10.11.2014 Rückblick: Auf los geht’s los (Freyas zweiter Kontinent) (Geschichte)

 

Seit August 2011 umrundet Freya Hoffmeister mit einigen Unterbrechungen Südamerika. Zur Zeit befindet sie sich im Osten Brasiliens kurz vor Fortalezza. 684 Fahrtentage ist sie bislang unterwegs (9.11.14). Im Mai 2015 hofft sie, jenen Ort zu erreichen, von dem aus sie am 30.8.11 zu ihrer Rundtour gestartet war: Buenos Aires.

Berichtet über Freyas Tour wurde hier erstmals zum Jahreswechsel 2011/12, als sie unter großen Mühen an ihrem 125. Fahrtentag Kap Horn erreichte:

http://forum.kanu.de/showthread.php?t=6128 (Post #1, #3 und #5)

Nun, das Kap Horn ist für viele der „Mt. Everest“ des Küstenkanuwanderns. D.h. jedoch nicht, dass Freya während der ersten 124 Fahrtentage nichts Interessantes passierte. Nein, nicht jeder Tag lief wie geplant und ohne Probleme ab. Deshalb möchte ich ab und an hier über einige Tourenereignisse von Freya aus dem Jahr 2011berichten, die die Grenzen des Küstenkanuwanderns aufzeigen. Vielleicht gefällt es, sonst klickt auf „x“.

 

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Foto: Stillleben mit Freya
https://plus.google.com/photos/112133179186774955122/albums/5651837552585768417/5651837630485827106?banner=pwa&pid=5651837630485827106&oid=112133179186774955122
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(1.-8. Fahrtentag Rund Südamerika) (30.8.-6.9.11): Am 30.08.11 fiel der „Startschuss“. Mittags um 13.30 Uhr konnte Freya Hoffmeister endlich beim Yachtclub Puerto Madreo in Buenos Aires (Argentinien) ihr Seekajak ins Wasser lassen und lospaddeln. Der Trubel in Buenos Aires war groß, den ihr Vorhaben, als erste Person mit einem Seekajak Südamerika zu umrunden, auslöste:

 

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Foto: „Begleitmannschaft“

https://plus.google.com/photos/112133179186774955122/albums/5651837552585768417/5651840679868419698?banner=pwa&pid=5651840679868419698&oid=112133179186774955122

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3 Jahre hat sie dafür angesetzt. In 3 Etappen will sie rum sein. 2/3 eines Jahres möchte sie paddeln (von August bis Mai). Während des verbleibenden Drittels (Mai bis August) will sie sich in ihrer Heimatstadt Husum (Schleswig-Holstein / Deutschland) von den Strapazen erholen, ihre Kräfte regenerieren, um Familie & Geschäft kümmern und auf andere Gedanken kommen. Nur wenn ihr das gelingt, wird sie in der Lage sein, sich nach jeder Etappe neu für die nächste Etappe zu motivieren.

 

Lange ist es noch nicht her, dass Freya die Umrundung ihres ersten Kontinents Australien abgeschlossen hat, nämlich am 15.12.2009. Damals brauchte sie für die 13.800 km lange Rundtour insgesamt 332 Tage, von denen sie 245 Tage paddelte. Pro Paddeltag waren das durchschnittlich 56 km. 622 Tage später nimmt sie nun von Buenos Aires aus ihre zweite Kontinentalumrundung in Angriff …. noch nicht ahnend, dass sie nicht schon in 3 Jahren, sondern voraussichtlich erst in 4 Jahren wieder an ihrem Startort Buenos Aires zurückkehren wird; denn immerhin galt es, über 26.000 km ungeschütztes Küstengewässer zurückzulegen, und zwar nicht nur bei „Urlaubsbedingungen“

 

Einfach nur weg ….

 

An ihrem ersten Fahrtentag mit Start vom Puerto Madreo Yachtclub wollte Freya einfach nur weg. Nach 3 Std. und 20 km auf dem Rio de La Plata legte sie mit ihrem voll beladenen, ca. 90 kg wiegenden Seekajak EPIC 18X Sport (549x56 cm; ca. 370 Liter Volumen, davon ca. 205 Liter Gepäckvolumen; Flossen-Steueranlage mit im Steuerblatt integriertem, verstellbaren Skeg) beim Quilmes Yachtclub an.

