22.12.2004 Seezunge (Natur)

 

„Hmm, lecker“ – das ist die erste Reaktion der meisten Mitteleuropäer zum Stichwort Seezung (Solea solea). Dabei wird diese so einseitig verzehrende Sichtweise dem eleganten und interessanten Fisch keineswegs gerecht.

 

Die Seezunge kann – wenn man sie lässt – bis 60 cm lang und 3 kg schwer werden. Ihr lang elliptischer Körperumriss, die Zungenform, unterscheidet sie von vielen anderen heimischen Plattfischen, die eher rautenförmig oder runder sind. Nur die Zwergzunge, die aber bloß 10 cm lang wird und schwarze Linien auf den Flossenstrahlen hat, besitzt eine ähnliche Körperform.

 

Die Seezunge liegt mit der linken, farb- und augenlosen Körperseite auf dem Boden. Die saumförmige Rückenflosse läuft von der Höhe der Augen bis zum Schwanz am Körper entlang. Auf der anderen Seite reicht der Bauchflossensaum von der Kiemenspalte ebenfalls bis zum Schwanz. Mit diesen Flossensäumen kann die Seezunge sich so eng dem Untergrund anschmiegen, dass sie an einer senkrechten Glasfläche problemlos wie ein Saugnapf an der Badezimmerwand haftet. Am Tag gräbt die Seezunge sich mit Wellenbewegungen ihres Körpers im Sand ein, sodass nur die Augen herausragen.

 

Hätten Sie gedacht, dass …

 

… der wissenschaftliche Gattungsname Solea auch für die Stilrichtung im Flamenco-Tanz verwendet wird sowie von einer deutschen Band und verschiedensten Fischrestaurants weltweit genutzt wird?

 

… die älteste schwimmende Seezunge der Nordsee mit 30 Jahren das Fischereiforschungsschiff Solea war, das aber im Juni 2004 durch einen Neubau ersetzt worden ist?

 

… echte Seezungen gut 20 Jahre alt werden können, heute aber meist kurz nach Erreichen der 24 cm Mindestfanglänge auf dem Teller enden?

 

… die Fransen im Kopfbereich der Seezunge sehr sensible Tastsinnesorgane zur Beutesuche sind?

 

… angegriffene Seezungen ihre Brustflosse aus dem Sand hochklappen, die durch einen dunklen Fleck so aussieht wie der gifte Rückenstachel des Großen Petermännchens, das ebenfalls im Sand vergraben liegt?

 

… aus der Nordsee pro Jahr ca. 20.000 t Seezunge gefischt werden bei einem Kilopreis von ca. 14,- €?

 

… pro Kilo Seezunge etwa 7 kg andere Meerestiere unbeabsichtigt mitgefangen und getötet werden?

 

Wo ist die Seezunge zu finden?

 

Im Sand. Sie lebt in den Küstengewässern des Nordostatlantiks von Norwegen bis zum Senegal sowie in der Ostsee und im Mittelmeer. Ihr Lebensraum sind vegetationsfreie Sandböden in meist 10-60 m Wassertiefe. Hier laichen die Seezungen im Frühjahr bei Wassertemperaturen von 6-12° C. Je nach Größe kann ein Weibchen über 150.000Eier produzieren.

 

Die Larven leben zunächst im Plankton und gehen nach 2 Monaten bei einer Größe von etwa 1,5 cm zum platten Bodenleben über. Das Wattenmeer ist für diese Babyzungen eine wichtige Kinderstube. Zum Winter hin wandern alle Seezungen in tieferes Wasser ab (bis 100 m), da sie gegen große Kälte empfindlich sind und das Watt stark auskühlen kann.

 

Seezungen sind nachtaktiv und ernähren sich räuberisch von verschiedensten Kleintieren. Die Fischerei stellt ihnen vor allem nachts mit schweren Grundschleppnetzen nach, die mit „Scheuchketten“ vom Vorderrand den Meeresboden bis 10 cm tief umpflügen.

 

Text: Dipl.-Biol. Rainer Borcherding

 

Quelle: WATTREPORT, Nr. 12/04 – www.schutzstation-wattenmeer.de