04.11.2003 Risiko Kaltwasserpaddeln: 10 bedenkenswerte Maxime (Gesundheit)

 

1. Kaltes Wasser bedeutet eine Potenzierung des sowieso immer auf See vorhanden Restrisikos.

 

2. Kaltes Wasser ist für Kanuten die größte Gefahr und ist die häufigste Ursache bei tödlichen Seekajakunfällen - nicht nur im Winter.

 

3. Zuverlässige Daten, wieviel Unterkühlung das Individuum im Einzelfall tatsächlich verträgt, gibt es nicht. Es gibt auch im Einzelfall keine sichere Vorhersage, wann eine soeben noch vermeintlich beherrschte Unterkühlung unkontrolliert wird. Es wird immer wieder von Kanuten berichtet, die trotz bester Ausrüstung und 100%-iger Rolle bei harmlosem Wetter nach unvermuteter Submersion und nur kurzfristiger Immersion sofort handlungsunfähig waren und nicht mal mehr zu ihrer Bergung beitragen konnten.

 

4. Kaltes Wasser bedeutet nach einer Kenterung, dass man so schnell wie möglich raus muss aus diesem kräftezehrenden und bald lähmenden Medium, am besten durch sofortiges Rollen. Misslingt dies, hat der sehr schnelle Wiedereinstieg mit oder ohne Kameradenhilfe höchste Priorität.

 

5. Kaltes Wasser sollte nur mit gründlich erprobter Ausrüstung befahren werden. Sehr gute körperliche Verfassung und solide Paddeltechnik, sorgfältigste Tourenplanung sind bei kaltem Wasser noch wichtiger als sonst.

 

6. Kaltes Wasser gebietet als beste Schutzmaßnahme einen Trockenanzug mit spezieller Unterkleidung! Nur sehr eingeschränkt mit sehr viel größerem Risiko kann unter günstigen Umständen ein Neoprenschutz in Kombination mit geeigneter weiterer Kleidung eventuell für kürzere Zeit reichen.

 

7. Kaltes Wasser führt sehr schnell zur Unfähigkeit, präzise Handlungen vorzunehmen oder überhaupt motorisch zielgerichet und erfolgreich zu handeln. Jegliche Fummelei wie Aufreißen von Seenotmunition, Benutzen von Seefunkgeräten, Handys wird schnell unmöglich!

 

8. Wer meint, es könnte ihm etwas auf kalter See zu bedrohlich sein, oder er sei vorbereitungsmäßig, ausrüstungsmäßig, körperlich, paddlerisch, kommunikationsmäßig nur eingeschränkt tauglich, darf um Himmels Willen nicht gerade noch bei kaltem Wasser starten. Kompromisse bei Kälte killen!

 

9. Wer auf die Seenotrettung (SAR) baut und meint, er würde schon noch gerade rechtzeitig gefunden werden, weil er ja alles dabei hat, weiß nicht im Geringsten, welch unverantwortliches Risiko er eingeht. Die Leute geben im Seenotfall zwar mit tollster Ausrüstung ihr Allerbestes und werden jeden in Not geratenen zu retten versuchen. Aber schon wer sich nur mal an die Statistik erinnert, wie viele Piloten der Bundeswehr trotz des gewaltigen Riesenapparates mit ach so viel Technik bis heute unbekannt auf der Nord- und Ostsee verschollen geblieben sind, weiß, dass keine Seenotfunkbake, keine Handfunke, kein Überlebensanzug, keine Rettungsweste, kein SAR-Hubschrauber eine Garantie bedeuten.

 

10. Es ist fragwürdig zu glauben, das Restrisiko durch Überlegungen zu weiteren Ausrüstungen eliminieren zu können. Es wird immer ein Restrisiko bleiben. Das ist ganz normal, insbesondere auf dem Meer und ganz besonders auf starken Gezeitenströmen. Kaltes Wasser schlägt schnell eiskalt zu, mit fatalen Folgen.

 

Text: Eckehard Schirmer