst beim dritten Versuch; denn es gab niemanden, der ihr hätte Starthilfe anbieten können:

 

  1. Versuch: Beim Starten schlug ihr Seekajak immer wieder quer zu den Brechern. Schließlich gelang es ihr, mit voll gelaufener Sitzluke fünf, sechs Brecherketten zu durchfahren, bis ein fetter Brecher sie umschmiss. Nach zwei Rollversuchen stieg sie aus und schwamm zurück an den Strand.
  2. Versuch: Der Start klappte auf Anhieb, doch erneut tauchte unterwegs ein mächtiger Brecher vor ihr auf und drückte sie unter Wasser. Erstaunlicherweise klappte auf Anhieb die Rolle. Leider surfte sie dann seitwärts zurück hoch auf den nassen Strand.
  3. Versuch: Wieder ging es hinaus. Sie schaffte es dieses Mal, die auf sie zu rauschenden Brecher erst dann zu durchfahren, nachdem sie brachen. Überraschenderweise funktionierte das ohne Kenterung. Und plötzlich befand sie sich außerhalb der Brandungszone …

 

Endlich draußen im rauen Seegang angekommen stellte sie fest, dass das in der Heck-Steuerflosse integrierte verstellbare Skeg klemmte und nicht herausrutschen wollte. Aber Freya, wäre nicht Freya, wenn sie solch ein Problem nicht eigenhändig lösen könnte. Also verließ sie draußen vor dem Riff im rauen bis brechenden Seegang ihr Cockpit, hangelte sich im Wasser vor zum Heck, zog das Skeg raus, hangelte sich zurück zum Cockpit, krabbelte per Cowboy-Wiedereinstieg in ihre Sitzluke und freute sich, dass sie die erstmals mitgeführte tragbare Handlenzpumpe erfolgreich einsetzen konnte. - Übrigens, auf „Rentry-and-Roll“ verzichtete sie, weil sie an diesem Tag lange genug kopfüber im Wasser schwamm. Und zum Thema „Lenzpumpe“ finden wir in Freyas Blog den folgenden Kommentar:

 

„God bless the electrical pump … aber das Wasser ist hier warm und es ist für mich ein interessantes Experiment, eine tragbare Handlenzpumpe zu benutzen. Bei Kaltwasserbedingungen käme jedoch für mich nur eine E-Lenzpumpe in Frage!“

 

Ihr 672. Fahrtentag endet schließlich - anders als ihre Tourenplanung es vorsah - nach 40 Paddelkilometern recht früh um 12.45 Uhr. Die Gewässerbedingungen schienen ihr einfach zu unsicher, um noch an diesem Tag die am Abend zuvor ausgewählte, geschützt liegende Baia Formosa, die immerhin noch 15 km entfernt lag, anzusteuern.

 

Text: Udo Beier

Link: http://freyahoffmeister.com/2014/10/29/tue-2810-2014-day-672/