28.02.2011 Überleben im kalten Wasser: Realität (Gesundheit)

 

Am 11. Februar 2011 ereignete sich auf dem Praestö-Fjord (Ostseite der dänischen Insel Seeland) mit einem Drachenboot ein Seenotfall, der bemerkenswert ist, nicht nur weil alle Schüler das kalte Wasser überlebten, sondern auch weil keiner mit einer solchen Kenterung rechnete.

 

Bei Ententeichbedingungen startete ein Drachenboot besetzt mit 13 Schülern (15-17 Jahre alt) (alle mit dunkel-blauen Schwimmwesten ausgerüstet) und 2 Lehrern hinaus auf den Praestö-Fjord (südlich von Kopenhagen). Sie waren bei +2° C Luft-/Wassertemperatur unterwegs, um auf einem ausgewählten Kurs den Streckenrekord ihrer Schule zu brechen.

 

Draußen wurden sie von einer Kaltfront überrascht, die mit 5 Bft. (8-9 m/s), in Böen 7 Bft. (15 m/s), wehte. Beim Wenden ca. 500 m vom Ufer entfernt kenterte das Boot. Da anscheinend keine Möglichkeit bestand, vom Ort der Kenterung aus den Seenotfall zu signalisieren (keine Seenotsignalmittel und auch kein Handy wurden eingesetzt), gab einer der beiden Lehrer die Anweisung aus, in Kleingruppen durch das nur +2° C kalte Wasser zum nahen Ufer zu schwimmen. Der Lehrer selbst blieb mit einer Schülerin am kieloben treibenden Drachenboot zurück.

 

2 Schüler erreichten als erste das Ufer und konnten auf sich aufmerksam machen, sodass Dritte die Rettungskräfte benachrichtigten.

2 weitere Schüler und eine Lehrerin konnten ebenfalls mit eigenen Kräften das Ufer erreichen und 2 Schülerinnen retteten sich unterwegs auf eine Eisscholle.

6 Schüler und die am Drachenboot zurückgebliebene Schülerin wurden ohnmächtig aus dem Wasser geborgen.

Der beim Drachenboot gebliebene Lehrer konnte bislang nicht gefunden werden.

 

Die 7 ohnmächtigen Schüler erlitten bei einer Körpertemperatur von 16-18° C einen Herzstillstand. In der Zwischenzeit sind sie jedoch alle wieder bei Bewusstsein und auf dem Weg der Besserung.

Info: www.seekajakforum.de/forum/read.php?1,51850

 

Dass es zu einem solchen Seenotfall mit diesen teilweise kritischen bis tragischen Auswirkungen kommen konnte, ist:

 

 

zurückzuführen.

 

Das wird wohl auch der Grund sein, warum:

 

 

verzichtet wurde. Und die fehlenden Signalmittel, insbesondere ein Handy, führten dann in letzter Konsequenz dazu, dass der verantwortliche Lehrer die Empfehlung aussprach, in Gruppen zu versuchen, dass ca. 500 m entfernt  liegende Ufer schwimmend zu erreichen, da ihm bewusst wurde, dass wohl keiner an Land diese Kenterung bemerkt hat.

 

Nach der Kenterung waren die Kanuten im Wesentlichen den folgenden 3 Gefahren ausgesetzt,

 

 

Im Folgenden soll hinterfragt werden, warum 14 von 15 Kanuten diesen Seenotfall überleben konnten.

 

Zeitfenster

 

In Anbetracht dessen, dass das schwimmend zu erreichende Ufer ca. 500 m entfernt lag, gehe ich mal davon aus, dass ein Schwimmer (bekleidet mit Sportzeug und ausgerüstet mit einer Schwimmweste) bei der Wassertemperatur und dem Seegang für 100 m ca. 3-5 Minuten benötigt. Daraus folgt, dass die schwimmenden Kanuten mindestens ca. 15 Minuten und maximal 25 Minuten im kalten Wasser unterwegs waren (plus 1 Minute, die sie wohl schwimmend neben dem Drachenboot verbrachten, bevor sie Richtung Ufer aufbrachen).

 

Weiterhin ist anzunehmen, dass die Kanuten, die nach 15 bis 25 Minuten das Ufer erreichten, sofort auf Dritte trafen, die sofort Alarm auslösen konnten. Die Retter trafen dann wohl 30 Minuten später am Ort des Seenotfalles ein und begannen folglich 46 bis 56 Minuten nach der Kenterung mit der Suche & Bergung der sich noch im Wasser aufhaltenden Kanuten.

