12.04.2002 Kaltwasser-Kenterung (Gesundheit)

Es wird immer mal wieder von Kenterungen während einer Küstenkanuwandertour berichtet, bei denen ein Kanute trotz kalten Wassers überlebt. Z.B. wird im "Seekajakforum" (www.seekajakforum.de > Thema: Unterkühlung v. 09.04.02) ein Fall geschildert, bei dem ein Kanute, bekleidet nur mit Neopren-Shorts, ein paar dicken Sachen plus Paddeljacke & Regenhose, nach einer Kenterung im Zweier bei + 1,5° C Wassertemperatur es über eine Stunde im Wasser der Ostsee aushält, ohne das Bewusstsein zu verlieren. Vorausgesetzt, dass diese Angaben zuverlässig sind, muss er wohl mit einem "Schutzengel" gepaddelt haben; denn "normal" ist das nicht, aber auch nicht ganz unwahrscheinlich.

Die meisten Angaben zur Überlebenszeit stellen ja nur Durchschnittswerte da, d.h. es gibt welche, die schon früher, aber auch solche, die später ableben, ach ja, und da gibt es noch jenes Drittel, das bei derartigen Kaltwasserbedingungen schon kurz nach dem Eintauchen ins Wasser sterben. Zu welcher Gruppe wir zählen, wissen wir - sofern wir nicht zu der kleinen Gruppe von Winterschwimmern (nicht gleichzusetzen mit Winterpaddlern) zählen - nicht im Voraus. Das hängt von den verschiedensten Faktoren ab und von unserer Tagesform. D.h. heute können wir der einen, am nächsten Tag der anderen und am Ende einer kräftezehrenden Tour u.U. der letzten Gruppe zugerechnet werden. Es ist vielleicht wohl vergleichbar mit der Seekrankheit, mal erwischt es einen und mal nicht.

Im "Seekajak" Nr. 23, S.13f., gibt es zum Thema "Kaltwasser-Kenterung" den folgenden Bericht von Peter Nicolai, den ich etwas verkürzt hier bringen möchte: Peter, der seit einiger Zeit das Seekajakzentrum Nanuk in Rosenhagen betreibt, beherrschte schon damals die Rolle links und rechts und mit den bloßen Händen. Er paddelte Ende Januar 1990 bei +3° C Wassertemperatur mit einem "Nordkapp" auf der Unterwesen, nur mit Faserpelzklamotten und einem Regenanzug bekleidet. Plötzlich schmiss ihn die brechende Welle eines Polizeibootes um. Beim Hochrollen behinderte ihn anscheinend seine Schwimmweste. Nach 4 (!) Rollversuchen stieg er schließlich aus. Er schreibt hierzu: "Da das eiskalte Wasser an meiner Energie und vielleicht auch an meinen Fähigkeiten gezehrt hatte, entschied ich mich nach erfolglosem Hochdrehen ... auszusteigen, um dann ins umgedrehte Boote wieder einzusteigen. Ich stieg also unter Wasser aus, drehte das Boot um und versuchte auf das Boot zu klettern. Ich musste jedoch zu meiner Verwunderung feststellen, dass die Kälte doch schon erheblich an meinen Kräften gezehrt hatte, ein Besteigen des Bootes war mir nicht möglich. ... (Zum Glück kam das Polizeiboot zurück) ... Die Polizisten wollten zunächst einige Sachen von mir bergen, während ich noch im Wasser schwamm. Ich konnte jedoch nur noch darauf hinweisen, dass mir kalt sei, und für mich persönlich meine Bergung wichtiger sei. Bei dem Rettungsmanöver näherte sich das Polizeiboot mit seiner Leiter auf nur einen Meter, sodass ich zu ihr hin schwimmen wollte. Ich kam wegen der Bewegungsunfähigkeit meiner Gliedmaßen jedoch nicht mehr an die Leiter heran. Ich musste den Bootshaken der Polizisten ergreifen. Auch an der Leiter angekommen, war ich nicht in der Lage, dass Boot allein zu besteigen. ... Insgesamt war ich vielleicht 7 Minuten im Wasser gewesen. Nach dem Verlassen des Wassers war ich jedoch schon rot-blau gefroren. ..."

