02.09.2003 Kiebitzregenpfeifer (Natur)

Der August ist für die Vogelbeobachtung im Wattenmeer einer der schönsten Monate, denn nun treffen fast alle Zugvorgelarten schon wieder aus den Brutgebieten hier ein, tragen aber oft noch ihr Brutkleid. Das gilt auch für den Kiebitzregenpfeifer (Pluvialis squatarola), bei dem die Altvögel jetzt im August hier ankommen.

Der Kiebitzregenpfeifer ist mit 28 cm Körperlänge und etwa 200 g Gewicht ein mittelgroßer Watvogel. Im Brutkleid ist die Unterseite von den Beinen bis zum Schnabel völlig schwarz mit einer weißen Seitenlinie. Der Rücken ist schwarz-weiß gefleckt. Zum Winter hin verliert er dieses kontrastreiche Kleid und wird unscheinbar grau. Das sicherste Unterscheidungsmerkmal zum Goldregenpfeifer ist dann ein schwarzer Achselfleck unter dem Flügel, der beim Kiebitzregenpfeifer im Flug ganzjährig deutlich zu sehen ist.

Auf dem Watt ist der Kiebitzregenpfeifer meist einzeln zu sehen, wenn er in der für Regenpfeifer typischen "stop-and-go"-Technik meterweise über den Sand "rollt" und mit seinen großen Augen nach Nahrung späht.

Hätten Sie gedacht, dass ...

... der englische Name "grey Plover" übersetzt "Grauer Regenvogel" heißt, weil er - wie viele Vögel - seit Jahrhunderten irrtümlich als Wetterprophet gilt? Zwar ist ihr dreisilbiges Pfeifen nicht wesentlich ungenauer als die heutige Wettervorhersage, aber es dient wohl eher anderen Zwecken ...

... die Art bei der Nahrungssuche Ruhe braucht, damit die Würmer unerschrocken umherkrabbeln, und deshalb möglichst einsam auf hohen Watten Nahrung sucht, wo keine anderen Vögel sind?

... das Weibchen in nur 8 Tagen seine 4 Eier legt, die zusammen 140 g wiegen - was 2/3 ihres eigenen Körpergewichts entspricht? Beim Menschen entspräche das vier Babys von je 10 kg in 8 Tagen!

... die Jungvögel im September alleine den Weg von Sibirien ins Wattenmer und weiter nach Westeuropa und Afrika finden, nachdem ihre Eltern bereits im August vorgeflogen sind, um im Watt die Mauser zu beginnen?

... fast die gesamte Kiebitzregenpfeifer-Population des Ostatlantischen Zugweges, ca. 160.000 Tiere, das Wattenmeer als Rastplatz braucht, wobei im Mai sogar fast alle gleichzeitig hier sind?

Wo ist der Kiebitzregenpfiefer zu finden?

Als hocharktischer Brutvoogel ist er entlang der ganzen Nordmeerküste Sibiriens und Alaskas verbreitet, kommt aber nicht auf Grönland vor. Seine Überwinterungsgebiete befinden sich von den britischen Inseln, den USA und China an südwärts, teils auch südlich des Äquators, so dass die dazwischen gelegenen Rastgebiete wie das Wattenmeer 2 x jährlich besucht werden.

Die Brutplätze in der arktischen Tundra liegen bevorzugt auf Hügeln, wo die Vögel nahende Feinde frühzeitig erkennen und durch "Verleiten" vom Nest weglocken können.

Im Wattenmeer rasten die Vögel gemeinsam mit anderen Watvögeln an Hochwasserrastplätzen. Für die Jagd nach Borstenwürmern, Kleinkrebsen und Muschelsiphonen, die sie abbeißen, verteilen sie sich weit auf dem Watt.

Text: Rainer Borcherding

Quelle: WATTREPORT, Nr. 8/03 - www.schutzstation-wattenmeer.de