 

Kälteschock

 

Beim plötzlichen Eintauchen ins unter +13° C kalte Wasser ist ohne entsprechenden Kälteschutz ein Kälteschock nicht auszuschließen. Er äußert sich in Atemproblemen (z.B. Atemnot, Atemblockade, Hecheln, unkontrolliertes tiefes Luftholen), Gleichgewichtsstörungen bzw. Kreislaufproblemen und kann 2-3 Minuten, max. 5 Minuten anhalten. Es handelt sich hierbei um ein Phänomen, das je nach Lufttemperatur schon bei Wassertemperaturen von +25° C auftreten kann und das z.B. bei leicht bekleideten schiffbrüchigen Passagieren dazu führt, dass ca. 1/3 von ihnen schon kurz nach dem Eintauchen ins kalte Wasser stirbt.

 

Aufgrund der sicherlich sehr guten Konstitution (einige der Schüler übten zusammen mit ihrem Lehr im Winter das Eisbaden) und der durch Wind & Welle erfolgten Abkühlung hat wahrscheinlich keiner der 15 Kanuten unmittelbar nach der Kenterung einen Kälteschock erlitten. Und wenn doch, so sorgten zumindest die getragenen Schwimmwesten und das gekenterte, aber an der Wasseroberfläche treibende Drachenboot für entsprechenden Auftrieb, um den bis zu 5 Minuten andauernden Kälteschock zu überstehen.

 

Schwimmversagen

 

Beim Schwimmen im unter +15° C kalten Wasser ist ohne entsprechenden Kälteschutz nach 3 bis 30 Minuten damit zu rechnen, dass die Kälte die Funktionsfähigkeit von Muskeln und Nerven beeinträchtigt. Ein Schwimmer kann dann irgendwann, aber sehr plötzlich seine Arme und Beine nicht mehr kraftvoll bewegen und den Bewegungsablauf gezielt koordinieren. Zusätzlich auftretende Krämpfe bzw. Kreislaufprobleme führen schließlich dazu, dass selbst manch guter Schwimmer plötzlich nicht mehr in der Lage ist, wenige Meter bis zum rettenden Ufer zu schwimmen.

 

Gemäß einer Daumenregel von Schenk (1995) hätte bei +2° C Wassertemperatur die Nutzzeit der im Wasser schwimmenden Kanuten eigentlich nur 2 Minuten betragen dürfen!? D.h. keiner der dreizehn Richtung Ufer schwimmenden Kanuten hätte eigentlich eine Chance gehabt, das Land zu erreichen. Dennoch haben es fünf Kanuten geschafft; denn bei der obigen Regel handelt es sich um eine Näherungsformel, die nur einen Durchschnittswert ermitteln kann. Bei der sportlichen Konstitution dieser Kanuten ist jedoch anzunehmen, dass deren persönliche Nutzzeit weit über der erwartenden liegen müsste. Je länger nun diese persönliche Nutzzeit ist, desto später setzt natürlich das Schwimmversagen ein.

 

12 Schüler und 1 Lehrerin schwammen los:

 

 

Unterkühlung

 

Beim Treiben im unter +25° C kalten Wasser besteht langfristig ohne entsprechenden Kälteschutz die Gefahr der Unterkühlung. Je kälter das Wasser ist, desto früher können sich die Folgen der Unterkühlung bemerkbar machen, wie anfängliches Muskelzittern, dann allmählich einsetzende Bewusstseinstrübung und schließlich plötzlich eintretende Bewusstlosigkeit, die einhergeht mit Muskelstarre, verlangsamtem Herzschlag, nicht tastbarem Puls, nicht merkbarem Atem und fehlenden Reflexen.

 

5 Kanuten konnten aufgrund ihrer Konstitution und der Schwimmwesten schwimmend innerhalb von ca. 15 – 25 Minuten das Ufer erreichen. Sie erlitten keinen Kälteschock, kein Schwimmversagen und waren wohl nur schwach unterkühlt (è 1. Grad der Unterkühlung: Erregungsphase).

