06.11.2008 Unterkühlung: 10 Schlussfolgerungen (Gesundheit)

 

Winterzeit ist Unterkühlungszeit! Über die Homepage der „Behörde für Schifffahrt und Hydrografie“ (BSH) können u.a. die Wassertemperaturen von Nord- und Ostsee abgerufen werden:

 

è www.bsh.de/aktdat/bm/Baden&Meer.htm

 

Ausreden, nichts als Ausreden

 

Die Auskunft ist eindeutig. Entlang der deutschen Nord- und Ostseeküste liegen derzeit die Wassertemperaturen bei +10° C. Da die Lufttemperaturen auch nicht viel höher sind, gibt es für Kanuten eigentliche keine Ausreden mehr, ihre Bekleidung nicht an den Wassertemperaturen auszurichten. Trotzdem tun das immer noch nur die Minderheit, auch wenn die Mehrheit nicht unter solchen Bedingungen (niedrige Wassertemperaturen; mangelnde Rollpraxis; unerwartete Kenterung) jederzeit Eskimotieren können und folglich voll darauf setzen, dass das Pech dieses Mal wieder kein Glück haben wird bzw. verständlicher formuliert, dass sie schon nicht kentern werden, weil sie die letzten Jahre sowieso nie gekentert sind. Und wenn ich dann mal nachhake und diese ihre Erfahrungen kritisch hinterfragen, erhalte ich meist eine der folgenden Antworten:

 

 

Ein paar Fakten

 

Was aber ist denn nun eigentlich so gefährlich am Kaltwasserpaddeln? Ich möchte hierzu ein paar Fakten nennen, die sich auf +10° C bzw. +5° C Wasser- bzw. Lufttemperaturen beziehen, also auf Temperaturen, die derzeit noch zwischen Mitte November bis Mitte April  vorherrschen. Dabei handelt es sich um Näherungsgrößen, die je nach der Konstitution des einzelnen Kanuten mal über-, aber auch mal unterschritten werden können! Siehe zu den nicht immer miteinander vergleichbaren Fakten die Infos unter:

 

www.kanu.de/nuke/downloads/Gefahr-Unterkuehlung.pdf

 

 

10 Schlussfolgerungen:

 

