11.11.2003 Kaltwasserpaddeln: 10 nass-kalte Tatsachen (Gesundheit)

 

Um den nötigen Respekt vor den Kaltwasserbedingungen zu bekommen, mit denen wir auf einer Küstenkanuwanderung in der kalten Jahreszeit konfrontiert werden könnten, braucht es vor dem Start eigentlich nur einer Rettungsübung: „Reentry & Roll“. Wer das übersteht, ohne in seinem Selbstvertrauen hinsichtlich der eigenen Leistungsfähigkeit & Kaltwassertüchtigkeit erschüttert zu sein, dürfte eigentlich – zumindest was diesen Punkt betrifft - getrost zu einer Kaltwassertour hinaus aufs Meer starten.

 

Wer sich nicht dazu entschließen kann, quasi zum „Aufwärmen“ solch eine „Rollaktion“ vorzunehmen, der möge sich die folgenden 10 Punkte durchlesen und prüfen, ob er es wirklich verwantworten kann, bei solchen Temperaturbedingungen ins Seekajak zu steigen.

 

 

1. Wärmeabgabe: Ein Mensch soll im Wasser unter gleichen Temperaturbedingungen etwa 25x schneller auskühlen als an der Luft, dabei soll ca. 30% des Wärmeverlustes über den Kopf erfolgen. – D.h. je mehr Körper und Extremitäten vom kalten Wasser ferngehalten werden können, desto länger können wir es im kalten Wasser aushalten.

 

2. Windchill: Eine tatsächliche Lufttemperatur von +5° C wird bei 5 Bft. Wind wie minus 8° C empfunden und eine von 0° C bei 3 Bft. Wind wie minus 9° C. – D.h. wer in der kalten Jahreszeit bei Ententeichbedingungen hinaus paddelt und dann plötzlich von einem 5er Wind so überrascht wird, dass er weder seines Paddeljacke noch seine Paddelpfötchen herausholen und anziehen kann, der wird irgendwann an seine Grenzen stoßen.

 

3. Atemnot: Bei +10° C Wassertemperatur soll man nur noch 1/6 so lange die Luft anhalten können, nämlich ca. 5-10 Sek. - Kentert man also bei solchen Temperaturen, kann man sofort in Atemnot geraten, d.h. man denkt nur noch ans Aussteigen und nicht mehr ans Rollen oder „Kayakswimming“.

 

4. Kälteschock: Etwa 30% der Todesfälle sollen sich unmittelbar nach dem Eintauchen ins kalte Wasser ereignen. – Das kann daran liegen, dass man sofort einen Herz-/Kreislaufzusammenbruch hat (insbesondere sollen jene dafür anfällig sein, die schon älter als 50 sind), oder auch daran, dass man unter Wasser die Orientierung verliert (Verlust des Gleichgewichtsgefühls) und folglich nicht mehr auftauchen kann bzw. wegen plötzlich unkontrolliert auftretender Atmung (Hecheln bzw. Gähneffekt) Wasser schluckt und ertrinkt.

 

5. Kältezittern: Beim Zittern erhöht sich der Stoffwechsel bis um das 20fache, was zu einem Verbrauch der Energiereserven und letztlich zur totalen Erschöpfung führen kann. – D.h. wer „ausgehungert“ bis an den Rand seiner konditionellen „Erschöpfung“ paddelt und gegebenenfalls schon unterwegs im Kajak anfängt zu zittern, braucht sich nach einer Kenterung ins kalte Wasser nicht zu wundern, wenn der Übergang vom 1. Grad der Unterkühlung (Leitzeichen: Muskelzittern) in den 2. Grad (Leitzeichen Muskelsteife) schneller erfolgt, als man es sich am Land vorzustellen vermag.

 

6. Nutzzeit: Bei einer Wassertemperatur von +10° C bleibt man etwa 10 Minuten handlungsfähig. – D.h. danach fängt es an, kritisch zu werden. Je länger man über diese Nutzzeit hinaus im Wasser verweilt, desto wahrscheinlicher wird es, dass  man, was den Wiedereinstieg bzw. das Schließen der Spritzdecke und das Paddeln betrifft, auf Kameradenhilfe angewiesen ist.

 

7. Bewegung: Wer nach einer Kenterung darauf verzichtet, im Wasser herumzuschwimmen, sondern versucht, ruhig zu bleiben, erhöht seine Überlebenszeit fast um 40% und wer dabei die „Embryo“-Haltung einnimmt erhöht sie um etwa 100%. – Wer jedoch der Auffassung ist, dass keine Hoffnung auf Rettung durch Dritte besteht, dem wir diese Erkenntnis egal sein, wenn er das rettende Ufer sieht bzw. meint, dass der nächste „Reentry & Roll“-Versuch eigentlich klappen müsste.

 

8. Bekleidung: Fällt man bei ca. + 6° C Wassertemperatur und rauher See ins Wasser, so kann man nach etwa 0,8-2,6 Std. bewusstlos werden, wenn man nur leicht bekleidet ist. Mit einem 4,8 mm Neo erhöhen sich die Überlebenschancen fast um etwa das 4fache und im Trockenanzug um etwa das 7fache. – Wer bei solchen Bedingungen meint, gar nicht zu kentern, weil ihm das in den letzten 20 Jahre nicht passiert ist, der hat wohl schlechte Karten, wenn er doch einmal ins Wasser kippt und dann nicht darauf vorbereit ist.

 

9. Rettungsweste: Wenn man bei +5° C Wassertemperaturen im Wasser treibt, erhöht sich die Überlebenszeit um über das 5fache, wenn man z.B. über eine Rettungsweste verfügt. – Deshalb sollte man insbesondere in der kalten Jahreszeit sich überlegen, seine – nicht ohnmachtsichere – Schwimmweste durch eine – ohnmachtsichere – Rettungsweste auszutauschen.

 

10. Herzstillstand: Die Zeit des Herz- und Kreislaufkollaps soll mindestens 55% über der Zeit liegen, bei der die Ohnmacht eintritt. - Wer also rechtzeitig seine ohnmachtsichere Rettungsweste aufbläst, kann seine Überlebenschancen wesentlich erhöhen.

 

Natürlich, diese in den einzelnen Punkten vorgetragen Daten sind nicht repräsentativ, da man diesbezüglich keine entsprechenden Erhebungen durchführen kann. Meist stellen sie nur näherungsweise geschätzte Durchschnittwerte dar, die aus einer meist kleinen Fallgruppe abgeleitet wurden. Kennzeichnend für solche Durchschnittswerte ist es, dass es zum einen immer auch eine große Zahl von Leuten gibt, die über den Durchschnitt liegen, wie es zum anderen auch eine ebenso große Zahl von Leuten gibt, die unter dem Durchschnitt liegen. Das Ungewisse daran ist jedoch, dass wir selber, die nun gern aus den einzelnen Daten ableiten möchten, wie lange wir persönlich es im kalten Wasser aushalten, nicht im Voraus wissen, zu welcher Gruppe wir gehören. Das gilt jedoch nicht immer:

 

 

dann dürfte vieles dafür sprechen, dass wir zur ersten Gruppe zählen, d.h. zu jenen, die eine größere Überlebenswahrscheinlichkeit haben, wenn sie bei Kaltwasserbedingungen kentern.

 

Text: Udo Beier