9.09.2004 Heringsmöwe (Natur)

 

Noch vor 20 Jahren wäre kaum vorstellbar gewesen, in welcher Zahl die Heringsmöwe (Larus fuscus intermedius) heute im Wattenmeer brütet und fast überall zu beobachten ist. Allein Schleswig-Holstein hat heute über 10.000 Brutpaare dieser Art, vor allem auf Amrum, die hier erst seit 1966 als Brutvogel heimisch ist.

 

In der Größe ist die Heringsmöwe praktisch identisch mit der Silbermöwe, allerdings etwas zierlicher. Die Färbung ihrer Oberseite, also von Flügeldecken und Rücken, ist aber dunkelgrau wie bei der deutlich größeren Mantelmöwe. Von dieser unterscheidet sie sich außerdem durch die gelben Füße, die bei der Mantelmöwe rosa sind.

 

Junge Heringsmöwen sind – wie die anderen Großmöwen – drei Jahre lang grau gesprenkelt und in diesem Zustand nur durch Fachleute von Jungvögeln der anderen Arten zu unterscheiden.

 

Innerartlich wird die Heringsmöwe in 4 – 5 Unterarten aufgeteilt, die sich in der Dunkelfärbung der Oberseite, einigen Körpermaßen und der Lebensweise unterscheiden.

 

Hätten Sie gedacht, dass …

 

… der wissenschaftliche Name übersetzt einfach „dunkle Möwe“ bedeutete?

 

… die Heringsmöwe (herring gull) der Briten unsere Silbermöwe ist, während unsere Heringsmöwe dort „Kleine Schwarzrückenmöwe“ heißt?

 

… die Männchen einen kräftigeren Schnabel haben als die sonst identisch aussehenden Weibchen?

 

… die Art noch so nah mit der Silbermöwe verwandt ist, dass es Mischehen beider Arten gibt?

 

… Heringsmöwen bei der Nistplatzwahl den Silbermöwen ausweichen, aber Sturmmöwen vertreiben?

 

… in dichten Brutkolonien nachbarschaftlicher Kannibalismus die Jungvogelzahlen stark senkt?

 

… Heringsmöwen über 30 Jahre werden können?

 

… 40% der in Großbritannien beringten Heringsmöwen in den Überwinterungsgebieten geschossen und zurückgemeldet werden?

 

… neuerdings auch Heringsmöwen beobachtet werden, die auf Wiesen nach Futter suchen, wie es bisher nur für Lach- und Sturmmöwen typisch ist?

 

Wo ist die Heringsmöwe zu finden?

 

Sie ist am Nordatlantik in fünf Unterarten von Island bis Taymir in Nordsibirien verbreitet. Die junge Population des Wattenmeeres stammt wohl überwiegend von südschwedischen Vögeln ab (L.f.intermedius), während helle britische Vögel (L.f.graellsii) und dunkle norwegische (L.f.fuscus) kaum eine Rolle spielen.

 

Im Gegensatz zur Silbermöwe suchen Heringsmöwen ihr Futter nicht im Watt, sondern leben überwiegend von Fischereiabfällen, die sie auf offener See erbeuten. Sie fliegen täglich 50-80, mitunter 130 km weit heraus, um Fische und Krebse zu erbeuten, die von Fischkuttern über Bord gespült werden.

 

Im Herbst wandern die Heringsmöwen der westlichen Untrearten entlang der Küsten südwestwärts nach Nordafrika, wo sie im Winter die häufigste Möwenart sind. Die sibirischen Heringsmöwen überwintern in der Steppe.

 

Text: Rainer Borcherding, Husum

Quelle: WATTREPORT, Nr. 8/04 – www.schutzstation-wattenmeer.de