04.11.2010: Kaltwasserpaddeln: 10 Punkte, die einen nicht „kalt“ lassen sollten! (Gesundheit)

 

Seit Anfang November betragen die Wassertemperaturen entlang der Nord- und Ostseeküste max. +10° C ( www.bsh.de/aktdat/bm/Baden&Meer.htm ). Bis Ende April wird es wohl nicht mehr wärmer werden. Das ist wichtig zu wissen; denn diese +10° C Wassertemperatur stellt die Obergrenze einer Temperaturzone dar, die man – ohne zu übertreiben – aus dem Blickwinkel des Kanusports auch als „Todeszone“ bezeichnen kann. D.h. wer als Küstenkanuwanderer bis jetzt dem kalten Wasser seine „kalte Schulter“ gezeigt hat, sollte spätestens ab jetzt etwas ernsthafter sich dem Thema „Kaltwasserpaddeln“ widmen; denn:

 

+10° C Wassertemperatur … ein paar nüchterne Fakten!

 

·         Wer ohne entsprechenden Kälteschutz bei +10° C Wassertemperatur unvorbereitet kentert, kann nämlich nur noch etwa 10 Sekunden die Luft anhalten. D.h. kentert er, hat er sofort Luftnot und wird wohl nicht mehr in der Lage sein zu eskimotieren.

·         Wer ohne entsprechenden Kälteschutz bei +10° C Wassertemperatur kentert, wird nach dem Ausstieg etwa 10 Minuten Zeit zum Wiedereinstieg haben; denn danach wird es ihm immer schwerer fallen zu schwimmen, wieder einzusteigen, die Spritzdecke zu schließen und weiter zu paddeln.

·         Wer ohne entsprechenden Kälteschutz bei +10°C Wassertemperatur kentert, kann sich seiner „Fitness“ rühmen, wenn er noch nach 100 Minuten lebt.

 

Ja, wer nun mehr über die Gefahren des Kaltwasserpaddelns erfahren möchte, der braucht hier nur weiter zu lesen:

 

Das sollten wir wissen!

 

1. Kaltes Wasser kann bei uns anfänglich einen Kälteschock auslösen, und zwar mit all seinen Variationen wie Atemstillstand (sog. „Trockenes Ertrinken“ wegen eines Stimmritzenkrampfes), Atemnot, Hyperventilation, unkontrolliertes tiefes Luftholen, Luftknappheit, Verlust des Gleichgewichtsgefühls; kaum aushaltbarer Kälteschmerz.

 

2. Längeres Verweilen im kalten Wasser kann zu einer Unterkühlung führen, und zwar mit all seinen Ausprägungen wie Kräfteschwund, Krämpfe, eingeschränktes Reaktionsvermögen, Orientierungslosigkeit, Verwirrung, Ohnmacht.

 

3. Die Reaktionen auf kaltes Wasser hängen von unserer körperlichen und seelischen Fitness ab, d.h. wer untrainiert oder erschöpft oder ausgehungert oder ausgekühlt oder krank ist, bzw. dem der Überlebenswille fehlt oder dem es nicht gelingt, Angst oder Panikattacken im Keim zu ersticken, der wird eher Probleme bekommen, wenn er ins kalte Wasser fällt.

 

4. Mit entsprechender Bekleidung können wir jedoch die Auswirkungen kalten Wassers zeitlich hinausschieben. Maximalen Kälteschutz bieten uns dabei Trockenanzug mit entsprechend warmer Unterbekleidung und Füßlingen, Neo-Haube und Handschutz.

 

5. Die Überlebenschancen steigen bei demjenigen, der nicht nach einer Kenterung im kalten Wasser aussteigen muss, sondern eskimotieren kann, gegenüber jenem, der aussteigen muss. Und von denen, die aussteigen müssen, hat derjenige wiederum größere Überlebenschancen, den Kameraden begleiten, die ihm beim Wiedereinstieg helfen können, als jener, der solo paddelt und noch nicht mal den Wiedereinstieg beherrscht und folglich im Wasser bleiben muss.

 

6. Derjenige, der nach einer Kenterung nicht mehr zurück in sein Seekajak kommt, hat größere Überlebenschancen, wenn er sich ruhig auf sein Seekajak legt und auf Hilfe wartet, als jener, der stattdessen versucht, ohne Seekajak ans ferne Ufer zu schwimmen.

 

7. Derjenige, der bei seinem Seekajak bleibt, hat größere Chancen entdeckt zu werden, als wenn er allein ohne Seekajak im Wasser treibt.

 

8. Die Chancen erhöhen sich, wenn man entsprechende Seenotsignalmittel einsetzen kann, um andere auf seine Notlage aufmerksam zu machen , wobei folgende Mittel – aufgezählt in absteigender Reihenfolge ihrer Bedeutung – in Frage kommen: Seenotbake (gibt es schon unter 300,- Euro) – Handy/UKW-Sprechfunk – Fallschirmsignalraketen – Rauchsignal - Leuchtkugeln – Signalpfeife – gelbes Seekajak).

