14.09.2002 Seestachelbeere (Natur)

Angespült am Strand oder im Watt kann man derzeit ein vollkommen durchsichtiges, rund-ovales Glibbertierchen von bis zu 3 cm Länge finden. Es handelt sich um die Seestachelbeere (Pleurobrachia pileus), ein Planktontier aus der Gruppe der Rippenquallen.

Bei näherer Betrachtung - am besten in einem Glas Seewasser - erkennt man die acht hervortretenden Längsrippen, die von Pol zu Pol des Tieres verlaufen und dieser Tierklasse den Namen gaben. Die Rippen tragen feinste Paddel aus durchsichtigen Wimpern, die in fortlaufenden Wellen schlagen und durch Lichtbrechung in allen Farben des Regenbogens schillern. Mit diesem eleganten Antrieb gleiten die Tiere majestätisch wie ein Luftschiff durch das Wasser.

Im Inneren der Qualle liegen zwei gebogene Tentakeltaschen, die seitlich in gegenüberliegenden Öffnungen münden. Ein Verdauungstrakt verläuft senkrecht durch das Tier und ist manchmal ebenfalls erkennbar.

Seestachelbeeren werden ganzjährig je nach Wind und Strömung an unsere Küsten getrieben.

Hätten Sie gedacht dass ...

... der wissenschaftliche Name übersetzt "runder Hut mit Seitenarmen" bedeutet? (pleura = Seite, bracchium = Arm, pileus = runder Hut)

... die Seestachelbeere zu über 99% aus Wasser besteht, sodass sie im Meer praktisch mühelos in jeder gewünschten Wassertiefe schweben kann?

... ihre Fangtentakeln voll ausgestreckt 10 - 100 mal so lang sind wie der kugelige Körper?

... Rippenquallen keine Nesselzellen besitzen, sondern nur Klebezellen, die die Beute festhalten?

... Jungtiere einfach mit der offenen Mundöffnung voran schwimmend Beutetiere fangen können?

... Seestachelbeeren sich schon bei 1 mm Größe fortpflanzen, und später ab 1 cm Größe nochmals?

... die Qualle am Hinterende ein Gleichgewichtsorgan besitzt, das ihr zeigt, wo oben ist?

... die Längsrippen der Qualle nachts leuchten?

... es eine zweite Rippenquallenart in der Nordsee gibt, die Melonenqualle, die nur eine große Mundöffnung hat und sich ausschließlich von anderen Rippenquallen ernährt, die sie einfach verschlingt?

Wie lebt die Seestachelbeere?

Rippenquallen sind Planktontiere, die frei im Meer umherschwimmen. Die Seestachelbeere kommt vom offenen Atlantik über die Nordsee bis in die westliche Ostsee vor. Sie wird mit den Meeresströmungen über große Entfernungen transportiert und kann überall in der Nordsee ganzjährig auftreten.

Mit zwei langen Fangarmen, die über 100 feinste Seitententakeln haben, fischt die Qualle Plankton aus dem Wasser. Im Minutenabstand zieht sie die Tentakeln zur Mundöffnung heran, um die anhaftende Beute abzulecken.

Rippenquallen sind Zwitter. Sie geben ihre Eier frei ins Wasser ab, wo sie von umherschwimmenden Spermien befruchtet werden. Jährlich wachsen zwei Generationen heran: Überwinternde Quallen laichen im Frühjahr, ihre Nachkommen sind im Spätsommer erwachsen und erzeugen die neuen Herbst- und Wintertiere.

Text: Rainer Borcherding

Quelle: WATTREPORT, Nr. 9 v. 13.09.02 - www.schutzstation-wattenmeer.de