23.11.2002 Taschenkrebs (Natur)

Wenn der Winter naht und das Wasser kälter wird, wandert unsere größte Nordseekrabbe von den sandigen Flachwasserbereichen in größere Tiefen ab.

Leicht zu erkennen ist der Taschenkrebs (Cancer pagurus) an seiner braun bis ziegelrot gefärbten Panzeroberseite und den tiefschwarzen Scherenspitzen. Der große, am Vorderrand gekerbte Panzer leuchtet am Bauch gelblich und kann bis zu 30 cm breit werden.

Nach einem frischen Herbststurm findet man in diesen Tagen mit etwas Glück den angespülten breit ovalen Panzer oder die kräftigen Scheren am Strand.

Der eingeklappte Schwanz auf der Panzerunterseite ist beim Männchen schmal und fünfgliedrig, beim Weibchen dagegen rund und siebengliedrig. Die Panzeroberseite ist oft bunt gemischt mit Seepocken, Moostierchen und Röhrenwürmern bewachsen.

Als nachtaktiver Feinschmecker bevorzugt der Taschenkrebs frische Wellhornschnecken, Seeigel und Austern, deren harte Schalen er mit seinen starken Scheren mühelos zerbricht. Weniger delikate Dinge wie z.B. Aas verschmäht er.

Hätten Sie gedacht, dass ...

... der deutsche Name sich vermutlich vom gekerbten Panzerrand ableitet, der wie eine aufgenähte Ledertasche aussieht?

... die Krebsscheren als "Knieper" im Handel sind und besonders auf Helgoland als Delikatesse verspeist werden?

... in Großbritannien und Norwegen (jährliche Fangmenge ca. 5.000 t) Fangbeschränkungen für eine nachhaltige Fischerei eingeführt wurden?

... erwachsene Taschenkrebse wandern, wobei ein markiertes Weibchen nach einem Jahr über 180 km vorm Ursprungsort entfernt wiedergefangen wurde?

... die frostempfindlichen Krebse in den Eiswintern 1946 + 1962 in Küstennähe massenhaft starben?

... alle 2-3 Jahre nach den Häutungen bei älteren Tieren ein Wachstumsschub von 20% erfolgt, ein 20 cm breites Exemplar also mindestens 12 Jahre alt ist?

... Taschenkrebse sich oft im Aquarium als kreative Architekten betätigen und auch große Steine wälzen, was im Extremfall zu Glasbruch führen kann?

Wie lebt der Taschenkrebs?

Ein Taschenkrebspaar "verlobt" sich noch vor der Häutung des Weibchens. Das Männchen umklammert seine Braut und schützt sie so lange, bis ihr Panzer ausgehärtet ist. Die Eiablage erfolgt einen Monat später im Winter. Im Sommer schlüpfen die knapp 1 mm großen Larven und schwimmen zunächst zwei Monate im Plankton, ehe sie zum Bodenleben übergehen. Mit vier Jahren sind die Tiere dann geschlechtsreif. Das Verbreitungsgebiet der Taschenkrebse verläuft entlang der Nordsee- und Atlantikküste von Norwegen bis Portugal.

An der gesamten Nordseeküste wird der Krebs mit Stellnetzen, Körben und Reusen gezielt befischt. Meist werden nur die Scheren dem Tier abgebrochen, der Rest geht wieder über Bord, wo die Tiere vermutlich verhungern. Diese verschwenderische Nutzungsform ist leider extrem bestandsgefährdend!

Text: R.Borcherding

Quelle: WATTREPORT AKTUELL, Nr. 11/02 - www.schutzstation-wattenmeer.de