... und wie lange hält man es nun im kalten Wasser aus? Nun, mit einer Ausnahme beginnen die Aussagen in der Fachliteratur bei +5° C Wassertemperatur. In Folgenden beziehe ich mich mit Ausnahme von Punkt a) auf diese +5° C Wassertemperatur:

a) Eintritt der Erschöpfung u.ä. (E) bzw. erwartete Überlebenszeit (Ü) (Quelle: US Coast Guard 2002):

bei +0,3°C = unter 15 min. (E) bzw. unter 15 min. bis 45 min. (Ü)

bei +0,3-4,5°C = 15-30 min. (E) bzw. 30-90 min. (Ü).

bei +4,5-10°C = 30-60 min. (E) bzw. 1-3 Std. (Ü)

b) Überlebenszeit bei 50%-iger Überlebensrate (Basis: +5°C):

= 1,0 Std. (Quelle: Molnar 1946, Golden 1976)

= 1,0 - 1,8 Std. (bei schnell auskühlender Person) (Quelle: Hayward 1986)

= 1,8 - 3,0 Std. (bei langsam auskühlender Person) (Quelle: Hayward 1986)

= 2,2 Std. (Quelle: Hayward 1975, Tikuisis 1994)

= 3,0 Std. (Quelle: britischer INM-Report 1997 / Basis: 930 Fälle)

= 5,0 Std. (jedoch: 75%-ige Überlebensrate mit Auftriebsmittel) (Quelle: INM-Report)

= 17,0 Std. (mit Auftriebsmittel) (Quelle: INM-Report 1997)

c) Wann ist der Tod wahrscheinlich (Basis: +5°C):

= 0,9 Std. (Quelle: Keatinge 1969)

= 1,0 Std. (Quelle: Lee & Lee 1989)

= 1,1 Std. (Quelle: Nunnely & Wissler 1980)

= 1,5 Std. (Quelle: Allen 1983)

= 2,3 Std. (Quelle: Mollnar 1946)

d) Eintritt der Bewustlosigkeit (B) bzw. Handlungsunfähigkeit (H) (Basis: +5°C):

= 1,0 - 1,4 Std. (B) (bei normaler Kleidung) (Quelle: Forgey 1996)

= 0,8 - 2,6 Std. (B) (bei leichter Kleidung) (Quelle: Steinman/Kubilis 1990)

= 0,4 - 1,3 Std. (H) (bei leichter Kleidung) Quelle: Stienman/Kubilis 1990)

Zum Schluss fragt sich nur, warum ein Zweier kentert?

Die Frage dagegen, warum der gekenterte Kanute nicht zurück in seinen Zweier kam, stellt sich jedoch nicht; denn:

1. ist es gar nicht so leicht, aus der Schwimmposition heraus in einen Zweier zu klettern, zumal wenn er nur für eine Spritztour beladen ist (zeigt es sich doch bei den von mir veranstalteten Rettungsübungen immer wieder, dass manche Kameraden sogar Schwierigkeit haben, in einen Einer, der relativ flach aufschwimmt, zu klettern), und

2. beeinträchtigt das kalte Wasser einen derart schnell in seiner Handlungsfähigkeit, dass auch die Bewegungstalente unter den Küstenkanuwanderern plötzlich Schwierigkeiten haben, in einen Zweier wieder einzusteigen. Übrigens, hilfreich für die Einschätzung der eigenen Handlungsfähigkeit ist die folgende von dem Segelexperten Bobby Schenk entwickelte Fausformel (gilt in etwa bei Wassertemperaturen unter +15°C):

Nutzzeit (in Min.) = Wassertemperatur (in °C).

Übrigens, z.Zt. sollen die Wassertemperaturen in der Deutschen Bucht 7°C, im

Skagerrak 6°C und in der westlich Ostsee 5°C betragen.

Text: Udo Beier