 

6 Kanuten plus die Kanutin, die beim Drachenboot blieb, wurden nach ca. 46 bis 56 Minuten bewusstlos auf dem Wasser treibend geborgen. Sie erlitten keinen Kälteschock, konnten aber wegen Schwimmversagens nicht das Ufer erreichen. Die Schwimmwesten retteten sie vor dem Ertrinken, verhinderten jedoch nicht, dass sie bis zur Bewusstlosigkeit hinunter unterkühlten (è 3. Grad der Unterkühlung: Lähmungsphase)

 

Ist es nun ein Wunder, dass diese 5 plus 7 Kanuten das +2° C kalte Wasser überlebten? Nun, Daten des Canadian Red Cross und der US-SAR Task Force deuten daraufhin, dass Überlebenschancen bestanden, letztlich weil die Schwimmwesten, die eigentlich nicht ohnmachtsicher waren, sie am Untergehen & Ertrinken hinderten:

 

Tab. 1: Kaltwasser-Überlebenschancen (Canadian Red Cross)

 

Wassertemperatur

hohe Chancen,

sofern die Person nicht durch eine Verletzung beeinträchtigt ist

mögliche Chancen,

aber die Person wird nicht mehr handlungs-fähig sein

 

geringe Chancen

+2,5° C

unter 20 min.

zwischen 20-80 min.

über 80 min.

Abgeleitet aus: Brooks (2003)

 

Tab. 2: Wie viel Zeit bleibt einem zum Handeln bzw. zum Überleben

Wassertemperatur

Zeit bis zur Erschöpfung bzw.

bis zur Bewusstlosigkeit

Erwartete Überlebenszeit

0,3 - 4,5° C

15 – 30 min.

30 - 90 min.

Quelle: US-Search and Rescue Task Force (2002)

 

D.h. die 5 Kanuten, die ca. 16 bis 26 Minuten nach der Kenterung das Ufer schwimmend erreichen konnten, hatten es wohl noch gerade innerhalb jener Zeit geschafft, bevor „Handlungsunfähigkeit“ (frühestens nach 20 Min. und spätestens nach 80 Min.) (Tab. 1) bzw. totale „Erschöpfung“ (frühestens nach 15 Min. und spätestens nach 30 Min.) (Tab. 2) eintraten.

 

Die 7 Kanuten, die nach ca. 46 bis 56 Minuten bewusstlos aus dem Wasser geborgen wurden, waren wohl nicht chancenlos, denn maximal bestanden noch 80 bzw. 90 Minuten nach der Kenterung Überlebenschancen (Tab.1 und 2), minimal jedoch nur 30 Minuten (Tab. 2). Ihre Konstitution war wohl nicht so groß, um ein Schwimmversagen zu verhindern, aber sie reichte aus, um die Unterkühlung, d.h. die Abkühlung auf +16° bis +18° Körperkerntemperatur (!) zu überstehen. Eigentlich hätten sie nach Eintreten des Schwimmversagens untergehen und somit ertrinken müssen, aber ihre Schwimmwesten hielten sie über Wasser. Letztlich hatten sie nach dem Pech zu kentern und Schwimmversagen zu erleiden, gleich mehrfach großes Glück, und zwar nicht nur weil die leistungsfähigsten Schwimmer rechtzeitig den Alarm auslösen konnten, sondern auch weil sie:

 

  1. den Kälteschock überstanden;
  2. dank ihrer – eigentlich nicht ohnmachtsicheren - Schwimmwesten nach Eintreten der Bewusstlosigkeit nicht ertranken;
  3. von den Rettern trotz der kaum sichtbaren dunkel-blauen Schwimmwesten im Wasser entdeckt wurden;
  4. dank ihres starken Kreislaufs im Krankhaus reanimiert werden konnten;
  5.  anscheinend das alles ohne bleibende körperliche Schäden überlebten.

 

Lediglich für den am Drachenboot zurückgebliebenen Lehrer kamen die Retter zu spät. Frühestens nach 15 bis 20 Minuten (Tab. 1 und 2) und spätestens nach 30 Minuten (Tab. 2) setzte bei ihm wahrscheinlich das Schwimmversagen ein und gleichzeitig auch das zunehmende Unvermögen, mit den immer schwächer werdenden Händen sich irgendwo am Drachenboot noch festhalten zu können; denn ein Drachenboot ist ja nicht wie ein Seekajak mit Rettungshalteleinen ausgerüstet. Spätestens bald nach 30 Minuten fehlte ihm wohl dann die Kraft, sich ohne den Auftrieb einer Schwimmweste über Wasser zu halten.

 

Hätte er eine Schwimmweste getragen, dann wären seine Überlebenschancen jedoch größer gewesen, zumindest wenn er von den Rettern, die etwa 46 bis 56 Minuten nach der Kenterung am Unfallort eintrafen, spätestens 80 bis 90 Minuten nach der Kenterung geborgen worden wäre (Tab. 1 und 2).

 

Text: Udo Beier

Link: http://www.kanu.de/nuke/downloads/Gefahr-Unterkuehlung.pdf