 

http://freyahoffmeister.com/2011/08/31/tue-3008-2011-day-1/

 

Am zweiten Tag legte sie dann so richtig los:

 

Rio de La Plata (Buenos Aires – Punta Rasa/Cabo San Antonio:

1. Tag: 20 km in 03:00 h (13.30-16.30 Uhr) - Zeltübernachtung

2. Tag: 51 km in 09:45 h (07.45-17.30 Uhr) - Zeltübernachtung

3. Tag: 52 km in 10:30 h (07.15-17.45 Uhr) - Zeltübernachtung

4. Tag: 15 km in 03:45 h (08.45-12.30 Uhr) - Zeltübernachtung

5. Tag: 65 km in 16:45 h (07.15-24.00 Uhr) – Übernachtung im Kajak

6. Tag: 36 km in 14:00 h (00.00-14.00 Uhr) – Zeltübernachtung

7. Tag: 39 km in 07:45 h (16.45-24.00 Uhr) – Übernachtung im Kajak

8. Tag: 30 km in 06:30 h (00.00-06.30 Uhr) – Zeltübernachtung

 

Südatlantik (Punta Rasa - ……….Kap Horn):

9. Tag: 57 km in 10:15 h (07:30-17.45 Uhr) – Zeltübernachtung

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Ja, irgendwie lief die Umrundung vom 3.-8. Fahrtentag doch noch nicht so rund!

 

Was war bloß los?

 

Nun, die bis zu 220 km breite Meeresbucht Rio de La Plata hatte Freya fest im Griff. Die Gezeiten (ca. 1,60 m Tidenhub) in Verbindung mit sehr flachen Uferbereichen, also Wattflächen, die teilweise kilometerweit trockenfielen, und kräftiger Seitenwind (bis ca. 6 Bft.; 25 Knoten) machten ihr das Paddlerleben schwer. Weitab von der Küste wollte sie nicht paddeln, weil dort die Brecher immer höher und die Landschaft immer konturenloser und folglich langweiliger wurde. Paddelte sie aber dichter am Ufer, wurde es zu flach. Ihr Seekajak saugte und mit ihrem Wingpaddel löffelte sie Schlick!

 

Freya hatte erst mal die richtige Taktik zu finden, also „Lehrgeld“ zu zahlen, um entlang dieses Küstenabschnitts zügig voranzukommen. Schon an ihrem 3. Fahrtentag zwang sie der Wasserstand, unterwegs an die 10x auszusteigen und ihr voll beladenes Seekajak über Flachstellen zu ziehen. Erstaunlich, dass sie trotzdem an diesem Tag 52 km zurücklegen konnte!

 

Der nächste Tag war eine negative Steigerung der Wasserstandsverhältnisse. Ihr Start verzögerte sich, und als sie soweit war, war das Wasser schon wieder ein Stückchen weiter abgelaufen. Damit ihr Seekajak nicht zu schwer war, hat sie es erst ohne Gepäck zur Wattkante geschleppt. Als sie damit fertig und ihr Seekajak wieder beladen war, hatte sich aber das Wasser noch mehr zurückgezogen. So blieb ihr nur noch der „Krabbenstart“:

 

  • Das beladene Seekajak in Höhe der Sitzluke zwischen die Beine nehmen,
  • und zwar so, dass wir zum Heck schauen.
  • Anschließend mit beiden Händen den Süllrand ergreifen,
  • das Seekajak am Süllrand hochheben
  • und in Richtung Bug schrittweise nach vorne rutschen bzw. hebeln!

 

derweilen ein auflandiger 6er Wind dafür sorgte, dass sie nicht ins Schwitzen kam.

 

Mit 1:30 h Verspätung paddelte sie schließlich los. Dieses Mal suchte sie sich eine Passage die zwischen Flachwasser (ständige Grundberührungen, aber dafür nur kleinere Wellen) und Tiefwasser (kein Saugen, aber dafür Brecher, die im 3-Sekunden-Takt ihr Seekajak seitwärts überspülen würden). Dennoch musste sie 4x aussteigen und ihr Seekajak immer wieder ins tiefere Wasser ziehen. Um kurz nach 12 Uhr, nachdem sie gerade mal 15 km Strecke gepaddelt war, hatte sie schließlich die Nase voll, mit ihrem Paddel statt Wasser nur flüssigen Wattboden wegzuschaufeln. Es war Niedrigwasser. Sie legte an der Wattkante an und treidelte, bis es nicht mehr ging. Dann begann die Plackerei, während der sie teilweise knietief im Schlick versackte. Dennoch war es ihr „Glückstag“; denn erstens half ihr ein Einheimischer beim Transport des leeren Seekajaks; zweitens gelang es ihr, die Sandalen, die im Schlick stecken blieben, wiederzufinden und herauszuwühlen; und drittens tauchte einer ihrer Lukendeckel, der sich wohl beim Treideln losgerissen hatte und abtrieb, nach langer, vergeblicher Suche doch plötzlich wieder auf!

