18.06.2005 Wittling (Natur)

 

Wenn aus den zahllosen Fischereiern und Embryonen, die jedes Frühjahr in der Nordsee umher schwimmen, die ersten kleinen Fische heranwachsen, wird es spannend für Fischereibiologen, Krabbenfischer und Garnelen: Wie viele Wittlinge sind dabei?

 

Der Wittling (Merlangius merlangus) ist mit bis zu 40 cm Länge ein mittelgroßer Vertreter aus der Familie der Dorschartigen. Er ähnelt in Körper- und Flossenform stark dem Dorsch/Kabeljau. Wie dieser hat er 3 Rücken- und 2 Afterflossen und ist im Querschnitt oval. Das Maul trägt viele kleine Zähne zum Beutefang.

 

Im Unterschied zum Dorsch ist der Wittling einfarbig silbrig und er hat keinen Kinnfaden. Die Unterscheidung von Pollack und Köhler, 2 verwandten Arten aus der Nordsee, ist sehr viel schwieriger, doch treten diese im Watt nicht auf.

 

Die jungen Wittlinge wachsen im Watt von etwa 6 auf 15 cm Länge heran. In „Wittlingsjahren“ können sie ihre Hauptnahrung, die Garnelen, so dezimieren, dass die Krabbenfischer zu Hause bleiben müssen.

 

Hätten Sie gedacht, dass …

 

… der wissenschaftliche Name, den Carl von Linnè der Art 1785 gab, dem französischen Artnamen „Merlan“ entspricht?

 

… auch auf englische („Whiting“) die im Vergleich zum Dorsch helle Färbung den Namen ergab?

 

… ganz junge Wittlinge sich auf See in Schwärmen unter Schirmquallen versammeln, um dort Schutz vor größeren Raubfischen zu finden?

 

… die diesjährigen Jungfische, die noch keinen Winter überstanden haben, von Fischereibiologen als „Null-Klasse“ bezeichnet werden?

 

…in Nordsee und Nordatlantik pro Jahr etwa 100.000 Tonnen Wittling gefischt werden, sowohl als Speisefisch (Fischstäbchen) als auch zur Fischmehlproduktion für die Lachs- und Viehzucht?

 

…die Art zu ihrem Glück nicht nur schnellwüchsig und kurzlebig ist (höchstens 10 Jahre), sondern dass auch 2/3 der Fische Weibchen sind, die pro Jahr 200.000 – 1 Millionen Eier produzieren?

 

… der Wittling nach 2 Jahren ab 23 cm Länge gefangen werden darf, er aber erst nach 3 Jahren geschlechtsreif ist?

 

Wo ist der Wittling zu finden?

 

Das Verbreitungsgebiet der Art reicht von Island bis Marokko und in die westlichen Teile von Mittelmeer und Ostsee.

 

Wittlinge jagen bodennah oder im freien Wasser, sind außerhalb der Laichzeit Einzelgänger. Die Laichzeit erstreckt sich über die gesamte erste Jahreshälfte (Dezember bis Juli). Wittlinge fressen kleinere Fische, die Jungtiere in Küstennähe jagen ganz überwiegend Garnelen.

 

Im Wattenmeer sind nur die diesjährigen Jungwittlinge anzutreffen, die hier von Juni bis September ihre „Kindheit“ verbringen. Die Häufigkeit im Watt schwankt ganz extrem: In manchen Jahren tauchen praktisch gar keine Wittlinge auf. In anderen Jahren kann pro 10 m² ein Jungfisch anwesend sein. Solche starken Jahrgänge treten allerdings nur unregelmäßig alle 5 bis 10 Jahre auf.

 

Text: Rainer Borcherding (Husum)

Quelle: WATTREPORT, Nr. 06-06/2005 – www.schutzstation-wattenmeer.de