18.11.2002 Seehundsterben & -schutz: Perspektiven für das Küstenkanuwandern (Natur)

In den NATIONALPARK NACHRICHTEN des Nationalparkamtes Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer wird davon berichtet, dass vor dem Ausbruch des durch den Staupevirus verursachten Seehundsterbens im internationalen Wattenmeer ca. 25-28.000 lebten. Davon starben ca. 11.000, sodass ca. 14-17.000 Seehunde überlebt haben. Zum Vergleich die Daten vom Seehundsterben im Jahr 1988: Damals starben von ca. 13.000 Seehunden ca. 8.600 Seehunde. D.h. beim jetzigen Seehundsterben haben mehr Seehunde überlebt als es 1988 vor dem Seehundsterben überhaupt gab. Die Ausgangslage für die Entwicklung des Seehundbestandes für die nächsten 10-15 Jahre kann also durchaus positiv beurteilt werden.

Auch wenn es "über die Ursachen der letzten Seehundstaupe-Epidemie bisher nur Theorien gibt" (These: Arktische Robbenarten haben das Seehundstaupe-Virus eingeschleppt), dürfte doch eines klar sein: Die Sportbootschifffahrt in Nord- und Ostsee ist nicht "Schuld" am Seehundsterben. Daraus sollte man jedoch nicht vorschnell ableiten, dass z.B. die Küstenkanuwanderer generell gegen die Einrichtung von Robbenschutzgebieten sind. Nein, so etwas wäre zu egoistisch gesehen. Alle sollen ihren Platz in der Natur im Allgemeinen und in den Nationalparken im Besonderen haben. Einen Platz, in dem sie sich ungestört entwickeln können. Das gilt insbesondere auch für die Seehunde, denen man extra "Ruhezonen" (sog. Robbenschutzgebiete (RSG)) nicht streitig machen sollte, wie man auch uns Menschen nicht unsere "Erholungszonen" nehmen sollte.

Mit dieser Strategie des "Leben-und-Leben-Lassens", die seit einiger Zeit gemeinsam die Naturschützer als "Sprecher" der Robben, Seevögel und Seefische auf der einen Seite und die "Naturnützer" auf der anderen Seite verfolgen, können eigentlich alle Betroffenen "gut" leben. Zumindest bis Mitte dieses Jahres hatten sich die Seehunde in Nord- und Ostsee mehr als gut entwickelt. Zurückzuführen ist das zum einen auf die Einrichtung von "Robbenschutzgebieten" (RSG) im Wattenmeer der Deutschen Bucht. Zum anderen hatte auch die - bei mehreren Flugzählungen festgestellte - geringe Befahrensdichte der Sportbootschifffahrt und des von ihr ausgehenden geringen Störungspotenzials ihren Anteil an dieser positiven Entwicklung, die dann plötzlich und unerwartet so umschlug, dass innerhalb weniger Monate die Seehundpopulation um 11.000 Tiere dezimiert wurde.

Das stimmt einen traurig und wütend zugleich. Traurig, da während einer Küstenkanuwanderung die Sichtung von Seehunden stets ein Highlight ist, das bei allen Beteiligten großes Interesse erweckt. Bei den Kanuten auf der einen Seite und bei den Seehunden auf der anderen Seite, da diese, wenn sie die Kanuten sehen, nicht - wie es sonst bei Wildtieren üblich ist - fliehen, sondern sich - manchmal bis auf Bootslänge - nähern. Wütend, weil wir alle wohl das Auftreten der Seehundstaupe-Epidemie einfach hinnehmen müssen, ohne momentan etwas dagegen unternehmen zu können.

Es stimmt uns aber auch noch aus einem anderen Grund wütend, nämlich jenem, dass die Naturschützer wider des Wissens, dass die Sportbootschifffahrt nicht die "Feinde" der Robben sind, die ihr Dasein gefährden, immer wieder laut danach gerufen wird, die bestehenden RSG auszuweiten und neue RSG einzurichten. Bei der im Rahmen der Novellierung der "Verordnung über das Befahren der Bundeswasserstraßen in Nationalparken im Bereich der Nordsee (kurz: Befahrensverordnung) (NPNordSBefV) erneut aufgekommene Diskussion um die Anzahl und Grenzen von RSG, zeichnet sich wieder einmal ab, dass die Geduld & Toleranz der Sportbootschiffer arg strapaziert wird. Im Konzeptentwurf z.B. der Nationalparkverwaltung von Wilhelmshaven werden für den Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer insgesamt 53 Schutzgebiete vorgeschlagen, wovon 24 Gebiete den Robbenschutz betreffen. Statt sich auf den Schutz der zentralen Seehundliegeplätze zu konzentrieren, wird versucht, fast jeden Priel, wo sich ein Seehund aufhält, zum RSG zu erklären.

Dennoch sollten wir Küstenkanuwanderer nicht verzweifeln: Uns wird es auch in Zukunft möglich sein, jede Insel zu umrunden und von jedem Hafen und fast jedem Siel aus, solche Umrundungen anzutreten, und es wird auch weiterhin kein Schutzgebiet daran hindern, die Wattenmeerküste von West nach Nord, von Emden bis Hoyer (DK), bzw. in umgekehrte Richtung per Seekajak zu erwandern und wir werden sicherlich lange noch dabei immer wieder Seehunde beobachten können. Die Gespräche mit den betroffenen Naturschützern, die in Kooperation mit den Nationalparkverwaltungen von Tönning (Schleswig-Holstein), Hamburg und Wilhelmshaven (Niedersachsen) geführt wurden und - was Niedersachsen betrifft - noch geführt werden, deuten einen Kompromiss an, mit dem wirklich noch alle leben können. Hoffentlich werden die sich abzeichnenden Absprachen dieses Mal etwas länger Bestand haben.

Text: Udo Beier

Info: NATIONALPARK NACHRICHTEN (11-12/02) - www.wattenmeer-nationalpark.de