21.12.2004 Kälte: Schwierigkeit oder Gefahr (Ausbildung/Gesundheit)

Inwiefern sollte man bei der Beurteilung der Gewässerbedingungen einer Küstentour auch dein Einfluss der Kälte berücksichtigen? Relevant für die Beantwortung dieser Frage dürften die folgenden drei Erkenntnisse sein:

·         Bei Wassertemperaturen von +10° C und weniger soll ein Trockenanzug gegenüber einem Neoprenanzug eine Verdreifachung bzw. ein Neoprenanzug gegenüber üblicher Bekleidung eine Verdopplung der Überlebenszeit bieten können.

·         Kentert man bei +10° C Wassertemperatur, vermindern sich die Atemluftreserven auf 1/6, d.h. man eigentlich nur noch ca. 5-10 Sek. die Luft anhalten. Nach einer Kenterung gerät man praktisch sofort in Atemnot und denkt nur noch ans Aussteigen und nicht mehr ans Rollen bzw. "Kayakswimming"!

·         Bei Wassertemperaturen von +10° C und weniger beträgt die Handlungsfähigkeit eines nach einer Kenterung im Wasser treibenden Kanuten maximal noch ca. 10 Minuten. Nach dieser Zeit wird er kaum noch in der Lage sein, aktiv zur eigenen Rettung beizutragen. Schenk (1995) hat diesen Sachverhalt in folgender Formel zum Ausdruck gebracht:

Nutzzeit (in Minuten) = Wassertemperatur (in Grad Celsius)

(Wer Näheres über den Einfluss der Kälte auf das Küstenkanuwandern erfahren möchte, möge den folgenden Beitrag von der DKV-Homepage downloaden: "Großgewässer-Gefahr Nr. 1: Unterkühlung" è www.kanu.de/nuke/downloads/Gefahr-Unterkuehlung.pdf )

Welchen Einfluss hat nun die Kälte auf das Küstenkanuwandern? Kälte ist eine objektiv Größe, die messbar ist. Sie trägt zur Erhöhung des Salzwasserschwierigkeitsgrad (SSG) bei (è www.kanu.de/nuke/downloads/SSG.pdf )

Bestimmung des 6-stufigen Salzwasserschwierigkeitsgrad:

SSG = Windstärke (in Bft.) minus 2 plus Korrekturfaktoren

mit: I = unschwierig, II = mäßig schwierig, III = schwierig, IV = sehr schwierig, V = äußerst schwierig und VI = Grenze der Befahrbarkeit

mögliche Korrekturfaktoren: Wind, Strömung, Seegang, Temperatur, Sicht u.a.

Man kann davon ausgehen, dass bei Luft/Wasser-Temperaturen von unter +5° C ein Gewässer – gemessen auf einer vom Wildwasserschwierigkeitsgrad bekannten Skala von I bis VI - um mindestens eine Schwierigkeitsstufe schwieriger wird. Zurückzuführen ist das auf den Windchill, aber auch auf den Wetchill. Wenn man bei einer windigen Küstentour zusätzlich noch ständig nass gespritzt wird, trägt das verstärkt zur Erhöhung  der Auskühlungsrate bei. D.h. wenn man im Sommer bei 4 Bft. Wind an seine Grenzen stößt (SSG II = 4 minus 2), kann man im Winter schon bei 3 Bft. Wind seine Grenzen erreichen (SGG III = II plus 1 (Kältezuschlag)).

Ist bei solchen Kältebedingungen eine Kenterung nicht auszuschließen, so ist wegen des Wasserchills, der einen Kälteschock auslösen bzw. zu einer schnellen Unterkühlung führen kann, sogar mit einem Kältezuschlag von +4 bis +5 zu rechnen. D.h. wenn man kentert und wegen des Kälteschocks nicht mehr hoch rollen kann, fängt das Gewässer an, für einen mindestens "äußerst schwierig" zu werden (SSG V). Das gilt übrigens für den Fall, dass man bei "Ententeichbedingungen" kentert. Ist man dagegen z.B. bei einem 4er Wind unterwegs, wird wohl jeder "Kenterbruder" an die Grenzen der Befahrbarkeit stoßen (SSG VI = 4 minus 2 plus 4 (Unterkühlungszuschlag)).

Kälte ist aber auch eine subjektiv Größe, die unterschiedlich erlebt werden kann. Die Beurteilung der Kälte als unmittelbare Gefahr für das eigene Leben hängt dabei ab von z.B.:

·         dem persönlichen Kälteempfinden (hier: Warm- oder Kaltduscher),

·         der persönlichen Konstitution (wer schon 5 Std. im Spritzwasser unterwegs ist, ohne Zeit zum Essen & Trinken gehabt zu haben, wird sicherlich nicht mehr so kälteresistent sein),

·         der Kälteschutzbekleidung (Trockenanzug mit Neokappe oder Regenjacke mit Pudelmütze),

·         der Art des Handschutzes (z.B. sind Paddelpfötchen eine gute Sache, solange man nicht kentert; denn nach einer Kenterung hängen die Paddelpfötchen am Paddel und man muss nun mit den bloßen Händen im kalten Wasser hantieren, was die "Nutzzeit" wesentlich beeinträchtigt!),

·         dem Bootstyp (niedrigvoluminöser Nassläufer oder dickschiffiger Trockenläufer).

Das alles kann dazu führen, dass schon bei einem sehr niedrigen SSG die Gefahr, durch Kälte handlungsunfähig zu werden, von den einzelnen Kanutinnen und Kanuten als so groß eingeschätzt wird, dass sie persönlich für sich die "Frage aller Fragen", nämlich "Go - NoGo" mit "NoGo" beantworten.

Text: U.Beier

Links:

www.kanu.de/nuke/downloads/Gefahr-Unterkuehlung.pdf

www.kanu.de/nuke/downloads/SSG.pdf