23.12.2003 Pazifik-Austern im Kommen (Natur)

 

In WATTREPORT AKTUELL wird Folgendes über die pazifische Auster geschrieben:

 

„… Die pazifische Auster (Crassostrea gigas) ist robuster und wuchsfreudiger als ihre europäische Schwester (Ostrea edulis) … und durch die stärker skulpturierte Schale .von der einheimischen Auster zu unterscheiden. Sie wird als Aquakultur seit über 30 Jahren in Europa angebaut, so auch vor Sylt. Die einheimische Auster ist bereits seit den 20er Jahren im Wattenmeer fast ausgestorben. Dieses wird zum größten Teil auf die Überfischung zurückgeführt.

 

Nun blieb die pazifische Auster nicht in den Aquakulturen sondern „büxte“ in die Umgebung aus. So werden im Wattenmeer nicht mehr nur vereinzelte Exemplare des Neubürgers gefunden, sondern 100 auf einem Quadratmeter sind an einigen Stellen im Sylter Watt keine Seltenheit, wie die jüngsten Zählungen … im Nationalpark Wattenmeer ergaben.

 

Füße haben die Tiere zwar, aber sie sind nicht selber in die Umgebung „gewandert“. Vielmehr besiedeln ihre Nachkommen das Watt. Austern vermehren sich wie die meisten anderen Muschelarten über frei im Wasser schwimmende Larven, die mit Meeresströmungen verdriftet werden. Erst nach Abschluss dieser 2-wöchigen Larvalphase werden die Tiere wieder sesshaft und heften sich an vorhandenen harten Untergrund z.B. auf Miesmuschelbänke, wo sie dann festsitzend ihrer Hauptbeschäftigung, der Wasserfiltration nachgehen.

 

Miesmuscheln und Austern sind Konkurrenten um die Schwebstoffe im Wasser, die sie filtern und von denen sie sich ernähren. Wer hierbei effizienter zu Werke geht, ist im Vorteil. Er kann schneller wachsen oder seine Energie in mehr Nachkommen stecken.

 

Wird eine Miesmuschelbank von Austern überwuchert, kann es für die Miesmuscheln auf diese Weise eng werden. Es ist aber zum jetzigen Zeitpunkt unmöglich vorherzusagen, wer die Oberhand behalten wird, da nicht nur die Nahrungsbeschaffung sondern viele Faktoren für die Ausbreitung einer Art wichtig sind wie Krankheiten oder klimatische Einflüsse. Einmal erwachsen geworden, braucht die Pazifikauster jedenfalls keine Feinde (außer den Mensch …) mehr zu fürchten.

 

Dem an wärmere Gewässer angepassten Neubürger wurde ursprünglich nicht zugetraut, sich in der Nordsee zu vermehren, da die kälteren Umweltbedingungen nicht ideal schienen. Ca. 18° C braucht er nämlich schon, damit er „loslegen“ kann.

 

Die Zusammensetzung von Ökosystemen unterliegt einer evolutionären Dynamik. Arten breiten sich aus, andere verschwinden. Dieses sind aber normalerweise lang dauernde Prozesse. Hat der Mensch seine Finger im Spiel, geht es um vieles schneller. Ca. 80 Neobiota, als neue Arten sind nach Schätzungen des Senckenberg-Instituts mittlerweile durch menschliches Zutun in die Nordsee gelangt, ein Großteil davon mit dem Ballastwasser von Schiffen. Allein die dauerhafte Etablierung von 5 Arten schreibt man der Austernzucht vor Sylt zu.

 

Wie auch immer diese Neozooen in Zukunft beurteilt werden, als schmackhafte Bereicherung der heimischen Tierwelt oder „Faunenverfälschung“, die heimische Arten verdrängen, eines steht auf jeden Fall fest:

 

Ist eine Art einmal in ein neues Ökosystem geraten, lässt sich dieses (i.d.R.) besonders bei einem aquatischen Lebensraum nicht mehr rückgängig machen.

 

Die pazifische Auster ist leider ein dauerhafter Bestandteil der Wattenmeerfauna geworden.“

 

Quelle: WATTREPORT aktuelle, Nr. 12/03, S.4 – www.schutzstation-wattenmeer.de