 

Na, dann Gute Nacht, Freya!

 

Der 5. Fahrtentag begann früh um 7.15 Uhr. Es war Hochwasser, d.h. es gab keine Startprobleme. Der Wind kam von hinten. Heute konnte sie wieder Strecke paddeln. Angepeilt war die 60 km entfernt in der Samborombón Bay liegende Mündung des Rio Salado. Dort sollte es weit und breit die einzige Anlandestelle geben. Aber die Tide kippte früher als errechnet. Als Freya die Flussmündung erreichte, war alles schon weit & breit trockengefallen. Da sie nicht nochmals im Schlick herumstapfen wollte, paddelte sie 5 km zurück. Dort hatte sie nämlich eine Anlandemöglichkeit entdeckt. Als sie diese erreichte, waren 2 Stunden vergangen. Es war 20 Uhr. Die Sonne war schon längst untergegangen, das Wasser abgelaufen und die Wattflächen völlig verschlickt, d.h. unbegehbar. Ja, so ist das halt auf Tidengewässern. Manchmal kann man dort nur bei Hochwasser starten und ca. 12 Stunden später wieder nur bei Hochwasser anlanden!

 

Freya hing mit ihrem Seekajak mitten im Schlick fest. An ein Paddeln unter diesen Bedingungen war nicht mehr zu denken und auch nicht an ein Aussteigen. Ein Klamottenwechsel war nicht möglich. So blieb Freya nichts anders übrig, als eine im Cockpit gelagerte Rettungsdecke herauszuholen und damit ihr Körper einzuhüllen, um ihn vor dem Auskühlen zu schützen; denn erst 1 Std. nach Mitternacht hatte sie wieder so viel Wasser unterm Kiel, dass sie weiterpaddeln konnte. Da sie in der Dunkelheit weit und breit keine akzeptable Anlandemöglichkeit entdeckte, fasste sie schließlich um 3 Uhr den Entschluss, einfach Strecke zu paddeln.

 

Ausgedacht und sofort ausgeführt. Da sie auch später nirgendwo eine Ausstiegsmöglichkeit entdeckte, paddelte sie bis 14.00 Uhr durch. Dann endlich konnte sie irgendwo inmitten von Brackwasser schlürfenden Flamingos wieder Land betreten und direkt am Spülsaum ihr Zelt aufbauen:

 

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Foto: Zelten auf dem Spülsaum

https://plus.google.com/photos/112133179186774955122/albums/5651837552585768417/5651846802310863586?banner=pwa&pid=5651846802310863586&oid=112133179186774955122

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Dass sie unterwegs beim Paddeln nicht einschlief, „verdankte“ sie einem stundenlang anhaltenden Gewitter. Ein frischer Gegenwind, verbunden mit Regen, Blitzen und Donner sind halt keine idealen Einschlafbedingungen!

 

Nochmals 69 km bis zur nächst möglichen Anlandestelle …..

 

…. aber frühmorgens um 6 Uhr, also nach 16 Stunden Regenerationspause, fühlte sich Freya immer noch nicht fit zum Weiterpaddeln. Zum „Glück“ war das Wasser noch nicht da. Erstaunlich! Bis sie merkte, dass in dieser Bay nur einmal am Tag, statt alle 6 Stunden Hochwasser ist. Als das Wasser schließlich kam, war es schon 16.45 Uhr. Wenn sie diese verschlickte Bucht endlich hinter sich lassen wollte, dann musste sie sofort lospaddeln … und das tat sie. Knapp 14 Stunden später landet sie um 6.30 Uhr am Ende der Samborombón Bay beim 69 km entfernt liegenden Punta Rasa (Cabo San Antonio) an. Nicht schlecht, wenn man nicht nur sich selbst, sondern auch noch ein mit ca. 70 kg Gepäck beladenes Seekajak vorwärtsbewegen muss!?

 

Text: Udo Beier