06.01.2008 Kälteschock, Schwimmversagen & Co. (Gesundheit)

 

Im SEA KAYAKER nimmt Chris Brooks in dem Beitrag:

 

„Cold Shock and Swimming Failure.

The real danger of cold water is not in the slow descent into hypothermia,

but in the sudden symptoms of cold shock.”

 

zu den verschiedensten Problem Stellung, die einem das plötzliche Eintauchen in kaltes Wasser bereiten kann. Es handelt sich um ein Thema, über das auch des Öfteren schon in KANU SPORT berichtet wurde:

 

 

Trotzdem lohnt es, sich die einen oder anderen Fakten noch einmal in Erinnerung zu rufen:

 

1.      Kälteschock = kann innerhalb von 3-5 Minuten zum Tod führen;

2.      Schwimmversagen = kann innerhalb von 5 – 30 Minuten zum Tod führen;

3.      Unterkühlung = kann nach 30 Minuten zum Tod führen;

4.      Rettungskollaps = kann während, aber auch noch Stunden nach der Rettung zum Tod führen.

 

Etwa 50% aller Ertrunkenen sterben übrigens wegen Kälteschock oder der plötzlichen Unfähigkeit, nicht mehr Schwimmen zu können (sog. Schwimmversagen = „Swimming Failure“).

 

Über den Kälte-Schock („Cold Shock“) ist Folgendes zu lesen:

 

1.      Besonders kräftiges Einatmen („Gähnanfall“);

2.      Großer Schmerz (insbesondere bei extrem kalten Wasser),

3.      Anschließend folgt ein sehr schnelles und kurzes Einatmen (bis zu 65x/Minute) („Hecheln“), ohne dass wir in der Lage sind, die Luft anzuhalten, was zu Krämpfen in Beinen, Armen und Brustkorb führen kann; befinden wir uns beim Hecheln unter Wasser, atmen wir mit jedem Atemzug automatisch Wasser ein. Spätestens bei ca. 150 ml ertrinken wir, d.h. wir ersticken bzw. der Herzschlag setzt aus.

4.      Unter +15° C Wassertemperatur wird das Vermögen, Luft anzuhalten, um etwa 25-50 % reduziert. Bei Temperaturen um den Gefrierpunkt können wir höchstens noch 12-17 Sekunden die Luft anhalten.

5.      Herzrasen setzt ein und der Blutdruck steigt an. Das kann zum Kreislaufzusammenbruch und Tod führen. Insbesondere ältere bzw. weniger gesunde Leute sind hier gefährdet.

 

Über das Schwimmversagen („Swimming Failure“) ist Folgendes zu lesen:

 

 

Generell wird empfohlen:

 

 

Chris Brooks geht noch auf einen anderen Aspekt ein, der unsere Informationsverarbeitung & Entscheidungsfähigkeit betrifft. Wenn wir nämlich großen Stress haben, wie er z.B. beim Kentern im kalten Wasser ausgelöst werden kann, werden wir mit zwei Problemen konfrontiert:

 

 

Beides spricht dafür, dass wir bei Kalt-Wasser-Bedingungen nicht solo, sondern als Gruppe paddeln und dass möglichst viele erfahrene Kanuten einem dabei begleiten. Im Falle einer Krisensituation kann dann jedem eine bestimmte Aufgabe übertragen werden, auf dessen Bewältigung er sich dann voll konzentrieren kann.

 

Außerdem spricht es dafür, dass wir z.B. immer wieder Rettungsübungen veranstalten, und zwar so häufig bis dass die dabei anzuwendenden Rettungsmethoden gewohnheitsmäßig ablaufen; denn wenn es kritisch wird können, jene Handlungen am schnellsten ausgeführt werden, für die wir eine Routine entwickelt haben. Jene Handlungen aber, die wir nicht ständig eingeübt haben, haben kaum eine Chance, schnell ausgeführt zu werden.

 

Bei der Organisation des Wiedereinstiegs nach einer Kenterung ist es daher wichtig, dass zum einen der Retter dem „Kenterbruder“ präzise Anweisungen erteilt, was er zu tun habe; denn dieser wir bei fehlender Rettungsroutine kaum in der Lage sein, klaren Kopf zu behalten und Entscheidungen zu treffen, was er als nächstes zu tun hat. Auf der anderen Seite wird der „Kenterbruder“ kaum in der Lage sein, per Anweisung eine bestimmte Rettungsmethode anzuwenden, wenn er vorher ganz andere Rettungsmethoden gelernt hat; denn er wird diese Anweisungen wegen seiner beschränkten Informationsverarbeitungskapazität gar nicht hören, geschweige denn verstehen; weil er nur an jene Rettungsmethoden denkt, die er kennt. … und was ist, wenn der „Kenterbruder“ gar keine Rettungsmethoden kennt? Nun, dann wird er, wenn er stark gestresst bzw. in Panik ist, allein nur das tun, was jeder tut, wenn er ins Wasser fällt: Er wird versuchen möglichst schnell aus dem Wasser zu kommen. Wenn vor ihm ein Kanute mit seinem Kajak treibt, wird er sofort versuchen, auf dessen Kajak zu klettern, auch auf die Gefahr hin, dass er diesen kentert. Sollte kein Kajak, sondern nur Land in Sicht sein, dann wird er sein eigenes Kajak los lassen und dort hin schwimmen.

 

Chris Brooks führt hier Sachverhalte auf, von denen wir Kanuten alle schon einmal gehört haben. Trotzdem paddeln wir immer wieder bei winterlichen Bedingungen, ohne auf eine Kenterung vorbereitet zu sein. D.h. wir paddeln z.B.:

 

 

Warum tun manche Kanuten das? Chris Brooks hat auch darauf eine Antwort. Er nennt das „Self-Denial“, was so viel heißen kann wie Selbstbetrug bzw. Verdrängung: Uns geht es doch gut. Wir paddeln schon seit Jahren, ohne zu kentern, bzw. wir sind schon im Wildwasserpassagen bei +6° C Wassertemperatur ohne Probleme geschwommen. Was soll uns schon passieren. Wir verdrängen daher die potenziellen Gefahren der Winterpaddelei. Nur so fühlen wir uns wohl. Wir brauchen uns nicht ständig Sorgen bzw. Vorwürfe zu machen, weil wir uns nicht darauf genügend vorbereiten. Dabei neigen wir dazu, nach „Verbündeten“ Ausschau zu halten, die genauso denken wie wir. Dann können wir gegenseitig die Richtigkeit unseres Verhaltens bestätigen und uns u.U. über andere lustig machen, die sich sicherheitsbewusster verhalten. Ja, das Risiko des Kalt-Wasser-Paddeln schlichtweg zu ignorieren bzw. wegzudiskutieren, kann „unheimlich“ bequem sein. Wir brauchen an keinen Rettungsübungen teilzunehmen und uns nicht die nötige Rettungsausrüstung zu beschaffen.

 

Text: U.Beier – www.kanu.de/kueste/

Quelle: SEA KAYAKER, Nr. Febr. 08, S.24-28

è www.seakayakermag.com/2008/Feb08/cold-shock.htm

Link: www.kanu.de/nuke/downloads/Gefahr-Unterkuehlung.pdf