 

9. Derjenige, der dank der Kameraden noch lebend, aber unterkühlt, jedoch noch ansprechbar (d.h. nicht bewusstlos) das Land erreicht, muss betreut werden. Er muss umgehend – d.h. ohne dass er noch viel herum läuft oder steht - in einen windgeschützten, warmen Platz gebracht (z.B. in ein Zelt, dass mit einem Kocher erwärmt, aber nicht abgefackelt wird), von seiner nassen Kleidung vollständig befreit, mit trockener Bekleidung versorgt und in einen Schlafsack gesteckt werden, und zwar hat er dort so lange zu bleiben, bis Hilfe kommt bzw. bis der Unterkühlte sich erholt hat. Zwischendurch kann er – sofern bei Bewusstsein – mit warmem, zuckerhaltigem Getränk versorgt werden.

 

10. Derjenige jedoch, der ohne Kameradenhilfe das Land unterkühlt erreicht, ist allein auf sich gestellt und muss für sich selber sorgen. Er möge dabei bedenken, dass er schon Glück hatte, dass Land zu erreichen! Warum soll er in seinem Zustand zusätzlich das Glück haben, sein Seekajak samt Ausrüstung zu bergen und danach sich allein wie in 9. beschrieben versorgen zu können, …. und weiterhin das Glück, Suchmannschaften auf sich aufmerksam machen zu können?

 

Fragen über Fragen

 

Auf die Gefahren des Kaltwasserpaddelns wird im KANU SPORT in steter Regelmäßigkeit alle 1 bis 2 Jahr aufmerksam gemacht. Auch auf der DKV-Homepage finden sich diverse Beiträge über Kälteschock, Unterkühlung & Co., z.B.

 

www.kanu.de/go/dkv/home/freizeitsport/kueste/gesundheit.xhtml

 

Warum ziehen dennoch wider besseres Wissen so viele Kanuten daraus keine Konsequenzen? Z.B. während eines kalten Sonntags im November (Luft: unter +5°C, Wasser: unter +10°C) paddelte ich mit 15 Kanuten aus meinem Verein hinaus auf die Außenalster. Ein Drittel von ihnen trug eine Schwimm- bzw. Rettungsweste und nur einer einen Trockenanzug. Selbst ich hatte meinen Trockenanzug zu Hause gelassen. Allen war eigentlich bekannt und bewusst, dass kaltes Wasser töten kann! Und trotzdem rüstete sich nur einer so aus, dass er für eine Kenterung im kalten Wasser und den anschließenden Notfall gerüstet war. Nur einer hatte sein Handy wasserdicht verpackt griffbereit dabei, um im Falle einer Kenterung sofort über 112 den Rettungsdienst zu alarmieren. Ein anderer packte kurz vor dem Start noch sein GPS-Gerät in die vor der Sitzluke befindliche Tagesluke. Sein Handy ließ er jedoch im Auto. Warum das alles? Nun, die Antworten, die mir hierzu einfallen, haben sicherlich etwas mit den folgenden Effekten zu tun:

 

„Oh, Udo, hat eine Schwimmweste an, dann muss ich wohl meine auch aus dem Auto holen.“

 

 

 

„Ich bin noch niemals hier auf der Alster gekentert!“

„Keiner vom Club ist jemals bei einer Kenterung im Winter auf der Alster tödlich verunglückt!“

„Ich kenne keinen Kanuten von den übrigen über 25 Kanuvereinen hier in Hamburg, der nach einer Kenterung auf der Alster wegen eines Kälteschocks oder einer Unterkühlung verstorben ist!“

 

 

 

Übrigens, ich hätte beinahe bei der oben erwähnten Sonntagstour auf der Alster meinen Beitrag für die Statistik geleistet: Ich saß relativ früh schon in meinem Kajak und wartete auf die Mitpaddler. Als ich wieder einmal nach hinten schaute, um zu sehen, wie weit die Kameraden waren, trieb mich die – auf den Kanälen der Alster doch sehr ungewöhnlich starke - Strömung unbemerkt gegen den Pfeiler einer Fußgängerbrücke. Plötzlich bumste und wackelte es. Ich erschrak in meinem sowieso recht kippligen Wanderboot und geriet aus dem Gleichgewicht. Mein Kajak neigte sich gefährlich zur Seite. Nur eine flache Paddelstütze konnte mich vor meiner 3. Kenterung auf der Alster (seit 1981) bewahren.

 

Und was wäre, wenn … ich gekentert wäre? Nun, ich hatte mich noch nicht warm gepaddelt, d.h. mein Kreislauf lief noch nicht auf „Touren“. Da hätte ich sicherlich ohne Trockenanzug einen Kälteschock erlitten (bislang habe ich schon zwei solcher Kälteschocks verbunden mit starker Atemnot erlebt). Ob es mir gelungen wäre, den Aufblasmechanismus meiner halbautomatischen Rettungsweste auszulösen, weiß ich nicht. Und ob meine Mitpaddler (die einen paddelten schon davon und die anderen waren noch mit dem Einstieg am nahen Steg beschäftigt, aber keiner von allen rechnete mit einer Kenterung) meine Kenterung bemerkt hätten, bin ich mir auch nicht so sicher; denn mit Atembeklemmung kann man nicht laut um Hilfe rufen!

 

Text: Udo Beier