  1. Gutes Wetter, gute Sicht, gutmütiges Kajak: Wenn wir bei Kaltwasserbedingungen aufs Wasser gehen, dann sollten wenigstens das Wetter und die Tageszeit stimmen. Bei 1-2 Bft. ist es halt nicht so kalt und kritisch wie bei 5 Bft. Und bei Sicht beherrschen wir unser Kajak eher als bei Nebel oder in der Dunkelheit. Um kein unnötiges Risiko einzugehen, sollten wir auch darauf verzichten, ein kippliges Kajak bzw. ein Paddel auszuprobieren, das uns nicht vertraut ist.
  2. Gute Fitness und richtig aufgewärmt: Außerdem sollten wir nur paddeln, wenn wir fit sind! Wer in den letzten 3-4 Tagen Fieber hatte, der sollte lieber mit dem Paddeln warten, bis er wieder sich völlig regeneriert hat, und wer die Nacht davor „durchgemacht“ hat, der sollte erst mal warten, bis er wieder nüchtern ist. Und wer schon vor dem Einsteigen in sein Kajak fröstelt, sollte sich erst einmal an Land richtig Aufwärmen, anderenfalls könnte es sein, dass er nach einer unfreiwilligen Kenterung statistisch zu jenem Drittel der Todesfälle zählt, die unmittelbar nach dem Eintauchen ins kalte Wasser sterben.
  3. Im Schutz der Gruppe: Solotouren sind immer mit besonderem Risiken behaftet. Das gilt insbesondere bei schwierigen Gewässerbedingungen und bei Kälte. Damit wir nicht nach einer Kenterung allein auf unser – i.d.R. bei Sommertouren bewährtes - Können angewiesen sind, sollten wir erst recht in der Wintersaison stets zusammen mit anderen Kanuten paddeln. Das nützt aber nur dann etwas, wenn mindestens einer die gängigen Rettungsmethoden beherrscht.
  4. Schutz gegen Wind, Regen und kalte Luft: Vor dem Start sollten wir uns so kleiden, dass wir wenigstens nicht schon beim Paddeln anfangen zu frösteln. Das erfordert nicht nur eine entsprechend dicke Unterbekleidung und wind- und wasserdichte Überbekleidung, sondern auch einen Kopfschutz (= 30 % des Wärmeverlusts soll über den Kopf erfolgen!), Handschutz (z.B. Paddelpfötchen) und Fußschutz.
  5. Richtige Pausenwahl: Bei kurzen Pausen auf dem Wasser sollten wir es verhindern, dass wir auskühlen. D.h. warme sind kalten Getränken und windstille sind windausgesetzten Plätzen vorzuziehen.
  6. Schutz gegen kaltes Wasser: Und für den Fall der Fälle, dass wir doch einmal kentern sollten, z.B. weil wir unser Paddelblatt falsch ins Wasser eintauchten („Krebs fangen“) oder beim Zurückschauen unser Gleichgewicht verloren oder von einem Dritten versehentlich gerammt bzw. übermütig auf unsere „Reflexe“ getestet wurden, sollte wir entsprechende Kälteschutzbekleidung und eine Schwimm-/Rettungsweste tragen, wobei es sinnvoll ist, eine halbautomatische Rettungsweste so umzufunktionieren, dass sie wie eine automatische Rettungsweste funktioniert.
  7. Reentry & Pump und Gruppendisziplin: Bei Wassertemperaturen von +10° C und weniger sollte die Priorität der Rettung darin bestehen, den gekenterten Kanuten möglichst schnell aus dem Wasser zu holen! Erst danach ist an das Lenzen des Kajaks zu denken (z.B. per Handpumpe) (sog. „Reentry and Pump“). Voraussetzung dafür ist natürlich, dass alle Mitpaddler in überschaubaren Gruppen paddeln und kein einzelner Paddler vorprescht oder zurückgelassen wird, sodass bei einer Kenterung sofort Hilfe geleistet werden kann.
  8. Nachsorge: Nachdem der „Kenterbruder“ wieder im seinem Kajak sitzt, sollten die Mitpaddler ihm – sofern erforderlich - mit der nötigen Kälteschutzbekleidung versorgen, z.B. mit Mütze, Handschuhen, warmen Getränk. Und anschließend beim Weiterpaddeln sollten sie ihm besondere Aufmerksamkeit schenken. Denn erstens dürfte er eigentlich nicht mehr „fit“ für solch eine Kaltwasserpaddelei sein (siehe Punkt 2.) und zweitens wird er sicherlich frösteln, was bei einer erneuten Kenterung fatale Folgen auslösen könnte (siehe Punkt 3.).
  9. Päckchenschlepp: Sowie es Anzeichen gibt, dass der „Kenterbruder“ sein Kajak nicht mehr 100 %ig beherrscht, sollte einer der Mitpaddler ihn stützen und zwei andere ihn möglichst zügig an Land schleppen (sog. „V-Päckchenschlepp“).
  10. Retter alarmieren: Last not least sollten wir uns an die altbekannten Rettungsmaxime erinnern: Im Notfall sind zunächst die Retter zu alarmieren und erst dann dem Hilfsbedürftigen zu helfen, und zwar nur dann, wenn wir uns dabei nicht selber gefährden. Voraussetzung für die Notfallmeldung ist, dass wir über entsprechende Signalmittel verfügen (z.B. Handy, Seenotsignalkugeln). Und Voraussetzung dafür, dass wir uns nicht selber gefährden, ist es, dass wenigstens ein paar der Mitpaddler die nötigen Rettungsmethoden beherrschen und über die erforderlichen Rettungsmittel verfügen (z.B. Schleppleine).

 

Text: U.Beier

Links:

www.kanu.de/nuke/downloads/Kaltwasser-Checkliste.pdf

www.kanu.de/nuke/downloads/Unterkuehlung-Selbstversuch.pdf

www.kanu.de/nuke/downloads/Kaeltetod.pdf

www.kanu.de/nuke/downloads/Kaelteschockreaktionen.pdf

www.kanu.de/nuke/downloads/Trockenanzug.pdf

www.kanu.de/nuke/downloads/Rettungsweste.pdf