05.03.2004 Sandklaffmuschel (Natur)

 

„Bei winterlichen Spaziergängen im Watt oder am Strand sind vielerorts die bis zu 15 cm langen Schalen der Sandklaffmuschel (Mya arenaria) zu finden. Sie ist unsere größte einheimische Muschel und kann lebend bis zu 240 g schwer werden.

 

Die Schalen sind eiförmig und haben ein sehr markantes Schloss: An der linken Schalenhälfte ragt ein löffelartiger Zahn empor, der auf der rechten Klappe in eine entsprechende Grube greift. Frische Schalen haben eine dünne graue Außenhaut, ältere sind schneeweiß oder durch Einlagerung von Eisenverbindungen gelb, braun oder grau.

 

Die lebende Muschel, die bis zu 30 cm tief im Boden steckt, hat einen rückziehbaren Sipho. Darin verlaufen zwei Röhren, durch die planktonhaltiges Atemwasser angesaugt und ausgestoßen wird. Nur in den ersten Jahren können die Tier ihren Grabfuß nutzen, später bleibt er im Wachstum zurück, und sie sind zu Bewegungslosigkeit verdammt. Werden sie dann freigespült oder übersandet, bilden sie „Klaffmuschelfriedhöfe“, die Wattwanderern (oder Kanuten, die barfuß ihre Kajaks durchs Watt ziehen) oft einschneidend in Erinnerung bleiben.

 

Hätten Sie gedacht, dass ….

 

… der wissenschaftliche Name „Maus im Sand“ bedeutet?

… die Schalen der Klaffmuschel klaffen, weil sie so tief vergraben eine Feinde fürchten muss?

… die Art wegen der Fontäne, die sie beim Einziehen des Siphos ausspritzt, auf Platt „Pisser“ heißt?

… die Jungmuscheln in den ersten 4 Lebensjahren alle Energie daran setzen, einen möglichst langen Sipho zu bilden, weil sie erst ab 16 cm Tiefe sicher vor stochernden (Brach-)Vögeln sind?

… im Muschelmagen ein gelatineartiger „Kristallstiel“ die Nahrung zermörsert und Fermente abgibt?

… die Muschel ihren Sipho hydraulisch ausstreckt, indem sie aller Körperöffnungen fest verschließt und dann die Schalen langsam zusammendrückt?

… man lebend ausgegrabene Muscheln durch Kitzeln am fleischigen Mantelrand dazu bringen kann, die Schale zu schließen & den Sipho zu strecken.

… man 1935 in den USA 6.000 t Klaffmuscheln aß?

… in Deutschland nur 1946 mit Schiffsschrauben und von Hand Klaffmuscheln gegraben wurden?

… Cuxhavener „Muschelwurst“ und Tönninger „Muschelgelee“ schon 1947 vom Markt verschwanden.

 

Wo ist die Sandklaffmuschel zu finden?

 

Sie ist ein „Weltenbummler ohne Beine“ und besiedelt heute alle gemäßigten Küsten der Nordhalbkugel. Ursprünglich stammt sie wohl aus Japan, von wo sie vor 20 bis 5 Mio Jahren Kalifornien und den Atlantik sowie Europa erreichte. Die Eiszeiten überlebte die Art in Nordamerika, von wo sie durch die Wikinger erneut nach Europa und mit Zuchtaustern nach Japan gelangte. Das Schwarze Meer erreichte sie um 1960 mit Schiffen aus der Ostsee.

 

Die Muscheln leben im Watt oder Flachwasser tief vergraben im Boden. Ein ovales Loch, aus dem mitunter bei Annäherung eine Fontäne spritzt, verrät den Aufenthaltsort. Die Art braucht nur wenig Sauerstoff und wird bis 20 Jahre alt.

 

Die im Frühsommer aus den bis zu 3 Mio Eiern pro Weibchen schlüpfenden Larven heften sich nach einiger Zeit mit Byssusfäden am Boden fest. Die Jungmuschen graben sich bald ein.

 

Text: R. Borcherding (Husum)

Quelle: WATTREPORT; Nr. 2/04 – www.schutzstation-wattenmeer.de