06.08.2002 Regenbrachvogel (Natur)

Wer im Juli ein kurzes schnelles Flöten aus sieben Silben hört - tititititititi - sollte sich schnell nach dem Urheber dieses Rufes umsehen. Es ist der Regenbrachvogel (Numenius phaeops), ein besonderer Gast aus der Arktis, der nur zur Zeit der Beerenreife in den Dünen für 2 - 3 Wochen Rast im Wattenmeer macht.

Der Regenbrachvogel ist etwa so groß wie eine Ringeltaube, braun gescheckt und langbeinig wie der Große Brachvogel, hat aber einen nicht ganz so langen Schnable, auch wenn 10 cm nicht gerade kurz ist. Das beste Unterscheidungsmerkmal vom Großen Brachvogel - abgesehen von dem typischen Ruf - sind die kontrastreichen Längsstreifen auf dem Kopf des Regenbrachvogels.

Wer Regenbrachvögel sehen möchte, sollte im Juli bei Hochwasser nach ihnen Ausschau halten. Sie rasten oft einzeln an der Wasserkante, da sie Territorien im Watt besitzen und gerne in der Nähe ihres "Grundstücks" bleiben. Auf dem Watt suchen Regenbrachvögel bevorzugt an Muschelbänken nach Strandkrabben - oder sie fressen in den Dünen Moos- und Rauschbeeren.

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Rauschbeere: In der Atlantischen Küstenheide - so nennen Botaniker die mit Zwergsträuchern bedeckten Braundünen der Nordsee - ist der Juli der Beerenmonat. Auf den Dünenkuppen reifen die Krähenbeeren in großer Menge, und am Rand der fechten Dünentäler gibt es blaue Beeren, die jedoch keine Blaubeeren sind. Es ist die Rauschbeere, die sich in mehreren Merkmalen von der nahe verwandten Heidelbeere unterscheidet: Ihre Blätter sind blaugrün und eiförmig statt hellgrün und zugespitzt, ihre Stiele sind rund statt kantig, und die Beeren haben einen farblosen Saft, hinterlassen also keine lila Flecken. Die Rauschbeere findet man oft in Gesellschaft der Kriechweide und des Pfeifengrases. Der Strauch wird 50-80 cm hoch.

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Hätten Sie dacht, dass ...

... der Vogel zwar auf Brachen brütet, aber nicht nur bei Regen fliegt und flötet?

... es durch die hohe Brutpaardichte auf Island insgesamt etwa 700.000 Regenbrachvögel gibt?

... die Vögel in Afrika gerne im Mangrovenwald und auf hohen Bäumen rasten, wo sie gut getarnt sind?

... Winkerkrabben sich nicht mehr als 8 cm von ihrer Wohnhöhle entfernen dürfen, weil sie sonst von jagenden Regenbrachvögeln erwischt werden?

... Regenbrachvögel im Watt fast nur Strandkrabben jagen, die sie bis 2 cm Panzerbreite ganz schlucken und sonst zerhacken - etwa 1 Krabbe pro Minute?

... die Vögel in ihrem dünnen Schnabel keinen Platz für eine lange Zunge haben, sodass sie die Nahrung ruckartig in den Schlund "hochwerfen"?

... früher in den Steppen Kasachstans eine südliche Unterart des Regenbrachvogels vorkam, die durch Ackerbau ihren Lebensraum verloren hat?

Wie lebt der Regenbrachvogel?

Er brütet in der subarktischen Taiga der Nordhalbkugel und überwintert in Westafrika. Das Brutgebiet reicht von Grönland, Island und den Faröern über das Baltikum bis Sibirien. Alaska und Kanada haben eine eigene Unterart.

Auf dem Durchzug können Regenbrachvögel fast überall erscheinen, auch im Binnenland, jedoch meist nur kurzzeitig und in kleiner Zahl. Nur im nördlichen Wattenmeer treten im Hochsommer zur Beerenreife Schwärme von bis zu 1.000 Exemplaren auf, die sich bei Niedrigwasser auf dem Watt verteilen. Krebse und Beeren sind die Hauptnahrung des Vogels, doch frisst er auch Würmer und Insekten.

Im Brutgebiet leben Regenbrachvögel in Gruppen, die gemeinsam ihre Küken gegen Feinde verteidigen. Die Eltern brüten 4 Wochen lang und ziehen in 5 Wochen die Jungen groß.

Text: R.Borcherding

Quelle: WATTREPORT, Nr. 7 v. 26.07.02 - www.schutzstation-wattenmeer.de