04.12.2003 Seehund (Natur)

 

In WATTREPORT ist der folgende Beitrag v. R.Borcherding erschienen:

 

„Das wohl populärste Nordseetier ist der Seehund (Phoca vitulina). Er lässt sich jetzt zum Winter an unserer Küste nur noch seltener blicken. Nur auf den seeseitigen Sandbänken halten sich noch Seehundrudel auf. Einzeltiere dagegen sind auch anderenorts weiterhin zu sehen, wenn sie in der Nähe von Booten oder Strandspaziergängern aus dem Wasser schauen.

 

Typisches Merkmal dieser bis 1,8 m langen (d.h. so lang wie ein Schweinswal) und bis 130 kg schweren Robbe ist der rundliche Kopf mit einer Schnauze, die deutlich kürzer ist als bei der ebenfalls heimischen Kegelrobbe. Die Fellzeichnung des Seehunds besteht aus dunklen Flecken auf grauem oder bräunlichem Grund und ist individuell sehr variabel. Beim Fellwechsel im Sommer, oder wenn die Tiere nur teilweise nass sind, wirkt das Fell stark „gescheckt“.

 

Auf Sandbänken bewegen Seehunde sich flink robbend fort, allerdings sind sie einer gewissen Verletzungsgefahr durch Schnitte ausgesetzt. Der rücksichtsvollere Umgang mit den Tieren hat ihre Scheu in den letzten Jahren verringert, so dass sie heute von Schiffen aus gut zu beobachten sind. (Anm. U.B.: Jedoch haben sie sich an die nicht so häufig in Erscheinung tretenden Küstenkanuwanderern noch nicht gewöhnt, so dass sie bei deren allzu nahem „Auftauchen“ lieber „abtauchen“, d.h. vorsichtshalber ihre Sandbank verlassen und vom „sicheren“ Wasser aus, neugierig die Kanuten beobachten.)

 

Hätten Sie gedacht, dass …

 

… der wissenschaftliche Name übersetzt „Kälbchen-Robbe“ bedeutet, sich also auf den neugierigen und verspielten Charakter der Art bezieht?

 

… Seehunde keine Salzdrüsen haben, da Meeresfische kaum Salz enthalten und dabei so wasserreich sind, dass Seehunde nie trinken müssen?

 

… die Tasthaare im Gesicht der Seehunde äußerst wichtige Sinnesorgane sind und den Tieren den Beutefang auch in trübem Wasser erlauben?

 

… Seehunde bis 30 Minuten lang und bis 480 m tief tauchen können und im Spurt 35 km/h schaffen?

 

… sie über Wasser ähnlich schlecht sehen wie wir unter Wasser, während ihr Gehör und Geruchssinn über Wasser hervorragend funktionieren?

 

… bis heute unklar ist, warum die Seehundsterben von 1988 & 2002 beide bei der im Kattegat liegenden dänischen Insel Anholt begannen?

 

… Seehunde auf Helgoland weniger scheu sind und dort am (nördlichen) Strand (der Düneninsel) aus nächster Nähe beobachtet werden können? (Trotzdem: Störungen der Tiere vermeiden!)

 

… die Fischerei der Nordsee jährlich 3 Mio. t Fisch entnimmt, was ca. 100 Mal so viel ist, wie die Wattenmeer-Seehunde im Jahr als Nahrung brauchen?

 

Wo ist der Seehund zu finden?

 

An den eisfreien Küsten von Nordatlantik und –pazifik ist die Art weit verbreitet, also u.a. in Nord- und Ostsee, rund um die britischen Inseln und bei Island. Die ostatlantische Population umfasst etwa 70.000 Tiere, davon derzeit ca. 11.000 im Wattenmeer.

 

Durch Bejagung war der Bestand im Watt bis Anfang der 70er Jahre auf 4.000 abgesunken, erholte sich dann langsam auf 10.000 gezählte Tiere vor dem ersten Robbensterben 1988 und auf 21.000 vor der zweiten Staupe-Epidemie in 2002.

 

Die Wurfzeit des Seehunds ist im Juni. Nach nur 4-6 Wochen sind die Jungen durch die mit 45% sehr fettreiche Milch zu 25-30 kg Gewicht herangewachsen und werden vom Muttertier verlassen. Die Jungen bringen sich selbst das Fischen bei, während die Mutter sich erneut paart und den Fellwechsel durchläuft. Jungtiere liegen oft allein am Strand und warten – manchmal einen ganzen Tag - auf die Mutter.“ (Sie „heulen“, sind aber deshalb noch längst keine sog. „Heuler“; denn unter „Heuler“ versteht man nur solche Jungtiere, die von ihrer Mutter endgültig verlassen wurden.)

 

Text: R.Borcherding (Husum)

Quelle: WATTREPORT, Nr. 11/03, S.4 – www.schutzstation-wattenmeer.de